Lebensdaten
1809 bis 1873
Geburtsort
Dreilützow (Mecklenburg)
Sterbeort
London
Beruf/Funktion
preußischer Diplomat ; Staatsmann
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116147601 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Bernstorff, Albrecht Graf von

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Zitierweise

Bernstorff, Albrecht Graf von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116147601.html [17.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Friedrich (1773–1838), dänischer Kammerherr, S des Andreas Peter s. (4);
    M Ferdinandine Freiin von Hammerstein-Equord (1783–1853);
    Anna, T des sächsischen Diplomaten Hans Heinrich von Könneritz;
    5S, u. a. Heinrich s. (7); 2 T;
    E Albrecht s. (2).

  • Leben

    B. studierte die Rechte in Göttingen und Berlin und entschied sich offensichtlich unter dem Einfluß seines Onkels Christian Günther s. (5) für die Laufbahn im preußischen Staatsdienst. Von Ancillon gefördert, wurde er zunächst der Gesandtschaft in Hamburg zugeteilt; der Haag, München, St. Petersburg und Paris waren die nächsten Stationen seiner diplomatischen Tätigkeit. 1839 ging B. als Geschäftsträger nach Neapel, 1842 in gleicher Eigenschaft nach Paris. Im gleichen Jahr wurde er zum ersten Vortragenden Rat in der politischen Abteilung des Auswärtigen Amts ernannt, eine Stellung, in der er wiederholt den Außenminister Heinrich von Bülow zu vertreten hatte. 1845 erfolgte seine Versetzung auf den Posten des Gesandten am Münchener Hofe, wo er gegenüber der in Bayern herrschenden Richtung den protestantischen Charakter Preußens betonte. 1848 wurde er zum Gesandten in Wien ernannt. Die Ereignisse des „tollen Jahres“ beurteilte er zunächst ganz nach der streng konservativen, antirevolutionären Auffassung. Er kämpfte gegen die Möglichkeit eines demokratischen Kaisertums mit Erzherzog Johann an der Spitze, er widersetzte sich Radowitz und seinen Unionsplänen. Unter dem Eindruck der Schwarzenbergschen Politik gewann jedoch mehr und mehr der Gesichtspunkt des Machtgegensatzes zwischen Österreich und Preußen die Oberhand in seinem Denken und Handeln. Seine Stellung zur deutschen Einheitsbewegung wie zu Radowitz wandelte sich, zäh trat er nun für eine Führung des nichtösterreichischen oder wenigstens des nördlichen Deutschland durch Preußen und Zurückdrängung des österreichischen Einflusses ein. In der Folge geriet er in einen so scharfen Gegensatz zu Schwarzenberg, daß er auf dessen Verlangen aus Wien entfernt wurde. Es kam darüber zu Auseinandersetzungen zwischen B. und Manteuffel.

    Während der Zeit seiner Nichtverwendung im diplomatischen Dienst vertrat B. die Stadt Berlin im Herrenhaus und schloß sich dort der Fraktion Alvensleben an. Er gehörte zu den Mitgliedern der Wochenblattpartei. Nach einem Zwischenspiel als Gesandter in Neapel (1851–53) wurde er als Nachfolger des englandfreundlichen Karl Josias von Bunsen auf den Londoner Gesandtschaftsposten berufen, wo man ihn - es war am Vorabend des Krimkrieges - als angeblich russophil mit Mißtrauen empfing. B. hatte jedoch seit dem Tag von Olmütz seine frühere Zuneigung zu Rußland verloren und war ein warmer Freund deutsch-englischen Einverständnisses geworden. Die schwankende Politik Preußens während des Krimkrieges vermehrte die Schwierigkeiten seiner Stellung, und es ergaben sich nicht selten Reibungen zwischen B. und seinen Vorgesetzten. Gleichwohl tat er das Möglichste, um die Geltung seines Staates zu wahren, und er errang sich als Gentleman und guter Deutscher, abgesehen von dem Gewicht seiner politischen Einflußnahme, persönliche Sympathien und eine sehr angesehene Stellung in der Gesellschaft. 1861 betraute ihn König Wilhelm, mit dem er ebenso wie mit der Königin und dem Kronprinzenpaar in nahen Beziehungen stand, mit dem Portefeuille des Auswärtigen. B. versuchte in die Bahnen der Unionspolitik|zurückzulenken; in der schleswig-holsteinischen wie in der hessischen Frage vertrat er durchaus die nationale, preußisch-deutsche Auffassung. Doch wurde er vom Liberalismus als Reaktionär beargwöhnt, während die Konservativen ihm die Anerkennung des Königreichs Italien übelnahmen und seine Politik nicht unterstützten. Schon nach einjähriger Amtszeit räumte er Bismarck seinen Platz und kehrte, zum Botschafter erhoben, nach London zurück. Bismarcks innere und äußere Politik hat er vor 1866 häufig und scharf kritisiert. In den noch folgenden zwölf Jahren seiner Londoner Zeit hat er durch seine kluge und taktvolle Art außerordentlich dazu beigetragen, die Belastungen, denen die preußisch-englischen Beziehungen, namentlich während der Kriege von 1864 und 1870/71, ausgesetzt waren, zu mildern und damit den Weg zur Gründung des Bismarckschen preußisch-deutschen Kaiserreiches zu ebnen. Hervorhebung verdient seine erfolgreiche Vermittlertätigkeit auf der Pontuskonferenz in London (1871).

    B., eine konservative und von evangelischem Christentum durchdrungene Persönlichkeit, der Tradition und der Etikette zugetan, war, obschon als Staatsmann unermüdlich „für Preußens Ehre“ tätig, kein robuster Tat- und Machtmensch; im privaten wie im politischen Leben verschmähte er den Macchiavellismus und versuchte eine Politik der Offenheit und Ritterlichkeit zu betreiben.

  • Literatur

    ADB II;
    K. Ringhoffer, Im Kampf um Preußens Ehre, Aus d. Nachlaß d. Gf. A. v. B. …, 1906;
    H. v. Srbik, Dt. Einheit, 4 Bde., 1935–42;
    O. Gf. zu Stolberg-Wernigerode, Rob. Heinr. Gf. v. d. Goltz, 1941;vgl. a. d. gesamte biograph. u. Memoirenlit. üb. u. v. preuß.-dt. Politikern d. 19. Jh.

  • Portraits

    Zeichnung v. A. v. Menzel (Nat. gal. Berlin).

  • Autor/in

    Heinz Gollwitzer
  • Empfohlene Zitierweise

    Gollwitzer, Heinz, "Bernstorff, Albrecht Graf von" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 136 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116147601.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Bernstorff: Albrecht Graf v. B., zuletzt kaiserlich deutscher Botschafter in London und königlich preußischer Staatsminister, war geb. 22. März 1809 zu Dreilützow in Mecklenburg, empfing seine Jugendbildung auf dem Gymnasium zu Ratzeburg und studirte in Göttingen und Berlin. In letzterem Orte, wo er im Hause seines Oheims, des damaligen preußischen Ministers des Auswärtigen, des Grafen Christian v. Bernstorff, eine liberale Aufnahme fand, entschied er sich für den preußischen Staatsdienst, in den er am 30. August 1830 zunächst als Auscultator eintrat, wurde aber bald von dem Staatsminister von Ancillon der Gesandtschaft in Hamburg attachirt (September 1832), von wo er in rascher Aufeinanderfolge nach dem Haag, nach München und nach St. Petersburg als Gesandtschaftssecretär versetzt wurde. Namentlich an letzterem Orte, wo er zum Legationsrathe aufrückte, gewann er sich durch seine persönliche Liebenswürdigkeit die auszeichnende Gunst des Kaisers Nikolaus sowie auch der Gemahlin desselben. Der Tod des Vaters unterbrach eine kürzere Zeit Bernstorff's amtliche Thätigkeit, da er sich auf dem väterlichen Gute Stintenburg den Privatangelegenheiten seiner Familie widmen mußte. Erst im Sommer 1838 trat er wieder in die diplomatische Laufbahn ein, wo er als erster Legationssecretär nach Paris gesandt wurde. Nachdem er sich 1839 mit der Tochter des sächsischen Gesandten am französischen Hofe, v. Könneritz, verheirathet hatte, ging er als Geschäftsträger in besonderer Mission nach Neapel, während der Abwesenheit des damaligen Gesandten, Herrn v. Küster. Seit 1842 bot ihm der Geschäftsträgerposten in Paris, wohin er wieder ging, weitere Gelegenheit sich auszuzeichnen, was bei seiner Rückkehr von dort noch in demselben Jahre von dem damaligen preußischen Minister v. Bülow durch Ernennung, zum ersten vortragenden Rath in der politischen Abtheilung des auswärtigen Ministeriums anerkannt wurde. In dieser Stellung, in welcher er den bedeutendsten Theil der großen politischen Correspondenz zu führen und zu wiederholten Malen den Minister selbst während Krankheiten desselben zu vertreten hatte, verblieb er fast drei Jahre. Im Mai 1845 ward er zum außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister am bairischen Hofe ernannt. Hier verweilte er bis über das kritische Frühjahr 1848 hinaus, indem er hier gegen die damals übermächtige ultramontane Partei den Charakter der protestantischen Macht, die er vertrat, kräftig zu wahren und dabei doch die persönliche Gunst und Achtung König Ludwigs I. zu bewahren wußte. Im Mai 1848 folgte er dem Rufe seiner Regierung als Gesandter nach Wien. Hier fand er die achtundvierziger Revolution auf der Höhe ihrer Fluth, erlebte den Empfang der Frankfurter Deputation durch Erzherzog Johann und die Annahme der Reichsverweserschaft durch denselben ohne jene von König Friedrich Wilhelm IV. durch Graf B. ihm so dringend empfohlene vorhergehende Befragung der deutschen Fürsten; ferner die Abdankung des Kaisers Ferdinand und den Regierungsantritt des Kaisers Franz Joseph, ebenso wie die Belagerung|Wiens durch Fürst Windischgrätz und den ungarischen Krieg. Während dieser ganzen schwierigen Zeit war Graf B. für ein enges Zusammengehen der beiden deutschen Großmächte bemüht. Bald aber hatte er unter dem Ministerium Schwarzenberg der immer aggressiver werdenden Politik Oesterreichs gegen Preußen entgegenzutreten, und seine Abberufung von Wien war sowol ein Triumph der Schwarzenbergischen Politik über die Manteuffel'sche als eine persönliche Kränkung für ihn, da sie auf den directen Wunsch des österreichischen Ministeriums geschah. Der Grund, daß sich dieselbe bis zum Mai 1857 verzögerte, lag in dem Widerstreben Friedrich Wilhelms IV. gegen diesen Schritt, da dieser B. auszeichnete und zweimal, schon 1848 und 1850, zum Minister der auswärtigen Angelegenheiten bestimmt gehabt hatte, ohne daß B. zur Annahme dieser Stellung sich hätte entschließen können. Anderthalb Jahre hielt er sich nach seiner Rückkehr von Wien von der politischen Thätigkeit fern, nur daß er im Winter 1851—52 die Stadt Berlin im Herrenhause vertrat, die ihm ihr Mandat ausdrücklich mit Rücksicht auf seine patriotische Haltung in Wien übertragen hatte. Hier schloß er sich der Fraction Alvensleben an und stimmte in der wichtigsten Frage der damaligen Sitzung, über die künftige Zusammensetzung der ersten Kammer, mit einem großen Theile der Rechten gegen die Regierungsvorlage. Dennoch war die parlamentarische Thätigkeit nicht sein berufenes Feld, und er ging im October 1852, von König Friedrich Wilhelm IV. zum wirklichen geheimen Rath ernannt, um so lieber als Gesandter nach Neapel, als ihm dies Land noch von dem Beginn seiner diplomatischen Thätigkeit her in liebevollem Andenken stand, und er hier Stärkung für seine, namentlich durch die Thätigkeit in Wien angegriffene Gesundheit zu finden hoffte. Aber schon im Mai 1854 traf ihn hier die Ernennung zum Gesandten in London. Wiederum eröffnete sich dort ihm eine höchst schwierige Stellung. Es war im Beginne des Krimkrieges, der bisherige Gesandte Preußens, Bunsen, als angebliches Opfer des preußischen Systems abberufen, B. als Vertreter des freundschaftlichen Einvernehmens Preußens mit Rußland und als Gegner Englands beargwöhnt. Gleichwol erwarb er sich auch hier sehr bald persönliche Hochachtung und Zuneigung. Im J. 1857 zeichnete er mit Lord Clarendon die Ehepacten des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm mit der Prinzeß Royal Victoria. Im J. 1861 ward er nach Berlin zurückgerufen, um in dem kurzlebigen Ministerium v. d. Heydt die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten zu übernehmen (10. Oct.). Die damalige Situation konnte ihm jedoch keine Befriedigung gewähren. Die conservative Partei, auf die er in der inneren Politik während der Conflictszeit angewiesen war, versagte seiner auswärtigen Politik ihre Unterstützung, namentlich warf sie ihm die Anerkennung des Königreiches Italien vor. Und so räumte er bald und gern seinen Platz seinem Nachfolger Otto v. Bismarck und kehrte schon nach einem Jahre (October 1862) auf seinen inzwischen zur Botschaft erhobenen Posten nach England zurück. Derselbe bot ihm neue Schwierigkeiten, vor allem in der 1864 sich erhebenden schleswig-holsteinischen Frage, bei der bekannten Stellung, die das englische Cabinet zu derselben einnahm. Von großer Bedeutung war seine Thätigkeit auch 1870 und 1871 während des deutsch-französischen Krieges, wo seine taktvolle und vermittelnde Persönlichkeit hier bei der neutralen Macht gerade an der rechten Stelle war. Er hatte die Befriedigung, mit der Errichtung des Deutschen Reichs die Hoffnung seines Lebens verwirklicht zu sehen und konnte im Mai 1871 dem englischen Cabinette sein Beglaubigungsschreiben als Botschafter des Deutschen Kaisers überreichen. Entschiedene Geradheit und eine im besten Sinne aristokratische Denkweise charakterisirten Graf B., und das echt deutsche Familienleben sowie die edle Gastlichkeit von Prussia House zeichneten den deutschen Botschafter in der Mitte|der befreundeten Nation aus. Die persönliche Zuneigung sowol König Friedrich Wilhelms IV. als auch später des Kaisers und des Kronprinzen Friedrich Wilhelm wurde ihm zu Theil und gab den Beziehungen Bernstorffs zu denselben eine besondere Vertraulichkeit und Innigkeit. Auch für die vornehmen und einflußreichen englischen Kreise, in denen er sich neunzehn Jahre hindurch zu bewegen hatte, war er durch seine Gemüths- und Charaktereigenschaften entschieden die geeignete Persönlichkeit. — Er starb nach langer, schmerzvoller Krankheit in London am 26. März 1874.

  • Autor/in

    David Müller.
  • Empfohlene Zitierweise

    Müller, David, "Bernstorff, Albrecht Graf von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 2 (1875), S. 486-488 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116147601.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA