Lebensdaten
1764 bis 1830
Geburtsort
Züllichau (Brandenburg)
Sterbeort
Zürich
Beruf/Funktion
Naturforscher ; Arzt ; Geologe
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 116319577 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Ebel, Johann Gottfried

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Zitierweise

Ebel, Johann Gottfried, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116319577.html [14.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Kaufm. in Züllichau.

  • Leben

    E. begann 1784 in Frankfurt/Oder das Medizinstudium (Promotion 1789). Nach kürzerem Aufenthalt in Wien kam er 1790 zum ersten Male in die Schweiz, die er im Laufe von 3 Jahren nach allen Richtungen durchzog, um dann seine „Anleitung, auf die nützlichste und genußreichste Art die Schweiz zu bereisen“ (2 Bände, Zürich 1793, 21804/05, 4 Bände, 81843, 1 Band, englische und französische Ausgaben) zu verfassen. In diesem Werk bekundet er eine umfassende Kenntnis der Schweiz, ihrer Natur und Geschichte, aber auch eine tiefe Hinneigung zu diesem Lande. Inzwischen hatte er sich als praktischer Arzt in Frankfurt/Main niedergelassen, das er jedoch, wegen Übersetzung politischer Schriften des französischen Staatsmannes Abbé Seyès revolutionärer Ideen verdächtig, 1796 verlassen mußte. Bis 1801 lebte er in Paris, wo er sich mit medizinischen Forschungen – er experimentierte mit dem nachmals berühmten Anatomen S. Th. Sömmering – und mit schweizerischen Politik beschäftigte. Von hier aus führte er einen für ihn höchst gefährlichen Briefwechsel mit seinen Schweizer Gesinnungsfreunden, die er vor den Absichten der Pariser Machthaber gegen die Schweiz warnte. Damals regte er auch neben politischen Reformen die später viel diskutierte Schaffung einer gemeinschweizerischen Universität an. – Von 1803 an weilte E. meist in der Schweiz. Die Stadt Zürich schenkte dem heimatlos Gewordenen das Bürgerrecht. Geologische und geognostische Studien traten nun in den Vordergrund. Seine kühnen und geistreichen Theorien über den Bau der Alpen, welche im Ganzen von L. von Buch und A. von Humboldt geteilt wurden, forderten die Kritik des bedächtigen H. C. Escher von der Linth heraus, was aber der Freundschaft der beiden keinen Abbruch tat. Auch auf dem Gebiete des Erdmagnetismus gelangte E. zu Erkenntnissen, die, weil sie unveröffentlicht blieben, erst von Spätern wieder neu entdeckt werden mußten. Daneben setzte er seine medizinischen Studien weiter fort. Seine eingehenden Untersuchungen über den Kretinismus trugen zu dessen Erklärung Wesentliches bei. – E., der eine ganze Reihe ehrenvoller Berufungen an auswärtige Hochschulen ausschlug – Goethe wollte ihn auch nach Jena ziehen –, um in Zürich frei seinen ausgedehnten wissenschaftlichen Studien leben zu können, stand in regem Gedankenaustausch mit führenden Schweizer Gelehrten und Politikern sowie mit den beiden Humboldt, Savigny, Stein, Scharnhorst und andere – Als Philanthrop organisierte E., von Freunden aus Deutschland großzügig unterstützt, während der Hungerjahre Brot- und Kleiderverteilungen in den Alpentälern und versuchte, durch Vorschläge das Auskommen der Bergbevölkerung zu verbessern. Mit gleichgesinnten Freunden bemühte er sich um eine praktische Erschließung der Bergwelt als Touristenziel.

  • Werke

    Weitere W u. a. Schilderung d. Gebirgsvölker in d. Schweiz, 2 Bde., Leipzig 1798/1802; Über d. Bau d. Erde in d. Alpengebirge…, 2 Bde., 1808;
    Abriß d. pol. Zustände d. Schweiz am Ende d. J. 1813 (Memorial zur Frage d. schweizer. Neutralität), [1814?J; Über d. Ursprung u. d. Erhitzungsherd d. Heilquellen zu Baden, 1817 (als Anhang zu D.Heß, Badenfahrt, 1818). – Qu.: Hs. Nachlaß in Zentralbibl. Zürich.

  • Literatur

    ADB V; H. Escher, in: Verhh. d. schweizer. gemeinnütz. Ges., 1835;
    A. Escher, in: Neujahrsbl. d. Zürcher Waisenhauses, 1917;
    Pogg. I; HBLS (W, L, P).

  • Portraits

    Marmorbüste v. H. M. Imhof, 1833 (Zentralbibl. Zürich).

  • Autor/in

    Alvin E. Jäggli
  • Empfohlene Zitierweise

    Jaeggli, Alvin E., "Ebel, Johann Gottfried" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 217 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116319577.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Ebel: Joh. Gottfried E., Arzt und Naturforscher, geb 6. Octbr. 1764 zu Züllichau in preuß. Schlesien, gest. 8. Octbr. 1830 in Zürich. Sohn eines angesehenen Kaufmanns, legte E. auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt, dann auf jenem zu Neu-Ruppin den Grund zu seiner Bildung, bezog 18 Jahre alt die damalige Universität Frankfurt a. O., um sich aus Neigung zu den naturwissenschaftlichen Fächern dem Studium der Medicin zu widmen, und erlangte hier 1789 auf Grund einer gehaltreichen Dissertation über das Verhältniß der Nerven zum Gehirn bei Menschen und Thieren den Doctorgrad in der Medicin. Nach einem mehrmonatlichen Besuche der Heilanstalten in Wien begab sich E. wieder auf Reisen und besuchte zunächst die Schweiz. Die großartige Natur der Alpenwelt wirkte so anziehend, daß E. 3 Jahre lang in der Schweiz verweilte, sie nach allen Richtungen durchwanderte und nicht blos eingehende naturwissenschaftliche, besonders geognostische Studien betrieb, sondern auch das Auge für die Sitten und Gebräuche des Volks, für Geschichte und Kunst des Landes offen hielt. 1793 als praktischer Arzt nach Frankfurt a. M. übergesiedelt, widmete E. alle Mußestunden der sorgfältigen Ausarbeitung und Veröffentlichung seiner Schweizerbeobachtungen in einem größeren Werke: „Anleitung auf die angenehmste und nützlichste Art in der Schweiz zu reisen“, 1793, ein besonders für reisende Naturforscher, zugleich aber auch für Naturfreunde im allgemeinen geschriebenes Reisehandbuch, welches in dieser Richtung geradezu mustergültig genannt werden kann und dem Verfasser einen europäischen Ruf verschaffte, indem er darin eine Fülle interessanter wissenschaftlicher Beobachtungen mit vielseitigen wissenswerthen Bemerkungen über Land und Leute in höchst belehrender Weise zu verknüpfen verstand. Dieses Werk erlebte drei Auflagen (1804 und 1810) und galt selbst bei den Schweizern als eine Fundgrube der Belehrung über ihr Land. Eine „Schilderung der Gebirgsvölker der Schweiz“, welche 1798 bis 1802 in Form einer Reisebeschreibung folgte, zeigt ebenso den seinen und scharf blickenden Beobachter, als vortrefflichen Darsteller. Eine Uebersetzung der philos.-politischen Schriften Sièyes', die er 1796 besorgte, machte ihn als Beförderer revolutionärer Ideen verdächtig und nöthigte ihn Frankfurt zu verlassen. Er wandte sich zunächst nach Paris, wo er neben dem ärztlichen Berufe sich fortwährend mit wissenschaftlichen Studien, — mit Sömmering mit anatomischen beschäftigte. Hier sah er, wie die hochgehenden Wogen der damaligen politischen Bewegung von Frankreich aus auch die Unabhängigkeit und Freiheit der Schweiz zu verschlingen drohten. E. stand auf der Wache und suchte selbst unter ernsten Gefahren für seine Person durch zahlreiche von Paris an verschiedene einflußreiche Schweizer geschriebene Briefe auf dieses drohende Unglück aufmerksam zu machen; er bat und beschwor dieselben, ihre Selbständigkeit durch eine aus eigenem Antriebe ins Werk gesetzte freisinnige Reform ihres Gemeinwesens zu retten und das zu befürchtende Verhängniß von der Schweiz abzuwenden. Für diese wohlwollende und uneigennützige Gesinnung ertheilte ihm der gesetzgebende Rath das schweizer Bürgerrecht, das später durch das Stadtbürgerrecht in Zürich ersetzt wurde. 1801 nach Frankfurt zurückgekehrt, arbeitete E. nun das in seinem Reisehandbuch zerstreute geognostische Material zu einer zusammenhängenden Uebersicht „Ueber den Bau der|Erde“ 1808 in 2 Bänden aus, ein großes, lebendiges Bild der Alpen, ganz aus eigenen Beobachtungen und ohne Einfluß fremder Theorien entworfen und deshalb ganz eigenartig. Er versuchte darin zuerst die Alpen als ein großes, zusammengehöriges Ganzes darzustellen, dessen innerste centrale Theile er aus mehr oder weniger steil gestellten Tafeln oder Platten des durch chemische Processe und durch vorwaltende Krystallisationskraft erzeugten Urgebirgs zusammengesetzt sich dachte, während daneben in 6 oder mehr parallelen Seitenketten das durch mechanische Thätigkeit entstandene Flötz ebirge, die Kalkberge und die übrigen Schichtgesteine bis zur Molasse herab sich anlehnen, unter stetem Hinweis auf ein lebendiges Element, welches einer Ungeheuern Voltaischen Säule in Kugelgestalt vergleichbar der Urorganisation der Erde zu Grunde läge. So wenig haltbar auch diese theoretischen Vorstellungen sind, so macht doch das Buch Ebel's auf zahlreiche Thatsachen aufmerksam, die in der Wissenschaft von dauerndem Werthe bleiben. Das Werk ist zudem von zahlreichen, lehrreichen Gebirgsprofilen und einer ersten geognostischen Karte der Schweiz begleitet.

    Seit 1810 weilte E. wieder in der Schweiz und wählte Zürich zu seinem dauernden Aufenthalt, so daß ihm die Schweiz, zu seiner zweiten Heimath wurde. Eng befreundet mit den Familien Escher, theilte er sein Leben fortan zwischen dem Wirken für Wohlthätigkeitszwecke und ernsten wissenschaftlichen Studien ("Ideen über die Organisation des Erdkörpers", 1811; „Malerische Reise durch die neue Bergstraße Graubündens“, 1825). In der sorgfältigen Ueberarbeitung und Erweiterung der „Anleitung“ für eine weitere 4. Auflage und bei der Fortsetzung der Schilderung der schweizerischen Gebirgsvölker ereilte ihn der Tod, ohne daß es ihm vergönnt war, das Begonnene ganz zu vollenden.

    • Literatur

      Vgl. Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Zürich 1833. Verhandlungen der Schweizer Gesellsch. der Naturw. 17. Sess. 1832. 128. Verhandl. der schweizer. gemeinnützigen Gesellschaft 1835. Wolf, Biogr. IV. 382.

  • Autor/in

    Gümbel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Gümbel, Wilhelm von, "Ebel, Johann Gottfried" in: Allgemeine Deutsche Biographie 5 (1877), S. 518-519 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116319577.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA