• Genealogie

    V Franz, Kaufm. in B.;
    M Klara Gerber;
    1935 Ada Gunsenheimer (* 1908);
    2 S.

  • Leben

    Nach dem Besuch des Humboldt-Gymnasiums in Berlin und dem Medizinstudium in Berlin und Halle zeichnete K. sich im 1. Weltkrieg als Truppenarzt einer Pioniereinheit aus (EK I). Danach begann er seine Fachausbildung an der Berliner Charité bei H. Gocht, habilitierte sich hier 1926 und wurde 1930 zum ao. Professor ernannt. Unterdessen Chefarzt der Orthopädischen Abteilung des Krankenhauses Berlin-Britz, erhielt er 1935 einen Lehrauftrag der Univ. Königsberg. Binnen zweier Jahre gelang es ihm hier, in Verbindung mit dem Hindenburg-Haus (einem Krüppelheim), eine Orthopädische Universitäts-Klinik und mit ihr einen o. Lehrstuhl für das Fach durchzusetzen. 1937 wurde er in der Nachfolge seines Lehrers als o. Professor für Orthopädie an die Berliner Charité berufen und übernahm gleichzeitig die Leitung des Oskar-Helene-Heims für Körperbehinderte in Berlin-Dahlem als Nachfolger Konrad Biesalskis. Diese Personalunion befähigte ihn, im 2. Weltkrieg neben seiner Tätigkeit als Beratender Orthopäde des OKW (zuletzt Generalarzt d. Res.) sein berühmt gewordenes Sonderlazarett für Ohnhänder in Bad Saarow zu entwickeln, das dem Oskar-Helene-Heim angeschlossen war. 1944/45 führte er die Geschäfte des Vorsitzenden der „Deutschen Orthopädischen Gesellschaft“, auch war er der letzte Rektor der alten Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität. – 1948 nahm er die klinische Arbeit als Oberarzt der Orthopädischen Abteilung an der Chirurgischen Universitäts-Klinik Tübingen wieder auf und wurde 1952 nach Errichtung einer eigenen Klinik abermals zum Ordinarius (für Orthopädie) ernannt. Im traumatologischen Bereich folgte die Gründung einer Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik, der er – wie einst dem Oskar-Helene-Heim – eine eigene Schule für Krankengymnastik angliederte. 1953/54 war er Vorsitzender der Gesellschaft für Unfallheilkunde, 1957/58 ein zweites Mal der Deutschen Orthopädischen Gesellschaft. Als er – wie schon 1936 ihrem 31. Kongreß in Königsberg – 1958 ihrem 46. in Tübingen präsidierte, wurden dem Siebzigjährigen zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen zuteil.

    K.s wissenschaftliche Bemühungen galten in jüngeren Jahren vordringlich den Deformitäten der Füße und Hüften. Entstehung und Behandlung des Klumpfußes haben ihn ein Leben lang beschäftigt, desgleichen die sog. angeborene Hüftluxation und die Schenkelhalsfraktur. Dabei trat er für die Frühbehandlung der Deformitäten und die Berücksichtigung ihrer pathologischen Eigenart bei der Wahl des umbildenden Eingriffs ein. Die Erfahrungen aus klinischer Orthopädie und Krüppelfürsorge führten ihn zur sozialen Eingliederung der Versehrten nach folgenden Grundsätzen: 1. Medizinische Wiederherstellung einschließlich operativer Korrektur- und Ersatzmaßnahmen. 2. Wiederherstellung der Beweglichkeit und Selbständigkeit durch Krankengymnastik und Beschäftigungstherapie. 3. (Wieder-)Eingliederung ins Berufsleben durch spezielle industrielle Schulung oder Umschulung. Dieses Programm bildet noch heute das Grundgerüst der sog. Rehabilitation. Sein Schöpfer vertiefte damit entscheidend die Bindungen zwischen Orthopädie und Traumatologie, zugleich förderte er die Entwicklung der Krankengymnastik und ihrer Tochterfächer. Nur mit Hilfe solcher Grundsätze vermochte er im 2. Weltkrieg die verzweifelte Frage nach der Versorgung der Ohnhänder zu lösen und sammelte ein Erfahrungswissen, das im Zeitalter der pharmakologisch bedingten Dys- und Amelien neue Bedeutung erlangen sollte. Dabei stand er dem Chirurgen Sauerbruch als orthopädischer Partner gegenüber und schuf eine klare Indikationsstellung für die operative Versorgung mit dem Greifarm. Aus diesen Erfahrungen wandte er sich mit Recht gegen die starre Anwendung des Amputationsschemas nach Max zur Verth.

    Galt die Traumatologie bisher als Streitobjekt zwischen Chirurgie und Orthopädie, so gelang K. als erstem orthopädischem Leiter einer Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik 1958 die historisch bedeutsame Vereinbarung mit dem Chirurgen K. H. Bauer, nach der von nun an die gegenseitige Anfeindung unterbleiben sollte, da „die rivalisierende Tätigkeit beider Fächer auf dem Gebiet der Unfallheilkunde ein nützliches Element des Fortschritts“ darstelle (Ettlinger Beschlüsse).|

  • Auszeichnungen

    Dr. med. h. c. (Tübingen); Ritterkreuz z. Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern, Gr. Bundesverdienstkreuz.

  • Werke

    u. a. Orthopädie, in: Die ärztl. Begutachtung in d. Krankenversicherung, hrsg. v. H. Lehmann u. E. Mosbacher, 1932, S. 290-317;
    zahlr. Art. in: Lex. d. ges. Therapie, 41935;
    Kriegsorthopäd. Erfahrungen u. Erfolge, 1941;
    Pes equinovarus congenitus und Pes adductus, Pes metatarsus varus congenitus, in: Hdb. d. Orthopädie, hrsg. v. G. Hohmann, M. Hackenbroch u. K. Lindemann, 1961, IV, 2, S. 788 f. (W mit H. Stope). -
    Mitarbeit: Die Orthopäd. Weltlit., hrsg. v. A. Blencke u. H. Gocht, I u. II, 1936, Erg.bd. III, hrsg. v. E. Witte, 1938 (W). - Der unter K.s Leitung gedrehte Film üb. d. Ohnhänder ist im Oskar-Helene-Heim deponiert. -
    Begegnungen mit Aphrodite, e. psycholog. Studie z. Genetik d. Schönen, 1966.

  • Literatur

    F. Bade, Die Gesch. d. Dt. Orthopäd. Ges., 1939;
    P. Pitzen, Die Gesch. d. Dt. Orthopäd. Ges. 1936–62, 1963, S. 20, 110 f., 133, 142, 151, 205 f., 212 (P);
    O. Boos, in: Die Med. Welt 20, 1969;
    ders., in: Krankengymnastik 21, 1969, S. 157;
    Kürschner, Gel.-Kal. 1966 (W). - Mitt. v. K.s Schülern O. Boos u. H. Stope.

  • Autor/in

    Markwart Michler
  • Empfohlene Zitierweise

    Michler, Markwart, "Kreuz, Lothar" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 30 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116533714.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA