• Leben

    Die früher (vgl. Wahner, v. Segesser, HBLS) oft postulierte Identität R.s mit einem 1257 belegten Luzerner Ministerialen ist mit dem Zeugnis der Liederhandschriften unvereinbar. Die um 1300 in Zürich tätigen Redaktoren der Manessischen Handschrift C hielten den Autor, den sie einer Gruppe schweizer. Freiherren zuteilten, für keinen „miles“. Vielmehr ordneten sie ihn den „nobiles“ von Rotenburg, Kastvögten des Luzerner Stiftes St. Leodegar zu, speziell dem Familienzweig Rotenburg-Wolhusen, dessen Wappenmodifikation die Dichterminiatur wiedergibt (rote Burg auf Gold statt Silber). Auf diese innerschweizer. Dynastie weist auch das 1985 entdeckte Budapester Handschriften-Fragment, das den Sänger als „vogt“ betitelt. Ein „advocatus“ R. ist urkundlich nicht belegt.

    Das von der Handschrift C am umfangreichsten tradierte Œuvre umfaßt zehn Minnelieder (41 Strophen) und 6 Leiche. Die Lieder sind durchweg dem Kanzonen-Bauprinzip verpflichtet (Schema AA/B). Varianten zeigen XII mit einzeiligen Stollen, XIV/XVI mit Stollenreprise (AA/BA) sowie XV mit „gespaltener Weise“ (AA/B/AA). Der Motiv- und Formelschatz ist konventionell, außer bei XII: Fern der Heimat erfährt der Sänger durch einen Pilger Neues von seiner Geliebten, die er täglich ins Gebet einschließt; ihrem Abschiedswunsch, ihr seine neuen Lieder zu senden, will er mit mehr als tausend Boten nachkommen. Dieses Erzähllied sowie XVII sind auch unter anderen Autornamen bezeugt (Walther, Neidhart, Mgf. v. Hohenburg), welche Mehrfachzuschreibung wohl als Reflex sängerischer Interaktion zwischen Zeitgenossen zu deuten ist.

    Größeren Bilderreichtum zeigt R. in den fünf Minneleichen, von denen IV den Sequenz-, alle übrigen den Estampie-Typus repräsentieren. Anspielungen auf literarische Werke belegen R.s Belesenheit, evtl. sogar direkte Kenntnis altfranz. Romane. Ob geographische Angaben wie Troyes, Mâcon, Paris reale Reiseerfahrungen spiegeln, bleibt unsicher. Der einzige geistliche (formal mit I identische) Leich ist VI, ein Marienpreis mit Häufung tvpologischer Sinnbilder; er wird R. aber wohl zu Recht abgesprochen. R.s Ansehen gerade als Leichdichter bezeugt der jüngere Sängerkollege von Gliers, der ihn neben anderen Klassikern des Genres postum rühmend erwähnt.

  • Werke

    C. v. Kraus. Dt. Liederdichter d. 13. Jh., I, 21978, S. 359-93 [Krit. Gesamtausg.], II, 21978, S. 431-88 [Kommentar];
    A. Vizkelety, Die Budapester Liederhs., in: PBB 110, 1988, S. 396 f.

  • Literatur

    ADB 29, S. 297-99;
    J. Wahner, Dichtung u. Leben d. Minnesängers R. v. R., Diss. Breslau 1892;
    H. A. v. Segesser, Einige ma. Geschlechter aus d. Gebiete d. heutigen Kt. Luzern III, in: Schweizer Archiv f. Heraldik 41, 1927, S. 115 f.;
    H. Kuhn, Minnesangs Wende, 21967;
    A. H. Touber, Walther v. d. Vogelweide 112,3 u. R. v. R. 17, in: ZDP 102, 1983, S. 111-15;
    M. Schiendorfer, Hs. Mehrfachzuweisungen, Zeugen sänger. Interaktion im MA?, in: Euphorion 79, 1985, S. 66-94;
    H. Apfelböck, Tradition u. Gattungsbewußtsein im dt. Leich, 1991;
    J. Janota, „Der vogt v. R.“ im Budapester Fragment, in: Amsterdamer Btrr. z. älteren Germanistik 38/39, 1994, S. 213-22;
    A. Hausmann, R. v. R. im Budapester Fragment?, in: Entstehung u. Typen ma. Lyrikhss., Jb. f. Internat. Germanistik, A 52, 2001,|S. 65-77;
    HBLS V, S. 713;
    HBLS VII, S. 588 f.;
    Schweizer Lex.;
    Vf.-Lex. d. MA (L);
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy.

  • Portraits

    Dichterminiaturen in d. Maness. Liederhs. u. im Budapester Fragment;
    Abb. u. a. in: Codex Manesse, Die Gr. Heidelberger Liederhs., Faks.ausg., 1975–80, f. 54r u. in: A. Vizkelety u. K. A. Wirth, Funde z. Minnesang, Bll. e. bebilderten Liederhs., in: PBB 107, 1985, S. 366-75, Abb. 3.

  • Autor/in

    Max Schiendorfer
  • Empfohlene Zitierweise

    Schiendorfer, Max, "Rudolf von Rotenburg" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 197-198 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100553826.html#ndbcontent

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  • Leben

    Rotenburg: Rudolf v. R., Minnesänger. Ueber seine Heimath und Abstammung schwanken die Ansichten: von der Hagen und Gervinus (Geschichte der deutschen Dichtung 5. Auflage I, 513), Bartsch in seinen Liederdichtern hielten ihn für einen Schweizer. Dagegen schloß ihn Wackernagel von seiner Skizze der schweizerischen Literaturgeschichte (Verdienste der Schweizer um die deutsche Litteratur. Basel 1835) und Bartsch, seine frühere Meinung ändernd, von seiner Sammlung der Schweizer Minnesänger (Frauenfeld 1886) aus. Auch Bächtold übergeht ihn in seiner Geschichte der deutschen Litteratur in der Schweiz (Frauenfeld 1887), läßt aber die Möglichkeit schweizerischer Herkunft offen (Anmerkungen S. 43). Der Dichter war wol ein Alemanne, wenn nicht geradezu ein Schweizer. Denn die landschaftlich ordnende Pariser (jetzt Heidelberger) Handschrift überliefert seine Gedichte mitten unter nachweislich schweizerischen Minnesängern, und auch seine Sprache zeigt in Lauten und Wortschatz dialektische Spuren, die obzwar nicht alle gleich charakteristisch, doch mit ziemlicher Sicherheit nach dem Südwesten des deutschen Sprachgebiets d. h. nach|Alemannien oder dem Elsaß weisen. Vergl. auch Weinhold, mittelhochdeutsche Grammatik. Zweite Auflage § 44. Ob man den Dichter nun aber gerade in jenem Rudolf v. R. aus ritterlichem Geschlecht wiedererkennen darf, der 1257 zu Luzern mit seinem Bruder Wernher eine Urkunde bezeugt, bleibt ganz zweifelhaft. — R. war ein berufsmäßiger Sänger: wenn die Geliebte ihn erhöre, würden — rühmt er sich — von seinen Liedern wieder tausend Herzen froh. Er scheint sich durchweg in den höchsten Kreisen bewegt und für sie gedichtet zu haben. Er wirft sich zum Lehrer der höfischen Sitte auf und in einem gewiß zum Gesellschaftstanz bestimmten Liede (XVI) gibt er sich als den Führer der gebildeten Fröhlichkeit; er predigt das Evangelium des „hohen Muthes“, der Selbstbeherrschung, der Zucht, der schoenen vuoge, der heimlichen hohen Minne; er glaubt an die beglückende und veredelnde Macht der reinen Liebe, warnt vor falscher Minne, betont den Werth gesellschaftlicher Anerkennung; er will nur den Wohlgemuthen singen und wendet sich von den Verzagten ab, kurz er stellt noch ganz das höfische Lebensideal der besten Vorgänger auf. Die von ihm geliebten geographischen Anspielungen — er nennt den Po, die Saone, Saale, Paris, Troie (Troyes oder Troja in Italien?), Maggun (?), Portugal — auch nur theilweise auf wirkliche Wanderungen zurückzuführen, muß man freilich Bedenken tragen, da hier sicher stilistische Manier mit im Spiel ist. Doch mag R. Deutschland verlassen haben: ein Lied (XII) ist in der Fremde gedichtet. War er ein Fahrender, so war er ein Fahrender adligen Standes und hielt sich ganz in den älteren Traditionen der höfischen Lyrik, wie sie von den Hofdichtern Reinmar und Walther ausgehen. Die Heidelberger Handschrift (A), die aus der Ueberlieferung der fahrenden Sänger schöpft, bringt seine Gedichte außer unter seinem Namen auch unter dem Walther's von der Vogelweide und unter „Rudolf Offenburg“ und führt dann noch einen Markgrafen v. Rotenburg auf: auch das spricht für Beziehungen des Dichters zu der Classe der Fahrenden. — Am günstigsten zeigt er sich in seinen Liedern. Eins — weitaus das beste — ist in der Trennung gedichtet: ein Pilger hat ihm Nachricht von der Geliebten gebracht; nun wünscht er ihr jeden Tag in der Frühe guten Morgen und Abends gute Nacht; er gedenkt des Abschieds, der ihm fast die Sinne raubte: sie glühte wie das Abendroth und bat ihn, ihr seine neuen Lieder zu senden; nun weiß er nicht, wem er sie anvertrauen solle, damit er sie in ihre weißen Hände lege, tausend Boten möchte er senden, alle sollen ihr den freundlichen Sang singen, vielleicht daß sie ihm dann Habedank gewähre. In den übrigen Liedern belebt manch hübsche Wendung den landläufigen Inhalt: so wenn R. sich einmal dem Baum ohne Rinde vergleicht oder wenn er von ihrem Munde sagt, er scheine immerfort zu sprechen: „Küsse mich!“ Ein schönes Lied Walther's nachahmend erklärt R., von seiner Geliebten nehme er den kleinen Fingerring lieber als das Reich und die Kaiserkrone. Auch sonst spürt man die Wirkung Walther'scher Kunst. Lebendig ist ein Klagelied, das sich über die Vergeblichkeit treuer Liebe beschwert und den Tod herbeiruft. — Der Dichter übt die Künste der Responsion und Strophenverkettung. Er meidet aber typische Formeln und hat nur einmal Natureingang zum Contrast. — Von den sechs Leichen, die ihm beigelegt werden, ist wenig Gutes zu sagen. Fünf davon sind nichts weiter als große Sammelbehälter für abgegriffene Liebesfloskeln; selten, daß einmal ein eigenartiges Bild, ein gewählterer Ausdruck mit unterläuft. Der Dichter prunkt hier mit seiner Beherrschung der höfischen Lebensart, mit seiner Belesenheit, seiner Kenntniß der höfischen Romanfiguren (Parzival, Meljot, Clies, Gawan, Guraze, Alienor, Helena, Lavinia. Pallas), denen er sich und sein Liebesverhältniß vergleicht, mit Meister Ovidius und Amur und allerlei geographischer Weisheit. Die Mühe, welche dem Dichter die formale Seite der zum Theil sehr umfangreichen Leiche verursacht, drückt auf den Inhalt und die Darstellung. Der an letzter Stelle überlieferte Leich, dessen Echtheit mir nicht ganz zweifellos ist, feiert die Jungfrau Maria mit dem herkömmlichen Apparat von Epitheten und gelehrten theologisch-allegorischen Anspielungen, wie er dieser Gattung, den Marienleichen, eigen ist. Auch hier scheint für Einzelnes besonders Walther's Leich das Muster abgegeben zu haben, doch wird man durch Haltung und Ton der Darstellung mehr an die religiösen Leiche der späteren bürgerlichen Spruchdichter erinnert.

    • Literatur

      Von der Hagen, Minnesänger I, 74 ff. III, 592 ff. IV, 105 ff. — Bartsch, Deutsche Liederdichter des 12. bis 14. Jahrhunderts. 2. Auflage. S. LIII f., 183 ff., 355 f.

  • Autor/in

    Burdach.
  • Empfohlene Zitierweise

    Burdach, Konrad, "Rudolf von Rotenburg" in: Allgemeine Deutsche Biographie 29 (1889), S. 297-299 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100553826.html#adbcontent

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