Lebensdaten
1679 bis 1759
Geburtsort
Londorf bei Gießen
Sterbeort
Halle/Saale
Beruf/Funktion
Mediziner ; Professor der Medizin
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 100366163 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Juncker, Johann
  • Iuncker, Ioannes
  • Iuncker, Joannes
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Zitierweise

Juncker, Johann, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd100366163.html [20.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Ludwig in L.;
    M Gula (Juliana) Scholl aus L.;
    1) 1707 Charlotte Sophie (1667–1723), Äbtissin d. ev. Fräuleinstifts Schaaken, T d. Gf. Christian Ludwig v. Waldeck-Wildungen (1635–1706) u. d. Anna Elisabeth Gfn. v. Rappoltstein, 2) Halle 1725 Joh. Elisabeth (1703–26), T d. Joh. Philipp Lichtenberg, Amtsverweser zu Jägersburg b. Gr.-Rohrheim u. Zentgraf zu Biebesheim, u. d. Sophie Eleonore Rittberger, 3) Halle 1727 Christiane Eleonore ( 1765), T d. sächs. Obersten Philipp Wilhelm v. Bomsdorff;
    1 T aus 2) Luisa Philippina ( Peter Nikolaus Neugarten Frhr. v. Gartenberg, 1786, sächs. Oberberghauptmann, s. NDB VI), 1 S aus 3) Friedrich Christian (1730–70), Prof. d. Med. u. Arzt am Waisenhaus in H. (s. L);
    N d. 2. Ehefrau Georg Christoph Lichtenberg ( 1799), Naturforscher;
    E Joh. Christian Wilhelm (1761–1800), Prof. d. Med. in H., bes. verdient um d. Bekämpfung d. Pocken mit Hilfe d. Inokulation d. (echten) Menschenblattern, begründete 1796 d. „Archiv d. Aerzte u. Seelsorger wider d. Pockennoth“, übergab im Mai 1798 d. Kongreß zu Rastatt e. Pocken-Denkschr., schloß sich dann Jenners Kuhpocken-Impfung an u. nahm im Aug. 1800 d. erste Kuhpocken-Impfung in Halle (an s. eigenen Tochter) vor (s. L).

  • Leben

    J. war das fünfte von 12 Kindern „geringer Eltern“ – sechs dieser Kinder starben in den ersten Lebenstagen oder -jähren. Der Weg des armen oberhess. Dorfjungen zum gefeierten, mit mehreren Adelsfamilien verschwägerten Universitätsprofessor (und zweimaligen Rektor) und preuß. Hofrat bietet ein Beispiel sozialen Aufstiegs dank theologischer und medizinischer Bildung im Zeichen des Pietismus. Erste Stationen waren das Pädagogium in Gießen und dann das Studium der Philosophie und Theologie, zuerst (1696) in Marburg, seit 1697 in Halle. Dort war August Hermann Francke der bedeutendste Lehrer in der theol. Fakultät und war eben mit dem Aufbau seiner großen Stiftungsanstalten beschäftigt. J. wurde Lehrer am Pädagogium, der höheren Schule der Stiftungen (Juni 1701 bis Mai 1702 und wieder 1707); in dieser Zeit entstand seine so überaus erfolgreiche „Hallische griech. Grammatik“ (1705, 331821). 1707 führte eine Tätigkeit als Hauslehrer im Fürstentum Waldeck zu der etwas abenteuerlichen Heirat mit der fast 13 Jahre älteren Gräfin von Waldeck und Pyrmont; mit ihr lebte er zunächst in Schwarzenau (Gfsch. Wittgenstein), wo er sich nun auch als „Arzt“ betätigte. Ein regelrechtes Medizinstudium scheint er nur für kurze Zeit in Erfurt betrieben zu haben, vor allem bildete er sich als Autodidakt in dem für Theologen so anziehenden medizinischen System des „Animismus“ von Georg Ernst Stahl aus, dessen wohl wirksamster Interpret er werden sollte. Nach Halle zurückgekehrt, wurde er 1717 Arzt an Franckes Waisenhaus und wurde 1718 endlich auch zum Dr. med. promoviert. 1729 folgte die Ernennung zum o. Professor in der med. Fakultät. Die größten und bleibenden Verdienste erwarb sich J. durch die Ausgestaltung der 1708 von Francke eingerichteten Krankenanstalt der Stiftungen zum Modellinstitut für den „klinischen“ Unterricht der Medizinstudenten: Unter J.s Anleitung und Aufsicht konnten Studenten die meist armen Kranken untersuchen und behandeln, auch zu Hause betreuen; die Waisenhausapotheke lieferte die Arzneimittel kostenlos. Das „Clinicum auf dem Waisenhaus“ wurde so zum Vorbild für den an anderen deutschen Universitäten erst später eingeführten poliklinischen Unterricht, es hatte (nach einem dienstlichen Bericht von 1748) „in Europa nicht seinesgleichen“ (Schrader).

    Überzeugendes didaktisches Geschick und bescheidene Zurückhaltung kennzeichnen auch die literarische Arbeit J.s: Nicht eine eigene „Schule“ wollte er begründen, sondern die von Stahl – der selbst seit 1716 fern von der Universität in Berlin als Leibarzt lebte – nicht eben leicht verständlich vorgetragene Lehre in übersichtliche Form|fassen. Seine Lehrbücher, unter dem charakteristischen Titel „Conspectus“ herausgebracht und sämtlich „methodo Stahliana“ entworfen, erlangten in immer wiederholten Auflagen weite Verbreitung, solange Stahls System überhaupt als aktuelle Diskussionsgrundlage gelten konnte. J.s „Conspectus chemiae“ war das beste Chemie-Handbuch seiner Zeit (Ferchl).

  • Werke

    Weitere W u. a. Conspectus therapiae specialis, 1707, 31750;
    Conspectus medicinae theoreticopracticae, 1718, 41750;
    Conspectus chirurgiae, 1721, 31757, dt. 1722, 21744;
    Conspectus formularum medicarum, 1723, 41753;
    Conspectus therapiae generalis, 1725, 21736;
    Conspectus chemiae theoretico-practicae, 3 Bde., 1730–54, dt. Ausg. v. J. J. Lange 1749–53, franz. 1757;
    Conspectus physiologiae medicae et hygieines, 1735;
    Conspectus pathologiae, 1735. -
    Verz. (auch v. 123 Diss.) b. Börner u. Dreyhaupt, s. L.

  • Literatur

    ADB 14;
    F. Börner, Nachrr. v. d. vornehmsten Lebensumständen u. Schrr. Jeztlebender berühmter Aerzte u. Naturforscher in u. um Dtld. I, 1749, S. 704-15, 926 f., II, 1752, S. 452-57, 771, III, 1753–64, 5. Stück v. E. G. Baldinger, S. 405-08, 699-702 (W);
    J. Ch. v. Dreyhaupt, Beschreibung d. Saal-Creyses II, 1755, S. 646 f. (W);
    A. v. Haller, Bibl. chirurgica II, 1775, S. 58 f.;
    J. Ch. Förster, Uebersicht d. Gesch. d. Univ. zu Halle in ihrem 1. Jh., 1794;
    W. Schrader, Gesch. d. Friedrichs-Univ. zu Halle, 2 Bde., 1894;
    E. Heischkel, Med. Unterricht im 17. u. 18. Jh. im Spiegel v. Briefen u. Aufzeichnungen, in: Dt. med. Rdsch. 3, 1949, S. 292-94;
    dies., Die Poliklinik d. 18. Jh. in Dtld., in: Dt. med. Journal 5, 1954, S. 223-25;
    H.-H. Eulner u. W. Kaiser, Die Gesch. d. Med. Univ.-Poliklinik (II. Med. Klinik) in Halle, in: Wiss. Zs. d. Univ. Halle, Math.-naturwiss. R., 8, 1958/59, S. 451-86;
    W. Kaiser u. K.-H. Krosch, Zur Gesch. d. Med. Fak. d. Univ. Halle im 18. Jh. I-XV, ebd. 13-15, 1964-66;
    H.-H. Eulner, in: Dt. med. Wschr. 84, 1959, S. 2302-05;
    W. Kaiser u. K.-H. Krosch, J. J. (1679-1759) u. Frdr. Chrstn. Juncker (1730–70), in: Zs. f. ärztl. Fortbildung 59, 1965, S. 1087;
    W. Piechocki, Gesundheitsfürsorge u. Krankenpflege in d. Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale, in: Acta historica Leopoldina Nr. 2, 1965, S. 29-66 (P);
    ders., Die Krankenpflege u. d. Klinikum d. Franckeschen Stiftungen, in: Aug. Herm. Francke, Das humanist. Erbe d. gr. Erziehers, 1965;
    W. Kaiser, K.-H. Krosch u. W. Piechocki, Collegium clinicum Halense, in: 250 J. Collegium clinicum Halense 1717-1967, Btrr. z. Gesch. d. Med. Fak. d. Univ. Halle, 1967, S. 9-76;
    Th. Grüneberg, Aug. Herm. Francke u. d. Univ.klinikum in Halle, in: Zs. f. d. ges. Hygiene 13, 1967, S. 912-22;
    Jöcher-Adelung II;
    Meusel VI (W);
    Ersch-Gruber II, 28;
    Pogg. I;
    BLÄ;
    Ferchl. - Zu S u. E:
    Ersch-Gruber II, 29;
    BLÄ.

  • Portraits

    Kupf. v. Rüdiger u. Bernigeroth (u. a. im Stadtarchiv Halle), Abb. in: Acta historica Leopoldina Nr. 2, 1965, S. 63;
    Titelkupfer in: Dt. Acta Eruditorum 13, 147. T., 1729;
    Gedenkmünze v. C. B. Glasbach;
    vgl. J. C. W. Moehsen, Verz. e. Slg. v. Bildnissen, gröstentheils berühmter Aerzte, 1771.

  • Autor/in

    Hans-Heinz Eulner
  • Empfohlene Zitierweise

    Eulner, Hans-Heinz, "Juncker, Johann" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 661 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100366163.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Juncker: Johann J., Arzt, den 23. September 1679 in Lehndorff (bei Gießen) in ärmlichen Verhältnissen geboren, hatte sich in Halle dem Studium der Theologie und Philologie gewidmet und war nach Beendigung seiner Studien als Lehrer am königl. Pädagogium in Halle angestellt worden. (Die von ihm zuerst 1705 herausgegebene griechische Grammatik hat 13 neue Auflagen, die letzte 1771, erlebt.) Später wandte er sich, von der Lehre Stahl's gefesselt, dem Studium der Medicin zu, promovirte im J. 1717, und erhielt eine Stelle als Arzt am Waisenhause in Halle; 1730 wurde er zum Prof. ord. der Medicin an der dortigen Fakultät ernannt und hat den Lehrstuhl der medicinischen Klinik bis zu seinem am 21. October 1759 erfolgten Tode bekleidet. — J. war einer der eifrigsten Evangelisten der Stahl'schen Theorien in der Medicin und in der Chemie. Seine überaus zahlreichen Schriften (vgl. das Verzeichniß derselben in Biogr. méd., V. 379) tendiren lediglich dahin, die Lehren seines Meisters zu verbreiten; die von ihm veröffentlichten Compendien über fast alle Zweige der Heilkunde sind nicht ohne Geschmack geschrieben, aber weder in diesen Schriften, noch in seinen nach Hunderten zählenden akademischen Gelegenheitsschriften findet sich ein eigener Gedanke. Der von ihm bearbeitete „Conspectus chemiae theoretico-practicae in forma tabularum repraesentatus etc.“, III Tomi 1730—54 (auch ins Deutsche und Französische überseht) war eine der vorzüglichsten Autoritäten für die Stahl'sche Phlogiston-Theorie. — Ein wahres Verdienst hat sich J. durch die Einführung des klinischen Unterrichts in Halle erworben, wobei ihm seine Stellung als Arzt am Waisenhause zu Gute kam. Zur Charakterisirung Juncker's möge hier noch folgende Thatsache Platz finden: Börner hatte sich mit der Bitte an ihn gewandt, er möge ihm, behufs Bearbeitung seiner (Juncker's) Biographie einige Notizen über seine Lebensverhältnisse zugehen lassen, erhielt von ihm jedoch einen abschlägigen Bescheid mit der Erklärung, er wolle lieber, „daß sein Gedächtniß untergehen, als unter der Zahl gelehrter Männer fortgeführt werden solle“.

  • Autor/in

    A. Hirsch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Hirsch, August, "Juncker, Johann" in: Allgemeine Deutsche Biographie 14 (1881), S. 692 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100366163.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA