Lebensdaten
1879 bis 1933
Geburtsort
Wachniaki bei Starakonstantinowka (Ukraine)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Philosoph ; Soziologe
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 116309148 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Koigen, David

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Zitierweise

Koigen, David, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116309148.html [15.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Mordechai ( 1866), Gutspächter in W., Nachkomme e. vom Frankfurter Rabbi Naftali ben Isaak ha-Kohen abstammenden Kabbalistengeschl.;
    M Jente Dynzin, Bauern-T;
    ca. 1910 Helene Salzmann aus Zürich, Führerin u. Lehrerin e. Berliner Kreises d. Jüd. Frauenarbeitsgemeinschaft;
    1 S.

  • Leben

    K. empfing nachhaltige Jugendeindrücke durch seinen Vater, einen bis zur Ekstase frommen Mystiker, der den Kindern das Andenken an einen Vorfahren einprägte, der als gelehrter Rabbiner eine hervorragende Rolle in den Auseinandersetzungen gespielt haben soll, die im 17. Jahrhundert zwischen Mystikern und Rationalisten im osteuropäischen Judentum ausgetragen wurden. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Nemirow und Odessa studierte K. 1896-1900 in Bern, Zürich, München, Berlin und Paris Philosophie. 1900 wurde er mit einer Arbeit „Zur Geschichte der Philosophie und Sozialphilosophie des Junghegelianismus“ (gedruckt 1901) in Bern zum Dr. phil. promoviert. Bis 1913 lebte er als Privatgelehrter zunächst in München, dann in Berlin, wo er in Kreisen der jüdischen und sozialdemokratischen Intelligenz verkehrte. Er wahrte Distanz zum Zionismus und bezeichnete sich selbst als unpolitischen Menschen. Theoretisch befaßte er sich jedoch engagiert mit Fragen des Judentums, des Sozialismus (Die Kulturanschauung des Sozialismus, 1903) und der Demokratie. 1912 erschien „Die Kultur der Demokratie, Vom Geiste des volkstümlichen Humanismus und vom Geiste der Zeit“; Eduard Bernstein, mit dem er befreundet war, schrieb – wie zu seinen früheren Schriften – das Vorwort. K. untersucht das Verhältnis der Demokratie zur Humanität, zur Staatsgewalt, zu den gesellschaftlichen Kräften und zum Individuum. Inhalte und Formen der Demokratie müßten immer wieder neu durchdacht und gestaltet werden. In der irrigen Gleichsetzung von Demokratie und Masse erkennt er den Grund für das Vorurteil vieler Zeitgenossen gegenüber der Demokratie. 1913 ging K. nach Petersburg und legte an der Universität die Magisterprüfung ab. An verschiedenen Hochschulinstituten der Stadt veranstaltete er nun Kurse. Außerdem wurde er Feuilletonredakteur des Kadettenblatts „Denj“ und gab 1917/18 den „Boten für Kultur und Politik“ heraus. 1918 wurde er Professor für Philosophie und Soziologie an der Universität und an der Handelshochschule in Kiew. Seit Ende 1921 lebte er wieder in Berlin und war seit 1928 Honorarprofessor in Hamburg. Seine Jahre in Kiew und seine abenteuerliche Flucht über Rumänien nach Deutschland schildert er in dem autobiographischen Buch „Apokalyptische Reiter“ (1925). K. war Begründer und Mitherausgeber (1925–27, mit F. Hilger und F. Schneersohn) der Vierteljahrsschrift für Soziologie, Geschichts- und Kulturphilosophie „Ethos“. In dieser Zeitschrift stellt er seine Thesen zur Diskussion: Indem er sich der Methoden Max Webers bedient, versteht er die Soziologie mikroskopisch als Strukturtheorie sozialer Handlungsfelder, makroskopisch als Gebildetheorie sozialer Gruppen (wie Familie, Stand und Staat). Er strebt ein System der „synoptischen Philosophie“ an, eine philosophische Mannigfaltigkeitslehre. Im 1. Band von „Ethos“ (1925) nimmt er Gedanken seiner Schrift „Ideen zur Philosophie der Kultur“ (1910), die den Untertitel „Der Kulturakt“ trägt, wieder auf. Er definiert den von ihm gebildeten Begriff des Kulturakts, der aus dem Urteilsakt hervorgehe: Die Kultur habe ein fortwährendes Urteilen zur Voraussetzung, nicht nur im Bewußtsein der Menschen, sondern auch konkret durch ihr Wollen und Tun. Der Wille – in seinen vier Formen der Heteronomie, Sozionomie, Autonomie und Anomie – zeige die Bahnen, die der Mensch beschreiten müsse, um zu einem Kulturakt zu gelangen. Sein letztes Werk nennt K. „Aufbau der sozialen Welt im Zeitalter der Wissenschaft, Umrisse einer soziologischen Strukturlehre“ (1929). Hier spricht er vom Mysterium der Urteilsvernunft, in dessen Bahnen sich das soziale Geschehen bewege. Das Leben scheine einem einheitlichen und doch vielgestaltigen synoptischen Entfaltungsgesetz zu gehorchen.

  • Werke

    Weitere W Der moral. Gott, Eine Abh. üb. Kultur u. Religion, 1922;
    Entwurf zu e. Soziol. d. russ. Rev., in: Zs. f. Pol., 1922;
    Der hist. Vorgang im allgemeinen, in: Ethos, 1925;
    Der Kulturakt u. s. vierfache Wurzel, ebd., 1925;
    Über|letzte Fragen d. Historie, ebd., 1926;
    Die Lehre vom Volke u. d. Demokratie, in: Verhh. d. 5. Dt. Soziologentages, 1927;
    Die Begriffsbildung in d. Soziol., Der soziolog. Feldbegriff, in: Verhh. d. 7. Dt. Soziologentages, 1931;
    Das Haus Israel, hrsg. u. mit e. Nachwort versehen v. Ernst Hoffmann, 1934.

  • Literatur

    F. Tönnies, in: Kölner Vjh. f. Soziol. 12, 1933, S. 104 ff.;
    Jüd. Rdsch. v. 10.3.1933 (P);
    E. Hoffmann, ebd. v. 27.2.1934;
    Enc. Jud. X (P);
    Ziegenfuß.

  • Autor/in

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Koigen, David" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 437 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116309148.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA