Lebensdaten
erwähnt 1369, gestorben 14. Jahrhundert
Geburtsort
Mügeln
Beruf/Funktion
Dichter ; Übersetzer
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118548417 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Heinrich
  • Mügeln, Heinrich von
  • Heinrich von Mügeln
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Zitierweise

Heinrich von Mügeln, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118548417.html [16.11.2018].

CC0

  • Leben

    Der Lebensgang dieser wichtigen Persönlichkeit der Literatur- und Geistesgeschichte des 14. Jahrhunderts ist nicht genauer bekannt. Es gibt nur ein einziges sicheres Datum: 1369 hat H. seine kommentierende Übersetzung der „Facta et dicta memorabilia“ des Valerius Maximus dem hern Hertnit von Pettau (Steiermark) gewidmet. Weitere Daten können mit mehr oder weniger Sicherheit aus den Werken erschlossen werden. Als Herkunftsort ist Mügeln in der Markgrafschaft Meißen gesichert. Zu H.s Lebensstationen gehörten nach der communis opinio der Prager Hof König Johanns und Karls IV. und die Höfe Rudolfs IV. von Österreich und Ludwigs I. von Ungarn. An diese Herrscher hat H. Widmungen und Lobgedichte gerichtet. Keine Einigkeit dagegen besteht über die Stellung H.s an diesen Höfen, über die Gründe für seine Ortswechsel und über die relative Chronologie seiner Werke.

    H.s Bedeutung läßt sich bereits an der Mannigfaltigkeit seiner schriftstellerischen Tätigkeit ablesen. Er war neben Frauenlob (Heinrich von Meißen) der wichtigste Vertreter der späten Spruchdichtung. Über 400 seiner Sprüche sind kritisch ediert. Als Dichter in lateinischer Sprache hat er ein Chronicon rhythmicum über die Ungarngeschichte – unter Benutzung von Tönen der deutschen Minneund Spruchdichtung – und ein Gedicht über 15 Artes verfaßt. In seinen Versdichtungen steht das Streben nach Vervollkommnung der formalen Mittel im Sinne der poetischen Theorien seiner Zeit im Vordergrund. Er ist kein strenger Vertreter des geblümten Stils, aber er hat ihn sehr planmäßig angewandt. Ein umfänglicheres allegorisches Gedicht in epischen Verspaaren, Der meide kranz, legt Zeugnis ab von der Beschäftigung mit Denkweisen und Denkinhalten der Scholastik und der zeitgenössischen Wissenschaften unter Einschluß der Astrologie. Unter den allegorischen Personen tritt H. selbst als Berater Kaiser Karls IV. auf. Zu H.s Prosaschriften gehören die erwähnte Valerius-Maximus-Paraphrase, eine Ungarnchronik und eine Psalmenverdeutschung mit Verwendung des Psalmenkommentars des Nikolaus von Lyra. Außerdem wird ihm ein Evangelienkommentar zugeschrieben (Bergeler). Noch ist sein Werk als Ganzes nicht erschlossen, einiges ist noch nicht ediert.

    H. steht somit in recht verschiedenen Traditionszusammenhängen. Die deutsche Spruchdichtung hat durch ihn eine Bereicherung im Formalen und Thematischen erfahren, vor allem durch den Anschluß an die rhetorische Schultradition und durch das Einströmen wissenschaftlicher Inhalte und antiker Stoffe und Motive. Der Meistergesang zählte ihn zu den 12 alten Meistern, die Kenntnis seines langen Tones gehörte zu den Prüfungsbedingungen bei der Meister-Freiung. Die ungewöhnliche Fülle von Gestalten und Gedanken der klassischen Antike in H.s Werk hat ihn (seit Burdach) in den Augen der Forschung zum Vorbereiter eines deutschen Frühhumanismus gestempelt. Hier ist genauer zu differenzieren. Deutlich wird bei H. der Gedanke der Erneuerung aus dem Geiste der Rhetorik; er beruft sich mehrfach auf Cicero, aber er versteht ihn ganz im Sinne der mittelalterlichen Poetiken; sein eigentlicher Lehrmeister, den er ebenfalls nennt, ist Konrad von Würzburg. H.s Antike ist vor allem eine Antike der Exempel-Literatur. Überraschend konturiert ist eine wissenschaftliche Haltung, die der Naturphilosophie ein Eigenrecht neben der Theologie zuerkennt und die Gegensätze von Naturerklärung und Offenbarung dialektisch durchficht. Er beruft sich auf Averroes und eine Reihe weiterer arabischer Denker. Beziehungen zur deutschen Übersetzungsliteratur, etwa Konrads von Megenberg, sind noch zu untersuchen. Kritischen Äußerungen H.s über die Geistlichkeit stehen seine eigenen Merkverse über die Bibel und seine Bibelverdeutschung gegenüber. So ist H.s Werk in vielem charakteristisch für die geistigen Spannungen des späteren Mittelalters.

  • Werke

    Der meide kranz, hrsg. v. W. Jahr, 1908;
    Chron. rhythmicum, hrsg. v. A. Domanovszky, in: Scriptores rerum Hungaricarum II, Budapest 1938;
    Ungarnchronik, hrsg. v. E. Travnik, ebd.;
    Die kleineren Dichtungen H.s v. M., 1. Abt.: Die Spruchslg. d. Göttinger Cod. philos. 21, hrsg. v. K. Stackmann, 3 Bde., 1959;
    Ausg. d. Valerius-Maximus-Paraphrase, hrsg. v. J. Kibelka (in Vorbereitung).

  • Literatur

    ADB 22 (unter Mügeln);
    H. Ludwig, Stud. z. Lebenslauf H.s v. M., Habil.schr. FU Berlin 1953 (ungedr.);
    K. Stackmann, in: Festgruß f. Hans Pyritz, Sonderh. d. Euphorion, 1955, S. 21 ff.;
    ders., Der Spruchdichter H. v. M., Vorstud. z. Erkenntnis s. Individualität, 1958;
    J. Kibelka, Der ware meister, Denkstile u. Bauformen in d. Dichtung H.s v. M., 1963;
    F. W. Ratcliffe, in: Zs. f. dt. Philol. 84, 1965, S. 46-76 (zur Ed. d. Psalmenverdeutschung);
    Vf.-Lex. d. MA II u. V.

  • Autor/in

    Johannes Kibelka
  • Empfohlene Zitierweise

    Kibelka, Johannes, "Heinrich von Mügeln" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 417 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118548417.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Mügeln: Heinrich von M. (bei Oschatz im Meißnischen), fruchtbarer Schriftsteller des 14. Jahrhunderts. Von seinen Lebensverhältnissen steht fest, daß er sich längere Zeit bei Kaiser Karl IV. zu Prag aufhielt, daß er zu Ludwig von Ungarn (1342—82), Rudolf IV. von Oesterreich ( 1365) und Hertnit von Petau in der Steiermark ( 1385), denen er einzelne seiner Werke dedicirte, in Beziehungen gestanden hat, und daß er erst nach 1369 gestorben sein kann. Seine litterarische Thätigkeit war eine doppelte. Er übersetzte auf der einen Seite lateinische Schriften in deutsche Prosa: so die Erläuterungen des Nicolaus de Lyra zu den Psalmen (unedirt), einen bis 1333 reichenden Abriß der ungarischen Geschichte, dessen Original in dem sog. Chronicon pictum Vindobonense von 1358 vorliegt (vor 1365; herausgegeben von M. Kovachich, Sammlung kleiner, noch ungedruckter Stücke I (Ofen 1805) S. 1—94), den Valerius Maximus (1369; erster Druck Augsburg 1489). Diese Versionen zeigen, daß Mügeln's Kenntniß der lateinischen Sprache mangelhaft war und daß ihm grobe Mißverständnisse unterlaufen; daher kann er auch nicht, wie vermuthet ist, als Verfasser jenes Chron. pictum angesehen werden. Auf der anderen Seite dichtete er in lateinischer und in deutscher Sprache. Seine zahlreichen deutschen Poesien brachten seinen Namen auf die Nachwelt und veranlaßten, daß die Tradition der Meistersänger in M. einen der zwölf Gründer ihrer Zunft verehrte. Wir finden bei ihm das ganze Repertoire der Spruchdichter des 13./14. Jahrhunderts wieder und treffen am eine ähnlich verkünstelte Ausdrucksweise und auf die gleiche Sucht, Gelehrsamkeit zu zeigen, wie bei Frauenlob, welchen M. neben Konrad|von Würzburg besonders verehrte. Das umfänglichste unter den deutschen ist ein Lobgedicht auf Karl IV., betitelt „Der Meide Kranz"; auch in diesem drängt sich astrologische Weisheit stark hervor. Sympathischer wirkt sein einziges erhaltenes lateinisches Gedicht, die in 49 kunstvoll gegliederte Abschnitte zerfallende gereimte Ungarische Chronik (herausg. von Chr. Engel, Monumenta Ungrica, Wien 1809, S. 1—54), welche eine dem Simon Keza ähnliche Quelle voraussetzt.

    • Literatur

      W. Müller, Fabeln und Minnelieder von Heinrich von Mügeln in den Göttinger Studien, 1847, S. 903—929 und separat Göttingen 1848. K. J. Schröer, Die Dichtungen Heinrichs von Mügeln (Mogelin) nach den Handschriften besprochen in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie, phil,-hist. Classe LV (1867), S. 451 ff. Derselbe in der Germ. 13, 212 ff. W. Wilmanns in der Zeitschrift für deutsches Alterthum 14, 155 ff. O. Lorenz, Deutschlands Geschichtsquellen I, 284 ff.

  • Autor/in

    Steinmeyer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Steinmeyer, Elias von, "Heinrich von Mügeln" in: Allgemeine Deutsche Biographie 22 (1885), S. 454-455 unter Mügeln [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118548417.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA