Lebensdaten
1582 bis 1649
Sterbeort
Prag
Beruf/Funktion
böhmischer Staatsmann
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 116810998 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Martinitz, Jaroslav Bořita von (bis 1621)
  • Martinitz, Jaroslaw Borita Graf von
  • Martinitz, Jaroslav Bořita Graf von (korrekte Schreibweise mit Sonderzeichen)
  • mehr

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Martinitz, Jaroslav Borita Graf von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116810998.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Jaroslav Bořita Frhr. v. M. (1552-82), Kämmerer d. Erzhzg. Ernst u. kgl. ungar. Rat. S d. Johann ( 1577), Burggf. v. Karlstein, u. d. Isolde Freiin Berka v. Duba u. Leipa ( 1560): M Johanna Dašická v. Barchov ( 1592);
    Ov Georg Bořita (1546-98), kaiserl. Kämmerer, Hofrichter 1584-85, Oberstlandrichter 1585-97, Oberstkanzler 1597-98, erbte 1571 d. Burg Smečno u. baute sie seit 1597 z. Renaissance-Schloß um, kaufte 1589 v. Andreas Teyfl v. Kinsdorf dessen neuerbautes Palais in Prag auf d. Hradschiner Platz;
    1) 1601 Maria Eusebia ( 1634), T d. Adam Frhr. v. Sternberg ( 1623). Oberstburggf. zu Prag, u. d. Eva v. Lobkowitz, 2) 1635 Elisabeth v. Wrtby ( 1643), 3) 1644 Katharina Ludmilla Talacko v. Ještětic ( 1649), 4) 1649 Alena Barbara Kostomlatská v. Vřesovic ( 1682);
    7 S, 7 T aus 1). u. a. Georg Adam (1602–51), Präs. d. Böhm. Kammer 1628-32, Oberstkanzler d. Kgr. Böhmen 1644-51, GR u. Kämmerer, Rr. d. Goldenen Vlieses, Regierer d. Hauses Smetschna (Smečno) 1649-51, Bernhard Ignaz (s. 2), Maximilian Valentin (1605–77), Oberstlandrichter 1652, Oberstlandkämmerer 1656-58, Obersthofmeister 1658-77, Oberstburggf.;
    E Georg Adam (s. 3).

  • Leben

    Nach Abschluß seiner Studien bei den Jesuiten in Prag unternahm M. 1599/1600 eine Reise nach Italien, wo er sich an den Universitäten in Padua, Siena und Perugia inskribierte. Da er 1598 die Güter seines Onkels Georg erbte, war es ihm möglich, 1599 Rudolf II. 30 000 Taler zu leihen und damit den Grund zu einer vielversprechenden Karriere zulegen: 1603 wurde er kaiserl. Rat, 1609-18 war er Hofmarschall. Daß er von Anfang an der ultrakath. „span.“ Partei um den Oberstkanzler Zdenko v. Lobkowitz nahestand, zeigt auch die kompromißlose Rekatholisierung eigener Untertanen, die bis 1612 praktisch abgeschlossen war. Nach dem Einfall der Passauer Truppen in Prag im Februar 1611 wurde er von den prot. Ständen wegen des Verdachts der Zusammenarbeit mit Erzhzg. Leopold, Bischof von Passau, verhört, konnte sich jedoch noch einmal aus dieser mißlichen Lage befreien.

    1617 schien M.s habsburg. Parteilichkeit belohnt zu werden. Er löste den, für seine illoyale Haltung bei der Annahme Ferdinands II. bestraften Heinrich Matthias v. Thurn im einträglichen Amt des Burggrafen von Karlstein ab, gleichzeitig wurde er in das Statthalterkollegium berufen. In dieser Stellung erlebte er den 23. Mai 1618, der ihn als Held des Prager Fenstersturzes berühmt machte. Tags zuvor hatten die Anführer der prot. Opposition im Smiřický-Haus über den Gewaltakt entschieden und als Opfer M. und Wilhelm Slawata, einen ebenfalls verrufenen Ultrakatholiken, ausgewählt. Bei der Versammlung in der Böhm. Kanzlei im Prager Schloß wurden die beiden der mehrmaligen Verletzung des Majestätsbriefes von 1609, der die Freiheit des Glaubensbekenntnisses sicherstellte, und des falschen Anratens in der Sache des kaiserlichen Schreibens gegen die Protestantentage im März und Mai 1618 angeklagt. Nach dem „Prozeß“ begann die geplante Exekution, wobei die Radikalen M. als ersten aus dem Fenster stürzten, dann auch Slawata und Philipp Fabricius, den Sekretär der Böhm. Kanzlei. Da sein Fall jedoch durch einen steilen Abhang beträchtlich abgeschwächt wurde, konnte M. fast unversehrt ins Haus der Polyxena v. Lobkowitz entkommen, wo er Asyl fand und noch am selben Tag Prag in Verkleidung verließ. Am 30. Mai war er bereits in München. Wahrscheinlich verfaßte er dort seine Schilderung der Prager Ereignisse, die auch Slawata in den 30er Jahren in seinen Memoiren benutzte. Im Januar 1619 übersiedelte M., wie mehrere andere Emigranten auch, nach Passau. Von dort aus trat er konsequent für die militärische und politische Zusammenarbeit mit Maximilian v. Bayern ein. Bis zum Sommer 1622 blieb er im Exil und kritisierte den seiner Meinung nach milden Kurs der kath. Partei in Böhmen.

    Noch 1621 wurde M. in den Reichsgrafenstand erhoben und im Jahr darauf wieder in die alten Ämter eingesetzt. Binnen kurzem kamen neue hinzu: 1623 wurde er Geheimer Rat, 1624 Oberstlandrichter, 1625 Oberstlandkämmerer, schließlich 1628 Obersthofmeister; 1638-49 war er Oberstburggraf. Als Beutemacher benahm sich M. hemmungslos: im Oktober 1622 ließ er sich von der Böhm. Kammer 50 000 rhein. Gulden als Kriegsentschädigung zuerkennen, für 200 000 Schock Groschen wurde ihm 1623 die Stadt Schlan (Slaný) verpfändet (1638 erwarb er sie in Erbeigenschaft). Von dem Familiengut Smetschna (Smečno) und dem städtischen Gut Schlan schuf er Fideikommisse (1633 bzw. 1647). Von anderen Konfiskaten kaufte er 1623 Hagensdorf (Ahníkov) und Brunnersdorf (Prunéřov), 1626 überließ ihm seine Gemahlin Horowitz (Hořovice), durch Austausch erwarb er 1638 Planitz (Plánice) bei Klattau. Darüber hinaus kontrollierte er die wichtigsten Einnahmen der Böhm. Kammer. In den 20er Jahren erweiterte er sein Prager Palais um einen Nordflügel, der den jagellon. Bau des Prager Schlosses proportionell nachahmte und damit seine politischen Ambitionen deutlich erkennen ließ. Seine öffentliche Tätigkeit fand nach 1622 ihren Schwerpunkt im Rekatholisierungsprogramm: 1627 wurde M. zum Oberkommissar der neu errichteten Reformationskommission ernannt, wo er wegen seines Übereifers bald in Streit mit anderen Kommissionsmitgliedern geriet. Als Oberstburggraf griff er in den innerkath. Universitätsstreit zwischen dem Prager Erzbischof Ernst Adalbert v. Harrach und den Jesuiten ein, um sich auf die Seite der letzteren, bzw. die des Kaisers zu stellen: 1641 ließ er das Seminar des Erzbischofs mit Bewaffneten umringen, am 15.3.1643 formulierte er ein Projekt der Union beider Prager Universitäten.

    Als die Schweden im Juli 1648 Prag überrumpelten, wurde M. verwundet und geriet in Gefangenschaft. Seine Bibliothek fiel in die Hände der Feinde, die Korrespondenz hatte er schon früher vernichtet. Im November wieder freigelassen, starb M. im Jahr darauf.

  • Literatur

    ADB 20. |

  • Quellen

    Qu.: J. A. Riegger (Hrsg.), J. B. v. M., Wahrhaffte u. eigentl. Beschreibung alles dessen, so sich vor u. bey Herabstürzung d. Herren Obersten Landoffiziren aus d. Prager Schloß im J. 1618 zugetragen …, in: Archiv f. Gesch. u. Statistik insbes. v. Böhmen, II, 1793, S. 498-537; J. Jireček (Hrsg.), Paměti nejvyššího kancléře Království českého Viléma hraběte Slavaty (1572–1652) od 1608 do 1619, 1868; F. Tischer, Dopisy Viléma hr. Slavaty Jarostavu Bořitovi hr. z Martinic z let 1631-35, in: Sborník historický I, 1883, S. 305-22, II, 1884, S. 32-37, 92-98, III, 1885, S. 193-202, 283-92, 360-64, IV, 1886, S. 352-63; M. Toegel u. a. (Hrsg.), Documenta Bohemica Bellum Tricennale Illustrantia, T. 2, 1972, S. 42-49 (J. B. v. M., Beschreibung d. Böhm. Rebellion in anno 1618); J. Janáček (Hrsg.), Pavel Skála ze Zhoře, Historie Česká. 1984. – Darst.: A. Gindely, Dějiny českého povstání léta 1618, Bd. 1, 1870, S. 196-249; ders., Gesch. d. Dreißigj. Krieges, I. Abt.: Der böhm. Aufstand u. s. Bestrafung, 1882, S. 1-45; A. Rybička, Pan Jaroslav Bořita z Martinic a město jeho Muncifaj v letech 1600-12, in: Zprávy o zasedání Královské české společnosti nauk v Praze 1882, 1883, S. 94-101; A. Rezek, Děje Čech a Moravy za Ferdinanda III, 1891; F. Macháček, Defenestrace pražská z r. 1618, in: Český časopis historický XIV, 1908, S. 197-211, 297-311, 436-51; V. Fiala, “ Slaný v letech 1618-1632, České město za třicetileté války, 1925; M. Volf, Jaroslav Bořita z Martinic po defenestraci, in: Středočeský sbornik historický VII, 1972, S. 76-90; ders., Obnovení nejvyšších zemských úřadů po Bílé Hoře, in: Sborník archivních prací XXVII, 1977, bes. S. 42 f.; J. Petrán. Staroměstská exekuce, 21985, S. 153-79; Hrady zámky a tvrze v Čechách. na Moravě a ve Slezsku, Severní Čechy, 1984, S. 428, 576 f.; Hdb. d. Gesch. d. böhm. Länder, hrsg. v. K. Bosl, II, 1974, S. 662 (Register); Biogr. Lex. z. Gesch. d. böhm. Länder 2, 1984, S. 588 f.

  • Portraits

    Ölgem. v. B. Sarburg, um 1620 (Prag, Nat.gal.): Gem. v. unbek. Maler, nach 1620 (Teltsch, Staatsschloß);
    Gem. v. unbek. Maler, nach 1649 (früher Prag, Martinitz-Kapelle im Veitsdom, seit 1873 Schlan, Kirche d. Allerheiligsten Dreifaltigkeit);
    Kupf. v. J. Fr. Leonhard (Prag, Nat. gal., Graph. Slg., Nat.mus., Hist. Mus.);
    Kupf. v. M. Bernigeroth (Dresden, Kupf.kab).

  • Autor/in

    Zdeněk Hojda
  • Empfohlene Zitierweise

    Hojda, Zdenek, "Martinitz, Jaroslav Borita Graf von" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 302-303 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116810998.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Martinitz: Jaroslaw Borita Herr, später Graf von M., der oftgenannte Genosse Wilhelm von Slawata's beim Prager Fenstersturz, gehörte einer seit dem 13. Jahrhundert in Böhmen begüterten Familie an, deren Ursprung man mit den schlesischen Grafen von Stoß in Verbindung gebracht hat. Vom 15. bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts führte jeder Martinitz den Taufnamen Borita nach einem Ahnen, mit welchem die nachweisbare fortlaufende Reihe der Herren v. M. beginnt. Heinrich v. M. stiftete im Anfange des 16. Jahrhunderts ein Fideicommiß aus den Herrschaften Smečno und Okoř, das an seine Vettern, mit denen er im Mitbesitz des Familiengrundbesitzes stand, überging, da er selbst kinderlos war. Er nahm als Oberstlandrichter und Vicegraf eine hervorragende Stellung unter den böhmischen Magnaten ein, mit ihm beginnt der Aufschwung des Hauses, welcher unter Jaroslaw den Höhepunkt seiner Macht und seines Einflusses erreichte. Dessen Vater, ebenfalls Jaroslaw mit Namen, war königl. ungarischer Rath und Kämmerer des Erzherzogs Ernst gewesen, sein Oheim Georg Bořita kaiserl. Geheimrath und oberster Kanzler des Königreichs Böhmen. Als dieser 1598 starb, hinterließ er dem jungen M. ein sehr ansehnliches Baarvermögen, welches ihn in den Stand setzte, dem geldbedürftigen Kaiser Rudolf II. mit einer Summe von 100 000 Gulden aushelfen zu können, ein Verdienst, welches eine vortreffliche Grundlage für eine glänzende Carrière im Hof- und Staatsdienste gewährte. M. machte die übliche Studienreise nach Italien, hielt sich längere Zeit in Siena auf und erwirkte beim Papst Clemens VIII. besondere Privilegien für einen in der Domkirche zu Prag von seinem Hause gestifteten Altar. Seine strengkatholische Richtung bekundete M. als Hauptmann des Schlaner Kreises, wozu er bald nach seiner Rückkehr von Italien ernannt worden war. Er wollte die freie Religionsübung in Schlan gewaltsam verhindern und erregte dadurch den lebhaftesten Widerstand, der zu mannigfachen Beschwerden Anlaß gab. Kaiser Rudolf machte ihn 1603 zu seinem Rathe, 1609 zum Hofmarschall und zum Beisitzer des Landgerichtes. Seit der Erlassung des Majestätsbriefes stand M. in lebhafter Correspondenz mit Slawata und dieser mag auch Wohl den Anstoß gegeben haben, daß M. bei Gelegenheit des Krönungslandtages 1617 als Candidat für die Stelle eines Burggrafen von Karlstein aufgestellt wurde, mit welcher ein jährliches Einkommen von 8000 Thalern verbunden war. Visher hatte Mathias Thurn diese Stelle bekleidet, man wollte seine antidynastischen Bestrebungen jedoch bestrafen und fand ein Mittel, ihm Schaden und Hohn zugleich zuzuwenden, indem man ihn unter dem Vorwande der Beförderung der schönen Bezüge beraubte. Als Thurn bei der Vorstellung der Kronbeamten am 5. Octbr. 1617 die Erklärung abgab, er wünschte sein Amt zu behalten, verzichtete auch M. auf seine Beförderung, wenn Thurn's Wunsch erfüllt werde. Wie schon früher abgekartet, hielt Mathias jedoch seinen Entschluß aufrecht und wurde der Günstling Slawata's und des Kaisers Burggraf von Karlstein. Als solcher machte er sich zunächst durch seine katholische Propaganda bemerkbar. Er erließ ein Mandat, in welchem er den Bauern auf den burggräflichen Gütern befahl, in den herannahenden Ostern (1618) das Abendmahl in katholischer Weise zu empfangen, widrigenfalls sie zum Verkaufe ihrer Güter gezwungen werden würden. Das Mandat fand selbst bei den katholischen Statthaltern des Kaisers nicht allgemeine Billigung, der Obersthofmeister Adam von Waldstein erklärte es als eine directe Verletzung des Majestätsbriefes. Daß es unter den Beschwerden der Protestanten eine hervorragende Rolle spielte, ist kaum zu erwähnen nöthig. Der Antheil, welchen M. an der Action der kaiserlichen Statthalter gegenüber den beiden Protestantentagen im März und Mai 1618 nahm, läßt sich nicht genau feststellen, es dürfte von den Thatsachen kaum abweichen, wenn wir behaupten, daß sich seine Ansichten von denen Slawata's niemals weit entfernt haben. So viel steht jedenfalls fest, daß nicht alle Vorwürfe, welche von der Opposition gegen diese beiden erhoben wurden, volle Berechtigung hatten, so rührte z. B. das Schreiben des Kaisers, welches die Antwort auf die Eingabe des ersten Protestantentages enthielt, nicht von Martinitz und Slawata, sondern von Khlesel selbst her. — Bei dem Acte, durch welchen die Führer der Opposition die offene Rebellion hervorriefen, beim Fenstersturze vom 23. Mai, wurden die beiden Gesinnungsgenossen M. und Slawata solidarisch für die Verfassungsverletzungen verantwortlich gemacht, sie waren auch schon vorher als die Opfer der Lynchjustiz bezeichnet gewesen. Graf Schlick rief ihnen zu: „Habt ihr nicht den edlen und tapferen Grafen von Thurn um sein Amt als Burggraf von Karlstein gebracht und hat nicht M. gegen das Gesetz des Landes sich in das Amt eingedrängt?“ Da konnte man merken, wo der Pfeil am tiefsten gesessen und daß das persönliche Rachegefühl Thurn's an seinem politischen Auftreten nicht unbetheiligt war. M. suchte sein Vorgehen auf den Gütern des Burggrafenamtes zu rechtfertigen, dasselbe gehe Niemanden etwas an, er habe sich nur gesetzlicher Mittel bedient. Er nahm jedoch bald wahr, daß man seiner Vertheidigung wenig Bedeutung beilegte und trachtete seinen Schwiegervater, den Oberstburggrafen Adam von Sternberg, der nebst dem Grandprior des Malteserordens Diepold von Lobkowitz in der Rathsstube anwesend war, in derselben zurückzuhalten, da er hoffte, daß dessen Ansehen und Beliebtheit auch ihn retten könnte. Als jedoch Sternberg und Lobkowitz von ihren Freunden hinausgedrängt worden waren, begann sofort die geplante Execution. Wilhelm von Lobkowitz packte M. zuerst und hielt ihm die Hände rückwärts zusammen, dann kamen andere herzu und warfen ihn, wahrscheinlich fast gleichzeitig mit Slawata zum Fenster hinaus. Im Falle rief M.: „Jesus Maria!“ worauf Kinsky höhnte: „Nun werden wir sehen, ob ihm|seine Maria hilft?“ Als er jedoch, den Unglücklichen nachsehend, bemerkte daß M. sehr bald wieder auf den Füßen stand, sobald er im Schloßgraben ausgefallen war, soll er in die Worte ausgebrochen sein: „Bei Gott, sie hat ihm geholfen!“ M. hatte fast gar keinen Schaden genommen und kam zuerst dem Oberstlandrichter zu Hülfe, dem das in den Mund rinnende Blut den Athem benahm. Von drei Kugeln, die ihm nachgeschickt wurden, zerriß ihm die eine das Halstuch, die zweite durchbohrte die Kleidung, die dritte verwundete ihn ganz unbedeutend am Arme. M. rief: „Guter Gott, so willst du mich unverwundbar und unsterblich machen?“ Dann stieg er, von seinem Diener unterstützt, über eine Leiter in das Haus der Polixena Lobkowitz, woselbst bald darauf auch Slawata untergebracht wurde, begab sich dann in sein Haus und floh noch an demselben Abend in der Kleidung eines Mannes aus dem Volke, in Begleitung eines Arztes über Tachau in die Oberpfalz, kehrte auch dort nur in Klöstern ein und fühlte sich erst in München vollkommen sicher, wo ihn Herzog Maximilian aufs Beste aufnahm und ihm im Hause Tilly's Wohnung gab. Er blieb in München, ließ Frau und Kinder dahin nachkommen und vertrat als außerordentlicher Agent den Wiener Hof in den diplomatischen Unterhandlungen mit dem bairischen Herzoge. Nachdem dieser seinen Kriegszug gegen die böhmischen Rebellen beendet hatte und als 1621 der Gerichtshof zusammengestellt werden mußte, der den Proceß gegen die gefangenen Hochverräther zu führen hatte, weigerte sich M. ebenso wie Sternberg und Slawata, demselben anzugehören und wartete mit seinem Schwiegervater in Passau die Austragung der Strafverhandlung und die Execution ab. Noch 1621 aber trat er sein Amt als Burggraf von Karlstein wieder an, wurde 1624 Oberstlandrichter, 1625 Oberstlandkämmerer. 1628 Obersthofmeister von Böhmen und 1638 Oberstburggraf von Prag. Die Erhebung in den Reichsgrafenstand (1621), die Verleihung des Palatinates und des Titels „Regierer des Hauses Smečno“ vervollständigten die Reihe der Gnadenbezeugungen, mit welchen Ferdinand II. die Anhänglichkeit an die Dynastie und die katholische Sache belohnte, deren Märtyrer M. zu werden bestimmt gewesen war. In der höheren Politik hat sich M. nicht mehr bemerkbar gemacht, seine Thätigkeit blieb auf die Verwaltung des Landes Böhmen beschränkt. Er erlebte noch die schwedische Invasion von Prag 1648, wurde verwundet und gefangen und starb am 11. Novbr. 1649. Nachkommen hatte er nur von seiner zweiten Gemahlin Maria Eusebia von Sternberg, die drei Ehen, welche er nach deren Tode noch schloß, blieben kinderlos.

    Gindely, Gesch. d. 30jährigen Krieges, Bd. 1—4. — Zedler, Univers.-Lex. Bd. XIX. — Wurzbach. Biogr. Lex. d. Kaiserth. Oesterreich. 17. Theil. — Jos. Jireček, Paměti Viléma hraběte Slavaty (Denkwürdigkeiten des Grafen Wilh. Slawata 1608—1619, 2 Bde.). — Der Wortlaut des Relig. Mandates für das Burggrafenamt Karlstein im sächs. Staatsarchiv und im Wiener Staatsarchiv. Miscell. Ber. 24. März 1618.

    Georg Adam Graf von M., gehörte zu den namhaftesten österreichischen Diplomaten unter Leopold I. und Josef I. Er urgirte die Türkenhülfe 1682 bei den italienischen Höfen, namentlich bei Papst Innocenz XI., 1696 vertrat er in einer besonderen Mission die Rechte der Kaiserin gegenüber Innocenz XII. 1707 leitete er, von General Dann und 8000 Mann begleitet, die Expedition nach Neapel und hielt daselbst im Juli d. J. seinen Einzug als Vicekönig. Er starb am 24. Juli 1714 in Prag am Schlagflusse.

  • Autor/in

    H. v. Zwiedineck-Südenhorst.
  • Empfohlene Zitierweise

    Zwiedineck von Südenhorst, Hans, "Martinitz, Jaroslav Borita Graf von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 20 (1884), S. 515-517 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116810998.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA