Lebensdaten
1803 bis 1851
Geburtsort
Pyritz (Pommern)
Sterbeort
Hongkong
Beruf/Funktion
lutherischer Theologe ; Missionar
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118543350 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Gützlaff, Karl Friedrich August
  • Gützlaff, Karl
  • Gützlaff, Karl Friedrich August

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Zitierweise

Gützlaff, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118543350.html [19.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Jakob Schneider;
    M Maria Elis. Behneken; 3mal verh. (Newell, Wanstall u. Gabriel); kinderlos.

  • Leben

    Der frühe Tod der Mutter und die Stiefmutter trugen dazu bei, G. zur Einspännernatur zu machen. Nach Abschluß seiner Ausbildung zum Gürtelmacher in Stettin wurde er 1821 Schüler der Jänickeschen Missionsschule in Berlin. Aus einem pietistischen Elternhaus kommend, wurde er in Berlin herrnhutisch erzogen. Dazu kamen der Einfluß der Romantik und evangelische Strömungen. 1826 wurde er von der Holländischen Missionsgesellschaft nach Indonesien ausgesandt. Hier lernte er Chinesisch und wurde 1828 Chinamissionar auf eigene Faust (Freimissionar), erst in der chinesischen Diaspora in Indien und nach 1831 in China als der erste deutsche lutherische Missionar dort. In den ersten Jahren machte er Besuchsreisen längs der Küste des für Ausländer ganz verschlossenen Landes, nachher ins Innere Chinas mit Kanton als Station. Die abendländischen Zeitungen berichteten über G.s Fahrten, und seine eigenen Reiseschilderungen wurden in Buchform in vielen Ländern veröffentlicht. Sie entfachten eine ungeheure, aber sehr übertriebene Begeisterung für die Möglichkeit einer Evangelisierung Chinas. Aufgrund dieser Begeisterung und durch andere Veröffentlichungen kamen fast 20 Missionare zu ihm heraus. Er übersetzte die Bibel ins Chinesische, verfaßte Traktate und gab eine englisch-chinesische Monatsschrift heraus.

    1834 wurde G. nach dem Tode von Robert Morrison, dem ersten englischen evangelischen Chinamissionar, dessen Nachfolger als britischer Sekretär und Dolmetscher. Dadurch bekam er Einkünfte und Wohnsitz. Als Dolmetscher mußte er während des Opiumkrieges 1839-43 der britischen Flotte folgen. Um die Christen in Südchina ihrem Schicksal nicht zu überlassen, berief er Eingeborene als Helfer. Er gab ihnen eine Kurzausbildung. Als er nach Kriegsschluß 1842 in Hongkong stationiert wurde, richtete er sein ganzes Interesse auf die Ausbildung und Aussendung solcher Helfer als Reiseevangelisten und Traktatenverbreiter ins innere China. Hier war es noch den Ausländern verboten zu wirken. Die eingeborenen Mitarbeiter sollten die 18 Provinzen evangelisieren. Er schloß sie zu dem sogenannten Chinesischen Verein zusammen. Chinesen sollten durch Chinesen gewonnen werden. Auch der Verein sollte sich selbst ausbreiten, unterhalten und verwalten. 2 Chinesen wurden als Vorsteher der Organisation gewählt. – Sein Versuch, eine Organisation von Eingeborenen zu schaffen, war fortschrittlich, aber überstürzt. Er hatte nicht Zeit genug, neu hinzugekommene Kandidaten ausreichend auszubilden und zu beaufsichtigen. Die Anzahl der Evangelisten stieg schnell: 1844 zwanzig, 3 Jahre später 300. Viele betrogen ihn. Sie begaben sich nicht an ihren Bestimmungsort, sondern verbrauchten das Reisegeld in der Nähe von Hongkong und kamen mit erdichteten Reiseberichten zurück.

    1849-50 unternahm G. seine einzige Heimreise. Sie wurde eine Triumphfahrt durch Europa; überall wurde ihm Unterstützung versprochen. Während seiner Abwesenheit wurde die Kritik an ihm und seinem Werk in China sehr stark, und sein Chinesischer Verein brach auseinander. Nach seiner Rückkehr 1851 starb er bald, ohne den Chinesischen Verein wiederaufbauen zu können. Seine Wirksamkeit wurde vom Berliner Gützlaffverein übernommen, wurde aber immer mehr begrenzt und 1873 von der Barmer Missionsgesellsdhaft übernommen, die sie 1882 an die Berliner Missionsgesellschaft weitergab, welche damit ihre Chinamission begann. Von den vielen europäischen Unterstützungsvereinen erhielt der Londoner Verein die größte Bedeutung, indem er 1853 Hudson Taylor, den Gründer der China Inland Mission (CIM), aussandte. Er verwirklichte in vieler Hinsicht, was G. gewünscht, aber nicht erreicht hatte, und nannte ihn Großvater der CIM. G. war sehr optimistisch, ja sanguinisch. Ihm fehlte kritische Urteilsfähigkeit. Er gewann viele Chinesen für das Christentum, er vermittelte dem Abendlande eine Begeisterung an die im verschlossenen China neu aufkommenden Missionsmöglichkeiten und gab unter anderem der Baseler, Barmer und Berliner Missionsgesellschaft die Anregung zur Chinamission. Er war Werkzeug der Missionarsberufung von Livingstone und Hudson Taylor und anderen.

  • Werke

    W u. a. Verz. (30) in: H. Schlyter, K. G. als Missionar in China, S. 305 ff.; mehrere chines. Schrr.

  • Literatur

    ADB X;
    J. Rahn, in: Pomm. Lb. II, 1936, S. 61-68 (L, P);
    H. Schlyter, K. G. als Missionar in China, Lund 1946 (W);
    ders., Kinamissionären K. G.s Sverigebesök, in: Svensk Missionstidskrift 34, Uppsala 1946;
    ders., K. G. u. d. dt. Missionsleben, in: Ev. Missionszs. 8, 1951;
    ders., Zum 100j. Gedächtnis K. G.s, in: Ev. Missionsmgz. NF 95, 1951;
    ders., Kinapionjären K. G. och Danmark, in: Nordisk Missionstidskrift 62, Kopenhagen 1951;
    ders., Theodor Hamberg, den förste svenske Kinamissionären, Malmö 1952;
    ders., K. G. och Norge, in: Norsk Tidskrift for Misjon 10, Oslo 1956.

  • Portraits

    Zeichnung in schwarz u. farbig (im Bes. d. Vf.);
    Lith. v. F. B. Waanders, Abb. in: G.s Geschiedenis van het chinees. Rijk, Den Haag 1852.

  • Autor/in

    Herman Schlyter
  • Empfohlene Zitierweise

    Schlyter, Herman, "Gützlaff, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 292 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118543350.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Gützlaff: Karl Friedrich August G., der Apostel China's, durch groß- und eigenartige Wirksamkeit in der Missionsgeschichte hervorragend, wurde als eines armen Schneiders Sohn am 8. Juli 1803 zu Pyritz in Pommern geboren. Die häuslichen Verhältnisse waren nicht förderlich, der Vater brustkrank, die Mutter starb früh, eine Stiefmutter folgte. Nach Besuch der Stadtschule wurde der geistesrege, für Geographie und Sprachen besonders empfängliche Knabe zu einem Gürtlermeister in Stettin als Lehrling gethan. Nach Wissenschaften und Abenteuern durstend, fand er aber ein Mittel, dem leidigen Handwerk zu entkommen. Er überreichte Friedrich Wilhelm III. ein Begrüßungsgedicht, welches Ostern 1821 seine Aufnahme in die private, für englische und holländische Gesellschaften vorbereitende Missionsschule Jänike's in Berlin zur Folge hatte. Die innige Frömmigkeit des greisen Lehrers war von größter Wirkung auf den Schüler. Zu Rotterdam setzte G. seit 1823 mit eisernem Fleiß seine Sprachstudien fort und ging dann, von der niederländischen Gesellschaft angestellt, den 11. December 1826 nach Batavia unter Segel. Hier bereits ergriff er mit Begeisterung, durch den englischen Missionar Medhurst bestimmt, seine Arbeit unter den zahlreich dort lebenden Chinesen, zunächst im täglichen Verkehr die Sprache erlernend. Auch in Riow, wohin er 1827, und in Bankok, wohin er 1828 ging, blieb Chinesenmission seine Hauptarbeit. Seine in Malakka geschlossene Ehe mit einer wohlhabenden Engländerin wurde schon 1831 durch den Tod der Gattin gelöst. Die Abhängigkeit von seiner Missionsgesellschaft löste er selbst, als diese die Arbeit unter den Chinesen als aussichtslos aufgab und wirkte von da ab völlig selbständig, wozu die Hinterlassenschaft seiner Frau ihm die Mittel gewährte. Theils von Bankok, theils von Makao, seinem nächsten Wohnsitz, unternahm er in den folgenden Jahren vier Recognoscirungsreisen in chinesisches Gebiet, welche ihn von der Möglichkeit des Eintritts in dasselbe überzeugten. Ihm wurde derselbe freilich um so leichter, als er selbst chinesische Kleidung und Sitte angenommen hatte, die Sprache wie seine Muttersprache gebrauchte und durch Adoption sich sogar hatte naturalisiren lassen. Diese Vorzüge verschafften ihm auch die gut dotirte Stelle eines Secretärs für chinesische Angelegenheiten bei der englischen Gesandtschaft. Als solcher begleitete er während des Opiumkrieges, 1839—42, die siegenden Heere, durch Predigt und Tractate unermüdlich zugleich missionirend. Nachdem der Krieg den Zugang wesentlich erleichtert und G. 1843 bei seiner Regierung in Victoria auf Hongkong Aufenthalt genommen hatte, begann er jene eigenthümliche, seinen Ruf begründende Missionsthätigkeit. Deren Grundzüge sind: 1) Chinesische Nationalprediger müssen die Sache selbst als ihr eigenes Werk treiben. 2) Die europäischen Mitarbeiter haben völlig chinesische Nationalität und Sitte anzunehmen. 3) Nicht eine Provinz, sondern das ganze Reich ist Gegenstand der Arbeit. Dies durchzuführen, gründete er 1844 den „Chinesischen Verein“, dessen eingeborene Mitglieder unter seiner Leitung ausgebildet und dann zum Predigen und selbst zum Taufen in die Provinzen geschickt wurden. Seit dem Juni 1844 sandte er als Vereinssecretär monatlich einen „Gaïhan“, d. i. Chinesenfreund, unterzeichneten Bericht über den Fortgang seiner Arbeit nach Deutschland, zuerst nach Calw, dann nach Cassel. 1847 gibt er den Bestand auf etwa 400 Getaufte mit 70 Predigern an. Die übrigen Missionare hielten sich mißtrauisch|fern. Seinen Plänen neue Theilnahme zu erobern, ging er am 1. Octbr. 1849 nach Europa. Nicht nur England, Holland und Deutschland, sondern auch Rußland, Finnland, Schweden, Dänemark, Oesterreich, Ungarn, Schweiz, Frankreich und Italien besuchte er, überall predigend und Vorträge selbst an Universitäten haltend, überall die evangelischen Missionsfreunde zu chinesischen Vereinen sammelnd. Jedem Lande wurde eine Provinz als Wirkungsfeld zugewiesen. Aber die Frucht dieser großartigen Organisation erntete er nicht mehr. Am 20. Januar 1851 nach Victoria zurückgekehrt, fand er den chinesischen Verein, über dessen inneren Werth er sich selbst vielfach betrogen hatte, durch Intriguen gesprengt; an seiner Wiederherstellung arbeitend, erlag er dort in Folge der Anstrengungen am 9. August 1851 der Gicht, die zur Wassersucht geworden. Der Parteien Gunst und Haß trübt sein Charakterbild bis heute. Die sanguinische, abenteuernde Maßlosigkeit seines Wirkens leugnen auch die Freunde nicht. Von seinen hohen Zielen geblendet, verlor er oft das klare Urtheil über die irdischen Mittel. Seine sehr umfassende litterarische Arbeit greift in die verschiedensten Sprachen, deren er etwa 15 verstand. Er revidirte das chinesische N. T. und übersetzte das A. T. schrieb eine Geographie in chinesischer und eine „Geschichte des chinesischen Reichs“ in deutscher Sprache (Stuttgart bei Cotta, 1847) u. v. a. Durch seine beschreibenden Berichte über China und Hinterindien hat er sich vorzüglich auch um die Länder- und Völkerkunde Ostasiens hervorragende Verdienste erworben und seine Urtheile sind von späteren Forschern großentheils bestätigt worden.

    • Literatur

      Eine kritische Darstellung seines Lebens, deren Material theils in Regierungsacten und Privatbriefen, theils in vielen, namentlich englischen Zeitschriften zerstreut liegt, steht noch aus. — Gaïhan's Chinesische Berichte von 1841—46, Cassel 1850. —
      Monatsberichte der chinesischen Stiftung, 3 Jahrgänge, ebd. 1847—49. —
      Dr. K. F. A. Gützlaff's Bericht seiner Reise von China nach England und durch die verschiedenen Länder Europa's, ebd. 1851.

  • Autor/in

    H. Petrich.
  • Empfohlene Zitierweise

    Petrich, Hermann, "Gützlaff, Karl" in: Allgemeine Deutsche Biographie 10 (1879), S. 236-237 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118543350.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA