Lebensdaten
1857 bis 1912
Geburtsort
Großniedesheim bei Worms
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
evangelischer Kirchenhistoriker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117608130 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Müller, Nikolaus

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Zitierweise

Müller, Nikolaus, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117608130.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Andreas (1824–88), Landwirt in G., S d. Nikolaus (1799–1870), Landwirt in G., u. d. Marie Heilmann (1804–73);
    M Elisabeth (1833–80) aus Kirchheim, T d. Johann Michael Koch (* 1806) u. d. Anna Elisabeth Hammel;
    B Emanuel (Emil) (* 1858), Bgm. in G.; – ledig.

  • Leben

    Nach dem Besuch des Progymnasiums in Frankenthal und des Gymnasiums in Zweibrücken studierte M. 1876-81 klassische Philologie und ev. Theologie in Erlangen, Berlin und München. Mit der Arbeit „De latinitate inscriptionum Galliae christianarum“ wurde M. 1881 in Erlangen zum Dr. phil. promoviert. Als Stipendiat des Deutschen Archäologischen Instituts erforschte er 1883-85 in Rom die Katakomben und kollationierte Kirchenväterhandschriften in ital. Bibliotheken. Durch den Fund eines Sammelbandes mit 900 Briefen Melanchthons an Camerarius in der damaligen Chigi-Bibliothek gelangte M. dabei zur Reformationsgeschichte und nahm sich vor, sämtliche Briefe im Originaltext neu herauszugeben. Nach Deutschland zurückgekehrt, legte er 1887 in Leipzig sein Lizentiatenexamen in Kirchengeschichte ab. Im selben Jahr holte ihn Gustav Kawerau an die Univ. Kiel, um den 8. Band der Weimarer Lutherausgabe zu bearbeiten. Noch vor seiner kumulativen Habilitation wurde M. hier zum Privatdozenten für historische Theologie ernannt und 1890, in der Nachfolge seines Lehrers Ferdinand Piper, als ao. Professor und Direktor des 1849 von diesem gegründeten Christlichen Museums der Universität nach Berlin berufen. Seine Forschungen zur altchristlichen Kunst in Italien trugen M. solches Ansehen ein, daß er 1900 in Rom als Vizepräsident beim 2. Kongreß für christliche Archäologie fungierte. Auf seine Veranlassung hin wurde für die Inschriften und Bildwerke jüd. Katakomben die „Nuova Sala Giudaica“ im Museo Cristiano Lateranense eingerichtet. In der im letzten Drittel des 19. Jh. expandierenden Reformationsforschung zeichnen sich M.s wissenschaftliche Arbeiten durch eine sachliche Distanz aus. Weit entfernt von den verbreiteten apologetischen Betrachtungen blieb M., auch wenn dies nicht immer Zustimmung fand, streng quellenbezogen. Seit 1901 veröffentlichte er sowohl im „Jahrbuch für brandenburg. Kirchengeschichte“ als auch im „Archiv für Reformationsgeschichte“ (seit 1903/04) zahlreiche Studien, aus denen besonders die über den Berliner Dom (1906) hervorragt. M. konnte zeigen, daß Kurfürst Joachim II. von Brandenburg 1539 nur pro forma zur luth. Lehre übergetreten war, ansonsten aber die überlieferten Glaubensvorstellungen und die Liturgie nicht revidierte. Mit dieser Darstellung rührte M. allerdings an das Selbstverständnis der Ev. Kirche der Wilhelminischen Ära. In Konflikt mit der vorherrschenden Meinung geriet er auch mit seinem bei dem 1. Kongreß für den Kirchenbau des Protestantismus 1894 heftig attackierten Beitrag über das deutschev. Kirchengebäude der Reformationszeit, da er diesem eine früh erkennbare Sonderrolle einräumen wollte. Seine zahlreichen, oft interdisziplinären Studien zur Geschichte der Reformation in Deutschland, vor allem in Wittenberg, sind wegen ihrer Quellenorientierung auch heute noch grundlegend.

    Die Gründung und der Aufbau der Melanchthon-Gedächtnis- und Forschungsstätte in Bretten (1897) beruhen im wesentlichen auf M.s Plänen, der das Programm für die Stiftung, die Raumaufteilung und die neogotische Hauptfassade konzipierte. Eine große Anzahl der hier verwahrten kostbaren Bücher, darunter sehr viele Erstdrucke Melanchthons und der Reformationszeit, stammen von M. selbst. Nach eigenen Angaben besaß er 4000 Briefabschriften von und an Melanchthon. Als bester Melanchthonkenner der Zeit wurde er mit A. v. Harnack, G. Kawerau, Th. Kolde, M. Lenz und F. Loofs in die Kommission zur Herausgabe der „Supplementa Melanchthoniana“ berufen und war für die Bearbeitung der „Briefe, Gutachten, etc.“ und (mit Johannes Hausleiter) der „Academica“ vorgesehen. Da M. jedoch dazu neigte, immer von neuem zu sammeln und weitere Themen zu verfolgen, ehe eine Arbeit zum Abschluß gebracht war, blieb dieses Projekt ebenso unvollendet wie Editionen der Schriften des Augustin, des Julius Hilarimus und des Gennadius für das „Corpus scriptorum ecclesiasticorum latinorum“, eine Publikation der Lipsanothek von Brescia und ein Corpus der Sarkophage. Im Nachlaß befinden sich hierzu allerdings Aufzeichnungen, ebenso von Inschriften aus Kloster Montecassino.

    Die nahezu fertiggestellte Edition der neuentdeckten Nachschriften von Luthers Römerbriefvorlesungen wurde M. wieder entzogen, als J. Ficker ältere Rechte geltend machen konnte. Das reichhaltige von M. gesammelte Material wurde nach seinem Tod mehreren Wissenschaftlern anvertraut, die es in seinem Namen postum herausgaben oder noch Jahrzehnte Nutzen daraus zogen, wie z. B. O. Clemen, der aus M.s Nachlaß zahlreiche Melanchthon-Briefe veröffentlichte. – D. theol. (Berlin 1897); Ehrenbürger v. Bretten (1903) u. Venosa (1904); Mitgl. d. Accademia degli Oltusi a Spoleto; korr. Mitgl. d.

    Accademia Pontificia di Archeologia (1894); bad. Orden v. Zähringer Löwen (1903).

  • Werke

    u. a. Le Catacombe degli Ebrei presso la Via Appia Pignatelli, in: Bulletino dell'imperiale Istituto archeologico germanico, Sezione Romana 1, 1886, S. 49-56;
    Bemerkungen üb. ev.-kirchl. Paramentik im Anschluß an die v. d. Kgl. Kunstgewerbe-Mus. veranstaltete Ausst. kirchl. Stickereien 1892, in: Ev.-kirchl. Anz., 1892, S. 111 ff.;
    Über d. dt.-ev. Kirchengebäude im Jh. d. Ref., in: Erster Kongress f. d. Kirchenbau d. Protestantismus, 1894, S. 12-18;
    Die christl.-archäolog. u. epigraph. Slg, in: M. Lenz, Gesch. d. Kgl. Friedrich-Wilhelms-Univ. zu Berlin, III, 1910, S. 13-24;
    Die jüd. Katakombe am Monteverde zu Rom, d. älteste bisher bekannt gewordene jüd. Friedhof d. Abendlandes 1912;
    Urkk. d. Allerheiligenstift zu Wittenberg betreffend, 1522-26, hrsg. v. K. Pallas, in: Archiv f. Ref.gesch. 12, 1915, S. 1-46, 81-131;
    Il cimitero degli antichi Ebrei posto sulla Via Portuense, in: Dissertazioni della Pontificia Accademia Romana di Archeologia. Serie IIa, t. XII, 1915, S. 205-318;
    Die Inschrr. d. jüd. Katakombe am Monteverde zu Rom, vervollst, u. hrsg. v. N. A. Bees, 1919. – Hrsg.: D. Martin Luthers Werke, Krit. Gesamtausgabe, VIII, 1889 (mit G. Kawerau);
    Die Bibel od. d. ganze Hl. Schr. d. Alten u. Neuen Testaments, nach d. dt. Übers. D. Martin Luthers, 1900 (mit I. Benzinger);
    Jb. f. brandenburg. KG, I-VIII, 1901-11;
    Btrr. in:
    PRE;
    Jb. f. brandenburg. KG;
    Archiv f. Ref.gesch.Unvollst. W-Verz.: Schottenloher VI, S. 413 f.

  • Quellen

    Qu. Archiv d. Humboldt-Univ., Berlin; Geh. StA Preuß. Kulturbes.; Stadtarchiv Wittenberg; Melanchthonhaus, Bretten; Melanchthon-Forschungsstelle d. Heidelberger Ak. d. Wiss.

  • Literatur

    E. Becker, in: Röm. Quartalschr. f. christl. Altertumskde, u. KG 26, 1912, S. 211 f.;
    G. Kawerau u. L. Zscharnack, in: Jb. f. brandenburg. KG 9/10, 1913, S. V-XI: H. Scheible, Aus d. Arbeit d. Heidelberger Ak. d. Wiss., Überlieferung u. Edd. d. Briefe Melanchthons, in: Heidelberger Jbb. 12, 1968, S. 135-61;
    Wi. 1911;
    BJ 18, Tl.;
    RGG.

  • Portraits

    Phot. (Melanchthonhaus, Bretten;
    Archiv d. Humboldt-Univ., Berlin).

  • Autor/in

    Andreas Tacke
  • Empfohlene Zitierweise

    Tacke, Andreas, "Müller, Nikolaus" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 461-463 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117608130.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA