• Genealogie

    Aus thür. Handwerkerfam.;
    V Joh. Gottlob (* 1763), Hutmachermeister, S d. Strumpfwirkermeisters Joh. Gottlob in B. u. d. Dor. Sophia Sattler;
    M Joh. Elsabetha Charl. (1769–1823), T d. Tischlermeisters Frdr. Aug. Müller u. d. Christiane Charl. Hesse;
    1) 1825 Charl. Theodore Auguste Kalbitz ( 1842), 2) 1843 Johanne Schroeter;
    1 S, 3 T aus 1), 4 S aus 2).

  • Leben

    Nach dem Besuch der lateinischen Stadtschule in Buttstädt und des Gymnasiums in Weimar studierte G. 1820-23 in Jena Theologie und einige Schulfächer, vor allem Mathematik. 1823 wurde er Hilfsgeistlicher und Hilfslehrer in Weimar, 1825 Rektor der Bürgerschule in Jena und 1840 im Nebenamt außerordentlicher Professor der Pädagogik an der dortigen Universität, 1842 Rektor der Bürgerschale in Kassel. 1848|-50 war er Landtagsabgeordneter in Hessen und wurde 1849 Mitglied der obersten Schulbehörde des Ministeriums Eberhard. Nach dem Erscheinen seiner Schrift „Der Verfassungskampf in Kurhessen“ (1851) wurde er 1852 zu 1 Jahr Festungshaft verurteilt. Danach ging er 1853 als Lehrer an die Erziehungsanstalt Rödiger in Genf und wurde 1855 Rektor der Bürgerschule in Bremen, die er bis zu seinem Tode geleitet hat.

    G. war zu seiner Zeit einer der führenden Schulmänner Deutschlands, der in seiner pädagogischen Grundauffassung von Johann Baptist Graser und dessen „Glauben an die divinen Aufgaben des Menschengeschlechts“ herkam und seit 1823 eine fruchtbare, auf die Erziehungspraxis gerichtete Schriftstellerei in von ihm redigierten Zeitschriften (Archiv für praktisches Volksschulwesen, 1828–35; Neue allgemeine Schulzeitung, 1834 und 1835), pädagogischen Jahrbüchern (Jahrbuch der deutschen pädagogischen Literatur, 1831 und 1832) und zahlreichen Büchern entfaltete, in denen er alle Fragen des Schulrechts, der Schulaufsicht, der Schulzucht und der Organisation der Volksschule und des Unterrichts behandelte. Besondere Verdienste erwarb er sich um die Entwicklung des Realschulwesens, wie er auch seit 1845 eine jährliche Versammlung deutscher Realschulmänner ins Leben rief. Er betonte ein positiv-christliches Erziehungsideal, „selbsttätig im Sinne und Geiste des Erlösers zu leben“, hielt aber eine Herrschaft der Geistlichkeit über die Volksschule durch die Entwicklung für überholt. Geistesgeschichtlich nahm er daher eine Mittelstellung zwischen dem rationalistischen Aufklärertum eines Diesterweg und dem mystisch-romantischen Christentum eines Fröbel ein.

  • Werke

    Weitere W Schulrecht od. d. Rechtsverhältnis d. Volksschule nach innen u. außen, nach d. Grundsätzen d. Vernunft dargest., 1829;
    Über Schulreform, mit bes. Rücksicht auf d. Kgr. Sachsen, 1834;
    Allg. Päd., 3 Bde., 1845;
    Die dt. Volksschule od. d. Bürger- u. Landschule nach d. Gesamtheit ihrer Verhältnisse, ein Hdb. f. Lehrer u. Schulaufseher, 2 Bde., 1846 f., 3. Aufl., hrsg. v. J. Ch. G. Schumann, 3 Bde., 1877–79. - Verz. in: Zur Erinnerung an Prof. Dr. H. G., ein Gedenkbl. f. s. Freunde, 1868.

  • Literatur

    ADB IX;
    K. A. F. Knabe, Vorgesch. u. Entwicklung d. Oberrealschule zu Kassel, 1893;
    A. Reiche, Die Entwicklung d. Realschulwesens in Bremen, 1905;
    W. Zenz, F. Frank, E. Siegert, Gesch. d. Päd., 1910 (P);
    Brem. Biogr. d. neunzehnten Jh., 1912;
    L. Bröer, G.s Erziehungslehre, 1923;
    K. A. Leimbach, in: Lb. aus Kurhessen u. Waldeck II, 1940, S. 168-75 (W, L);
    H. Wulff, Gesch. u. Gesicht d. brem. Lehrerschaft I, 1950.

  • Autor/in

    Hinrich Wulff
  • Empfohlene Zitierweise

    Wulff, Hinrich, "Gräfe, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 711 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116809140.html#ndbcontent

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  • Leben

    Gräfe: Heinrich G., Pädagog und Schulmann, geboren am 3. März 1802 in Buttstädt im Großherzogthum Weimar, gestorben am 22. Juli 1868. Nachdem er auf der lateinischen Stadtschule seiner Vaterstadt die nöthige Vorbildung erlangt hatte, besuchte er das Gymnasium in Weimar, an dem damals Männer, wie Riemer und Hand, eine ersprießliche Thätigkeit entwickelten. Bei der Aermlichkeit seiner Lage war G. schon frühzeitig auf Privatunterricht und Abschreiben angewiesen. Im J. 1820 bezog er die Universität Jena, wo er sich anfänglich mit Vorliebe den mathematischen Studien zuwandte, später ging er zur Theologie über, weil er dadurch sicherer in ein Schulamt zu gelangen hoffte. Schon 1823 bestand er die Candidatenprüfung in Weimar. Er wurde Hülfsgeistlicher und Hülfslehrer für die unteren Klassen des Gymnasiums. Bereits 1825 wurde dem strebsamen jungen Manne das Rectorat der Stadtschule in Jena anvertraut. Hier bewährte er sich nach allen Seiten hin als einen Mann, der die pädagogischen Bedürfnisse der Gegenwart wol zu beurtheilen verstand. Deshalb wurde von der Schulbehörde Gräfe's Rath in wichtigen Schulfragen öfter begehrt. Die Ergebnisse einer Reise, die er am Schlusse der dreißiger Jahre im Auftrage des Oberconsistoriums unternommen, um darüber zu berichten, was sich in den verschiedenen Städten des Landes zur Hebung der Volksbildung thun lasse, mußte er Anderen zur praktischen Ausführung überlassen, denn er folgte 1842 einem Rufe nach Kassel als Rector der Bürgerschule, aber mit dem Auftrage, eine Realschule ins Leben zu rufen. Durch mannichsache Schriften: „Die deutsche Schule", „Neue allgemeine Schulzeitung", „Archiv für Pädagogik und praktisches Volksschulwesen“, „Das Schulrecht“ etc. hatte sich G. einen geachteten Namen als Pädagog erworben. Im J. 1840 war er zum außerordentlichen Professor der Pädagogik an der Universität Jena ernannt worden und hielt als solcher nach Brzoska's Tode Vorträge über Pädagogik. Diese Vorträge bildeten die Grundlage zu der 1845 in Leipzig erschienenen „Allgemeinen Pädagogik“ und zu der 1847 in 3 Theilen herausgegebenen Schrift „Die deutsche Volksschule“. 1849 gewann er in Kassel als Mitglied der obersten Schulbehörde das Ministerium Eberhard für eine wesentliche Erhöhung des Minimalgehaltes der Lehrer. Sein tiefes Interesse für Hebung der Schulen veranlaßte ihn, ein Mandat als Landtagsabgeordneter in der hessischen Kammer anzunehmen. Um diese Zeit beginnen die Kämpfe, welche G. dem Ministerium Hassenpflug gegenüber zu bestehen hatte. Seine Schrift „Der Verfassungskampf in Kurhessen“ wurde die Veranlassung, daß er zur Untersuchung gezogen und am 19. Februar 1852 von dem Kriegsgericht wegen seiner Thätigkeit im landständischen Ausschusse und wegen seines Buches „Der Verfassungskampf etc.“ zu einjähriger Festungsstrafe verurtheilt und ihm auch das Recht abgesprochen wurde, die kurhessische Nationalkokarde zu tragen. Mit diesem Urtheile war der Verlust seines Amtes verbunden. Nachdem er auf der alten Festung Spangenberg seine Strafe abgebüßt hatte und zu den Seinen zurückgekehrt war, zog er sich durch eine unwillige Erwiederung auf eine ungeschickte Zeitungscorrespondenz in einem hannover'schen Blatte, die fälschlich von Begnadigung geredet hatte, von neuem Unannehmlichkeiten zu. Es stand eine Anklage auf Majestätsbeleidigung in Aussicht. Da riethen die Freunde — er war auf einer Reise in Thüringen begriffen — den hessischen Boden nicht wieder zu betreten. G. ging in die Schweiz, um in Genf als Lehrer in die Erziehungsanstalt Rödiger's einzutreten und dann, wenn er sich gehörig orientirt, selbst ein neues Institut zu gründen. Nicht leicht wurde es dem tüchtigen Manne unter schwierigen Verhältnissen für seine zahlreiche Familie zu sorgen. Daher war es ihm|erwünscht, als er Michaelis 1855 einem Rufe als Rector der Bürgerschule nach Bremen folgen konnte. Hier hat er die letzten Jahre seines Lebens, von Allen, die ihn kannten, hochgeachtet, eine segensreiche Wirksamkeit entfaltet. Außer den genannten Werken hat G. eine sehr große Anzahl von Schriften, welche dem geometrischen, dem arithmetischen, dem naturwissenschaftlichen und sprachlichen Unterrichte zu dienen bestimmt sind, veröffentlicht. Viele pädagogische Zeitschriften hat er herausgegeben, an vielen hat er mitgearbeitet. In der „Geschichte der Pädagogik von Pestalozzi bis zur Gegenwart“ von Dr. Karl Schmidt nimmt er in seinen pädagogischen Anschauungen eine Mittelstellung zwischen Harnisch und Diesterweg einerseits und Fr. Fröbel andererseits ein. Um die Organisation des Volks-, Bürger- und Realschulwesens hat er sich große Verdienste erworben. In allen Lebenslagen war er ein ehrenhafter, tüchtiger Mann.

    • Literatur

      Vgl. Dr. Karl Schmidt's Pädagogik Bd. 4 S. 253 flg. Zur Erinnerung an Prof. Dr. Heinr. Gräfe. Ein Gedenkblatt für seine Freunde. Danzig 1868.

  • Autor/in

    Lothholz.
  • Empfohlene Zitierweise

    Lothholz, "Gräfe, Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 9 (1879), S. 556-557 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116809140.html#adbcontent

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