Lebensdaten
1878 bis 1945
Geburtsort
Neustadt/Weinstraße
Sterbeort
Solln bei München
Beruf/Funktion
Paläontologe ; Geologe ; Philosoph
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116011564 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Dacqué, Edgar Viktor August
  • Dacqué, Edgar
  • dacque, edgar
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Zitierweise

Dacqué, Edgar, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116011564.html [18.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Eugen (1848–1922, ev.), Bankier (Musiker) in Freiburg (Breisgau), S des Frdr. Clemens (1813–68), Bankier in Neustadt, u. der Elis. Koch (1824–66), Gastwirts- u. Posthalters-T aus Bad Dürkheim;
    M Martha (1851–87), T des Herm. Victor Andreae (1817–89), Sprach-u. Religionsforscher (s. NDB I);
    Vt Achilles Andreae (†1905), Geologe (s. NDB I);
    München 1903 Louise, T des Kaufm. Otto Kölsch in New York;
    1 S, 4 T.

  • Leben

    D. studierte in München vor allem bei K. A. Zittel Paläontologie, promovierte 1903 und habilitierte sich 1912 für Paläontologie und historische Geologie an der Universität München. Bei Zittel 1904 Assistent, wurde er 1915 außerordentlicher Professor und Kustos an der Paläontologischen Sammlung des Bayerischen Staates.

    Das Verständnis von D.s Gedankenwelt wird dadurch erschwert, daß er an drei grundsätzlich verschiedenen geistigen Verhaltungsweisen - der deskriptiv-naturwissenschaftlichen, der naturphilosophisch-metaphysischen und der rein religiösen (christlichen) - gleich stark, gleich unmittelbar und leidenschaftlich Anteil hatte. Sein daraus entspringendes Ausgleichbedürfnis, „Religion, Wissenschaft und Leben in Eines zu schmieden, so gut ichs vermochte“, wie er in seiner Selbstbiographie bekennt, kann naturgemäß nur von einer analog mehrseitigen geistigen Veranlagung her nachempfunden werden. Mit zahlreichen Veröffentlichungen hat D. ein getreues Spiegelbild seines geistigen Werdeganges hinterlassen.

    Eine erste naturwissenschaftliche Schaffensperiode wird ausschließlich von geologischen (Paläogeographie, Alpengeologie) und namentlich paläontologischen (Anpassung, Geschichte des Lebens, Artproblem, Jura- und Kreidefaunen, Schildkröten) Fragen bestimmt, und ist außerdem durch D.s akademische Lehrtätigkeit gekennzeichnet. Die zweite Periode umfaßt in stetem Wechsel einerseits natur- und religionsphilosophische Werke, andererseits paläontologisch-geologische, teils zusammenfassende und allgemein verständliche Darstellungen. - D. schreibt einen flüssigen, leicht lesbaren Stil -, teils seine reifste paläontologische Zusammenfassung („Organische Morphologie“) und vor allem seine immer wieder neu versuchten Fassungen einer Synthese von Paläontologie und Metaphysik, wobei die Deszendenz des Menschen und seine Stellung in der Natur im Vordergrund stehen. Die Wende beider Perioden kennzeichnet das wie mit Naturgewalt hervorbrechende Buch „Sage, Urwelt und Menschheit“ (1924).

    D.s Auffassung vom Wesen der Evolution, unter anderem seine polyphyletische Typenlehre, steht zur Debatte. D. hat die theoretische Paläontologie besonders durch eine Vertiefung der historischen Betrachtung und namentlich mit seiner Lehre von der Zeitsignatur bereichert. Auch sonst hat er in seinen Fachgebieten Großes geleistet: Ein tiefschürfender Anpassungsbegriff wurde durch D. für die fossilen Evertebraten fruchtbar gemacht. Wesentliche Förderung brachten seine Zusammenfassungen der Paläogeographie und der Paläobiologie (im engeren Sinne) der Wirbellosen zu einem Zeitpunkt der Wissenschaftsgeschichte, wo das angewachsene Tatsachenmaterial eine zusammenfassende Bearbeitung dieser Stoffe erforderte. Andere seiner zum Teil umfangreichen fachlichen Forschungen sind gediegener, selbstloser Dienst am Material der Wissenschaft, so seine faunistisch-stratigraphische Bearbeitung der Regensburger Kreide.

    Sein Hauptverdienst ist es, in die deskriptive, besonders systematisch-paläozoologische, nach Stoff wie Methode spezialistisch sich verengende Betrachtung gerade im richtigen Zeitpunkt neue Gedanken getragen zu haben. D.s Wissenschaft ist erlebt, ist nicht Konstruktion oder schematische Tradition; „nur die vom Herzblut gespeiste Wahrheit lebt“, bekennt er in seiner Selbstbiographie. Fast stets auf neuen Wegen, brachte seine Methode auch die Intuition in der Forschung wieder zu ihrem Recht. Als Persönlichkeit ist D.s lauterer Charakter Vorbild für eine Geisteshaltung, die zur eigenen Meinung steht, auch wenn er sich damit bewußt den Aufstieg in der akademischen Laufbahn verbaute.

    Der Naturphilosoph D. wußte genau, wo die Grenze zwischen Wissenschaft und Metaphysik verläuft und wieviel unbewußte Metaphysik noch in fast jeder biologischen Theorie steckt. Er erkannte die Lamarcksche wie die Darwinsche Theorie auf ihrem Felde als einseitige Erklärungen von Mit- und Teilursachen der äußeren Entwicklung an, doch er ergänzt und überbaut sie durch seine „Idealistische Morphologie“ und die „Metaphysik des Stammbaums“, die das Urrätsel der spontanen Typenbildung bestehen läßt und die Deszendenzlehre gleichsam von innen her vergeistigt: „Die Entwicklung des Lebensreiches ist, metaphysisch und physisch gesehen, die Offenbarung der Entelechie des Menschen. In aller naturhistorischen organischen Entwicklung liegt der Mensch -grundsätzlich und von Anfang an.“

    D. bestätigt damit paläontologisch und metaphysisch das Wort Meister Eckharts: „Alle Natur meint den Menschen“ (und korrigiert seine noch im Urweltbuch verfrüht formulierte irrige Anfangskonzeption des Vormenschen früherer Erdzeitalter). Der ideelle Menschenstamm ist als Zentralstamm des Lebensbaumes eine in der Naturwirklichkeit stufenweise sich entfaltende schöpferische Potenz, „die durch alles fortbesteht und gegen das Ende der Zeit mehr und mehr sich manifestiert. Die ganze Tierwelt zeigt auseinandergelegt alles, was der Menschenstamm, von seiner Urform her potentiell, entelechisch enthält. Wir wollen nicht die natürliche Entwicklungslehre beseitigen, sondern sie zum Bewußtsein ihres eigenen und wesentlichen Inhalts führen.“

    In dieses naturphilosophisch in sich geschlossene Weltbild fallen nun von ganz anderer Seite, von D.s religiösem Empfinden her, dunkle, schwere Schatten, in ethisch richterlichem Ernst und voll tiefer Glaubenszuversicht. Schopenhauers Pessimismus wandelt sich im Einfluß Jakob Böhmes und Schellings - diese drei Philosophen haben auf D. stark eingewirkt - zu einer religiösen Naturmetaphysik, deren Erlösungsbedürfnis in eine eschatologische Christologie einmündet. „Nicht Gottnatur predigen wir, sondern Dämonnatur als Abfall von Gott und Unerlöstheit. Alle Form, die lebend sich entwickelt, kann man nehmen als Wille zur dämonischen Selbstverwirklichung. Die Überwindung dieses unseligen, mit sich selbst entweihten Zustandes wäre wahre Gotteskindschaft.“

    Diese „Gebrochenheit“ der (durch den metaphysischen Fall des Menschen mitgerissenen) Natur verlangt nach der Erlösung, die „nur in der sich selbst entäußernden Liebe Gottes kommen kann, der im gefallenen Menschenbild erschien“. Diesen Schöpfungsmythus in christlicher Prägung erzählt D. in seinem letzten Werk („Die Urgestalt“, 31951) „aus Eigenem zu Ende“, wie er sagt, in nun gereifter Überschau seiner metaphysischen Grundposition, seiner eigentlichen Naturphilosophie und seiner Religionsmetaphysik. Er hat die volle Einheit seiner drei Anliegen hier erreicht. Begreiflich ist, daß ihm wenige von der naturwissenschaftlichen zur naturmetaphysischen Ebene folgen, und noch wenigere von hier weiter zu seiner religiösen Erlösungslehre. Das Mittel, das ihm diese steten Übergänge einheitlich ermöglichte, war sein intuitives unmittelbares Verstehen des Mythischen, wie ja auch in der Tat der Mythus am Anfang die noch nicht getrennte, keimende Religion, Philosophie und Wissenschaft als Mutterboden mitumfaßt.

    So ist im Grund der Mythus - der wissenschaftliche wie der religiöse - die eigentliche bleibende Urfrage seines ganzen Werkes, von der ersten unzulänglichen, ja mißverstandenen Antwort seines Urweltbuches (1924) bis zur abgeklärten Zusammenfassung „Das verlorene Paradies“ (1938); von der Dichtung seines Lebensmythus „Vom Sinn der Erkenntnis, Eine Bergwanderung“ (1931) über „Natur und Erlösung“ (1933) und die Abhandlungen in der Zeitschrift Corona („Außen und Innen der organischen Entwicklung“ 1936, „Das große Traumgesicht“ 1940) bis zum „Bildnis Gottes“ (1939) und der „Urgestalt“. D.s Verstehen des Mythischen reicht von seiner genialen Rückschau auf die Abstammungslehre als spätzeitliche Mythusform des „an der Wurzel der Schöpfung liegenden Zusammenhangs von Mensch und Tier“ - (Wissenschaft als „Mythus des Rationalen der Natur!") - und seiner archetypischen Sagendeutung bis zur metaphysischen Auffassung der religiösen Mythen und Legenden im Sinn Meister Eckharts: statt historischer Auffassung „Durchchristung des Daseins von innen her“ - Rückführung auf das einzig wahre Leben, für das die gesamte Weltschöpfung, „die der Natur wie die des Geistes, Symbol und Widerschein ist“.

  • Werke

    Weitere W Zur systematischen Speziesbestimmung, in: Neues Jb. f. Min., Geol. u. Paläontol., Beil.-Bd. 22, 1906, S. 639-85;
    Paläontologie, Systematik u. Deszendenzlehre, 1911;
    Grundlagen u. Methoden der Paläogeogr., 1915;
    Vergl. biolog. Formenkde. d. fossilen niederen Tiere, 1921;
    Paläogeogr., 1925;
    Organ. Morphologie u. Paläontologie, 1935;
    Vermächtnis d. Urzeit, hrsg. v. Joachim Schröder u. Manfred Schröter, 1948 (W); W-Verz in:
    Zs. f. d. ges. Naturwiss. 2, 1936, S. 38 bis 43.

  • Literatur

    M. Schröter, Werk u. Wirkung, 1948 (mit d. beiden Schlußkapiteln v. D.s ungedr. Selbstbiogr. [S. 1-29], W-Verz. v. 156 Nr.);
    A. Dempf, Die Weltidee, 1955, S. 1-29.

  • Portraits

    in: Der Große Herder, 51953.

  • Autor/in

    Werner Quenstedt, Manfred Schröter
  • Empfohlene Zitierweise

    Quenstedt, Werner; Schröter, Manfred, "Dacqué, Edgar" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 465-467 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116011564.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA