• Leben

    Von K., der den größten Beitrag aller namentlich bekannten Forscher in Europa zur Entzifferung von Geheimschriften geleistet hat, ist außer seiner militärischen Laufbahn fast nichts bekannt. Er trat 1823 in das Infanterie-Regiment Nummer 33 als Freiwilliger ein|und blieb darin, bis er 1852 als Major verabschiedet wurde. 1860-68 war er Führer des 2. Aufgebotes III/21. Landwehr-Regimentes. – „Schon als junger Offizier“, so schrieb er, „beschäftigte ich mich mit der Dechiffrir-Kunst“. Er konzentrierte sich auf die chiffre quarré, heute „polyalphabetische Substitution“ genannt. Dieses von 1466 bis 1553 entwickelte Ersatzverfahren wurde 3 Jahrhunderte lang als unentzifferbar angesehen, und zwar auch in seiner gewöhnlichen Form mit wiederkehrendem Schlüsselwort. In seinem Buch „Die Geheimschriften und die Dechiffrir-Kunst“ (1863) legte er zum ersten Mal eine systematische Methode für die Lösung dieses Verfahrens mit wiederkehrendem Schlüsselwort dar. Die Methode beruht auf der Feststellung von Wiederholungen im Kryptogramm. Die Anzahl der Buchstaben zwischen diesen Wiederholungen, reduziert auf ihre mathematischen Faktoren, deutet die Anzahl der Buchstaben im Schlüsselwort an. Diese Kenntnis ermöglicht dem Entzifferer, das Kryptogramm in eine Form zu übertragen, in der er es nach altbekannten Methoden lösen kann, indem er die Häufigkeit der Buchstaben benutzt. – Diese Arbeit wird in ihrer Bedeutung nur von der des unbekannten Arabers übertroffen, der erstmals die Häufigkeitsanalyse für die Entzifferung entdeckt hat. Die Kasiski-Methode öffnete Wege zu anderen Lösungen polyalphabetischer Verfahren, welche heute noch Regierungen in komplizierten Formen benutzen. K.s Buch wird als eines der „Großen Bücher“ der Kryptologie bezeichnet. Im letzten Jahrzehnt vor seinem Tode interessierte sich K. für Altertümer in der Umgebung von Neustettin.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Naturforschenden Ges. in Danzig (seit 1872).

  • Werke

    Weitere W Artikel in: Schrr. d. Naturforsch. Ges. in Danzig, 1072-76 u. 1878;
    Zs. f. Ethnol., 1875/77;
    Balt. Stud., 1876/77.

  • Literatur

    R. Lehfeldt, Gesch. d. Füsilier-Rgt.s Gf. Roon (Ostpreuß.) Nr. 33, 1901, Anlage 9, Nr. 180;
    H. Fouché Gaines, Elementary Cryptanalysis, 1939;
    D. Kahn, The Codebreakers, 1967.

  • Autor/in

    David Kahn
  • Empfohlene Zitierweise

    Kahn, David, "Kasiski, Friedrich Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 317 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd101882769.html#ndbcontent

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