Lebensdaten
1866 bis 1935
Geburtsort
Kierspe (Westfalen)
Sterbeort
Partenkirchen
Beruf/Funktion
Naturforscher
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116067470 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kattwinkel, Wilhelm

Quellen(nachweise)

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Zitierweise

Kattwinkel, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116067470.html [19.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm ( 1877), Kaufm., S d. Landwirts Peter Wilhelm in Hölen u. d. Anna Maria Speckenbach;
    M Henriette (1833–98), T d. Landwirts Hermann Friedrich Bancklotz in Beckinghausen u. d. Margarethe Anna Boberg;
    Schwelm 1895 Martha (* 1872), T d. Fabrikbes. Julius Schmidt u. d. Wilhelmine Becker.

  • Leben

    K. studierte zunächst Naturwissenschaften in Bonn und Straßburg, danach (1889) Medizin in Bonn, Königsberg, Erlangen (doctor medicinae 1892) und München (Staatsexamen 1894). Nach dem Militärdienst trat K. als Volontärassistent bei H. von Ziemßen im Krankenhaus links der Isar in München ein und hospitierte 1900-05 an der Salpêtrière und dem Bicêtre in Paris. 1902 wurde er an der Universität München habilitiert und 1909 zum außerordentlichen Professor für Neurologie ernannt. K. bearbeitete zahlreiche neurophysiologische und neuropathologische Themen, darunter Sprachstörungen bei rechtsseitiger Hemiplegie, Strangsklerosen, anatomische Grundlagen der Huntington'schen Chorea. Er erwarb sich bei der in München durch K. A. von Zittel und J. Ranke besonders rührigen Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte eingehende Kenntnisse in der Fossilienforschung; zudem konnte er sich aufgrund eigener anatomisch-histologischer Arbeiten mit den ähnlichen paläontologischen Methoden näher vertraut machen. Diesem Wissen K.s ist die Entdeckung (1911) einer der für die Aufklärung frühesten menschlichen Lebens bedeutendsten Fundstätten zu verdanken, der von ihm nach dem Massai-Wort „Oldoway“ für die dort weit verbreitete Sisal-Agave benannten Oldoway-Schlucht (englisch „Olduvay Gorge“) am südöstlichen Rande des heutigen Serengeti-Nationalparks in Nordtansania (ehemals Deutsch-Ostafrika). K. stieß auf diese tiefeingeschnittene, in ihren freiliegenden Steiluferschichten mit Fossilien angereicherte Trockenschlucht während seiner 1910-11 zum Studium der Schlafkrankheit unternommenen Reise. Er sammelte verschiedene, später der Zoologischen sowie der Paläontologischen Staatssammlung München geschenkte, dort zuerst von Schlosser und Stromer von Reichenbach näher untersuchte tierische Fossilien (im 2. Weltkrieg vernichtet), photographierte die Fundstellen und trug sie auf seiner von C. Uhlig und F. Jaeger gezeichneten Expeditionskarte (Jaegersche Karte) ein. Nach der Rückkehr gab K., unterstützt durch von Reichenbach, A. Rothpletz (München) und durch W. von Branca, Berlin, den Anstoß zur Vorbereitung einer neuen Expedition bei den Geologischen Instituten in Berlin und München, finanziell unterstützt durch die Preußische Akademie der Wissenschaften Berlin und die Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin. Die Expedition brach 1912 unter Leitung des bei einer späteren Forschungsreise in englische Kriegsgefangenschaft geratenden Berliner Geologen Hans Reck zur Erforschung der Oldoway-Schlucht auf. Dort machte sie 1913 den weltweites Aufsehen erregenden Fund eines jungpaläolithischen Homo-sapiens-Skeletts neben anderen, auch paläozoologischen, nach Berlin verbrachten Funden. Durch diesen Erfolg wurden bald darauf mehrere neue Expeditionen ausgelöst, darunter eine von K. geplante, selbst finanzierte, die unter W. B. Sattler und G. Schulze aufbrach, aber kurz vor ihrem Ziel und noch vor K.s Eintreffen wegen des Ausbruchs des Weltkrieges wieder umkehren mußte. Die Oldoway-Schlucht hat durch anhaltende wertvolle Funde, wie unter anderem die von H. Reck (1931) sowie L. S. B. und M. Leakey, ihre Bedeutung bis heute behalten. K. selbst leitete 1914-18 ein Kriegslazarett und nahm, danach als Generaloberarzt der Reserve entlassen, seine Lehrtätigkeit in München wieder auf. Seit den 20er Jahren war er dann als Arzt an Dr. Wiggers Kurheim in Partenkirchen (Oberbayern) tätig.|

  • Auszeichnungen

    Korr. Mitgl. d. Ges. f. Neuro., Paris.

  • Literatur

    H. Reck, Grabungen auf fossile Wirbeltiere, in: Geolog. Charakterbilder 31, 1925;
    ders., Wiss. Ergebnisse d. Oldoway-Expedition, in: Zs. f. Vulkanol. 2, 1925, 3, 1928, 4, 1937;
    ders., Oldoway, die Schlucht d. Urmenschen, 1933;
    ders. (mit L. S. B. Leakey, P. G. H. Boswell, A. T. Hopwood u. J. D. Solomon), The Oldoway Human Skeleton, in: Nature (London) 131, 1933;
    W. Gieseler u. Th. Mollison, in: Verhh. d. Ges. f. phys. Anthropol. 3, 1929;
    B. u. M. Grzimek. Serengeti darf nicht sterben, 1959, S. 312 f.;
    G. Heberer, Oldoway - Wiege d. Menschheit?, in: Bild d. Wiss. IX, 1966;
    ders., Evolution d. Organismen III, 31967/74;
    Entwicklungsgesch. d. Lebewesen (hrsg. v. G. Heberer u. H. Wendt, Erg. bd. zu Grzimeks Tierleben, Enz. d. Tierreiches), 1972, S. 525 (Abb. d. „Olduvay-Menschen“ = Homo erectus leakeyi);
    W. Bray u. D. Trump, Dict. of Archaeol., 1970 (dt. v. J. Rehork u. A. u. W. Seipel, 2 Bde., 1975);
    F. C. Howell, Early Man, 1965, dt. Übers. v. G. u. G. Hartmann, 1975;
    Rhdb. (P).

  • Autor/in

    Georg Glowatzki
  • Empfohlene Zitierweise

    Glowatzki, Georg, "Kattwinkel, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 331 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116067470.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA