• Genealogie

    V Joh. Heinr. (1729–82), Pfarrer, S d. Pfarrers Joh. Jak. in Straßburg u. d. Notars-T Marg. Salome Grünwald;
    M Marie Barbara ( 1776), T d. Handelsmanns Mosseder in Straßburg;
    1) Weimar 1804 Christiana Charl. (1784–1806), T d. Stadtchirurgen Joh. Chrstn. Jos. Moerstedt in W. u. d. Dor. Maria Stichling, 2) 1816 Joh. Rosina (1785–1843), T d. Gärtners Joh. Christoph Runstedt in Oberteutschenthal b. Halle u. d. Maria Rosina Wiebeckin;
    1 T aus 1), 1 S aus 2) (beide jung †).

  • Leben

    Wegen eines tödlich verlaufenen Duells floh G. während seines Theologiestudiums aus Straßburg und tauchte im Frühjahr 1789 als Schauspieler vorübergehend bei der Gesellschaft von Dobler und Illenberger in Köln unter (nach Carl Eberwein). Nach dem Bankrott der Truppe reiste er mit dem Prinzipal Bossann durch halb Deutschland, bis er nach Weimar empfohlen wurde und dort am 5.6.1793 debütierte. Von seinen anfängerhaften Unarten war die Unverständlichkeit durch überstürztes Sprechen am hartnäckigsten. Die Darstellung des ersten Wallenstein, die ihm 1799 nach F. L. Schröders Absage anvertraut wurde, fand Schillers wohlwollenden Beifall. Sie begründete G.s künstlerischen Ruf, der aber wegen seiner starren Abhängigkeit vom Weimarer Darstellungsstil nicht unangetastet blieb. Seine Stiltreue trug ihm neben Goethes Förderung einen Geheimkontrakt ein, der ihn mit Versorgungsansprüchen und anderen Vergünstigungen an Weimar fesselte, so daß er bei seiner Pensionierung am 1.4.1840 dieser Bühne 47 Jahre angehört hatte. Abgeschiedenheit und Menschenscheu, die seiner stämmigen Erscheinung ebenso widersprachen wie eine oft unbegründete Weichheit der Darstellung, konnte er nach dem Duellerlebnis und dem Tod seines Sohnes nur schwer überwinden. Auch die kraftvolle Stimme geriet zuweilen, wenn er seiner Empfindung nicht Herr werden konnte, durch unverständliches Poltern mit seiner geistvollen Rollenfassung in Konflikt. Trotz solcher Vorbehalte war G., dessen Schauspielkunst von der „Weimarer Schule“ geprägt worden war, der bedeutendste Schauspieler während Goethes Theaterleitung. Seinen ehrgeizigen Wunsch, Iffland ebenbürtig zu sein, hat er nicht verwirklichen können.

  • Rollen

    Rollen u. a. Götz, Wallenstein, Alba, Attinghausen, Epimenides, Thoas, Nathan, Daliner (Dienstpflicht).

  • Literatur

    ADB IX;
    Allg. Theater-Chronik VIII, 1839, Nr. 61;
    E. Pasqué, Goethe’s Theaterleitung in Weimar II, 1863;
    W. G. Gotthardi, Weimar. Theaterbilder aus Goethe’s Zeit II, 1865;
    Goethes Schauspieler u. Musiker, Erinnerungen v. C. Eberwein u. Lobe, Mit Ergg. v. W. Bode, 1912;
    W. Deetjen, Vom ersten Darsteller d. Wallenstein, in: Alm. d. Weimar-Bundes dt. Mädchen u. Frauen, 1925;
    W. C. R. Hicks, A Weimar actor under Goethe and Schiller, in: Publ. of the English Goethe Society N. S. 11, Cambridge 1925;
    K. Walter, J. J. G., 1938 (P); Eisenberg
    ;
    Kosch, Theater-Lex.

  • Portraits

    Zeichnung v. J. J. Schmeller, 1828 (Weimar, Goethe-Nat.mus.);
    Lith. v. F. Lortzing, 1839 (ebd., u. Köln, Inst. f. Theaterwiss., Slg. Niessen), beideabgeb. b. K. Walter, s. L.

  • Autor/in

    Günther Hansen
  • Empfohlene Zitierweise

    Hansen, Günther, "Graff, Johann Jakob" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 732 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116815671.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Graff: Johann Jacob G., bedeutender Heldendarsteller aus der weimarischen Glanzzeit, der erste Darsteller des Wallenstein, Götz, Attinghausen und anderer classischer Partien aus den Werken unserer Dichterheroen, geboren am 23. September 1768 zu Georgenthal bei Kolmar (nach dem Register zu den von W. Frhr. v. Biedermann in der Hempel'schen Classikerausgabe herausgegebenen Goethe'schen Tag- und Jahresheften, s. gen. Ausg. Bd. 27. S. 608; andernorts findet man Köln, auch Münster als Graff's Geburtsort angegeben), am 20. März 1848 zu Weimar. Als Vater Graff's nennt einer seiner Biographen einen protestantischen Theologen; gewiß ist, daß G. selbst zum Theologen bestimmt, in Straßburg die Gottesgelahrtheit studirte, 1789 den Unruhen in Frankreich ausweichend, sich nach Holland begab und von Amsterdam, wo er fürchtete, den Werbern für die ostindische Compagnie in die Hände zu fallen, nach Köln reiste. In dieser Stadt betrat er, einem inneren Drange folgend, bei der Dobler'schen Gesellschaft die Bühne, auf der er am 9. April 1789 als Cassio in Othello zum ersten Mal erschien. Im folgenden Jahre debütirte er als Geheimrath Schenk in den Großmann'schen Sechs Schüsseln bei der Bossa'schen Schauspielertruppe, die er auf ihren Streifzügen nach Trier, Mainz, Worms, Heilbronn, Speyer, Buchsweiler, Hanau, Neuwied, Wetzlar, Offenburg, Wiesbaden, Kassel etc. begleitete, bis er 1793 durch die Vermittlung des Professors Jacobi in Düsseldorf mit Goethe in Unterhandlung trat, am 10. April für das weimarische Hoftheater engagirt wurde und 5. Juni d. J. als Hofrath Reinhold in Iffland's „Hagestolzen“ auf demselben debütirte. Voll Streben und Fleiß, entwickelte sich Graff's Talent unter Schiller's und Goethe's Augen zu einer beachtenswerthen Höhe. Besonders gelangen ihm würdevolle Rollen, während er in leidenschaftlichen leicht zu unruhig wurde. Mit großer Beherrschung dieser|Eigenheit gab er den Wallenstein in „Wallensteins Tod“, welches Stück bekanntlich am 20. April 1799 zum ersten Mal in Weimar gegeben wurde. G. spielte diese Rolle ohne alle Komödiantenkunststückchen, als Ganzes und treu im Sinne des Dichters, der Graff's „gehaltenes Spiel", seine „treffliche Recitation“ rühmte, ausdrücklich betonte, daß dem Künstler kein Wort auf die Erde gefallen sei und schließlich bemerkte: „Nicht so leicht soll es einem Andern werden, Ihnen den Wallenstein nachzuspielen“. Auch Goethe nennt in dem Aufsatz „Die erste Aufführung der Piccolomini in Weimar" (Allg. Ztg. 1799, Nr. 84—90) diese Darstellung Graff's eine „gefühlvolle“, die dunkle tiefe, mystische Natur des Helden „vorzüglich glücklich“ wiedergebend und rühmt G. nach, daß Alles, was er sprach, empfunden war und aus dem Herzen kam. „Nur — fährt Goethe fort — daß er zuweilen, von seinem Gefühl fortgezogen, eine zu große Weichheit in seinen Ausdruck legte, der dem männlichen Geist des Helden nicht ganz entsprach“. Wie Wallenstein, gehörten auch Götz, Alba (Egmont), König Philipp, Shrewsbury, Odoardo etc. zu den besten Leistungen Graff's im ernsten Drama. Auch im Lustspiel leistete er vortreffliches: wie spiegelte sich sein heiteres, frohsinniges Gemüth in seiner Darstellung des Pachters Krautmann ("Die beiden Klingsberg"), des Maurer Küper ("Das zugemauerte Fenster"), des Pachters Veit ("Vetter aus Bremen"), mit welcher Noblesse gab er den Grafen Schaalheim im Kamäleon, den Obrist von Buschdorf in der Lästerschule, den Baron Rink in der Schachmaschine und ähnliche Persönlichkeiten der feinen Welt! Neben diesen anerkennenden Thatsachen muß übrigens zur vollständigen Charakterisirung der künstlerischen Individualität Graff's auch angeführt werden, daß man öfters an ihm die Nachtheile der weimarischen Declamationsmanier wahrnahm. Das Aeußere des Künstlers wird u. A. von Gotthardi als imponirend bezeichnet, seine Gestalt war nach dem Zeugniß des Genannten muskulös, „hoheitblickend“, wenn auch nicht gerade auffallend groß, auf seinem vollen Antlitz erkannte man das Walten von Geist. Sein kräftiges mächtiges Organ beherrschte G. vollständig. Der Werth Graff's wurde in Weimar völlig erkannt und man suchte den Künstler so fest als möglich an das Hoftheater zu fesseln und gegen fremde Anerbieten unempfänglich zu machen. So erhielt er bereits 1802 einen „geheimen“ Zuschuß von 104 Thlrn., 1803 eine Pensionsberechtigung von 200 resp. 300 Thlrn. und im selben Jahr einen ungemein günstigen geheimen Kontrakt, den Pasqué a. u. a. O. S. 191—93 abdruckte. So blieb G. dem Hoftheater zu Weimar dauernd erhalten, feierte daselbst am 9. April 1839 sein 50jähriges Künstlerjubiläum und trat erst am 12. Mai 1841 in der Rolle des Abbé de l'Epée ("Taubstumme") von den Brettern zurück unter Fortbezug seines vollen Gehalts und ausgezeichnet durch die Verleihung der goldenen Civilverdienst-Medaille am landesfarbigen Bande.

    • Literatur

      Vgl. außer den zahlreichen Werken etc. über die classische Periode Weimars, in denen auch von G. öfters die Rede, Pasqué, Goethe's Theaterleitung in Weimar, Leipzig 1863, S. 189—194; Gotthardi, Weimarische Theaterbilder aus Goethe's Zeit. Jena und Leipzig 1865, S. 56—63; Genast, Aus dem Tagebuch eines alten Schauspielers, Leipzig 1862—66; Wolff, Almanach für Freunde der Schauspielkunst auf 1840 (V), S. 97—100, ders. auf 1841 (VI), S. 149—151. Jos.

  • Autor/in

    Kürschner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Kürschner, Joseph, "Graff, Johann Jakob" in: Allgemeine Deutsche Biographie 9 (1879), S. 569-570 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116815671.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA