Lebensdaten
um 1402 bis 1458
Geburtsort
Taiting bei Donauwörth
Sterbeort
Straßburg
Beruf/Funktion
Waldenser
Konfession
Waldenser
Normdaten
GND: 100821812 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Reiser, Friedrich
  • Friderich, von Lancironii
  • Friedrich, von Lancironii
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Zitierweise

Reiser, Friedrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd100821812.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus waldens. Kaufmannsfam.;
    V Konrad, Kaufm.

  • Leben

    R. wurde um 1418 zur kaufmännischen und religiösen Ausbildung zu Hans von Plauen ( um 1440) nach Nürnberg geschickt. Hier traf er den aus England geflohenen Lollarden Peter Payne ( 1456) und erfuhr durch diesen von hussitischen Plänen einer Vereinigung mit den dt. Waldensern. 1420 zum waldens. Meister geweiht, reiste R. zwecks Einweisung ins Lehramt zu Mermet Hugo ( 1427/30), dessen Haus in Freiburg (Üchtland) als Treffpunkt der Waldenser bekannt war. 1423 in Basel nachweisbar, führte er in den nächsten Jahren das Leben eines Wanderpredigers. Um 1428 nahm er in Österreich Kontakt mit den Hussiten auf und ging mit einer im Kampf stehenden Bruderschaft nach Tabor, dann nach Prag, wo man den populären Prediger bereitwillig aufnahm. Nachdem er sich die hussit. Lehren angeeignet hatte, wurde R. im Sept. 1431 in der Prager Neustadt durch den taborit. Bf. Nikolaus von Pilgram (Pelhřimov, um 1460) zum Priester ordiniert. 1433 begleitete er Payne und die hussit. Delegation zum Konzil nach Basel und wurde hier vermutlich auch zum Bischof geweiht. Er nannte sich fortan „Fridericus Dei gratia episcopus Christi fidelium abnegantium donationes Constantini“ und nahm eine weite Teile Deutschlands umfassende pastorale Tätigkeit auf: Er begann mit dem Aufbau taborit.-waldens. Gemeinden in Franken, am Oberrhein und in der Mark Brandenburg, weihte einige Schüler zu Priestern und sorgte für die Verbreitung volkssprachlicher Bibeln. 1446 wurde R. zu einem der vier Oberen der aus Tabor in die Diaspora ausgesandten Prediger ernannt und erhielt die Gesamtleitung der hussit.-waldens. Union. Seit Sommer 1457 in Straßburg, wurde er Anfang 1458 von der Inquisition festgenommen und gemeinsam mit der bereits 1446 in Würzburg der Ketzerei angeklagten Anna Weiler auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die 1870 verlorenen Prozeßakten können anhand einer auf 1822 angefertigten Abschriften basierenden, durch fiktionale Passagen ergänzten Studie von Andreas Jung partiell rekonstruiert werden. R. verfaßte möglicherweise zwei Homilien, nicht jedoch die sog. „Reformatio Sigismundi“.

  • Werke

    2 Homilien, hg. v. A. Molnár, Deux homelies de Pierre Valdès?, in: Communio Viatorum 4, 1961, S. 55-58.

  • Literatur

    ADB 28;
    A. Jung, F. R., Eine Ketzergesch. aus d. fünfzehnten Jh., neu hg. u. mit e. geschichtl. Einl. versehen v. Walther E. Schmidt, 1915;
    V. Vinay, F. R. u. d. waldens. Diaspora dt. Sprache im XV. Jh., in: Waldenser, hg. v. W. Erk, 1971, S. 25-47;
    A. Molnár, Die Waldenser, 1980, bes. S. 268-96;
    F. Machilek, Dt. Hussiten, in: Jan Hus, hg. v. F. Seibt, 1997, S. 267-82;
    K. Utz-Tremp, Waldenser, Wiedergänger, Hexen u. Rebellen, 1999, Nr. 43, S. 169-79;
    BBKL VIII;
    Lex. MA;
    LThK.

  • Autor/in

    Amalie Fößel
  • Empfohlene Zitierweise

    Fößel, Amalie, "Reiser, Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 389 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100821812.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Reiser: Friedrich R. hat unter den sog. Waldensern während der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts als Wanderprediger und Bischof gelebt und gewirkt. R. war um das Jahr 1402 geboren und zwar, wie es scheint, zu Deutach bei Schwäbisch-Wörth, wo sein Vater, Konrad Reiser, lange Zeit gelebt hat. Seit seinem 16. Lebensjahr befand sich Friedrich R. in Nürnberg, wo er im Hause des Hans v. Plauen seine weitere Ausbildung empfing, um später als wandernder Prediger innerhalb seiner Gemeinschaft zu wirken. In Nürnberg lernte er verschiedene Wortführer seiner Partei, vor Allem den bekannten Anhänger John Wiclif's, Peter Payne, kennen, mit dem er von da an in dauernder Beziehung blieb. Im J. 1420 wurde Friedrich R. mittelst der Handauflegung in den Dienst der Gemeinde aufgenommen und zwar war dieselbe durch den Bischof Marmeth, welcher aus Freiburg i. U. nach Nürnberg gekommen war, vollzogen worden. Darauf begleitete er den letztgenannten in die Schweiz und scheint sich hier bis zum Ende der zwanziger Jahre, wo in diesen Gegenden eine schwere Verfolgung wider die „Waldenser“ ausbrach, aufgehalten zu haben. Er wandte sich zunächst nach Nürnberg; aber auch hier fand er leine Sicherheit, sein alter Patron, Hans v. Plauen, war seinen Feinden in die Hände gefallen und in die Gefangenschaft (wie es hieß nach Böhmen) geschleppt worden. R. machte sich auf, um ihn zu suchen und gerieth bei seinen Fahrten nach Prag, wo er, nachdem seine Bemühungen für Plauen vergeblich gewesen waren, sich einige Jahre seßhaft machte, um sich an der dortigen Hochschule dem Studium der Wissenschaften zu widmen. Nach Vollendung seiner Ausbildung ward er am 14. September 1433 durch den Bischof der sogenannten Taboriten Nic. v. Sand in Prag zum Bischof geweiht und zwar war Peter Payne es gewesen, welcher den Bischof Nicolaus zur Vollziehung der heiligen Handlung bestimmt hatte. Im J. 1434 verließ R. Böhmen und begab sich zunächst nach Basel, wo viele|Brüder und Gesinnungsgenossen wohnten. Gleichzeitig mit R., welcher in böhmischen Quellen als Friedrich der Deutsche bezeichnet wird, ward „Johann der Wälsche“ vom Bischof Nicolaus geweiht und letzterer begleitete R. dann nach Deutschland. Unter den Bewegungen, welche durch das damals tagende Baseler Concil hervorgerufen wurden, entwickelten auch die Brüder, die von den Außenstehenden als Waldenser, Taboriten, Begharden (Pickarden) u. s. w. bezeichnet zu werden pflegten, eine lebhafte Thätigkeit und so wird berichtet, daß im J. 1435 zu Straßburg eine Versammlung der apostolischen Wanderprediger oder Bischöfe stattfand, an welcher außer R. und einem gewissen Johann vom Rheine auch der Bischof Stephan aus Oesterreich theilnahm, offenbar derselbe, welcher im J. 1468 den Matthias von Kunwald zum Bischof derjenigen „Brüder“ geweiht hat, die später unter dem Namen der böhmischen Brüder bekannt geworden sind. Andere Versammlungen wurden im J. 1447 zu Heroldsberg bei Nürnberg und bald danach zu Tabor gehalten. Hier wurde die Zahl der Bischöfe für die deutschen Gemeinden auf vier festgesetzt und R. erhielt den Auftrag nach Straßburg zu gehen, um von hier aus in Oberdeutschland die Pflichten eines Bischofs zu üben. R. ging wirklich dorthin, wurde aber, nachdem er einige Jahre hier gewirkt hatte, den Inquisitoren verrathen, vor Gericht gestellt, gefoltert und zuletzt verbrannt. Das geschah im J. 1458. — Die Vermuthung, daß R. der Verfasser der sogen. Reformation Kaiser Sigismund's sei, hat sich nicht bestätigt.

    • Literatur

      Vgl. A. Jung, Friedrich Reiser, eine Ketzergeschichte aus dem 15. Jahrhundert, in der Zeitschr. Timotheus, Bd. II (1822), S. 37 ff., S. 69 ff., S. 137 ff., S. 234 ff. — J. Goll, Quellen und Untersuchungen zur Geschichte der böhmischen Brüder. Prag 1878, S. 104 ff. — W. Böhm, Friedr. Reiser's Reformation Kaiser Sigismund's, Leipzig 1867. — Keller, Die Reformation und die älteren Reformparteien, Leipzig 1885, S. 261 ff.

  • Autor/in

    L. Keller.
  • Empfohlene Zitierweise

    Keller, Ludwig, "Reiser, Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 28 (1889), S. 121-122 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100821812.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA