Lebensdaten
1791 oder 1790 bis 1863
Geburtsort
Aldenhoven bei Jülich
Sterbeort
Trier
Beruf/Funktion
Sozialist ; Techniker ; Landwirt
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118537253 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Gall, Heinrich Ludwig Lambert
  • Gall, Ludwig
  • Gall, Heinrich Ludwig Lambert

Porträt(nachweise)

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Zitierweise

Gall, Ludwig, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118537253.html [11.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Martin (* 1766), Weinhändler in Kleve, S d. Lambert u. d. Anna Elis. Schneider;
    M Margarets, T d. Schöffen Heinr. Moers in Rheindahlen u. d. Elisabeth Henrichs;
    Trier 1816 Marin Anna ( ca. 1874), T d. Dr. med. Jos. Willwersch u. d. Klara Lebrun; wahrsch. kinderlos.

  • Leben

    G. war zunächst Beamter: 1811-13 Gerichtsschreiber in Kleve und Düsseldorf, 1813 Commis im „Bureau des instructeurs aux revues“ im Generalstab des Marschalls Macdonald in Kleve, 1814/15 Sekretär in der österreichisch-bayerischen Administrationskommission in Luxemburg und Kreuznach, 1816-18 Regierungssekretär in Trier. 1818 wurde G. Kommissar einer Auswanderungsgesellschaft in Bonn, 1819 wanderte er selbst nach Amerika aus, kehrte aber schon 1820 zurück. Nachdem er wiederum als Beamter (Kreissekretär in Trier und Wetzlar) tätig gewesen war, ging er 1835 als Gutsinspektor nach Ungarn. 1849 kehrte er nach Trier zurück und betätigte sich als technischer Schriftsteller. – G. ist der früheste sozialistische Schriftsteller in Deutschland. Sein Interesse an der sozialen Frage und seine sozialistischen Reformvorschläge und -versuche wurden angeregt durch die Beobachtung der Handwerkernot und des ländlichen Pauperismus in der Rheinprovinz. 1825 legte er seine sozialpolitischen Ansichten dar in seiner Schrift „Was könnte helfen? Immerwährende Getreidelagerung, um jeder Not des Mangels und des Überflusses auf immer zu begegnen, und Kreditscheine, durch die Getreidevorräte verbürgt, um der Alleinherrschaft des Geldes ein Ende zu bereiten“. Darin bezeichnet er die Alleinherrschaft des Geldes als die Ursache des Elends der unteren Klassen; zwar sei die Arbeit die Quelle des Nationalreichtums, aber durch die Alleinherrschaft des Geldes werde die Tätigkeit der Arbeiter, die nichts besäßen als ihre Arbeitsfähigkeit, wertlos gemacht. Als soziale Reformmaßnahmen schlug G. vor: Garantie des Rechts auf Arbeit und eines menschenwürdigen Daseins für jeden durch die Gesellschaft; genossenschaftlicher Zusammenschluß der kleinen Eigentümer und der Arbeiter zu Produktivassoziationen, um den Einfluß des Großkapitals zu brechen; Umbildung der Dörfer in Genossenschaften mit gemeinsamer Feldbestellung, gemeinsamen Backhäusern, Waschhäusern und so weiter; Schaffung von öffentlichen Getreidevorräten, um Hungersnöte und Teuerungen zu verhindern. Nachdem die Versuche G.s, durch Gründung von Vereinen (1818 und 1825) und durch eine Zeitschrift („Menschenfreundliche Blätter“, 1828) für seine Ideen zu wirken, gescheitert waren, versuchte er, seine große technische Begabung für seine Sozialideen auszunutzen; und zwar wollte er sich durch Erfindungen ein Kapital erwerben, mit dessen Hilfe er in einem Dorf auf eigene Kosten „kommunistische Anstalten“ (gemeinschaftliche Back- und Waschhäuser) errichten und unter den Dorfbewohnern für eine allgemeine Vergesellschaftung werben wollte. G. hat auch eine Reihe von Geräten – unter anderem einen Futterdämpfer und mehrere Destillierapparate zur Branntweinheistellung – konstruiert; allein der von ihm erstrebte sozialpolitische Erfolg seiner technischen Tätigkeit blieb aus. Seine sozialen Ideen fanden keinen Widerhall, und er blieb ein Einzelgänger. Daher beschränkte er sich später auf die bloße landwirtschaftlich-technische Schriftstellerei. 1856 übersiedelte G. nach Stuttgart. Im Zusammenhang mit den Streitigkeiten über sein nach ihm benanntes Verfahren („Gallisieren“) zur Verbesserung von saurem Wein durch Zusatz von Zuckerwasser wurde er 1857 verhaftet, konnte jedoch nach Trier entfliehen.

  • Werke

    Weitere W u. a. Gutgemeinter Ratschlag an meine dt. Landsleute b. ihrer Ankunft in d. Vereinigten Staaten, 1820;
    Meine Auswanderung nach d. Vereinigten Staaten u. meine Rückkehr nach d. Heimat im Winter 1820, 2 Bde., 1822;
    Anleitung z. Syrup- u. Zuckerbereitung aus Kartoffeln, 1825;
    Über d. Verbesserung d. Weine, d. Obstweine u. d. Bieres u. Erhöhung d. Branntweinausbeute aus Trestern, 1826;
    Neuer u. eigentüml. Dampfdestillierapparat, 1830;
    Der G.sche od. rheinländ. Dampfbrennapparat in s. höchsten Vereinfachung, 1831;
    Beleuchtung d. Försterschen Kritik d. gerühmtesten Destilliergeräte, 1835 (behandelt auch soz.pol. Fragen);
    Vorschläge z. Errichtung v. Versuchs- u. Lehranstalten f. d. landwirtsch.-techn. Gewerbe, 1835;
    Die Dampfwäsche, 1842;
    Die vorteilhafteste Methode d. Weinbereitung, 1859. – Hrsg.: Prakt. Mitt. z. Förderung d. landwirtsch. Gewerbe, 4 Bde., 1856-62;
    Allg. dt. Telegraph f. Anz. v. mehr als lokalen Interesse u. Korr.bl. f. Kapital, Talent u. Arbeit, 1856 ff.

  • Literatur

    ADB VIII;
    G. Adler, Gesch. d. ersten soz.pol. Arbeiterbewegung in Dtld., 1885, S. 4-7;
    H. Stein, in: Westf. Wirtsch.biogr. I, 1932, S. 392-429 (W, L, P);
    L. Elster, Wb. d. Volkswirtsch. II, 1932, S. 1 (W, L);
    Pogg. I.

  • Autor/in

    Karl Erich Born
  • Empfohlene Zitierweise

    Born, Karl Erich, "Gall, Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 44 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118537253.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Gall: Heinrich Ludwig Lampert G., wurde geboren am 28. Decbr. 1790 zu Aldenhoven bei Jülich, am 31. Jan. 1863 in Trier. Von 1811 bis 13 war er Untergerichtsschreiber in Cleve und Düsseldorf, welchen Dienst er nach der Schlacht von Leipzig mit einer Commisstelle in den Bureaux des instructeurs aux revues im Generalstabe von Macdonald in Cleve vertauschte; nachher wurde er als Generalsecretär in der österreichisch-baierschen Administrationscommission zu Luxemburg und Kreuznach angestellt, 1816 zum Regierungssecretär in Trier befördert, wo er sich während der Theuerung und Hungersnoth der beiden Mißjahre 1816 und 17 sehr verdient machte. Von jetzt ab trat er als Techniker auf. 1817 construirte er einen neuen Dampfbrennapparat, welcher seiner Vorzüglichkeit halber bald große Verbreitung auch außerhalb Deutschlands fand. Auch Gasbeleuchtung richtete er ein. 1818 wurde er Commissar einer Auswanderungsgesellschaft in Bonn und ging 1819 selbst nach Nordamerika, von wo er aber bereits 1820 wieder zurückkehrte. 1823 trat er wieder in Staatsdienste, indem er die Stellung eines Kreissecretärs in Trier annahm. 1825 wurde er in derselben Eigenschaft nach Wetzlar versetzt. Von jetzt ab beschäftigte er sich wieder mit Technologie. Er erfand 1826 die verschlossene Gährung bei der Weinbereitung mittelst Gasröhren, sowie einen Apparat zur Tresterweinbereitung, 1828 das Verfahren, die überschüssige Säure des Tresterweins durch Wasser und Zucker zu beseitigen, 1831 einen Dampfapparat zur Erregung von Schweiß bei Cholerafällen und ein Verfahren zur Schnellgerberei. 1834 verließ er Deutschland; er wendete sich zunächst nach Galizien und ging von da 1836 nach Ungarn, wo er auf dem Gute des Barons Ghillany eine Versuchs- und Lehranstalt mit Werkstätten zur Anfertigung von Brennereiapparaten errichtete. 1839 trat er in die Dienste des Barons Eötvös als Oberinspector der landwirtschaftlichen Gewerbe, in welcher Eigenschaft er 1842 einen Dampfwaschapparat erfand. 1849 kehrte er wieder nach Trier zurück und widmete sich von jetzt ab nur der Technologie und Schriftstellerei. Er erfand einen Futterdämpfapparat, einen transportablen Dampferzeuger zum Kochen, Reinigen der Fässer, Waschen, rauchverzehrende Dampfkesselöfen. 1852 trat er mit der Erfindung hervor, aus sauren Weinen angenehme Weine zu bereiten, und fertige geringe Weine durch neu erregte Gährung wesentlich zu verbessern. Das Verfahren verbreitete sich bald unter dem Namen „Gallisiren“. Während es aber Liebig als eine wichtige Erfindung bezeichnete, kam der Erfinder bald als Weinfälscher mit den Behörden in Conflict, die gallisirten Weine wurden, namentlich in der Pfalz, confiscirt und weggeschüttet. Infolge dessen richtete G. ein offenes Sendschreiben an den König von Baiern, in dem er sich über das Verfahren der Behörden in der Pfalz beschwerte, weil es die Wissenschaft beeinträchtige und den Wohlstand der Weinbauer schädige. Mittlerweile hatte sich G. nach Stuttgart begeben. Er wurde daselbst wegen jenes offenen Sendschreibens auf Requisition pfälzer Behörden verhaftet, entfloh aber 1857 aus dem Gefängnisse. Seitdem lebte er in Trier. G. war ein sehr fruchtbarer Schriftsteller. Er schrieb: „Meine Auswanderung und meine Heimkehr", 2 Bde., 1822; „Technische Mittheilungen aus dem Gebiete der Erfahrungen", 2 Bde., 1824—31; „Immerwährende Getreidelagerung, um jeder Noth des Mangels und des Ueberflusses auf immer vorzubeugen", 1825; „Anleitung zur Syrup- und Zuckerbereitung aus Kartoffeln", 1825; „Ueber die Verbesserung der Weine, der Obstweine und des Bieres und Erhöhung der Branntweinausbeute aus Trestern", 1826; „Die Branntweinbrennerei mittelst Wasserdämpfen", 1830; „Neuer und eigenthümlicher Dampfdestillirapparat", 1830; „Darlegung der Vorzüge des patentirten Dampfbrennapparats", 1831; „Anweisung zum Frucht maischen mittelst Wasserdampf" 1832; „Der Gall'sche oder rheinländische Dampf brennapparat in seiner höchsten Vereinfachung". 1834; „Vorschläge zur Er richtung von Versuchs- und Lehranstalten für die landwirthschaftlich-technischen Gewerbe", 1835; „Verfahren, die Gährungsgefäße dauernd gegen Säuerung zu schützen", 1836; „Die Dampfwäsche", 1842; „Die Brennstoff sparenden Dampf erzeuger", 1850; „Praktische Anleitung, sich gute Mittelweine aus unreifen Trauben und vortreffliche Rheinweine aus den Trestern zu bereiten", 2 Hefte, 1854; „Nachricht über mein Weinbereitungs- und Weinveredelungsverfahren", 1854; „Die Füllflasche und deren Anwendung als sicherstes Mittel, die Ausbildung der Weine zu befördern", 1854; „Verbesserung von Stubenöfen, wodurch an Brenn stoff erspart wird“, 1854; „Darstellung des Systems von rauchverzehrenden Dampfapparaten“, 1855; „Des Ministers Grafen Chaptal und Dr. Gall's Weinbereitungsmethode vor dem Gesetz", 1854; „Die vortheilhafteste Methode der Weinbereitung“, 1859. Außerdem gab er folgende Zeitschriften heraus: „Das Neueste und Nützlichste“, Trier 1850 ff.; „Praktische Mittheilungen zur Förderung der landwirtschaftlichen Gewerbe“, das. 1856 ff.; „Allgemeiner deutscher Telegraph“, Stuttgart 1856 ff.

  • Autor/in

    Löbe.
  • Empfohlene Zitierweise

    Löbe, William, "Gall, Ludwig" in: Allgemeine Deutsche Biographie 8 (1878), S. 316-317 unter Gall, Heinrich Ludwig Lambert [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118537253.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA