• Leben

    Aus dem Titel „her“, den Rudolf von Ems ihm zweimal gibt, schließt man, daß F. ritterlichen Standes war. Er selbst hat aus Bescheidenheit seinen Namen nicht genannt. Nach seinen Sprachformen zweifelt man, ob er der Westschweiz oder dem Elsaß zuzurechnen ist; Basel hat wohl die meiste Wahrscheinlichkeit (ein für sich stehender Reim, der auf das Elsaß zu deuten scheint, Vers 239, erklärt sich daraus, daß F. ein Vers Gottfrieds von Straßburg vorschwebt). Sein dichterisches Schaffen fällt in die Zeit, die sich durch den Iwein Hartmanns von Aue und den Alexander Rudolfs von Ems umgrenzen läßt, das heißt etwa zwischen 1202 und 1230, vermutlich nicht in die ersten Jahre.

    In seinem Haupt- und Erstlingswerk „Floire und Blanscheflur“ greift F. in freier Nachdichtung einer französischen Vorlage zu einem Stoff, der letztlich orientalischer Herkunft scheint, wegen des reizvollen Inhalts aber seit dem 12. Jahrhundert in verschiedener Gestalt in allen abendländischen Sprachen behandelt wurde. Eine niederrheinische Dichtung (Floiris) war F. schon vorangegangen, eine niederdeutsche folgte im 14. Jahrhundert, weiter erstmals 1499 ein deutscher|Druck nach der Fassung Boccaccios und endlich ein Drama von Hans Sachs. Bei spannender Handlung, die bis in den Orient führt, geht es um die Kraft der wahren Liebe, die schon zwei Kinderherzen ergreift; die Schranken zwischen dem heidnischen Königssohn und der christlichen Kriegsgefangenen müssen vor ihr schwinden, sie überwindet durch ihre Kraft und Reinheit alle Hindernisse und Gefahren. Ohne tiefe weltanschauliche Probleme, aber im Glauben an Gott, der den Guten beisteht, und davon überzeugt, es müsse veredelnd wirken, von so reiner Liebe zu hören, stellt F. dies mit gewinnender Anmut und in einfach klarem Aufbau dar. Er kannte die Minneschilderung Heinrichs von Veldeke und die Dichtung Gottfrieds mit dem Leitgedanken, daß der Liebende zum Leid bereit sein muß, hat sich stilistisch aber an Hartmann von Aue angeschlossen, mit dessen Werken er wohlvertraut war. Durch die verweilende Schilderung der die Gestalten bewegenden Empfindungen und Gedanken, aber auch edler höfischer Schönheit ist der Umfang im Vergleich zur Quelle auf mehr als das Doppelte angewachsen. Für den mittelalterlichen Leser, dem es an der Idee, dem Allgemeingültigen, lag, bedeutete es dabei keinen Anstoß, wenn schon die Kinder, belehrt durch ihr Erleben, kluge Reden über die Minne führen. – Wie Rudolf von Ems die Dichtung preist, wie der Versroman Friedrich von Schwaben sich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts wiederholt darauf bezieht, so rühmt sie auch noch 1462 der Bayer Jakob Püterich von Reichertshausen in seinem Ehrenbrief an die Erzherzogin Mechthild von Österreich, und so wurde sie noch im 15. Jahrhundert abgeschrieben und dazu in Prosa nacherzählt. – Im Alexander (2239 folgende) preist Rudolf von Ems noch eine zweite Minneerzählung F.s, den Clies (Cliges), rühmt dagegen (um 1235) im Willehalm von Orlens (2256 folgende) die Meisterschaft, die Ulrich von Türheim an diesen Stoff gewendet habe. Man deutet es dahin, daß F. das Werk unvollendet hinterlassen und Ulrich es wie andere Dichtungen fortgesetzt habe. Die geringen Bruchstücke, die uns aus dem zweiten Teil des Gedichtes überliefert sind, weisen sprachlich und stilistisch auf Ulrich, nicht auf F..

  • Literatur

    ADB VII;
    E. Sommer, Floire u. Blanscheflur, e. Erz. v. K. F., 1846;
    A. Bachmann, Bruchstücke e. mhdt. Cliges, in: Zs. f. dt. Altertum 32, 1888, S. 123 ff.;
    L. Ernst, Floire u. Blanscheflur, Stud. z. vgl. Lit.wiss., in: Qu. u. F z. Sprach- u. Culturgesch. d. german. Völker 118, 1912;
    Ch. Rischen, Bruchstücke v. K. F.s Floire u. Blanscheflur, 1913;
    E. Schröder, in: Anz. f. dt. Altertum 44, 1925, S. 73 f., u. Zs. f. dt. Altertum 67, 1930, S. 250 f.;
    E. Schad, K. F.s Floire u. Blanscheflur, Diss. Marburg 1941 (ungedr.);
    Goedeke I, S. 103 f.;
    E. Hartl, in: Vf.-Lex. d. MA I, 1933, Sp. 618 ff.

  • Autor/in

    Ludwig Wolff
  • Empfohlene Zitierweise

    Wolff, Ludwig, "Fleck, Konrad" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 227 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118533797.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Fleck: Konrad F., ein alemannischer Dichter, wie es scheint ritterbürtigen Standes, gehört dem ersten Drittel des 13. Jahrh. an. Von seinen Lebensumständen ist nichts Näheres bekannt, ja selbst seinen Namen wissen wir nur aus den litterar-historischen Stellen in Rudolf's von Ems Alexander und Willehalm, er selbst verschweigt ihn in seinem ersten und einzig erhaltenen Gedichte: „Flore und Blanscheflur“. Die Grundlage desselben bildet eine altfranzösische Quelle, als deren Verfasser Konrad einen Ruprecht von Orbent (der Name ist wol verderbt) bezeichnet, und welche bereits die Sage von Blume und Weißblume, die ursprünglich einen rein märchenhaften Charakter trug, mit der Karlssage in Verbindung gebracht hatte. Diese altfranzösische Dichtung, welche schon einmal, wie es scheint, im 12. Jahrh. einen niederrheinischen Dichter zur Behandlung gereizt hatte, ist uns erhalten aber die deutsche Bearbeitung hat eine der ursprünglichen Gestalt weit näher stehende Handschrift benutzt, als sie bisher von dem französischen Werk bekannt geworden ist. Konrad's Gedicht übertrifft an Umfang seine Vorlage um mehr als das doppelte das rührt daher, daß er sich die Ausmalung der Seelenzustände hat besonders angelegen sein lassen, während er dagegen die Beschreibungen von Aeußerlichkeiten, die der französische Dichter liebt, stark kürzte oder ganz fortließ. Doch nicht blos nach dieser Richtung verdient der deutsche Flore den Vorzug vor seinem romanischen Muster, sondern hauptsächlich darum, weil Konrad es verstanden, den gegebenen Stoff einem einheitlichen Grundgedanken, einem sittlichen und zugleich echt deutschen, dem der Treue, unterzuordnen: es wird ausgeführt, daß nur die unwandelbare, vor keinem Opfer zurückschreckende Treue den Menschen zum frohen Genuß der Liebe führen kann. Und dieser seiner deutschen Auffassung wußte der Dichter auch in allen Einzelheiten des Costüms Ausdruck zu verschaffen. Freilich, trotz der Einheitlichkeit der Composition und der geschickten Anlage des Ganzen, tiefe Gedanken darf man bei Konrad nicht suchen: wie bei der Mehrzahl unserer mittelalterlichen erzählenden Dichter bewegt sich seine Lebensphilosophie sehr auf der Oberfläche. Auch seine formelle Technik läßt zu wünschen: offenbar kannte er noch wenig Erzeugnisse der höfischen Litteratur, einiges von Hartmann und Gottfrieds Tristan; er schloß sich daher enger als diese an die formelhafte Sprache und sprichwörtliche Weisheit des Volkes an.

    Nach dem „Flore“ hat Konrad einen „Clies“, der verloren ist und den er nicht vollendet zu haben scheint, welchen vielmehr Ulrich von Türheim später zu Ende führte, gedichtet, ebenfalls nach französischer Quelle. Man kann darnach|vermuthen, daß Konrad früh starb und nur eine kurze Zeit lang schriftstellerisch thätig war. Aber der Versuch Pfeiffer's, eine genauere Datirung des Dichters zu geben, muß als gänzlich mißlungen bezeichnet werden.

    • Literatur

      Flore und Blanscheflur. Eine Erzählung von K. F., herausgegeben von Emil Sommer. Quedlinburg und Leipzig 1846. — Pfeiffer, Zur deutschen Literaturgeschichte (Stuttgart 1855), S. 29 ff., wieder abgedruckt in seiner Freien Forschung (Wien 1867), S. 149 ff. — Sundmacher, Die altfranzösische und mittelhochdeutsche Bearbeitung der Sage von Flore und Blanscheflur, Göttingen 1872.

  • Autor/in

    Steinmeyer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Steinmeyer, Elias von, "Fleck, Konrad" in: Allgemeine Deutsche Biographie 7 (1878), S. 111-112 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118533797.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA