Lebensdaten
1758 bis 1825
Geburtsort
Helmstedt
Sterbeort
Sankt Petersburg
Beruf/Funktion
Astronom ; Mathematiker ; Geodät
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117108278 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schubert, Friedrich Theodor (bis 1812)
  • Šubert, Fedor Ivanovic
  • Schubert, Theodor von
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Zitierweise

Schubert, Theodor von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117108278.html [11.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Ernst S. (Ps. Drusus Pruthenicus Westen) (1717–74), ev. Theol., Sup. d. Gfsch. Schaumburg, Abt d. Klosters Michaelstein, Prof. d. Theol. 1748 in H. u. 1764 in Greifswald, schwed. Oberkirchenrat (s. ADB 32; Altpreuß. Biogr. II; BBKL 24), S d. Andreas, ev. Prediger in Elbing, u. d. Anna Friese, Kaufmanns-T;
    M Johanna Friederike, T d. Friedrich Schulz, Sup. in Zeitz;
    Stralsund (?) um 1787 Luise Friederike (1764–1819), aus Bartelshagen, T d. Ernst Philipp v. Cronhelm, Mitgl. d. Ksl. Russ. Freien Ökonom. Ges. in St. P.;
    1 S Friedrich (s. 2), 4 T Friederike (1791–1842, 1812-19 Georg Heinrich Frhr. v. Langsdorff, 1774–1852, russ. Adel, Naturforscher, Weltreisender, russ. Geschäftsträger in Brasilien, s. NDB 13 Fam.art; Henze, Entdecker), Charlotte (1792–1877), Amalie (1794–1876), Theodore (1796–1826).

  • Leben

    Nach Unterricht durch Privatlehrer und dem Besuch der Großen Stadtschule in Greifswald studierte S. dort (1773-76) und in Göttingen (1776–79) Theologie und oriental. Sprachen. Im Anschluß an eine Reise nach Schweden übernahm er 1780 eine Hauslehrerstelle bei dem Amateurastronomen Ernst Philipp v. Cronhelm in Bartelshagen bei Stralsund. Hier wandte sich S.s Interesse der Astronomie und Mathematik zu. 1783 zog er nach Reval (Tallinn) in Estland, wo er zunächst ebenfalls als Hauslehrer tätig war, ehe er Beamter des Kreises Hapsal wurde. Nebenbei gab er Privatunterricht und sandte erste wissenschaftliche Arbeiten an die russ. Akademie der Wissenschaften, die ihn Ende 1785 als Mitarbeiter nach St. Petersburg holte, um den berühmten „Gottorper Globus“ zu restaurieren. 1786 wurde er zum Adjunkten der math. Klasse für Geographie gewählt und zum Mitglied der akademischen Konferenz ernannt, 1789 zum o. Akademiemitglied für Mathematik. 1799-1819 leitete S. die akademische Bibliothek und das Münzkabinett. 1803 übernahm er die Stelle des Astronomen der Akademie und damit auch die Leitung der Akademiesternwarte; von da an unterrichtete er die Offiziere des Generalstabs in geodätischer Astronomie. Er initiierte die Gründung der Marine-Sternwarten in Nikolajew in Südrußland und Kronstadt bei St. Petersburg. 1805 nahm S. zusammen mit seinem Sohn an einer russ. Expedition nach China teil, die allerdings wegen diplomatischer Probleme nur bis in die Mongolei gelangte; immerhin konnte S. astronomische Ortsbestimmungen und geomagnetische Messungen durchführen. 1813 wurde er zum Mitglied des Admiralitätskollegiums ernannt und erarbeitete Instruktionen für nautische Expeditionen.

    S.s Ruf als einer der bedeutendsten Astronomen seiner Zeit heruhte neben seinem Lehrbuch „Theoretische Astronomie“ (3 Bde., 1798, franz. 1822, 21834) auf zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen in lat., franz., dt. und russ. Sprache zu Problemen der Mathematik, Astronomie, Geodäsie und Kartographie. Er gab verschiedene Kalender und Jahrbücher sowohl für militärisch-nautische Zwecke als auch für den zivilen Gebrauch heraus. Für die Offiziere des Generalstabs schrieb er eine „Anleitung zu der astronomischen Bestimmung der Länge und Breite“ (dt. u. russ. 1803, 31818). 1786-98 veröffentlichte er eine Generalkarte der europ. und asiat. Teile Rußlands. Außerdem verfaßte er für breite Leserkreise eine „Populäre Astronomie“ (3 Bde., 1804–10, 21834), die auch deren Geschichte behandelte, sowie viele populärwissenschaftliche Artikel zu astronomischen, physikalischen und weiteren Themen. Er schrieb auch für Zeitungen und redigierte von 1810 bis zu seinem Tod die dt.sprachige St. Petersburger Zeitung.

  • Auszeichnungen

    Mitgl. mehrerer Akademien (u. a. Stockholm, Kopenhagen, Uppsala, Boston); zahlr. Orden u. Auszeichnungen; Ehrenmitgl. d. russ. Reichsadmiralitätsdep. (1813); russ. Wirkl. Staatsrat (1816).

  • Werke

    Vermischte Schrr., 7 Bde., 1823-40 (P).

  • Literatur

    ADB 32;
    F. A. Šibanov, Akadmik F. I. Š., in: Istoriko-astronomičeskie issledovanija XI, 1972, S. 237-53 (P, unvollst. W-Verz.);
    Friedrich v. Schubert, Unter dem Doppeladler, Erinnerungen e. Deutschen in russ. Offz.dienst 1789-1814, hg. u. eingel. v. E. Amburger, 1962 (P);
    W. R. Dick, Anmm. zu Leben u. Werk v. F. T. v. S., in: Btrr. z. Astronomiegesch. 8, hg. v. dems. u. J. Hamel, 2006, S. 215-29;
    NND;
    Pogg. II;
    zur Fam.:
    Dt.GB 36, 1922, S. 24-26.

  • Autor/in

    Wolfgang R. Dick
  • Empfohlene Zitierweise

    Dick, Wolfgang R., "Schubert, Theodor von" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 604-605 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117108278.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Schubert: Friedrich Theodor v. S. wurde am 30. Oct. 1758 in Helmstedt geboren, woselbst sein Vater Johann Ernst S., Abt des Klosters Michaelstein. Professor der Theologie an der Universität war (s. u. S. 635). Nachdem der Vater im J. 1764 nach Greifswald übergesiedelt war, wurde der junge Friedrich Theodor anfangs durch Privatlehrer, später in der Stadtschule zu Greifswald mit seinen Brüdern, deren er acht hatte, unterrichtet. Im J. 1773 bezog S. die Universität, um Theologie zu studiren; 1776 setzte er seine theologischen Studien in Göttingen fort, und predigte wiederholt mit Beifall. 1779 kehrte er nach Greifswald zurück, doch nicht, um daselbst zu bleiben. Es scheint, daß die Theologie ihm nicht behagte; er verließ seine Heimath und seine Familie,|um in der Fremde sein Glück zu suchen und — zu finden. Zunächst 1779 ging er als Reisebegleiter, vielleicht als Erzieher zweier junger Schweden nach Schweden. Wo er sich in Schweden aufhielt und wer seine Zöglinge waren, ist nicht bekannt. Im J. 1780 übernahm er die Stelle eines Hauslehrers bei einem Major v. Cronhelm zu Bartelshagen bei Stralsund und leitete damit in seinem Leben eine wichtige Wendung ein. Als Lehrer in Bartelshagen hatte S. seine Zöglinge — wohl die Söhne des Majors v. Cronhelm — unter anderm auch in der Mathematik zu unterrichten. Hierauf legte der Major Cronhelm großen Werth, er liebte die Astronomie und besaß vortreffliche astronomische Instrumente. S. sah sich deshalb veranlaßt, eingehende mathematische Studien zu machen, vertiefte sich allmählich in ernste mathematisch-astronomische Untersuchungen und ließ seine theologischen Studien bei Seite liegen; — so wurde aus dem Gottesgelehrten ein Naturforscher. Aber auch in anderer Hinsicht war der Aufenthalt zu Bartelshagen für S. sehr bedeutungsvoll, er fand hier im Hause Cronhelm die Frau, mit der er sich fürs Leben verband. Wann er sich verheirathet hat, weiß ich nicht. Im J. 1783 zog S. nach Reval (Esthland), lebte anfangs als Hauslehrer, dann als Kreisrevisor in Hapsal und unterrichtete hier junge esthländische Edelleute, vornehmlich in Mathematik, um sie zum Eintritt in den russischen Militärdienst vorzubereiten. Obgleich S. bisher nicht als Schriftsteller auf wissenschaftlichem Gebiet aufgetreten war, so muß doch die Kunde von seinem wissenschaftlichen Streben und seiner bedeutenden Leistungsfähigkeit auch in andere Kreise gedrungen sein: er erhielt 1785 einen Ruf nach St. Petersburg an die Akademie der Wissenschaften. Zunächst mußte er hier — wohl noch in einer bescheidenen Stellung — den berühmten Gottorp'schen Globus ausbessern, der durch eine Feuersbrunst beschädigt worden war, aber bereits am 18. September 1786 wurde er zum Adjuncten der mathematischen Classe für Geographie gewählt und zum Mitglied der akademischen Conferenz ernannt. Schnell schritt er nun vorwärts: am 19. Juni 1789 wurde er wirkliches Mitglied der Akademie (ordentlicher Akademiker) für Mathematik und 1799 Inspector der akademischen Bibliothek und des Medaillencabinets. Im J. 1803 vertauschte er die Stelle eines Akademikers für Mathematik mit der für Astronomie und übernahm die Leitung der akademischen Sternwarte. Nachdem S. bereits im J. 1791 durch eine französisch geschriebene theoretische Astronomie (Traité d'Astronomie théorétique) seinen wissenschaftlichen Ruhm begründet hatte, bewies er nun als Director der Sternwarte auch seine praktische Befähigung. Er verbesserte die Einrichtung der Sternwarte, die von 1763—1803 unter Stephan Rumowski gestanden hatte, stellte eine Reihe neuer Instrumente auf und wählte sich in dem Adjuncten Vincent Wisnewski einen passenden Gehülfen, der auch später sein Nachfolger wurde. S. hielt 1803 im Auftrage des Kaisers Vorträge über praktische Astronomie für die Officiere des Generalstabs und verfaßte eine „Anleitung zu astronomischen Beobachtungen, um die Länge und Breite der Orte zu bestimmen“, auf allerhöchsten Befehl zum Gebrauch der Officiere im Generalstab, St. Petersburg 1803. Das Werk wurde von Rumowski ins Russische übersetzt und sowohl in deutscher, wie in russischer Sprache wiederholt gedruckt. Im J. 1805 nahm S. Theil an der großen Expedition oder Gesandtschaft, die von Seiten der russischen Regierung nach China geschickt wurde. Es ist mir nicht möglich gewesen, irgend einen zusammenhängenden Bericht über diese großartig geplante, aber leider nicht beendigte Expedition zu ermitteln: es scheint, daß von Seiten der St. Petersburger Akademie kein Bericht veröffentlicht worden ist. Die Expedition bestand aus 500 Mann, darunter ein Corps Musikanten; es nahmen daran Theil Geheimrath Graf Potocki, Obrist d'Auvray und fünf andere Officiere, ein Engländer Harry als Arzt, ferner S. als Chef der wissenschaftlichen Abtheilung, insbesondere für Astronomie, J. H. Klaproth als Sprachforscher,|Adams als Naturforscher u. a. S. wurde von seinem damals 16jährigen Sohn, dem nachmaligen berühmten Geodäten, begleitet. — Auf der Hinreise traf S. in Moskau mit Joh. Gottfr. Seume zusammen, — sie besuchten die Sperlingsberge, um sich des großartigen Anblicks über das gewaltige Moskau zu erfreuen. Charakteristisch ist das Urtheil Seume's über den jungen S. (Mein Sommer 1805): „Seit langer Zeit habe ich keinen jungen Mann gesehen, der mit so vielen guten Kenntnissen so viel seine Sitten und Bescheidenheit verbände, als dessen (des Staatsraths Schubert's) Sohn, der Officier im Generalstab ist und seinen Vater begleitet und unter dessen Leitung ein sehr wackerer Mann zu werden verspricht.“ — Die Expedition gelangte nicht nach Peking, sondern kehrte, nachdem sie nur eine kleine Strecke über Kiachta hinaus in die Mongolei eingedrungen war, um — infolge von Streitigkeiten mit den Chinesen. Die für die chinesische Regierung bestimmten Geschenke sollen in der Wüste zurückgelassen worden sein. Die Expedition hatte somit keinen eigentlichen Erfolg; doch ist nicht zu übersehen, daß Klaproth hier den Grund zu seinen die asiatischen Sprachen betreffenden Forschungen legte, daß Adams von Kjachta aus an die Lena-Mündung eilte, um das berühmte Mammuthskelett auszugraben, und daß S. auf der Reise zahlreiche astronomische Ortsbestimmungen gemacht hat; doch ist mir nicht bekannt, ob dieselben veröffentlicht worden sind. — Im J. 1813 wurde S. zum Mitglied des Admiralitätscollegiums ernannt und hatte als solches Instructionen für die nautischen Expeditionen zu entwerfen. Nachdem S. 1819 sein Amt als Bibliothekar niedergelegt hatte, um für andere Arbeiten mehr Zeit zu gewinnen, fing er an zu kränkeln und starb am 9./21. October 1825.

    S. war als Schriftsteller ungemein thätig. Das Werk, durch welches er seinen Ruhm begründete, sein dreibändiges „Lehrbuch der theoretischen Astronomie“ erschien zuerst 1791 in französischer Sprache, dann deutsch (St. Petersburg 1798), dann abermals in französischer Sprache in zweiter Auflage 1822. — Ferner verfaßte er eine „Populäre Astronomie“ in 3 Bänden (1804—1810) und eine „Geschichte der Astronomie“ (St. Petersburg 1804). Außerdem veröffentlichte er in Bode's astronomischen Jahrbüchern und in den Schriften der St. Petersburger Akademie eine Reihe kleinerer und größerer gelehrter Abhandlungen, die alle Zeugniß ablegen von den umfassenden Kenntnissen und dem scharfen Verstande ihres Verfassers. Er entwarf eine Karte des europäischen und asiatischen Rußlands (gest. v. Mayer. 2 Blätter fol. 1791). Allein S. besaß auch die seltene Gabe, im wahren Sinne des Worts populär zu sein; er verstand es, wie nur wenige Gelehrte, die Resultate der Wissenschaft auch den nicht fachmännisch Gebildeten in entsprechender Weise mitzutheilen, und zwar that er dies in vortrefflicher Form. Er gab von 1788—1825 den „St. Petersburger Kalender“ und von 1808—1818 einen „St. Petersburger astronomischen Taschenkalender“ heraus mit geistreichen populär-astronomischen Aufsätzen; er schrieb für das Morgenblatt und für die deutsche St. Petersburger Zeitung, die er von 1810 bis zu seinem Tode meisterhaft redigirte. Sein Zeitgenosse Gretsch (Augsburger allgemeine Zeitung 1825, Beilage zu Nr. 333) sagt, S. habe die Zeitung zu einem der unterhaltendsten und lehrreichsten litterärisch-politischen Journale Europa's gemacht. Viele dem Gebiet der Astronomie und Physik entnommenen kleinen populären Aufsätze, die an verschiedenen Orten gedruckt waren, sind in den Vermischten Schriften, Band 1—4 (Tübingen und Stuttgart 1823 bis 1826) gesammelt; nach dem Tode Schubert's erschienen noch 3 Bände (5—7) unter dem Titel: „Vermischte Schriften, Neue Folge I—III“, Leipzig 1840. Dem 5. Band ist ein Bildniß Schubert's beigefügt.

    S. war ein äußerst vielseitig gebildeter Gelehrter, und neben der Astronomie auch in andern Wissensgebieten zu Hause; er kannte mehrere Sprachen, gebrauchte die englische und französische wie seine Muttersprache; sein Styl war klar,|fließend, und seine Rede hinreißend; dabei besaß er eine außerordentlich große Unterhaltungsgabe; er war sehr musikalisch, er spielte Clavier, Flöte, Violine in gleich meisterhafter Weise. Er unterhielt einen regen Briefwechsel mit vielen Gelehrten, er war Mitglied vieler gelehrten Gesellschaften und besaß viele Orden und Auszeichnungen.

    • Literatur

      Neuer Nekrolog der Deutschen, 3. Jahrgang 1825, S. 1048—1055. — Recke-Napiersky's Lexikon IV, 1832, S. 129—135.

  • Autor/in

    L. Stieda.
  • Empfohlene Zitierweise

    Stieda, Ludwig, "Schubert, Theodor von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 32 (1891), S. 628-631 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117108278.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA