• Genealogie

    V Joh. Christoph (1721–81), pfalz-zweibrück. Regierungsrat u. Oberappellationsgerichtsrat, S d. Pfarrers Joh. Frdr. in Oberrosbach b. Gießen;
    M Maria Sophia Bopp (Popp, 1780); ledig.

  • Leben

    H. trat 1761 in das Zweibrückener Gymnasium ein, das durch Herzog Christian IV. im Sinne des aufgeklärten Absolutismus gefördert und von Lehrern wie G. Ch. Crollius und F. Ch. Exter geistig geprägt wurde. Vermutlich schloß er sich schon hier dem drei Jahre jüngeren Karl August Wilhelm von Closen an, der ihm später unter allen Göttinger Freunden am nächsten stand. 1771-74 studierte H. in Göttingen Rechtswissenschaften. Am 12.9.1772 begründete er zusammen mit J. H. Voss, L. H. Ch. Hölty, J. M. Miller, G. D. Miller und J. Th. L. Wehrs jenen „Bund“ ewiger Freundschaft, vaterländisch-tugendhafter Gesinnung und gemeinsamen dichterischen Bestrebens, der unter dem Namen Göttinger Hain in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Im Auftrag des Bundes schrieb er an Klopstock. Wohl schon von Zweibrücken her mit Maler Müller bekannt,|vermittelte er dessen Verbindung zu den Göttinger Dichtern und zum Musenalmanach. Die unglücklichen wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Familie zwangen ihn Ende 1774 zur Rückkehr nach Zweibrücken. Mit finanzieller Hilfe der Freunde begann er Ostern 1775 ein theologisches Studium, das er im Sommer 1776 zum Abschluß bringen konnte. Noch einmal reiste er im Dezember 1776 nach Göttingen, um seinem Freund Closen in der Todesstunde nahe zu sein. Immer mehr in menschliche Isolierung geratend und in Hypochondrie versinkend, scheint er während seiner letzten Lebensjahre keinen Beruf ausgeübt zu haben.

    Von seinen wenigen in den Bundesbüchern, in dem Geschenkband „Für Klopstock“ und in Briefen handschriftlich erhaltenen Gedichten wurden einige im Göttinger Musenalmanach, andere in Matthissons Anthologie veröffentlicht. H.s schrieb Oden und Epigramme. Als Dichter stand er zwischen Friedrich Leopold Stolberg und Hölty. Die leidenschaftliche Bewunderung für Klopstock führte ihn in den vaterländischen Oden zur gewaltsamen Übersteigerung der Klopstockschen Thematik und Aussageweise. Gerade dies aber wurde von den Freunden als genialisch verstanden. H. war der Stürmer und Dränger unter den Dichtern des Hains. Auf der anderen Seite hatte er jedoch mit Gedichten wie „Erinnerung“, „Sehnsucht“ und „Der Abend“ Anteil an der Ausbildung der empfindsamen Ode. Die Epigramme galten dem Kampf für Klopstock und gegen Wieland. Seine wachsende Schwermut und Todessehnsucht fanden in einigen nur wenige Worte umfassenden Spruchgedichten in freien Rhythmen ihren Ausdruck. Da H.s Nachlaß auf seine Bitte von seiner Schwester vernichtet wurde, muß ungewiß bleiben, was er von seinen „Deutschen Erzählungen“, dem Epos „Hermann“ und der Ossian-Übersetzung ausgeführt hat.

  • Werke

    Gedichte u. Briefe, ges. v. C. Redlich, in: Btrr. z. Dt. Philol., Festschr. J. Zacher, 1880, S. 243-66;
    Ausw. in: Lyriker u. Epiker d. klass. Periode, 1. T. hrsg. v. M. Mendheim, 1892, S. 80 ff.;
    A. Becker, Neues üb. d. Hainbündler J. F. H., in: Pfälz. Mus. 32, 1915, S. 88 f. (Wiederabdr. d. Gedichts „Der Tugend-Sänger“ aus F. Aulenbachs „Rhapsodien“);
    Neue Qu. z. dt. Geistessgesch. d. 18. u. 19. Jh. VII, 1, E. Th. J. Brückner u. d. Göttinger Dichterbund, Ungedr. Briefe u. Hss., Mitget. v. E. Metelmann (Erstdruck d. Ode „An einen König“, Epigramme, Briefe H.s an Brückner), in: Euphorion 33, 1932, S. 383 ff., 394 ff., 400f;
    Für Klopstock, Ein Gedichtbd. d. Göttinger Hains, 1773, Nach d. Hs. im Hamburger Klopstock-Nachlaß hrsg. v. A. Lübbering, 1957, S. 7-12 (darin Erstdruck d. Ode „An Hölty, bey d. Eiche d. Bundes“);
    Von A. Elschenbroich wird e. Edition d. Bundesbücher u. d. Bundesjournals u. d. T.: Der Göttinger Hain u. s. Bundesverslgg., Die Gesch. e. literar. Jugend, vorbereitet.

  • Literatur

    ADB X;
    A. Sauer, Der Göttinger Dichterbund, Einl. in: Kürschners Dt. Nat. Lit. 49, 1886, S. III -XXXV;
    A. Becker, Zur Lebensgesch. u. Charakteristik J. F. H.s, in: German.-roman. Mschr. 3, 1911, S. 179-83;
    ders., Der Göttinger Hain u. Zweibrücken, in: Pfälz. Museum 39, 1922, S. 178-86;
    ders., Um d. Nachlaß Maler Müllers u. J. F. H.s, ebd. 45, 1928, S. 191-98;
    A. Lübbering, Für Klopstock, 1957, Einführung u. Anm. zu d. Gedichten, S. 87-157;
    Goedeke IV, 1, S. 1048 f.;
    Kosch, Lit.-Lex. - Eigene Archivstudien.

  • Autor/in

    Adalbert Elschenbroich
  • Empfohlene Zitierweise

    Elschenbroich, Adalbert, "Hahn, Johann Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 509 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11638669X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hahn: Johann Friedrich H., geb. um 1750 in Zweibrücken (oder Gießen?) als Sohn eines Oberappellationsgerichtsrathes, Ostern 1771 in Göttingen als Jurist eingeschrieben, trieb schöne Wissenschaften, versuchte es schließlich mit der Theologie, großsprecherisch aber unenergisch. Im Sommer 1772 in den „Bund“ aufgenommen, wurde er viel bewundert, angesungen und fast allgemein überschätzt. Deutschthümelnd, hitzig, trotzig, ungebärdig, galt er für ein seltenes Talent, einen tiefen Denker, einen imposanten Charakter. Später mißfiel manchen das „Geniemäßige“ an ihm. Er war Vossens Vertrauter (Voß über ihn zuerst Briefe 1, 88). Er vermittelte die Verbindung seines ihm zugethanen Landsmannes Müller mit dem Almanach. Vorleser bei Bundesfesten, nicht Secretär, aber Herold des Haines im feierlichen Verkehr mit Klopstock, der ihn lobt, den er vergöttert. 1774 Freimaurer. 1775—79 wieder in Zweibrücken. Er verstummte. Fast führte die „Selbstigkeit“ des Hypochonders zum Bruch mit den Freunden, die den tief verschuldeten unterstützten. Ihm floß das Honorar für Leisewitzens „Julius von Tarent“ zu. Er starb im Mai 1779. Miller an Voß 16. Septbr. 1779: „Vorige Woche war Trautmann aus Zweybrücken hier .... Auch sagte er mir, was du schon wissen wirst, daß Hahn leztern May gestorben ist. Er blieb bis an seinen Tod, was er immer war, ein unglücklicher Hypochondrist. Nun hat er Ruhe. Sit illi terra levis!“|(Danach Voß Briefe 31, 192). Als Dichter, extrem Wielandfeindlich, forcirt er Klopstock's Odenstil und ist mehr polternd als pathetisch. „Teuthard" gibt dem Haß gegen Tyrannen und Watsche den wüthendsten und zugleich unreifsten Ausdruck ("Teuthard an Minnehold", „An die Könige" etc.). Er schwärmt revolutionär von einem „Rachebund" gegen die „goldenen Buben“. Der unklare Brausekopf brachte nur einige Oden und weniges Satirische zu Stande, konnte aber geplante Erzählungen so wenig ausgestalten, als den Entwurf eines großen vaterländischen Epos „Hermann“ (Stolberg an Voß 11. Dec. 1773). Auch in der Selbstkritik war er schroff.

    • Literatur

      Vgl. Herbst, J. H. Voß 1, 89 ff., Verzeichniß der Gedichte 1, 276 und dazu 22 235. Ungedruckte Briefe Miller's an Voß (Hof- und Staatsbibliothek zu München).

  • Autor/in

    Erich Schmidt.
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmidt, Erich, "Hahn, Johann Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 10 (1879), S. 363-364 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11638669X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA