Lebensdaten
1823 bis 1896
Geburtsort
Strohausen (Oldenburg)
Sterbeort
Berlin-Charlottenburg
Beruf/Funktion
Statistiker
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 116104376 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Becker, Karl Martin Ludwig
  • Becker, Karl
  • Becker, Karl Martin Ludwig

Quellen(nachweise)

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Zitierweise

Becker, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116104376.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Christian Becker, Doktor und Kreisphysikus;
    M Wilhelmine Becker;
    Johanne Schröder.

  • Leben

    Als die schleswig-holsteinische Armee 1851 aufgelöst wurde, gab B. als Hauptmann die militärische Laufbahn auf, studierte an den Universitäten Göttingen und Berlin Nationalökonomie, wo er unter W. Dieterici, dem Leiter des Königlich Preußischen Statistischen Bureaus Gelegenheit bekam, die Statistik in Theorie und Praxis kennenzulernen. 1853 kehrte B. nach Oldenburg zurück, beteiligte sich an den Vorarbeiten zur Gründung des Statistischen Bureaus in Oldenburg, dessen Leitung er bei seiner Errichtung 1855 übernahm. Auch an den Vorarbeiten zur Gründung des Kaiserlich Statistischen Amtes in Berlin hatte er maßgeblichen Anteil, wurde 1872-91 dessen erster Direktor. - B.s Verdienste um die Statistik liegen vor allem auf dem Gebiet der Organisation der statistischen Erhebungen. Schon in seiner Oldenburger Amtszeit hat er erstmals in Deutschland die „Haushaltungsliste“ eingeführt, zu der später noch eine "Kontrollliste“ kam, womit er die Zuverlässigkeit des Zählungsergebnisses wesentlich erhöht hat. Gleichzeitig hat er den Umfang der Fragestellung erheblich erweitert. Daneben hat B. auf eine umfassende publizistische Tätigkeit seines Amtes großen Wert gelegt. Als Leiter des Oldenburger Amtes hat er 13 Bände „Statistische Nachrichten aus dem Großherzogtum Oldenburg“ herausgegeben und das Zahlenmaterial mit Text versehen, was damals sehr selten war. Der von B. geschaffene Rahmen der publizistischen Tätigkeit des Kaiserlich Statistischen Amtes ist in seinen Grundzügen heute noch (1953) erhalten. Die erste Veröffentlichung dieser Stelle war die „Statistik des Deutschen Reiches“ (1873), von der während B.s Amtszeit 106 Bände erschienen sind. 1873 kamen hierzu die „Vierteljahrshefte zur Statistik des Deutschen Reiches“ (seit 1877 Monatshefte) und 1880 das „Statistische Jahrbuch für das Deutsche Reich“. Neben der Organisation der Zählungen und dem Ausbau der statistischen Publizistik hat sich B., der einen ausgeprägten Sinn für Zahlen und eine starke Begabung für Mathematik hatte, Verdienste von bleibendem Wert erworben mit seinen Sterbetafeln für das Deutsche Reich und für Preußen. Am Ausbau der internationalen Statistik hat B. nur anfangs mitgearbeitet.

  • Werke

    Preuß. Sterbetafeln, in: Ztschr. d. Kgl.-Preuß. Statist. Bureaus, 1869;
    Ber. an d. Komm. z. Vorberatung einer Reichs-Medizinalstatistik, 1874;
    Die Handelsbilanz u. d. Statistik d. Auswärtigen Handels, in: Programm d. IX. Session d. Internat. Statist. Kongresses, T. II, 1876;

    Zur Eisenbahn- u. Bevölkerungsstatistik d. dt. Städte, insbes. d. dt. Kleinstädte u. Landstädte in d. Periode 1867 bis 1875, 1877;

    Die Organisation d. amtl. Statistik im Dt. Reich, in: Dt. Revue, 1884;

    Unser Verlust durch Wanderung, in: Schmollers Jb. 1887;
    Dt. Sterbetafeln, in: Mhh. z. Statistik d. Dt. Reiches, 1887;

    Statist. Jb. d. Dt. Reiches, 1888 u. 1891;

    Die Jahresschwankungen in d. Häufigkeit verschiedener bevölkerungs- u. moralstatist. Erscheinungen, in: Allg. Statist. Archiv, 1891;
    Stand u. Bewegung d. Bevölkerung d. Dt. Reiches u. fremder Staaten in d. J. 1841-1886, in: Statistik d. Dt. Reiches, 1892.

  • Literatur

    ADB XLVI;
    Mhh. z. Statistik d. Dt. Reiches, 1896;
    E. Blenck, in: Ztschr. d. Kgl. Preuß. Statist. Bureaus 36, 1896 (Nekrolog);
    P. Kollmann, in: BJ I, S. 12-32;
    ders., in: Allg. Statist. Archiv, Bd. 5, 1899;
    C. Meitzel, K. B., in: Hdwb. d. Staatswiss., Bd. 2, 41924.

  • Portraits

    Holzschnitt in: LIZ 70, 1878, S. 329, 107, 1896, S. 52.

  • Autor/in

    Ernst Meier
  • Empfohlene Zitierweise

    Meier, Ernst, "Becker, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 720 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116104376.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Becker: Karl B., Statistiker, zuletzt Director des Statistischen Amts des Deutschen Reichs, geboren am 2. October 1823 zu Strohausen, einem Dorfe der oldenburgischen Wesermarsch, Sohn eines Arztes. Er verfolgte ursprünglich die militärische Laufbahn, wurde 1842 Officier, 1849 Oberlieutenant im 1. oldenburgischen Infanterieregiment; trat 1850 zu den neu gebildeten schleswig-holsteinischen Truppen über, bei denen er bis zu ihrer Auflösung im Frühjahr 1851 als Hauptmann verblieb. Auf Veranlassung des oldenburgischen Ministers des Innern Frhrn. v. Berg, der ein statistisches Bureau für das Großherzogthum schaffen wollte und B. als eine für die Leitung desselben geeignete Persönlichkeit ins Auge gefaßt hatte, widmete B. sich zunächst staatswissenschaftlichen Studien an der Universität Göttingen und arbeitete dann in Berlin beim königlich preußischen Statistischen Bureau. Im J. 1853 wurde er mit der Einrichtung des großherzoglich oldenburgischen Statistischen Bureaus betraut, mit dem er bei sehr knapp bemessenen Mitteln hervorragend tüchtige Arbeiten lieferte. Im J. 1863 erhielt er den Titel eines Ministerialraths. Als nach der Begründung des Norddeutschen Bundes eine „Commission zur weiteren Ausbildung der Statistik des Zollvereins“ geschaffen wurde, erhielt B. Gelegenheit sich an den Berathungen dieser Commission zu betheiligen, die in den Jahren 1870 und 1871 stattfanden (die Protokolle und Berichte sind abgedruckt im I. Bande der „Statistik des Deutschen Reichs“, Berlin 1873), und damit die Grundlagen zu der Statistik des Deutschen Reichs schaffen zu helfen; denn die Vorschläge dieser Commission wurden zu einem sehr großen Theil für Bestimmungen des Bundesraths betreffs der Einrichtung von statistischen Aufnahmen in allen Staaten des Reichs über mannichfache Gebiete des Volkslebens benutzt, und zur Bearbeitung dieser Statistik für das Reich wurde das „Kaiserliche Statistische Amt“ im J. 1872 geschaffen. Die Leitung dieses Amts wurde zunächst dem Vorstande des königl. bairischen Statistischen Bureaus Dr. Georg Mayr angetragen und als dieser ablehnte, wurde B. der erste Director dieser neuen Behörde. Er trat am 23. Juli 1872 sein Amt in Berlin an; sein Nachfolger in Oldenburg wurde Dr. Paul Kollmann, der dem großherzoglichen Statistischen Bureau noch jetzt (1900) vorsteht.

    B. fand als die zunächst gegebenen Aufgaben seines Amtes diejenigen vor, die früher von dem „Centralbureau des Zollvereins“ erledigt worden waren, von dem auch einige Beamte in das Statistische Amt übernommen wurden, nämlich die Zusammenstellung der Ergebnisse der Volkszählungen, die Statistik der Bergwerke, Salinen und Hütten und die Statistik des auswärtigen Handels,|diese letztere in einem noch recht wenig entwickelten Zustande. Auf Grund der vorhin erwähnten Arbeiten der Commission zur weiteren Ausbildung der Statistik des Zollvereins traten alsbald noch andere Gebiete der Statistik in den Geschäftskreis des Amts; und bis zum Jahre 1891, in dem B. den Dienst (mit dem Titel als Wirklicher Geheimer Oberregierungsrath) wegen erschütterter Gesundheit verlassen mußte, kam eine Fülle neuer Aufgaben hinzu. Ihr bedeutendster Zuwachs wurde durch die Reform der Handelsstatistik mit dem Gesetze, betreffend „die Statistik des Waarenverkehrs des deutschen Zollgebiets mit dem Auslande“ vom 20. Juli 1879 herbeigeführt, an welcher, auch bezüglich der technischstatistischen Ausführung der großherzoglich hessische Bevollmächtigte zum Bundesrath Fabricius einen großen Antheil hatte. Diese Vermehrung der Geschäfte brachte auch eine solche des Personals; während für das Jahr 1872, das erste von Becker's Geschäftsführung, das Amt mit zwei Mitgliedern (Räthen) und acht Bureaubeamten und einem Geldetat von 31 760 Thalern ausgestattet wurde, waren im Etatsjahr 1891/92, bei dessen Beginn B. noch im Dienste war, bereits fünf Mitglieder, 115 Bureaubeamte und eine Geldsumme von 803 155 M. zur Bewältigung der Arbeiten nöthig. (Ueber die Entwicklung der Statistik des Reichs und des Kaiserlichen Statistischen Amts vgl. Statistik des Deutschen Reichs, Band 101. Berlin 1897.) Entsprechend hatte sich die Thätigkeit des Directors erweitert. Am 1. Mai 1891 legte B. sein Amt nieder; er starb am 20. Juni 1896 zu Berlin.

    Das Gebiet, auf dem die wissenschaftlichen Leistungen Becker's liegen ist die Bevölkerungsstatistik und auf diesem hat er sich auch als statistischer Praktiker besonders bewährt. In seinen Arbeiten überhaupt zeichnete er sich durch große Vorsicht und Umsicht bei der Veranstaltung der Erhebungen, durch kritische Schärfe in der Durcharbeitung des Materials, durch Gründlichkeit und völlige Objectivität der Darstellung der Ergebnisse aus. Freilich beschränkten sich sein Interesse und seine Fähigkeit auf die zahlenmäßige Behandlung; wenn die Tabellen correct hergestellt, umfassende Verhältnißzahlen berechnet und die Ergebnisse danach aufgereiht waren, so war die Grenze seiner Thätigkeit erreicht. Die Resultate der Statistik den Interessenten sozusagen menschlich näher zu bringen, insbesondere die volkswirthschaftliche Bedeutung der Zahlen zu erfassen und zu zeigen, lag ihm fern. In dieser Beschränkung, die sich ja auf dem Gebiet der eigentlichen Bevölkerungsstatistik am wenigsten fühlbar macht, muß er als ein hervorragender Gelehrter und Praktiker der Statistik bezeichnet werden.

    In seinem oldenburgischen Wirkungskreise brachte er das von ihm geschaffene Bureau durch mannichfache Arbeiten, die hauptsächlich in den seit 1857 erscheinenden „Statistischen Nachrichten über das Großherzogthum Oldenburg“ veröffentlicht sind, bald zu Ansehen; insbesondere sind seine erfolgreichen Bemühungen um Verbesserung der Volkszählungen hervorzuheben, bei denen er schon 1855 die „Haushaltungs-Liste“ einführte, welche von den einzelnen Haushaltungsvorständen auszufüllen war und eine wessentliche Verbesserung gegen frühere unvollkommene Zählungsmethoden darstellte. Sie wurde dann in den deutschen Staaten das allgemeine Volkszählungsinstrument, bis sie 1871 in Preußen und entsprechend in einer Anzahl anderer Staaten durch die „Individual-Zählkarten“ und den „Zählbrief“ verdrängt wurde; eine Methode, die B. mit Recht als technisch unangemessen und die Bewölkerung ungebührlich belastend verwarf. In seinem Wirkungskreise als Director des Kaiserlichen Statistischen Amts hat B. im Verlaufe seiner 20jährigen Thätigkeit 106 Bände der „Statistik des Deutschen Reichs“ herausgegeben; 1877 wurden aus ihnen die „Monatshefte zur Statistik des Deutschen Reichs“ als besondere Zeitschrift herausgelöst und 1880 wurde das „Statistische Jahrbuch für das Deutsche|Reich“ geschaffen. Unter den speciell als seine eigenen zu bezeichnenden Arbeiten des Kaiserlichen Statistischen Amts ist unzweifelhaft die bedeutendste die Berufsstatistik von 1882. Als zur Vorbereitung der Reichsversicherungsgesetze eine Zählung der Bevölkerung nach Beruf und Erwerb nöthig befunden wurde, bekam B. als Director des Kaiserlichen Statistischen Amts den Auftrag, eine solche Erhebung zu veranstalten. Der Plan zu der Berufszählung, an die eine Erhebung der landwirthschaftlichen und gewerblichen Betriebe angeknüpft war, wurde von ihm, unter Beistand seines Collegen aus Baden, Geheimrath Hardeck, ausgearbeitet und damit die erste streng systematische und erschöpfende Zählung der deutschen Bevölkerung nach ihren Berufsverhältnissen ins Werk gesetzt, die als eine Musterleistung allgemeine Anerkennung fand. Die Art der Bearbeitung der Ergebnisse (Band 2—7, N. F. der Statistik des Deutschen Reichs, Berlin 1884 bis 1886), die zum großen Theil auch von B. selbst ausgeführt ist, beeinträchtigte freilich den Nutzen, der aus dem Werk hätte geschöpft werden können, einigermaßen. Die Darstellung ist, wegen der, oben charakterisirten, Arbeitsweise Becker's erstaunlich schwerfällig und leblos, so daß die Verwerthung der Ergebnisse dieser 1882er Zählung für weitere Kreise im Verhältniß zur Größe und Güte der Arbeit gering blieb.

    Als sonstige Leistungen Becker's von bleibendem Werth sind die auf Berechnung von Sterbetafeln bezüglichen zu nennen, nämlich: 1) „Preußische Sterbetafeln, berechnet auf Grund der Sterblichkeit in den sechs Jahren 1859 bis 1864, auch Vergleich mit fremden Sterbetafeln“ in der Zeitschrift des Königlich preußischen Statistischen Bureaus, 1869; 2) „Zur Berechnung der Sterbetafeln an die Bevölkerungsstatistik zu stellende Anforderungen“, Denkschrift für die 9. Session des Internationalen Statistischen Congresses 1874 zu Stockholm; 3) „Deutsche Sterbetafel, gegründet auf die Sterblichkeit der Reichsbevölkerung in den 10 Jahren 1871/72 bis 1880/83, nebst Vergleichungen mit anderen Sterbetafeln" in den Monatsheften zur Statistik des D. R. 1887, XI; auch in der Hauptsache im Statistischen Jahrbuch f. d. D. R. 1891. Endlich sind von den wenigen Veröffentlichungen, die unter Becker's Namen erschienen sind, zu erwähnen die Aufsätze: „Unsere Verluste durch Wanderung“ in Schmoller's Jahrbuch für Gesetzgebung etc. 1887 und „Die Jahresschwankungen in der Häufigkeit verschiedener Bevölkerungs- und moralstatistischer Erscheinungen“ in Mayr's Allgem. Statistischen Archiv 1893.

    • Literatur

      P. Kollmann, Artikel Becker im Biographischen Jahrbuch und deutschen Nekrolog von A. Bettelheim, I. Bd. Berlin 1897. — Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik 1898 (mit Porträt). — E. Blenck i. d. Zeitschrift des kgl. preußischen Statistischen Bureaus, 1896. — „Zur Geschichte d. Kaiserl. Statistischen Amts“ in d. Vierteljahrsheften z. Statistik d. D. R., 1896.

  • Autor/in

    H. v. Scheel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Scheel, H. von, "Becker, Karl" in: Allgemeine Deutsche Biographie 46 (1902), S. 324-326 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116104376.html#adbcontent

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