Lebensdaten
1868 bis 1922
Geburtsort
Hörde (Westfalen)
Sterbeort
Essen-Rüttenscheid
Beruf/Funktion
Gewerkschafter
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 117036536 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hue, Konrad (eigentlich)
  • Hue, Otto
  • Hue, Konrad (eigentlich)
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Hue, Otto, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117036536.html [15.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Carl (1838–74), Walzmeister d. „Hermannshütte“ in H., S d. Heinrich, Nagelschmied, dann Hüttenoffiziant, zuletzt Magazinverwalter in H., u. d. Wilhelmine Döter aus Unna;
    M Wilhemine (1840–85), T d. Bergmanns Wilhelm Piele in H. u. d. Wilhelmine Höhle;
    Elisabeth Joh. Schmidt.

  • Leben

    In seiner entbehrungsreichen, vom frühen Tod des Vaters überschatteten Jugend wurde H. vom christlichen Milieu geprägt. Nach Volksschulbesuch und Schlosserlehre führte ihn seine Arbeit als Zechenschlosser, die ihn mit der sozialen Lage der Bergarbeiter vertraut machte, Anfang der 90er Jahre zur sozialistischen Arbeiterbewegung. 1895 wurde er Redakteur des „Bergarbeiters“, des Organs des Bergarbeiterverbandes, für das er schon vorher Beiträge geliefert hatte. Obwohl er immer nur in dieser Funktion blieb, wurde er der eigentliche Führer des Verbandes, der nach der Streikniederlage von 1889 erst wieder neu aufgebaut werden mußte. Auch innerhalb der sozialdemokratischen Partei spielte H. eine beachtliche Rolle: Er war von 1894 an Delegierter oder Referent auf fast allen Parteitagen, über mehrere Legislaturperioden Mitglied des Reichstages (1903–11, 1919-22) und des Preußischen Abgeordnetenhauses.

    H.s gewerkschafts- und parteipolitische Positionen waren bestimmt von seiner intensiven Beschäftigung mit der sozialen Lage, der Mentalität und der Geschichte der Bergarbeiter, über die er ein grundlegendes 2-bändiges Werk schrieb. Er sah die Bergarbeiter stark standesbewußt geprägt, tief religiös, unterwürfig gegenüber den Unternehmern und politisch radikal zugleich; aus dieser Sicht und weil der christliche Bergarbeiterverein besonders im Ruhrgebiet zeitweise eine größere Anhängerschaft hatte als der sozialdemokratisch orientierte Bergarbeiterverband, trat H. für die parteipolitische Neutralität der Gewerkschaften ein, verwarf die Unterordnung der Gewerkschaftsarbeit unter die politische Führung der Partei und stand der politischen Ausnutzung von Streiksituationen ablehnend gegenüber. Stattdessen verlangte er, der wie kaum einer der großen Arbeiterführer stets bemüht blieb, den Pulsschlag der Massen wahrzunehmen, eine den unmittelbaren Bedürfnissen der Arbeiter angepaßte Politik. Diese Arbeiterpolitik zielte taktisch auf die Aktionseinheit mit dem christlichen Bergarbeiterverein gegenüber den besonders intransigenten Unternehmern im Bergbau (Kirdorf, Stumm); strategisch erwartete er sich von ihr sozialen Fortschritt als Voraussetzung für die Emanzipation von Tradition und Klassenherrschaft; inhaltlich schloß sie die Erweiterung der Arbeiterschutzgesetzgebung, die Einrichtung von Arbeiterkammern, aber auch die Forderung nach Sozialisierung ein.

    H. selbst verstand sich nicht als Revisionist oder Reformist; er sah sich unverändert auf dem Boden der Marx-Engelsschen Lehren und des Erfurter Programms stehen: Er kritisierte die Überschätzung der revolutionären politischen Aktion durch die Linken ebenso wie die Überbetonung des bloßen Parlamentarismus durch die Rechten, aber auch den Fatalismus der Mitte, daß der naturnotwendige Zusammenbruch des Kapitalismus zum Sozialismus führen werde; er glaubte vielmehr seine Praxis in Übereinstimmung mit der revolutionären Theorie von der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse.

    Die immer eigenständig-eigenwillige Position H.s zeigt sich auch während des Krieges, als er entgegen Votum und Stimmung vieler Gewerkschaftler sich früh öffentlich gegen Annexionen wendet. Während der Revolutionsmonate 1918/19 ist er Beigeordneter im preußischen Handelsministerium, er gehört der Sozialisierungskommission an und wird im Januar 1919 zum Reichskommissar für die Kohleversorgung ernannt. Seine Vermittlertätigkeit während der Bergarbeiterstreiks im Frühjahr 1919 zeigt Größe und Schwäche von H.s Persönlichkeit und Politik zugleich: Statt sich an die Spitze der Bewegung zu stellen und sie politisch im Sinne einer demokratischen Rätebewegung zu kanalisieren und damit Impulse für eine geeinte sozialistische Arbeiterbewegung zu geben, läßt er sich nur mitziehen; die Bewegung aber scheitert, gerade weil ihr das eindeutige Engagement so hoch befähigter Führer wie H. fehlt.

    Vom Herbst 1919 bis zu seinem Tode war H. vor allem als Sachverständiger für Kohlefragen auf den großen internationalen Konferenzen tätig (zum Beispiel in Spa 1920).

  • Werke

    u. a. Neutrale od. parteiische Gewerkschaften?, 1900;
    Die Bergarbeiter, 2 Bde., 1910-13;
    Die Sozialisierung d. Kohlenwirtsch., 1921.

  • Literatur

    N. Osterroth, O. H., Ein Lb. f. s. Freunde, 1922;
    K. Wiedenfeld, Die dt. Wirtsch. u. ihre Führer II, 1925, S. 56;
    Rhein.-Westfäl. Wirtsch.-biogrr. I, 1931 (L, P);
    Internat. Hdwb. d. Gewerkschaftswesens I, 1931;
    DBJ IV (u. Tl., L).

  • Autor/in

    Helga Grebing
  • Empfohlene Zitierweise

    Grebing, Helga, "Hue, Otto" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 710 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117036536.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA