Lebensdaten
1763 bis 1857
Geburtsort
Stargard (Pommern)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Unterhaltungsschriftsteller ; Verwaltungsbeamter
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 117147443 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Müchler, Karl
  • Müchler, Karl Friedrich
  • Müchler, Karl
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Zitierweise

Müchler, Karl Friedrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117147443.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Georg (Philipp) (1724–1819), Prof. d. lat. Sprache u. Poesie, Waisenhausinsp. (s. ADB 52).

  • Leben

    Seine Kindheit verbrachte M. zunächst in Stargard, seit 1773 in Berlin, wo er auch Jura studierte. Seit 1783 hatte er verschiedene Verwaltungsposten inne, wurde 1794 zum Kriegsrat ernannt, verlor aber 1806 nach der Niederlage Preußens seine Stellung. 1814 kehrte er noch einmal als Polizeidirektor beim Generalgouvernement in Dresden (1815 in Merseburg) in den preuß. Staatsdienst zurück. Sein Pamphlet „Rechtfertigung des aus königl. Sächs, in Preuss. Dienste übergetretenen Rathes N.“ (1815, Abdr. b. Czygan) führte Ende 1815 zu seiner Entlassung, denn hier hatte ein preuß. Beamter anonym eine offensichtlich prosächsische Schrift verfaßt, um die in den preuß. Staatsdienst (Hzgt. Sachsen) übergetretenen sächs. Beamten als politisch unzuverlässig erscheinen zu lassen. Diese publizistische Intrige, welche Hardenbergs Bemühungen unterlief, die neugewonnenen Untertanen zu integrieren, blieb als Akt der politischen Meinungsmanipulation unverstanden. Man stellte sie als Folge einer „früheren Geisteszerrüttung“ hin („Das gesamte Ministerium an den König“, 25.2.1816). Nach diesem Desaster widmete sich M. nur noch unpolitischer Schriftstellerei. „Das gelehrte Berlin“ von 1825 bzw. 1845 nennt ihn als Autor oder Herausgeber von über 100 Titeln. Vom Zaren erhielt er seit November 1814 bis zu seinem Tod eine jährliche Pension von 100 Dukaten.

    M. gehört zum Typus des freien Schriftstellers, der den sich etablierenden Verwaltungsstaat wie den literarischen Markt zum eigenen Vorteil zu nutzen suchte. Mit sicherem Gespür für den sich abzeichnenden Strukturwandel – in der „Rechtfertigung“ bezeichnete er selbstbewußt die Staatsbeamten und nicht den Adel als die gesellschaftlich führende Macht – stellte er sich vor seiner Entlassung freiwillig als politischer Publizist in den Dienst Preußens, lange bevor dieses selbst die Möglichkeit öffentlicher Meinungsbildung nutzte. Seine Schrift „Ueber Volks- Despotismus“ (1793), seine patriotische Lyrik („Gedichte, niedergelegt auf dem Altar des Vaterlandes“, 1813), darunter das verbreitete Gedicht „Der Eroberer“ („Mag die Welt in thörigtem Erstaunen“, 1806), und nicht zuletzt die geschickt die Wende in der preuß. Frankreichpolitik mitvollziehende Zeitschrift „Das erwachte Europa“ (1814) belegen seinen preuß. Patriotismus, aber auch sein Festhalten an der absolutistischen Staatsordnung.

    Als Literat orientierte sich M. ganz an den wachsenden Anforderungen des literarischen Marktes. Dem Bemühen der Spätaufklärer um das weibliche Publikum schloß er sich noch während seines Studiums an („Taschenbuch für Frauenzimmer“, 1779-84). Das Interesse an didaktischer Literatur für die Jugend während der Biedermeierzeit befriedigte er mit zahlreichen Erzählungen, Märchen und Parabeln (u. a. „Sittenbilder in Fabeln und Erzählungen für die Jugend“, 1829). Er popularisierte die literarischen Standards der jeweiligen Epoche, wobei er sich ganz auf ein Publikum fixierte, das von Literatur kaum mehr als Unterhaltung, Lebenshilfe und Brauchbarkeit im geselligen Umgang erwartete. Seinen Anekdotensammlungen („Anekdotenalmanach“, 35 Bde., 1808–13, 1815, 1817-45) lag der aufklärerische Impetus zugrunde, Menschenkunde durch wahre Geschichten zu vermitteln. Mit seinen volkspädagogisch ausgerichteten und empfindsam-erzählerisch aufbereiteten dokumentarischen Verbrecherporträts („Criminal-Geschichten“, 1792; „Kriminalgeschichten, Ein Beitrag zur Erfahrungslehre“, 1828-32) kam|er einem aktuellen Interesse an psychologischen und sozialgeschichtlichen Erklärungen im Rahmen einer „Erfahrungsseelenkunde“, wie sie von C. Ph. Moritz und C. H. Spieß vertreten wurde, entgegen. Indem er mittels Anthologien europ. Literatur zum verfügbaren Bildungsbesitz aufbereitete, trivialisierte er den Bildungsbegriff der deutschen Klassik („Vergißmeinnicht“, 1808/09; „Schatzkästlein für deutsche Jünglinge“, 1818, 21820). Aufklärerischer wie biedermeierlicher Geselligkeitskultur stellte er Sammlungen mit Denksprüchen und Scherzen („Scherzhafte Denksprüche, Zum Gebrauch für Stammbücher“, 1817) bzw. mit Gedichten und dramatischen Szenen („Zu Familienfesten“, 1823) zur Verfügung. Trotz hoher Produktivität war M. bald ein vergessener Autor. Von seiner überwiegend an Anakreontik und Empfindsamkeit geschulten Lyrik („Gedichte“, 1782, 1786, 1802) hat nur das Trinklied „Im kühlen Keller sitz ich hier“ in Kommersbüchern überdauert.|

  • Auszeichnungen

    Russ. Wladimir-Orden (1814).

  • Literatur

    ADB 22;
    P. Czygan, Zur Gesch. d. Tageslit. während d. Freiheitskriege, 1909-11;
    E. Weber, Lyrik d. Befreiungskriege (1812–15), 1991;
    Brümmer;
    Doderer;
    Kosch, Lit-Lex.3;
    Killy.

  • Autor/in

    Ernst Weber
  • Empfohlene Zitierweise

    Weber, Ernst, "Müchler, Karl Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 261 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117147443.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Müchler: Karl M. wurde am 2. September 1763 zu Stargard in Pommern geboren und trat nach beendigten Studien 1785 in den Staatsdienst ein, in dem er sich mit unermüdlichem Eifer in den verschiedensten Verwaltungszweigen nützlich machte. Zunächst bei dem Generalauditoriat angestellt und demnächst zum Expedienten in Justizsachen bei diesem Collegio befördert, fungirte er seit 1796 auch als Expedient bei der General-Lotterie-Administration und seit 1798 in gleicher Eigenschaft bei dem fränkischen Departement des Generaldirectoriums. Im J. 1802 ging er mit dem General der Cavallerie und Minister Grafen von der Schulenburg-Kehnert nach Hildesheim, um bei dem Organisationsgeschäft der Entschädigungsprovinzen thätig zu sein, und wurde nach Beendigung dieses Geschäfts von den Domcapiteln zu Hildesheim, Münster und Paderborn zum Agenten in ihren Angelegenheiten bei der obersten Staatsbehörde bestellt. Als mit der Schlacht bei Jena das Schicksal Preußens besiegelt war, ging M. aller seiner bestimmten Einnahmen verlustig; er mußte sogar, da er seines frei-milchigen Wortes wegen auf die Proscriptionsliste des korsischen Eroberers gesetzt worden, Berlin verlassen und in seine Geburtsstadt flüchten. Hier schrieb er 1806 das ebenso denkwürdige als prophetische Gedicht „Der Eroberer“, das sich in unzähligen Abschriften, ohne Nennung des Autors und unter dem Siegel der Verschwiegenheit, nach allen Richtungen, selbst bis in die Schweiz hinein, verbreitete, und das in der Folge verschiedenen Dichtern, Erhard, A. v. Kotzebue und endlich auch Schiller zugeschrieben wurde und sogar in der „Nachlese zu Schiller's Werken“ (1840) Aufnahme fand. In der ganzen Zeit der französischen Gewaltherrschaft nur von dem Ertrage seiner Feder lebend, wurde M. im J. 1814 von dem damaligen Generalgouverneur Fürsten Repnin in Dresden dorthin berufen, um unter dem russischen Obristen und General-Polizeidirector Baron v. Rosen die Leitung der Kriegs-, höheren und Sicherheitspolizei für den ganzen Bereich dieses Generalgouvernements zu übernehmen. Schon am 10. Juni d. J. ehrte der Kaiser die Verdienste Müchler's durch Verleihung des Wladimirordens, und da es M. wenige Monate später gelang, einer Rubelnotenfälschung Napoleons auf die Spur zu kommen, so verlieh ihm der Kaiser ein lebenslängliches Benefizium von jährlich 100 Ducaten, das M. über 42 Jahre lang bezog. Seit dem Frieden wieder in Berlin lebend, starb er daselbst am 12. Januar 1857. — M. hat auf dem Gebiete der schönen Litteratur eine erstaunliche Wirksamkeit entfaltet; er ist besonders der Mann der Räthsel und Charaden, der Anagramme und Epigramme, der geselligen Unterhaltung und des Frohsinns. Von seinen Schriften nach dieser Richtung hin wären zu erwähnen: „Meine Feierstunden" (1782); „Schwärmereien" (1782); „Anekdoten-Lexikon für Leser von Geschmack" (II, 1783—84 und Supplemente, 1785); „Der Reisegefährte, eine Sammlung kleiner unterhaltender Erzählungen, launichter Einfälle etc." (III, 1785—86); „Ein Eimer Wasser zum Löschen der neuen Feuerbrände“ (1808); „Epigramme, Fabeln und Erzählungen“ (1808); „Der|Anekdotenfreund" (1809); „Neue Spiele müßiger Stunden" (IV, 1811—17); „Authentische Nachrichten von der großen französischen Armee, vom 15. bis 24. October 1813. In saubere Reime gebracht" (1813); „Das Stammbuch. Eine Auswahl von Gnomen und Denksprüchen etc." (1814); „Kleine Erzählungen in Versen" (1820); „Polterabendscenen" (1830) u. a. Seine zahlreichen Lieder ("Gedichte", 1786; „Erotische Tändeleien“, 1793; „Gedichte aus dem häuslichen Leben“, 1827) bewegen sich zwar nur in den gewöhnlichsten Gedanken, doch weiß M. diese in einer fließenden Sprache und einem leichten Reim darzustellen, so daß mehrere seiner Gedichte eine gewisse Volksthümlichkeit erlangt haben. Auch auf dem Gebiete des Drama ("Dramatische Bagatellen", II, 1794—95) und des Romans ("Das Glückskind", 1818; „Die drei Freunde“, 1820; „Bekenntnisse eines Hagestolzen“, 1821) hat sich M. versucht. Am bekanntesten ist er indes durch die Herausgabe verschiedener Almsanache und Taschenbücher geworden; von letzteren seien nur genannt: „Taschenbuch für Frauenzimmer", 1779—84; „Kleine Frauenzimmer-Bibliothek", 1782—86; „Berlinisches Taschenbuch", 1795; „Polterabende", 1798; „Aurora", 1803; „Egeria", 1802 und 1806; „Vergißmeinnicht", 1809; „Taschenbuch der Liebe und des Frohsinns", 1811; „Momus“, 1818; „Anekdoten-Almanach“, 1808—13, 1815, 1817—45 u. v. a.

    • Literatur

      Hitzig, Gelehrtes Berlin im Jahre 1825, S. 175. — Illustrirte Berliner Wochenschrift „Der Bär“, 11. Jahrg., 1884—85, S. 697 ff.

  • Autor/in

    Franz Brümmer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Brümmer, Franz, "Müchler, Karl Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 22 (1885), S. 438-439 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117147443.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA