Lebensdaten
1125 oder 1130 bis 1195
Beruf/Funktion
Äbtissin von Hohenburg im Elsaß ; Verfasserin und Illustratorin des enzyklopädischen Werkes Hortus deliciarum
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118549901 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Herrad von Landsperg
  • Herrat von Landsberg
  • Herrat von Landsperg
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Zitierweise

Herrad von Landsberg, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118549901.html [20.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus altem elsäss. Geschl.

  • Leben

    H. übernahm 1167 als Nachfolgerin ihrer Lehrerin Relindis die Leitung des durch Friedrich I. wiederhergestellten Kanonissenstiftes auf dem Odilienberg und vollendete das klösterliche Reformwerk ihrer Vorgängerin. Für die kirchliche Versorgung der Kanonissen gründete sie 1178 dasPrämonstratenserstift Truttenhausen.

    Zur geistigen und geistlichen Bildung ihrer Mitschwestern verfaßte H. seit 1159 den „Hortus deliciarum“, eines der hervorragendsten Miniaturenwerke des Mittelalters. Der Codex verbrannte 1870 bei der Beschießung Straßburgs. Das Werk stellte eine groß angelegte Kompilation des theologischen und profanen Wissens und seiner mystisch-allegorischen Bezüge dar, die in der Tradition der großen mittelalterlichen Enzyklopädien seit Isidor von Sevilla steht. Auszüge aus der Bibel und Zitate nach den Kirchenvätern und zahlreichen späteren Autoren sind verarbeitet. Der Titel ist Isidor (vielleicht über Honorius Augustodunensis) entlehnt. H. vergleicht sich selbst der Biene, die den Honig von den Blumen sammelt. Eigene Gedichte, zum Teil neumiert, sind in die übernommenen Texte eingeschoben. Diese Texte aber – mit einzelnen deutschen Marginal- und Interlinearglossen versehen (ediert von Ch. M. Engelhardt) – haben im ganzen nur begleitende Funktion, zum großen Teil dienen sie als erklärende Bildbeischriften, und nur punktuell führen sie über die bildliche Demonstration hinaus. Ein heilsgeschichtlicher Rahmen von der Schöpfung bis zum Bild des apokalyptischen Weibes und Abrahams Seelenschoß umspannt die Geschichte der Menschheit und der Natur. Durch das Mittel allegorischer Auslegung sind naturwissenschaftliche, theologische und ethische Lehren in diesen Rahmen einbezogen und unter Heilsaspekten bewertet. H.s spezifische Leistung liegt in der mystisch-allegorischen Durchdringung des Stoffes. Der Zuschnitt des Werkes auf Nonnen spricht sich in der besonderen brautmystischen Verklärung Christi wie auch in moralisch-praktischen Demonstrationen (Bild der Tugendleiter und andere) aus. Der „Mons hohenburc“ mit seinen Jungfrauen, in die kirchliche Hierarchie hineingestellt, beschließt die Folge der Darstellungen.

    Die Miniaturen zeigen neben erzählenden biblischen Szenen und breit ausgeführten Tugend-Laster-Kämpfen linear-geometrische Schemata (zum Beispiel Kreis- u. Radkompositionen für artes, philosophia, Tugenden etc.), die Figuren und Beischriften einbeziehen, hierarchische Gliederungskategorien vorführen und den gedanklichen Aufbau des Werkes in strenger, eindringlicher Sprache veranschaulichen. Ob H. allein die ausführende Künstlerin war, läßt sich nicht mehr entscheiden. Die Zahl der teils farbig und mit Gold ausgemalten, teils federgezeichneten Miniaturen, belief sich, soviel wir wissen, auf 344, die ganzseitig oder zu mehreren auf einer Seite angebracht waren. Der Codex umfaßte zuletzt 324 Pergamentblätter in unterschiedlich großem Folioformat. Überliefert sind lediglich die Nachzeichnungen verschiedener Gelehrter des 19. Jahrhundert, die etwa zwei Drittel des Miniaturenbestandes aufgenommen haben. Die Texte sind bis auf umfangreiche Auszüge des Comte Auguste de Bastard (Paris, Bibliothèque Nationale) endgültig verloren. Ein Fragment von Bildstreifen mit Szenen aus dem Leben Johannes' des Täufers im British Museum gehörte vielleicht zum Original. In die ikonographische und stilistische Nachbarschaft weist ein Pergamentblatt mit Silberstiftzeichnungen in Freiburg/Br., Augustinermuseum.

  • Werke

    Hortus deliciarum, hrsg. v. A. Straub u. G. Keller, 1879-99;
    dass., Recueil de cinquante planches, suivi du catalogue complet des 344 miniatures et du commentaire iconographique, hrsg. v. J. Walter, Straßburg u. Paris 1952;
    Analecta hymnica, 50. Bd., 1907, S. 493-98 (Hymnen).

  • Literatur

    ADB XII;
    Ch. M. Engelhardt, H. v. L. u. ihr Werk, 1818;
    H. Flamm, Eine Miniatur aus d. Kreise d. H. v. L., in: Rep. f. Kunstwiss. 37, 1915, S. 123-62;
    O. Gillen, Ikonograph. Stud. z. Hortus deliciarum d. H. v. L., 1931;
    E. G. M(illar), Miniatures of the Life of St. John Baptist, in: The British Mus. Quarterly 6, 1931, S. 1-3, 108, Tafel I-IV;
    M.-Th. Poncet, Etude comparative des illustrations du moyen âge et des dessins animés, Paris 1952, S. 17-19;
    X. Ohresser, La conception de l'enfer et de ses supplices chez l'abbesse H. d. L., in: Rapport annuel de Collège épiscopal St. Etienne, Straßburg 1952/53, S. 15-29;
    ders., La crucifixion symbolique de l'abbesse H. de L. (1167–95) dans le „Hortus deliciarum“, ebd. 1953/54, S. 19-28;
    R. B. Green, The Adam and Eve Cycle in the Hortus deliciarum, in: Late Classical and Mediaeval Studies in Honor of A. M. Friend jr., Princeton 1955, S. 340-47;
    F. Saxl, Illustrated Mediaeval Enc., in: ders., Lectures, London 1957, I, S. 228-54, bes. S. 245 ff., II, Tafel 169 ff.;
    J. Hering, Les vertus et les vices (classification manichéenne ou chrétienne), in: Revue d'hist. et de phil. religieuses, Straßburg 1958, S. 154-59;
    E. Wickersheimer, Le „Hortus deliciarum“ au temps de la Rév. française, Documents inédits, in: Lettres en Alsace, 1962, S. 67-74;
    Vf.-Lex. d. MA II.

  • Autor/in

    Hella Frühmorgen
  • Empfohlene Zitierweise

    Frühmorgen, Hella, "Herrad von Landsberg" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 679 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118549901.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Herrad von Landsperg, seit 1167 Aebtissin des Klosters Hohenburg (Odilienberg) im Elsaß, gestorben daselbst am 25. Juli 1195, klösterliche Schriftstellerin, wahrscheinlich auch Miniaturmalerin. Sie stammte aus einem elsässischen Adelsgeschlecht, dessen Burg als Ruine sich in der Nähe des Odilienbergs erhebt und kam unter der Aebtissin Relindis in das Kloster, welche von Friedrich dem Rothbart hier eingesetzt worden war, die Zucht des Klosters herstellte und|die Studien pflegte. H. schloß sich diesen Bestrebungen an und hinterließ als Denkmal ihres Wirkens ein Manuscript „Hortus deliciarum“ (Lustgarten), das bis zum 16. Jahrhundert im Kloster war, später in die Straßburger Bibliothek kam, aber mit dieser bei der Beschießung im J. 1870 verbrannt ist. Da es aber von der Kunstwissenschaft, besonders von Waagen und Schnaase, eingehend studirt worden, da einige Nachbildungen vorhanden sind und namentlich das Werk von Chr. Mor. Engelhardt „H. v. L. .... und ihr Werk II. d.“, Stuttgart und Tübingen 1818, mit Auszügen des Textes und Proben der Miniaturen, verbreitet ist, wird diesem Codex noch immer seine Stellung in der deutschen Kunst- und Culturgeschichte gewahrt bleiben. Er bestand zuletzt aus 324 Pergamentblättern, meist in groß Folio, mit 636 colorirten Federzeichnungen, auf zwei Blättern kamen die Jahrzahlen 1159 und 1175 vor. H. hatte, nach der Vorrede das Werk „aus verschiedenen Blüthen heiliger und philosophischer Litteratur wie ein Bienlein zusammengetragen“. Ton Rahmen bildete ein kurzgefaßter Bericht der biblischen Geschichte, aber an passender Stelle war stets eingereiht, was „die Philosophen durch weltliche Weisheit, die aber auch der heilige Geist inspirirte, erforscht haben“, Auszüge über Astronomie, Geographie, Naturkunde, Philosophie, freie Künste, Chronologie, Gedichte in leoninischen Versen und gereimten Trochäen waren gelegentlich eingereiht. Das Ganze sollte ein Compendium des Wissenswerthen vom Standpunkte damaliger Frauenbildung sein, von den Nonnen als Ausgangspunkt bei dem Unterricht der ihnen anvertrauten Jugend zu benutzen; der Jungfrauenschar auf Hohenburg sollte das Buch nützlich und ergötzlich sein, heißt es im Einleitungsgedicht. Daß auch die Illumination von H. selbst herrührte, ist nirgends gesagt, aber es ist wahrscheinlich wegen der Stellung der Bilder zum Text; sie schmückten ihn nicht nur, sondern setzen seine Lehrtendenz fort, bereicherten und vervollständigten ihn, so daß auf sie ein Hauptgewicht gelegt war. Da kamen großartige repräsentirende Darstellungen vor, wie die Philosophie im Kranze der sieben freien Künste, erzählende Bilder aus der Bibel, Schilderungen der letzten Dinge, geistliche Allegorien, wie der Kampf der Tugenden und der Laster, die Himmelsleiter: Personificationen, wie Sonne und Mond auf ihrem Wagen, Motive des Alterthums, wie Ulysses mit den Sirenen als Sinnbild der Versuchung, waren festgehalten. Das Werk war eine Fundgrube der mannichfaltigen Gegenstände, die damals im Bereich des künstlerischen Bewußtseins lagen, nicht neue Erfindungen Herrad's, sondern längst von der Tradition festgestellt, ähnlich auch vielfach nach dem Malerbuch vom Berge Athos, in der byzantinischen Kunst üblich waren. Aber die Auffassung stand nicht, wie in dieser, unter dem Bann der Vorschrift, sondern durfte im Einzelnen selbständig sein, konnte gelegentlich in das eigene Leben greifen, und ist gerade durch solche Episoden, durch die Anschauung von Tracht, Geräthen, Bewaffnung. Sitte und Lebensweise der Zeit, wie sie hier gewährt wurde, von hohem culturgeschichtlichen Werth. Der Stil war derjenige der romanischen Miniaturmalerei ihrer Blüthezeit, aber die Behandlung war nur eine dilettantische, manchen anderen Kunstdenkmälern gegenüber: immerhin, trotz keineswegs fehlerfreier Zeichnung, trotz typischer Köpfe und unsicherer Durchführung, doch in den Intentionen voll Schwung und frischer Selbständigkeit der Phantasie.

  • Autor/in

    Woltmann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Woltmann, Alfred, "Herrad von Landsberg" in: Allgemeine Deutsche Biographie 12 (1880), S. 205-206 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118549901.html#adbcontent

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