Oeschger, Hans
- Lebensdaten
- 1927 – 1998
- Geburtsort
- Ottenbach (Kanton Zürich)
- Sterbeort
- Bern
- Beruf/Funktion
- Physiker ; Klimaforscher ; Geophysiker
- Konfession
- unbekannt
- Normdaten
- GND: 10895479X | OGND | VIAF: 54210143
- Namensvarianten
-
- Oeschger, Hans
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Oeschger, Hans
1927 – 1998
Physiker, Klimaforscher
Hans Oeschger hatte bedeutenden Anteil an der Entstehung der Eisbohrkernforschung. Seit 1956 leitete er das erste Radiokarbon (C14)-Datierungslabor der Schweiz und entwickelte Messgeräte, u. a. um das Alter von Eis zu bestimmen. Mit seinen Studien zum Kohlenstoffdioxidgehalt der Atmosphäre trug er zur Erforschung des Klimawandels in der Vergangenheit bei und gilt als ein Pionier der Erdsystemforschung.
Lebensdaten
Hans Oeschger (InC) -
Autor/in
→Dania Achermann (St. Gallen)
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Zitierweise
Achermann, Dania, „Oeschger, Hans“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd10895479X.html#dbocontent
Nach der Matura am Kantonalen Gymnasium in Zürich 1945 studierte Oeschger Physik an der ETH, u. a. bei Paul Scherrer (1890–1969). Nach seinem Studienabschluss im Mai 1951 wechselte er als Assistent Heinrich Greinachers (1880–1974) an das Physikalische Institut der Universität Bern, wo er 1952 von Greinachers Nachfolger, Fritz Houtermans (1903–1966), übernommen wurde.
Oeschger entwickelte im Rahmen seiner Dissertation ein Proportionalzählrohr zur Messung natürlicher Radioaktivität (Oeschger-Zähler), der die von Willard F. Libby (1908–1980) gefundene Radiokarbonmethode zur Altersbestimmung organischer Materialien verbesserte, da Oeschgers Zähler selbst schwache radioaktive Strahlung messen konnte. Damit wurden bis zu 50 000 Jahre alte organische Proben datiert und neben Kohlenstoff andere radioaktive Umweltisotope aus der Atmosphäre, dem Wasser und Eis gemessen. Mit dieser Arbeit wurde Oeschger 1955 bei Houtermans zum Dr. phil. promoviert.
Oeschger leitete seit 1956 das erste schweizerische, von dem Urhistoriker Hans-Georg Bandi (1920–2016) und dem Paläobotaniker Max Welten (1904–1984) initiierte C14-Datierungslabor an der Universität Bern. In dieser Funktion reiste er 1958 an die Scripps Institution of Oceanography in La Jolla (Kalifornien, USA), wo er Roger Revelle (1909–1991) kennenlernte. Von März bis Mai 1959 war Oeschger auf Einladung von Hans E. Suess (1909–1993) an der University of California, um einen Oeschger-Zähler einzurichten. In dieser Zeit half er Suess bei C14-Messungen von Tiefseewasser im Pazifik. Diese Messungen ermöglichten es Anfang der 1960er Jahre, erstmals das Alter des Wassers im tiefen Pazifik zu bestimmen.
1960 wurde Oeschger an der Universität Bern für Experimentalphysik, insbesondere Radioaktivität, habilitiert, 1963 zum außerordentlichen Professor und 1971 zum ordentlichen Professor ernannt. Unter seiner Leitung wuchs das Labor thematisch und personell; in den 1960er Jahren wurden neben C14-Datierungen Messungen anderer radioaktiver Isotope, u. a. von Tritium, in das Programm aufgenommen. Der Oeschger-Zähler im bis heute existierenden C14-Labor der Universität Bern wurde erst 2013 durch ein Beschleuniger-Massenspektrometer ersetzt.
Auf Anregung von Glaziologen wandte sich Oeschger gegen Mitte der 1960er Jahre verstärkt Untersuchungen von Eis zu und reiste in die Alpen und polare Regionen, wie 1967 im Rahmen der zweiten Expédition glaciologique internationale au Groenland. Es folgten weitere Expeditionen in die Arktis und Antarktis, um die C14-Datierung von Eis zu verbessern. Die neue Technik der Eiskernbohrungen ermöglichte es, sehr altes Eis aus Gletschern zu gewinnen, wofür das Berner Labor unter Oeschgers Leitung eine Methode entwickelte, um das in den Luftbläschen solcher Bohrkerne befindliche Gas zu extrahieren, ohne es zu verunreinigen.
Seit den 1970er Jahren richtete sich Oeschgers Fokus verstärkt auf das in den Luftbläschen im Eis über Jahrtausende konservierte Kohlenstoffdioxid (CO2). Mit Ulrich Siegenthaler (1941–1994), Ulrich Schotterer und A. Gugelmann veröffentlichte er 1975 das erste Modell eines globalen Kohlenstoffkreislaufes, das die Prozesse von Ozeanen miteinbezieht. Das sog. Kastendiffusionsmodell (Box Diffusion Model) war Grundlage für ein neues Modell, das auch zukünftige anthropogene CO2-Emissionen miteinbezog und als eines der ersten Erdsystemmodelle gilt.
Seit Mitte der 1970er Jahre begann Oeschger in der Schweizer Öffentlichkeit aufzutreten und warnte als einer der ersten Schweizer Wissenschaftler vor einer durch anthropogene Treibhausgase forcierte Klimaerwärmung. Deswegen setzte er sich für den Bau von Kernkraftwerken ein.
Bei dem Greenland Ice Sheet Project, das Oeschger von 1971 bis 1981 mit dem dänischen Physiker Willi Dansgaard (1922–2011) und dem US-amerikanischen Geophysiker Chester C. Langway (1929–2025) durchführte, gelang es, in Grönland einen Eiskern zu bohren, der bis auf den Felsengrund hinunter reichte. Aufgrund der CO2-Analysen dieses Bohrkerns wies Oeschger mit seinem Team nach, dass es am Ende der letzten Eiszeit einen massiven Anstieg von CO2 in der Atmosphäre gab. Diese seit 1984 publizierten Untersuchungen belegten erstmals, dass CO2 ein zentraler Faktor für Klimaveränderungen in der Erdgeschichte ist. Mit Dansgaards Team wiesen sie nach, dass es während der letzten Eiszeit mehrere abrupte Klimaveränderungen gab, bei denen die Temperaturschwankungen mit dem Gehalt des atmosphärischen CO2 korrelierten. Diese Schwankungen wurden später als Dansgaard-Oeschger-Events benannt.
1990 war Oeschger, der bis zu seinem Tod an über 220 Publikationen mitarbeitete, einer der Hauptautoren des ersten Berichts des Weltklimarats (IPCC); seine Studien aus den 1980er Jahren wurden noch im fünften, 2013 erschienen IPCC Assessement Report zitiert. 1991 begründete er mit John A. Eddy (1931–2009) PAGES Past Global Changes als interdisziplinäre Fachgesellschaft, in der er auch nach seiner Pensionierung 1992 aktiv war.
Oeschger gilt als Pionier der Eisbohrkern- und Erdsystemforschung, für die er mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus anderen Disziplinen, mit Laborassistenten und -assistentinnen sowie Technikern und Technikerinnen kooperierte. Damit trug er zur interdisziplinären und kollaborativen Forschungstradition bei, wie sie seither für die Umweltforschung charakteristisch ist. Um an seinen Beitrag zur Klimaforschung zu erinnern, vergibt die European Geosciences Union seit 2001 die Hans Oeschger Medal für herausragende Eis- und Klimawandelforschung. Zu Oeschgers Schüler und Schülerinnen zählen Jürg Beer (geb. 1949), Martin Heimann (geb. 1949), Bernhard Lehmann, Hugo Loosli (1936–2021), Albrecht Neftel, Siegentahler, Bernhard Stauffer (1938–2017) und Martin Wahlen.
| 1975 | Oeschger Bluff, Westantarktis |
| 1976 | Vizepräsident der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft |
| seit 1976 | Mitglied des Energieforums Schweiz |
| 1986–1990 | Mitglied der Schweizerischen Forschungsrats |
| 1987 | Harold C. Urey Medaille der European Association of Geochemistry |
| 1988–1990 | Mitglied der Schweizer Delegation für das Intergovernmental Panel on Climate Change |
| 1988 | Mitglied der Leopoldina |
| 1988 | Mitglied der Academia Europaea |
| 1989 | Seligmann Crystal der International Glaciological Society |
| 1991 | Marcel-Benoist-Preis (mit Bruno Messerli und Werner Stumm) |
| 1990 | auswärtiges Mitglied der National Academy of Sciences (USA) |
| 1990 | Grüne Rosette der Europäischen Wissenschaft |
| 1993–1998 | Mitglied des ETH-Rats |
| 1996 | Tyler-Preis for Environmental Achievement (mit Claude Lorius und Willi Dansgaard) |
| 1997 | Roger Revelle Medal of the American Geophysical Union |
| 1975–1981 | Vizepräsident der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften |
| 2001 | Hans Oeschger Medal der European Geosciences Union (jährlich) (weiterführende Informationen) |
| 2007 | Oeschger Centre for Climate Change Research der Universität Bern (weiterführende Informationen) |
Nachlass:
nicht bekannt.
Weitere Archivmaterialien:
Archiv des Schweizerischen Nationalfonds, Bern. (Forschungsanträge)
Oeschger Centre for Climate Change Research, Universität Bern.
Gedruckte Quellen:
Paul Andrew Mayewski/Frank White, The Ice Chronicles. The Quest to Understand Global Climate Change, 2002.
Willi Dansgaard, Frozen Annals. Greenland Ice Sheet Research, 2005.
Chester C. Langway, The History of Early Polar Ice Cores, in: Cold Regions Science and Technology 52 (2008), S. 101–117.
Aant Elzinga, Some Aspects in the History of Ice Core Drilling and Science from IGY to EPICA, in: Cornelia Lüdecke/Lynn Tipton-Everett/Lynn Lay (Hg.), National and Trans-National Agendas in Antarctic Research from the 1950s and Beyond. Proceedings of the 3rd Workshop of the SCAR Action Group on the History of Antarctic Research. BPRC Technical Report 2011–01 (2012), S. 86–115.
Jean Jouzel/Claude Lorius/Dominique Raynaud, The White Planet. The Evolution and Future of our Frozen World, 2013.
Monografien und Herausgeberschaften:
Proportionszählrohr zur Messung schwacher Aktivitäten weicher β-Strahlung, 1956. (Diss. phil.)
Hans Oeschger/Bruno Messerli/Maja Silvar (Hg.), Das Klima. Analysen und Modelle, Geschichte und Zukunft, 1980.
Chester C. Langway/Hans Oeschger/Willi Dansgaard, Greenland Ice Core. Geophysics, Geochemistry, and the Environment, 1985.
Hans Oeschger/Chester C. Langway, The Environmental Record in Glaciers and Ice Sheets, 1989.
Aufsätze:
Altersbestimmungen mit Hilfe der C14-Methode, in: Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Urgeschichte 47 (1958), S. 90–95.
Kernphysikalische Methoden der Altersbestimmung, in: Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft in Bern 22 (1964), S. 279–294.
Chester C. Langway/Hans Oeschger/Bernhard Alder/André Renaud, Sampling Polar Ice for Radiocarbon Dating, in: Nature 206 (1965), S. 500 f.
Hans Oeschger/Bernhard Alder/H. Loosli/Chester C. Langway/André Renaud, Radiocarbon Dating of Ice, in: Earth and Planetary Science Letters 1 (1966), S. 49–54.
Hans Oeschger/Bernhard Adler/Chester C. Langway, An In Situ Gas-Extraction System to Radiocarbon Date Glaciar Ice, in: Journal of Glaciology 6 (1967), H. 48, S. 939–942.
Hans Oeschger/Ulrich Siegenthaler/Ulrich Schotterer/A. Gugelmann, A Box Diffusion Model to Study the Carbon Dioxide Exchange in Nature, in: Tellus 27 (1975), H. 2, S. 168–192.
Werner Berner/Bernhard Stauffer/Hans Oeschger, Past Atmospheric Composition and Climate. Gas Parameters Measured on Ice Cores, in: Nature 276 (1978), S. 53–55.
Ulrich Siegenthaler/Hans Oeschger, Predicting Future Atmospheric Carbon Dioxide Levels, in: Science 199 (1978), H. 4327, S. 388–395.
Werner Berner/Hans Oeschger/Bernhard Stauffer, Information on the CO2 Cycle From Ice Core Studies, in: Radiocarbon 22 (1980), H. 2, S. 227–235.
Albrecht Neftel/Hans Oeschger/Jakob Schwander/Bernhard Stauffer/Roland Zumbrunn, Ice Core Sample Measurements Give Atmospheric CO2 Content during the Past 40 000 Yr, in: Nature 295 (1982), H. 5846, S. 220–223.
Der Beitrag der Physik zur Umweltforschung, in: Jahrbuch der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft. Wissenschaftlicher und administrativer Teil 162 (1982), S. 9–30.
Hans Oeschger/Jürg Beer/Ulrich Siegenthaler/Bernhard Stauffer/Willi Dansgaard/Chester C. Langway, Late Glacial Climate History from Ice Cores, in: James E. Hansen/Taro Takahashi (Hg.), Climate Processes and Climate Sensitivity, 1984, S. 299–306.
Albrecht Neftel/Ernst Moor/Hans Oeschger/Bernhard Stauffer, Evidence from Polar Ice Cores for the Increase in Atmospheric CO2 in the Past Two Centuries, in: Nature 315 (1985), H. 4720, S. 45–47.
Bernhard Stauffer/G. Fischer/Albrecht Neftel/Hans Oeschger, Increase of Atmospheric Methane Recorded in Antarctic Ice Core, in: Science 229 (1985), H. 4720, S. 1386–1388.
H. Friedli/Hanspeter Lötscher/Hans Oeschger/Ulrich Siegenthaler/Bernhard Stauffer, Ice Core Record of the 13C/12C Ratio of Atmospheric CO2 in the Past Two Centuries, in: Nature 324 (1986), H. 6094, S. 237 f.
Albrecht Neftel/Hans Oeschger/Thomas Staffelbach/Bernhard Stauffer, CO2 Record in the Byrd Ice Core 50 000–5 000 Years BP, in: Nature 331 (1988), H. 6157, S. 609–611.
Wallace S. Broecker/Michael Andree/Mieczyslawa Klas/Georges Bonani/Willy Wolfli/Hans Oeschger, New Evidence From the South China Sea for an Abrupt Termination of the Last Glacial Period, in: Nature 333 (1988), H. 6169, S. 156–158.
Perspectives on Global Change Science. Isotopes in the Earth System. Past and Present, in: Quaternary Science Reviews 19 (2000), S. 37–44.
Wallace Broecker/Hans Oeschger, Oeschger Receives Revelle Medal, in: Eos 79 (1998), H. 5, S. 60–63.
Thomas Stocker, Hans Oeschger (1927–1998). Pioneer in Environmental Physics, in: Nature 397 (1999), H. 6718, S. 396.
Thomas Stocker, Art. „Oeschger, Hans“, in: Noretta Koertge (Hg.), New Dictionary of Scientific Biography, Bd. 5, 2008, S. 326–331.
Martin Grosjean/Thomas Stocker/Heinz Wanner, University of Bern’s „New Oeschger Centre for Climate Change Research“, in: PAGES. Past Global Changes Magazine 15 (2007), H. 2, S. 4. (Onlineressource)
Kaspar Meuli, „Oeschger-Zähler“ erhalten Hightech-Nachfolger, in: UniPress. Forschung und Wissenschaft an der Universität Bern 157 (2013), S. 30 f.
Viktor Gorgé, Art. „Hans Oeschger“, in: Historisches Lexikon der Schweiz, 2010. (Onlineressource)
Hubertus Fischer/Sherilyn Fritz/Alan Mix, Past Global Changes. 30 Years of Paleoscience to Help Save the Planet, in: PAGES. Past Global Changes Magazine 29 (2021), H. 1, S. 7–9. (Onlineressource)