Lebensdaten
1877 bis 1963
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Jerusalem
Beruf/Funktion
Sexualwissenschaftler
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 11676791X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Marcuse, Max

Quellen(nachweise)

Porträt(nachweise)

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der NDB Genealogie
Personen im NDB Artikel

Verknüpfungen auf die Person andernorts

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Marcuse, Max, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11676791X.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Karl, Kaufm. in B.;
    M Johanna Labus;
    1) 1905 Frida Kohls, 2) 1936 N. N.;
    2 S aus 1), u. a. Jochanaan Meroz (* 1920), Botschafter Israels in Frankreich, d. Bundesrep. Dtld. u. d. Schweiz (s. BHdE I), 1 S aus 2).

  • Leben

    Nach dem Medizinstudium in Berlin, Würzburg und Freiburg i. Br. promovierte M. 1901 in Berlin mit der Dissertation „Zur Kenntnis der Hauthörner“ zum Dr. med. Seine Assistentenzeit absolvierte er bis 1903 an den Hautkliniken von Berlin, Bern und Frankfurt a. M. Anschließend ließ er sich in Berlin als Facharzt für Sexualstörungen nieder. Während des 1. Weltkriegs war er Stabsarzt in einem Reservelazarett. M. war neben Iwan Bloch, Magnus Hirschfeld, Albert Moll und Hermann Rohleder einer der Begründer der Sexualwissenschaft. Ende 1904 wurde er Geschäftsführer des kurz zuvor gegründeten „Bundes für Mutterschutz“, von dem er sich 1907 aufgrund interner Meinungsverschiedenheiten trennte. 1913 wurde M. Gründungs- und Vorstandsmitglied der „Internationalen Gesellschaft für Sexualforschung“. Seit 1919 war er für die Redaktion, seit 1929 auch für die Herausgabe der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft“ verantwortlich. Sie war das bedeutendste Mitteilungsblatt des jungen Faches. Gleichzeitig publizierte er 1918-31 die „Abhandlungen aus dem Gebiete der Sexualforschung“.

    Ausgehend von der Annahme, daß Sexualität sämtliche Lebensäußerungen des Menschen beeinflusse, verstand M., ähnlich wie Iwan Bloch, die Sexualwissenschaft nicht als medizinisches Spezialfach, sondern als fächerübergreifende Aufgabe. Sein Interesse galt vor allem den Sexualstörungen sowie den Änderungen im generativen und Sexualverhalten, die er nicht nur im Hinblick auf ihre gesundheitlichen Auswirkungen für das Individuum, sondern auch auf ihre gesamtgesellschaftlichen Folgen analysierte. Neben den organischen Ursachen legte er dabei besonderes Gewicht auf die psychischen Faktoren, was den Einfluß Sigmund Freuds verrät. Sexuelle Abstinenz, Präventiwerkehr, Klimakterium bei Frau und Mann, Inzest, Verwandtenehe und Mischehe|waren die bevorzugten Gegenstände seiner Untersuchungen.

    In der Anfangsphase zeigte die Sexualwissenschaft deutliche Sympathien für die Eugenik, die auch bei M. ausgeprägt vorhanden waren. Er akzeptierte die Grundlagen eugenischen Denkens wie das Selektionsprinzip, die biologische Höher- und Minderwertigkeit und die Möglichkeit zielgerichteter Fortpflanzung, lehnte aber eine Verknüpfung von Eugenik und Rassendenken strikt ab. Dem Rassenantisemitismus versuchte er zu begegnen, indem er jede Möglichkeit bestritt, einen rassischen Qualitätsunterschied zwischen Juden und Nichtjuden wissenschaftlich begründen zu können. Aufgrund nahezu gleicher Auslesebedingungen gebe es keinen Rassengegensatz zwischen Juden und Nichtjuden. Entscheidend für die Volkszugehörigkeit sei nicht das rassische Profil, sondern das geschichtliche, politische und kulturelle Gemeinschaftsgefühl, der „Staats-, Vaterlands- und Menschheitsgedanke“. Aus diesem Grunde seien die deutschen Juden Teil des deutschen Volkes. Der jüdische Typus sei weniger durch die Rasse als durch das Milieu geprägt, das Bewußtsein gemeinsam erlittener Verfolgung. Sie setze schwere psychische Traumen, die dann als jüdische Rassenmerkmale gedeutet würden.

    M. emigrierte im Sommer 1933 nach Palästina. Die Flucht bedeutete für ihn nicht nur das Verlassen der angestammten Heimat, sondern auch das Ende seines mit den politischideologischen und sozialen Verhältnissen Deutschlands eng verflochtenen wissenschaftlichen Lebenswerks. Er eröffnete in Tel-Aviv eine Praxis für Sexologie, in der er bis ins hohe Alter tätig war.

  • Werke

    Unehel. Mütter, 1904, 61906;
    Die Gefahren d. sexuellen Abstinenz f. d. Gesundheit, 1910;
    Die christl.-jüd. Mischehe, in: Sexual-Probleme 8, 1912, S. 691-749;
    Vom Inzest, 1915;
    Wandlungen d. Fortpflanzungs-Gedankens u. -
    Willens, 1918;
    Der ehel. Präventiwerkehr, seine Ursachen, Verbreitung u. Methodik, 1918, 21931;
    ABC-Führer durch Sexualität u. Erotik, 1962. -
    Hrsg.: Hdwb. d. Sexualwiss., 1923, 21926;
    Die Ehe, ihre Physiologie, Psychologie, Hygiene u. Eugenik, 1927.

  • Literatur

    A. Grinstein, The Index of Psychoanalytic Writings, Bd. 3, 1958;
    B. Nowacki, Der Bund f. Mutterschutz 1905–33, 1983;
    T. Mayer, Der Sexologe M. M. 1877-1963, med. Diss. 1987 (P);
    Fischer;
    Rhdb. (P);
    BHdE II.

  • Autor/in

    Georg Lilienthal
  • Empfohlene Zitierweise

    Lilienthal, Georg, "Marcuse, Max" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 141 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11676791X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA