Lebensdaten
1891 bis 1970
Geburtsort
Dharwar (Indien)
Sterbeort
Maienfeld (Graubünden)
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116255021 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Knittel, Hermann (eigentlich)
  • Knittel, John
  • Knittel, Hermann (eigentlich)
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Zitierweise

Knittel, John, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116255021.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm Hermann, Missionar d. Baseler Mission, S e. Glockengießers in Esslingen;
    M Anna (* 1865), T d. Univ.buchdruckers Schultze in Basel u. d. N. N. Rainer aus Bozen;
    1916 Frances (* 1897), T d. Schiffsreeders Edward White in London u. d. Irländerin Anne McBridger; 1 S, 2 T, u. a. Robert (* 1919), Verleger, Margaret (* 1923, Dr. med. Hubert Furtwängler), Konzertpianistin u. Malerin.

  • Leben

    Die Kindheitsjahre in Indien prägten K.s Phantasie nachhaltig. Als die Familie 1896 nach Basel zurückkehrte, fand sich K., der – von einer indischen Amme aufgezogen – fast nur kanaresisch sprach, in der neuen Umgebung nur schwer zurecht. Schon nach 2 Jahren mußte er das Gymnasium in Basel wegen seines ungebärdigen Temperaments verlassen. Er wurde auf eine Handelsschule geschickt, dann in ein Pfarrhaus am Genfersee, um Französisch zu lernen. In der Baumwollspinnerei seines Patenonkels in Basel hielt er es nicht lange aus und ging 19jährig nach London. Dort versuchte er sich als Bankangestellter, Verleiher amerikanischer Filme und als Theaterleiter. Die Freundschaft mit dem englischen Schriftsteller Robert Hichens, der fortan fast immer in K.s Familie lebte, gab die entscheidenden Impulse für seinen Werdegang. Die beiden Freunde unternahmen gemeinsam zahlreiche Reisen nach Ägypten und Nordafrika und lebten 1924-30 am Genfersee, dann bis 1938 in Kairo (Ain Shams) und schließlich in Maienfeld. K.s Interesse an der Sozialstruktur Nordafrikas war nicht nur literarischer Art. Er gründete 1933 in Kairo ein Institut für orientalische Psychologie und entwickelte Projekte zur Verbesserung der Hygiene bei den Fellachen. Humanist und Weltbürger aus Überzeugung, träumte er vom „Atlantropa“ Hermann Sörgels, einem Zusammenrücken Europas und Afrikas durch Senkung des Mittelmeers. 1939 schrieb er über diese Utopie den Roman „Amadeus“. In seiner „spendenden Heiterkeit“ verstand er es, „aus seinem Leben ein Kunstwerk zu machen“ (Burckhardt).

    K. gehörte zu den meistgelesenen Schriftstellern seiner Zeit. Seine Werke, ausnahmslos in englischer Sprache geschrieben, erreichten Millionenauflagen und wurden vielfach übersetzt und verfilmt. Seine spannenden, ganz auf effektsichere Handlung aufgebauten Romane lassen sich in zwei Gruppen aufteilen: Die einen spielen in Nordafrika und behandeln den Zusammenstoß orientalischer Kultur mit europäischer Zivilisation. Die anderen, die Schweizer Romane, sind von dramatischer Vehemenz; in ihrem Mittelpunkt stehen dämonische Menschen, die ihre Selbstverwirklichung im Spannungsverhältnis von Schuld und Sühne erkämpfen. In die erste Gruppe gehört „Abd El Kader“ (1930, deutsch 1931), eine Schilderung des marokkanischen Freiheitskampfes gegen die französischen Kolonialherren. Vor dem Hintergrund des Lokalkolorits läßt K. in langen rhetorischen Passagen europäisches Denken und afrikanisches Nationalbewußtsein aufeinander prallen. Er verurteilt, ebenso wie in seinen folgenden Romanen, die Hybris der Kolonialherren und fordert Achtung vor der einheimischen Tradition. Neben „Der Commandant“ (1932, deutsch 1933), „Terra Magna“ (1948) und „Jean Michel“ (1953) ist „El Hakim“ (1935, deutsch 1936) K.s berühmtester Nordafrika-Roman. Hier wird die Entwicklung eines armen Koptenjungen zu einem berühmten Arzt geschildert, der sich für die Verbesserung der sozialen und hygienischen Zustände seines Landes einsetzt. K. ergreift für die nationale Unabhängigkeit der Kolonialländer Partei, verschleiert aber den kritischen Ansatz durch zahlreiche betont lehrhafte bis sentimentale Episoden. – In seinen Schweizer Romanen verbindet K. Landschafts- und Seelendramatik zu großen Familien-Schicksalsgemälden. In „Therèse Etienne“ (1927, deutsch 1928) ermordet die Titelfigur ihren um vieles älteren Mann, um dessen Sohn zu heiraten. In „Via Mala“ (1934, dramat. 1937, verfilmt 1944 und 1961), K.s berühmtestem Roman, tyrannisiert der trunksüchtige Sägemüller Jonas Lauretz seine Familie so lange, bis er von ihr in einer sturmdurchbrausten Nacht ermordet wird.

    Wie in „Therèse Etienne“ sucht K. auch hier den Mord als Notwehr und Notwendigkeit in extremer Situation zu rechtfertigen und zur sozialen Tragödie zu stilisieren. Versuche, durch Streiflichter auf die gesellschaftlichen Verhältnisse der Schweiz die Fabel zum Zeitroman auszuweiten, schlagen ebenso fehl wie gelegentliche Exkursionen in eine simple Pseudometaphysik.

    Erhebt sich K. sprachlich kaum über das Niveau gängiger Unterhaltungsliteratur, was auch schlechten Übersetzungen zuzuschreiben ist, so sicherte ihm sein feines Gespür für Effekt und Spannung ein breites Publikum.

  • Werke

    Weitere W Romane: Die Reise d. Aaron West, 1921 (dt. 1922);
    Der Weg durch d. Nacht, 1924 (dt. 1926);
    Der blaue Basalt, 1929 (dt. 1930);
    Cyprus wine, 1930;
    Die Aspis-Schlange, Novellen, 1936 (dt. 1943);
    Arietta, 1956. -
    Dramen: The torch, 1927;
    Hochfinanz, 1937;
    Protektorat (Abd El Kader), 1935;
    Socrates, 1944;
    La Rochelle. - Zeichnungen
    meist satir.-karikaturist. Art (im Bes. d. T Magaret).

  • Literatur

    H. Franke, in: Die Westmark 9, 1942;
    E. Knöll, J. K., Diss. Wien 1950 (ungedr.);
    C. J. Burckhardt, Zu f. K.s 70. Geburtstag, in: ders., Gesammelte Werke IV, 1971;
    Schweizer Biogr. Archiv V, 1955 (P);
    Kindlers Lit.-Lex. XI, 1964, S. 9918.

  • Autor/in

    Eva-Suzanne Bayer-Klötzer
  • Empfohlene Zitierweise

    Bayer-Klötzer, Eva-Suzanne, "Knittel, John" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 189 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116255021.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA