Lebensdaten
1819 bis 1877
Geburtsort
Waltershausen (Thüringen)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Verlagsbuchhändler
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 116698918 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hempel, Karl Gustav
  • Hempel, Gustav
  • Hempel, Karl Gustav

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Zitierweise

Hempel, Gustav, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116698918.html [18.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Daniel (1780–1849), Schuhmachermeister u. Materialwarenhändler in W., S d. Joh. David, Schuhmachermeister in W., u. d. Anna Cath. Schoner;
    M Joh. Rebecca (1797–1879), T d. Joh. Balthasar Ullrich (1765–1833), Tüncher- u. Ziegeldeckermeister in W. u. d. Joh. Ottilie Reinhardt;
    Ov David, Mitgl. d. Musikkapelle u. Stabstrompeter d. Vizekg. Mehemed Ali v. Ägypten in Kairo;
    - 1851 Bertha (1820–87), T d. Kaufm. Karl Müller in B.;
    3 S, 2 T, u. a. Paul (1852–97), Mitbes. d. „Tägl. Rdsch.“, Meta ( Hans Otto Grandke, 1835–1901, preuß. Wirkl. Geh. Oberfinanzrat u. Ministerialdir. im Finanzmin.).

  • Leben

    H. erhielt Privatunterricht bei dem Waltershäuser Superintendenten Jacobi und lernte nebenher Latein und Französisch. Nach gründlicher Lehrzeit bei Wellers Buchhandlung in Bautzen und mehrjähriger Tätigkeit in Krefeld trat er 1840 in Carl Heymanns Verlag in Berlin ein, wo er in wenigen Jahren eine führende Stellung errang. Nach freundschaftlicher Trennung von Heymann gründete er 1846 in Berlin den Verlag Gustav Hempel. Bekannt wurde H. 1849 durch seine Berichterstattung im politischen Sensationsprozeß gegen den preußisch Obertribunalrat Franz Leo Benedikt Waldeck; H. bediente sich hier als erster stenographischer Protokolle und gab die Resultate der Gerichtssitzungen sofort in Extrablättern heraus. Der Erfolg dieser Extrablätter machte ihn in kurzer Zeit zu einem relativ wohlhabenden Mann. Er konnte nun daran gehen, seinem Verlag ein persönliches Gesicht zu geben.

    Nach Verlag der Erstmonographien der mittelamerikan. Republiken Nicaragua und Costa Rica in deutscher Sprache und einiger Schulbücher wandte sich H.s verlegerisches Interesse vorzugsweise den Naturwissenschaften zu. Die Werke von Dr. W. F. A. Zimmermann (Pseudonym für Carl Gottfried Wilhelm Vollmer), wie „Wunder der Urwelt“, „Malerische Länder- und Völkerkunde“, „Chemie für Laien“, und A. Bernsteins „Naturwissenschaftliche Volksbücher“, die wesentlich zur Popularisierung der Naturwissenschaften in Deutschland beigetragen haben, erzielten dank H.s intensiver und neuartiger Werbung hohe Auflagen. 1870 übernahm H. aus dem Verlag von G. Weise in Stuttgart auch J. J. von Littrows „Wunder des Himmels“ (1834). Dieses gemeinverständliche Werk über Himmelskunde wurde durch H.s geschickte Werbung das verbreiteste und erfolgreichste astronomische Buch, das je in einer Weltsprache erschien; noch 86 Jahre nach H.s Tod ist es neu aufgelegt worden.

    Anfang der 1860er Jahre wandte sich H. dem Projekt zu, das ihm dauernden Nachruhm sichern sollte. Die Cotta und einigen anderen Buchhändlern erteilten Privilegien zum Alleinverlag deutscher Klassiker erloschen am 9.11.1867, sofern der Autor vor dem 9.11.1837 verstorben war. H. faßte den kühnen Plan einer textkritischen Gesamtausgabe aller deutscher Klassiker, die gleichzeitig so wohlfeil sein sollte, daß sie breitesten Schichten des Volkes zugänglich gemacht werden konnte. Es gelang ihm, das Riesenprojekt von 1867-77 als „Nationalbibliothek sämmtlicher deutschen Classiker“ in 246 Bänden zu verwirklichen. Kurz vor dem Abschluß erlag H. einem schweren Herzleiden. Cotta und seine Freunde, der Inhaber der „Gartenlaube“, Ernst Keil, und der Redakteur des Buchhändler-Börsenblattes, Julius Krauß, leisteten dem Vorhaben H.s erbitterten Widerstand. Mit Carl Cotta kam es zu einem berühmten Musterprozeß über die Gedichte Lenaus, den H. 1870 nach fast 3 Jahren vor dem preußisch Kammergericht gewann.

    Die textkritische Bearbeitung der Klassiker ist zu einem wesentlichen Teil H.s eigenes Werk; der Goetheforscher und Verlagsbuchhändler Salomon Hirzel hat der H.schen Goethe-Ausgabe besondere Sorgfalt und hohen Wert nachgerühmt. Die Nationalbibliothek ging 1900 an Dr. Jolowicz als Inhaber der Firma Gustav Fock über und wurde von diesem an das Verlagshaus Bong & Co. weiterverkauft. Als „Goldene Klassiker-Bibliothek“ erlebte sie kurz vor dem 1. Weltkrieg noch eine Neuauflage unter ausdrücklichem Hinweis auf H. als Quelle.

    H. war auch Mitbegründer des Verlages Paul Parey. Er veranlaßte seinen Jugendfreund Wiegandt, 1862 mit H.s Geld ein land- und fortswirtschaftlichen Belangen gewidmetes Verlagsunternehmen zu gründen, dessen Teilhaber er wurde. Nach Wiegandts Tode nahm H. den damals 25jährigen Paul Parey als Teilhaber auf. Nach H.s Tode kaufte Parey 1877 dessen Anteil. H.s eigener Verlag ging 1877 an Hugo Bernstein über, der 1886 auch Ferdinand Dümmlers Verlag gekauft hat und beide Verlage am 1.1.1887 unter dem Namen des älteren Dümmlerschen Verlages verschmolz. – H. war 1851 Mitbegründer der Korporation Berliner Buchhändler und in jungen Jahren Vorsteher des Berliner Buchhändlergehilfen-Verbandes.

  • Literatur

    ADB XI;
    E. Sabell, G. H., 1877, Neudr. in Archiv f. Gesch. d. Buchwesens IV, 1963, Sp. 359-452 (mit Vorrede v. A. Brauer Sp. 349-58);
    A. Brauer, in: Dümmler-Chronik, 1958, S. 124-79. -Briefe im Bes. d. Ur-E W. v. Christen, Bad Wildungen.

  • Portraits

    Bildnis im Heimatmus. Waltershausen, danach Ölbild v. A. Bernert im Archiv d. Verlags Ferd. Dümmler in Bonn.

  • Autor/in

    Adalbert Brauer
  • Empfohlene Zitierweise

    Brauer, Adalbert, "Hempel, Gustav" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 512-513 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116698918.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hempel: Gustav H., Verlagsbuchhändler, wurde am 9. Januar 1819 zu Waltershausen bei Gotha geboren. Seine Eltern waren schlichte Bürgersleute von einfacher wackerer thüringischer Art. Er verlor seinen Vater sehr frühe, während die Mutter den Sohn überlebte. Da dem Vater die Schule in Waltershausen für seinen Sohn nicht genügte, ward derselbe bis zu seinem 14. Lebensjahre durch Privatunterricht gebildet. Dann trat er als Lehrling (1833) in die damals blühende Weller'sche Buchhandlung in Bautzen ein und zwar ging er wohlgemuth zu Fuß nach seinem neuen Bestimmungsorte, weil er für die einzige Fahrgelegenheit, die Post, das nöthige Geld nicht auftreiben konnte. Sein Lehrherr, Magister Weller, war ein sehr strenger und genauer Mann, er hatte dadurch eine schwere, aber sehr lehrreiche Lehrzeit auszuhalten. Er mußte den Laden und das Comptoir reinigen, die Packete austragen, Bindfaden ab- und anknüpfen und auch die Siegel der Briefe sorgsam ausschneiden und im Lichte zusammenschmelzen, um den eigenen Bedarf an Siegellack zu den Versendungen zu decken. Daneben lernte er aber alle Branchen des Geschäftes tüchtig kennen. Er blieb bis zum Tode seines Principals, nachdem er unterdessen ausgelernt hatte, als Gehülfe in dem Geschäfte. — Dann ging er 1837 nach Crefeld, um in die Buchhandlung von C. M. Schüller als Gehülfe einzutreten. Auch diesen Weg machte er über Waltershausen zu Fuß, wenn gleich jetzt nicht mehr aus Mangel an Mitteln. Nach Ablauf von zwei Jahren fühlte H. das Bedürfniß sich weiter in der Welt und in seinem Berufe umzusehen; auf gut Glück wanderte er 1839 zur Ostermesse nach Leipzig. Hier fand er zwar keine passende Stelle, lernte aber den alten Berliner Verlagsbuchhändler Carl Heymann, mit dem er schon wegen Uebernahme einer Gehilfenstelle in Unterhandlung gestanden hatte, persönlich kennen, dem Hempels Persönlichkeit so wohl gefiel, daß er ihn mit sich in sein Geschäft nach Berlin nahm. Hier blieb er bis zu seiner im Jahre 1846 erfolgten Selbständigkeit, mit einer kleinen Unterbrechung von neun Monaten, während derer er, auf Zureden seines früheren Principals in Crefeld weilte. Am 24. Septbr. 1846 zeigte er dem Buchhandel an, daß er ein Verlagsgeschäft unter der Firma: Gustav Hempel in Berlin errichtet habe. — Es kennzeichnet seine Stellung im Buchhandel daß er als einer der ersten in dieser Richtung mit besonderem Geschick Büchern, namentlich solchen populärwissenschaftlichen Inhaltes, durch sehr niedrig gestellte Preise und in der Form von Lieferungswerken eine sehr starke Verbreitung zu verschaffen wußte. So erschienen bei ihm die 7 starken Bände von Försters Preußens Helden in Krieg und Frieden in 7 Auflagen; dann die populärwissenschaftlichen Werke von Dr. Zimmermann: Der Erdball. 5 Bde., Die Wunder der Urwelt, welche 20, respective 27 Auflagen und Uebersetzungen in fremde Sprachen erlebten und dadurch eine ungeheure Verbreitung erhielten. Nicht minder dessen Physik in 3 Bdn., Chemie für Laien in 9 Bdn., die Malerische Länder- und Völkerkunde etc. etc. Was ihm aber den dauerndsten Namen gemacht hat, ist die Herausgabe der „Nationalbibliothek sämmtlicher deutschen Classiker“. Er wußte für die Besorgung der Texte zum Theil so ausgezeichnete Kräfte zu gewinnen, daß z. B. die Goethe-Ausgabe dieser Sammlung, sowol durch ihre Textbehandlung als durch die|Reichhaltigkeit ihrer kritischen und sonstigen Beigaben bis jetzt für die sorgfältigste und vollständigste gelten darf. Die Vollendung der Nationalbibliothek sollte H. leider nicht mehr erleben. Neben diesen bedeutenden Verlagsunternehmungen aber verband er sich, hauptsächlich zu den Zwecken landwirthschaftlicher Litteratur, mit seinem Freunde Karl Wiegandt und nach dessen Tode mit Paul Parey; so entstand die Firma: Wiegandt, Hempel & Parey, die auch für ihn so gute Früchte trug, daß sie ihm die Mittel gewährte, sich in seiner Vaterstadt Waltershausen eine Villa zu bauen. H. war ein thätiger, umsichtiger Buchhändler, der das Bedürfniß des Augenblickes glücklich zu erkennen verstand. In politischen und religiösen Dingen war er ein Mann von gemäßigter Denkweise, stets dem Grundsatz huldigend, kein Wasser auszugießen, ehe man frisches habe. Er starb am 13. Januar 1877 zu Berlin, sein Geschäft in höchster Blüthe hinterlassend.

    • Literatur

      Vgl. Börsenblatt für den deutschen Buchhandel. 1877. Nr. 29 u. 31.

  • Autor/in

    Kelchner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Kelchner, Ernst, "Hempel, Gustav" in: Allgemeine Deutsche Biographie 11 (1880), S. 727-728 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116698918.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA