Lebensdaten
1759 bis 1836
Geburtsort
Behla bei Donaueschingen
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Archäologe ; Kunsthistoriker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 115368302 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hirt, Aloys
  • Hirt, A.
  • Hirt, Alois
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Zitierweise

Hirt, Aloys, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd115368302.html [13.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Franz ( 1797), aus Pfohren, Bauer u. Vogt in Behla;
    M Elisabeth verw. Höfler aus Behla; ledig.

  • Leben

    Trotz bäuerlicher Abkunft besuchte H. das Gymnasium der Benediktiner in Villingen. Frühzeitig gewann Leibniz' Theodizee Einfluß auf den Heranwachsenden, den der Tod eines befreundeten Mädchens fast zum Mönche gemacht hätte: Er nahm vorübergehend Aufenthalt in einem Kloster. Dieser jugendlichen Depression folgte das Studium der Philosophie (Wolff und Locke) in Nancy, wo H. durch die Schriften Voltaires und J. J. Rousseaus gebildet wurde. Nach kurzem Jura-Studium in Freiburg/Br. widmete er sich 1779-82 in Wien den Staatswissenschaften. Die Schriften R. Mengs', Lessings („Laokoon“) und Winckelmanns klärten seine ästhetischen Ansichten. 1782 trat H. seine Italienreise an, die ihn über Venedig und Florenz nach Rom, später nach Neapel (1788/89 in der Begleitung Anna Amalias von Weimar) und nach Sizilien führte. Seine Kenntnisse befähigten ihn in Rom zum „Ciceroniat“, seine Ansichten lösten jedoch lebhafte Diskussion unter den Kennern und Reisenden aus (vergleiche Goethe, Italienische Reise, November 1787), weil er die antike Baukunst nicht nur ästhetisch, sondern auch technisch zu verstehen suchte und die Plastik und in ihr das Problem des Schönen vom Ausdrucksmäßigen her erklären wollte. Für Schiller, der H.s Arbeiten in den „Horen“ veröffentlichte, war dessen Untersuchung über die Ableitung des Fuciner Sees von „schrecklicher Schwere“ (an Goethe 25.10.1796), für Goethe war H.s Aufsatz „Laokoon“ Anlaß, seine Gedanken zum Laokoon in den „Propyläen“ vorzutragen und H. in „Der Sammler und die Seinigen“ literarische Ehren zu erweisen. Inzwischen hatten die kriegerischen Wirren H. gezwungen, 1796 Italien zu verlassen. Aufgrund eines Gutachtens über die preußischen Kunstschätze ernannte ihn König Friedrich Wilhelm II. zum Mitglied der beiden Akademien zu Berlin. Im Juli 1797 besuchte H. Schiller und Goethe, in Jena und Weimar mehr Unruhe auslösend als Zustimmung findend. Bei der Gründung der Berliner Universität zum ordentlichen Professor und Hofrat ernannt, hielt H. dort Vorlesungen über Kunstgeschichte. 1816/17 unternahm er eine Reise nach Italien und anschließend – bedeutsam für die Kunstinteressen der Zeit – in die Niederlande. 1821 wurde er Mitglied der Ankaufskommission für das Neue Museum in Berlin und geriet in Streit mit G. F. Waagen, der ihm, C. F. Rumohr verteidigend,|einige recht bedenkliche Fehlurteile nachweisen konnte. Doch H. hielt „bekanntlich sehr fest an seiner Überzeugung und (war) nicht der Mann, von seinem ihm zustehenden Rechte sich irgend etwas zu vergeben“ (Waagen). Gleichwohl gehört H. in den Kreis der aristokratisch-geistigen Bildung Berlins und kann, wenn auch noch dilettierend und nicht wissenschaftlich forschend, als ein Vorläufer F. Kuglers angesehen werden (vergleiche dessen „Handbuch der Kunstgeschichte“, 1842, S. 146).

  • Werke

    u. a. Italien u. Dtld. in Rücksicht auf Sitten, Kunst u. Technik, 1789-91 (mit K. F. Moritz);
    Osservazioni istorico-architettoniche sopra il Pantheon, 1791, dt. in: Mus. d. Altertumswiss., 1807, H. 2;
    Reise v. Grottaferrata n. d. Fucin. See u. Monte Cassino, in: Die Horen, 1796, XI. u. XII. Stück;
    Versuch üb. d. Kunstschöne, ebd., 1797, VII. Stück;
    Laokoon, ebd., 1797, X. Stück;
    Über d. kgl. Preuß. Kunstschätze, in: Archiv d. Zeit 12, 1797;
    Bilderbuch f. Mythol., Altertum u. Kunst, 1804, 21816 (P);
    Der Tempel d. Diana zu Ephesus, 1809 (P);
    Die Baukunst n. d. Grundsätzen d. Alten, 1809 (P);
    Gesch. d. Baukunst b. d. Alten, 3 Bde., 1820-27 (P);
    Gesch. d. bildenden Kunst b. d. Alten, 1833;
    Briefe an Goethe, in: Goethe-Jb. 15, 1894, S. 70 f.

  • Literatur

    ADB XII; Bibliogr.
    in: Propyläen, Neudr., 1965, S. 1167 ff.;
    - Heinr. Meyer, Neudt.-rel. patriot. Kunst, 1817;
    [G. F.] Waagen, Der Herr Hofrat H. als Forscher üb. d. Gesch. d. neueren Malerei in Erwiederung s. Rezension d. 3. T. d. ital. Forschungen d. Herrn C. F. Rumohr, 1832;
    W. Waetzold, Dt. Kunsthistoriker I, 1921, S. 185;
    F. Denk, A. H., in: Neue Jbb. 4, 1928;
    ders., Ein Streit um Gehalt u. Gestalt d. Kunstwerks in d. dt. Klassik, in: German.-roman. Mschr. 18, 1930;
    H. v. Einem, C. F. Fernow, e. Studie z. dt. Klassizismus, 1935, 5.172 ff.;
    A. Hall, H. u. Laßberg, in: Schrr. d. Ver. f. Gesch. u. Naturgesch. d. Baar u. d. angrenzenden Landesteile 25, 1960 (P);
    NND (W, L).

  • Portraits

    Gem. v. J. G. Weitsch, 1785 (Donaueschingen), Abb. b. Rave u. b. Hall, s. L;
    auf d. Gem. v. J. E. Hummel, Die Schachpartie im Palais Voß in Berlin, 1818 (Hannover, Landesmus.), Abb. b. P. F. Schmidt, Biedermeiermalerei, 1923, Abb. 6, u. b. Hall, s. L.

  • Autor/in

    Wolfgang Freiherr von Löhneysen
  • Empfohlene Zitierweise

    Löhneysen, Wolfgang Freiherr von, "Hirt, Aloys" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 234 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd115368302.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hirt: Aloys H., geboren am 27. Juni 1759, am 29. Juni 1839. In dem Torfe Behla, welches in der fürstenbergischen Landschaft Baar, nicht weit von der Quelle der Donau, liegt, von bäuerlichen Eltern geboren, genoß H., um sich zu einem gelehrten Berufe vorzubereiten, einen dürftigen Unterricht im Gymnasium der Benediktiner zu Villingen, sodann in Freiburg und Rottweil. Auf der Universität Nancy erwarb er sich eine tüchtige Kenntniß des Französischen|und trieb mit Vorliebe philosophische Studien. Nach einem kurzen Ausenthalte in Freiburg studierte er von 1779—82 in Wien eifrig die Rechts- und Staatswissenschaften. Aber vorzugsweise zog ihn die Kunst an; sowohl die Lectüre der bedeutendsten kunstwissenschaftlichen Werke als die Betrachtung der Bildersammlungen entschieden seine Neigung. Entschlossen sagte er seinen Brodstudien Lebewohl und begab sich im September 1782 nach Italien. In Rom nahm er seinen dauernden Aufenthalt, der nur im J. 1793 durch einen Besuch der Eltern unterbrochen wurde. Die interessantesten Gegenden der Halbinsel durchstreifte er mit aufmerksamem Blicke; die Litteratur studierte er eifrig, und die römischen Denkmäler wurden wiederholt gemustert. So schwang er sich zu einem der kundigsten Fremdenführer der ewigen Stadt auf, von seinen Berufsgenossen vielfach angefeindet (einen erbärmlichen Prinzen nannte ihn der Maler Müller), aber von den bedeutendsten Landsleuten hoch geschätzt. Goethe setzt ihm in seinem italienischen Reisebericht ein ehrendes Denkmal, auch Herder ließ sich von ihm begleiten, und einflußreiche Verbindungen mit fürstlichen Personen bereiteten eine ehrenvolle Stellung im Vaterlande vor. Dorthin zurückzukehren veranlaßten ihn die Kriegswirren des Jahres 1796. Mit dem Dichter Matthisson verließ er Rom im Gefolge der Fürstin von Anhalt-Dessau und reiste über Triest und Wien zurück, ungewiß, wo er sich niederlassen sollte. Eine Audienz bei dem Könige Friedrich Wilhelm II. von Preußen, dem er von begünstigter Seite empfohlen war, entschied. Er entwickelte den Plan, die zerstreuten Kunstwerke der königlichen Schlösser in einem Museum zu vereinigen, ein Gedanke, der sich erst lange nachher verwirklichen sollte, aber unmittelbar die Folge hatte, daß der König den Urheber in Berlin zurückhielt. H. wurde zum Mitgliede der Akademie der Wissenschaften ernannt, in die Akademie der Künste aufgenommen, wo er öffentliche Vorlesungen zu halten hatte. Als die Universität im J. 1810 errichtet wurde, erhielt er eine ordentliche Professur in der philosophischen Facultät. Im J. 1797 besuchte der nunmehrige Hufrath seinen römischen Freund Goethe, bei dem er wohl aufgenommen wurde, und Schiller in Jena, dem er ebenfalls wohl gefiel. Kleinere Abstecher nach Dresden, Prag u. s. w. abgerechnet, blied er in Berlin wohnhaft; nur im J. 1816 und 17 sah er Italien wieder und die Niederlande zum ersten Male. Sein Anschen bei Hofe wurde durch kleine Irrungen, z. B. die nachträglich übel vermerkte Anordnung eines Auszugs von Hierodulen, nicht gestört; der König Friedrich Wilhelm III. übertrug ihm die Vorbereitungen zur Einrichtung des Museums, die ihn in Streitigkeiten mit überlegenen Kennern verwickelten und wegen Kränklichkeit ausgegeben wurden. Als Schriftsteller versuchte sich H. schon in Italien. Dort entstand im J. 1791 eine italienische Schrift über das Pantheon, welche später deutsch für Wolf's Zeitschrift für die Alterthumswissenschaft neu bearbeitet wurde. Sie stellt die Wandelungen im Plan und der Ausführung des Gebäudes auf Grund einsichtiger Beobachtung in einer anregenden Weise dar. Auch die beiden Aufsätze über Laokoon und das Kunstschöne, welche Schiller in die Horen (III, 7. 10. 12) aufnahm, so wie eine Neisebeschreibung über die Abruzzen und den Fuciner See (ebendaselbst II, 11. 12) sind in Rom verfaßt worden. In jenen beiden Abhandlungen zeigte sich nicht allein, was Goethe an ihm anerkannte, daß er „als ein Mann von Verstande eine vollständige Empirie recht gut zu ordnen und zu schätzen wußte“ (G, an Schiller Nr. 338), sondern auch die Nachwirkung seiner philosophischen Studien. Er war es zuerst, welcher die Winckelmann'sche Theorie des Schönen als unzureichend verwarf und die Betonung des Charakteristischen in seiner individuellen Erscheinung in die Aesthetik einführte. Schiller war, wie aus seinem Briefe an Goethe Nr. 339 und 362 sich ergibt, von den Urtheilen seines neuen Bekannten angenehm berührt und sah darin ein heilsames Gegengewicht gegen Fr. Schlegel's Uebertreibungen. Goethe hat in seiner Schrift „der Sammler und die Seinen" dem Charakteristiker eine selbständige und bedeutende Rolle angewiesen. Doch auch die Schwäche desselben, daß er „beschränkte und einseitige Prämissen als allgemeine voraussetzt", hat Goethe Nr. 360 richtig erkannt. Die Empirie des Beobachters war nicht frei von Vorurtheilen und Eigensinn, seine gelehrte Bildung nicht gründlich genug. Daher neben sehr richtigen Wahrnehmungen und Schlüssen wunderliche Irrthümer einhergingen, an denen der Verfasser eigensinnig festhielt. Den Gegenstand der Aeginetengruppe hat er zuerst bestimmt, dagegen die Giebelgruppen des Parthenon ein Jahrhundert nach Phidias entstehen lassen u. dgl. m. Auch sein wichtigstes Werk ("Geschichte der Baukunst bei den Alten“, 3 Bde. 1820—27, dazu „die Baukunst nach den Grundsätzen der Alten“ 1809) ist von allerlei Mängeln dieser Art nicht frei (wie er denn z. B. das Alter der Cloaca maxima herabdrückt), die Uebertragung der Gesetze des Holzbaues auf die daraus abgeleitete Steinconstruction von kundigen Architekten, wie Hübsch, erfolgreich bestritten worden. Auch haben die neueren Entdeckungen das Material sehr bereichert, und die eindringenden Untersuchungen von Bötticher. Semper u. A. zu einer tieferen Kenntniß der alten Baukunst geführt. Aber das Buch behält dennoch seinen Werth. Für seine Zeit Epoche machend, bleibt es noch jetzt wegen der Vollständigkeit und Klarheit der Darstellung lehrreich. Die „Geschichte der bildenden Künste bei den Alten“ (1833), eine Ergänzung des genannten Werkes, zieht die Summe aus einer Reihe von Einzelabhandlungen, welche in den Abhandlungen der Berliner Akademie, Böttiger's Amalthea, den Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik u. a. enthalten warm. An seinen Ansichten über die niedrige Stufe der homerischen Kunst, die Herleitung der Entwicklung aus Aegypten seit Ol. 30 hält der Verf. fest, obgleich sie von O. Müller und Thiersch bestritten und theilweise berichtigt waren. In diesem schwächeren Buche ist die Darstellung der Verpflanzung der griechischen Kunst nach Rom beachtenswerth. In der Polemik über neuere Kunst hat H. gegen Waagen und Rumohr den Kürzeren gezogen. Unter den verschiedenen kleineren Schriften verdient die Abhandlung über den Tempel zu Ephesus (1809) ausgezeichnet zu werden. Sehr nützlich für die Popularisierung der Archäologie hat sich das „Bilderbuch für Mythologie, Alterthum und Kunst“, 1804 und 1816 erwiesen. H. hatte während seines langen Aufenthalts in Italien sich ein System archäologischer und ästhetischer Begriffe zurecht gemacht, welches zwar von wunderlichen Vorurtheilen (z. B. gegen Michel Angelo) nicht frei, aber in sich vollständig und gründlich war. Daß er daran eigensinnig festhielt und seinen zahlreichen Gegnern hartnäckigen Widerspruch entgegen setzte, hat der Anerkennung seiner Verdienste geschadet: sie bleiben, namentlich auf dem Gebiete der alten Baukunst, unläugbar.

    • Literatur

      Ein Verzeichniß seiner Schriften: Neuer Nekrolog der Deutschen. 1837, S. 681 ff.

  • Autor/in

    Urlichs.
  • Empfohlene Zitierweise

    Urlichs, Karl Ludwig von, "Hirt, Aloys" in: Allgemeine Deutsche Biographie 12 (1880), S. 477-479 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd115368302.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA