Liebermann von Sonnenberg, Max

Lebensdaten
1848 – 1911
Geburtsort
Weißwasser (Westpreußen, heute Bielska Struga, Polen)
Sterbeort
Zehlendorf bei Berlin
Beruf/Funktion
Politiker ; Publizist ; antisemitischer Agitator ; Offizier ; Abgeordneter ; Redakteur ; Schriftsteller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 101888082 | OGND | VIAF: 56989059
Namensvarianten

  • Liebermann von Sonnenberg, Max Hugo
  • Liebermann von Sonnenberg, Max
  • Liebermann von Sonnenberg, Max Hugo
  • Sonnenberg, Max Liebermann von
  • Liebermann-von Sonnenberg, Max

Vernetzte Angebote

Verknüpfungen

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Liebermann von Sonnenberg, Max, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd101888082.html [03.02.2026].

CC0

  • Liebermann von Sonnenberg, Max Hugo

    1848 – 1911

    Politiker, Publizist, antisemitischer Agitator

    Nach seiner Karriere als Offizier in der preußischen Armee wurde Max Liebermann von Sonnenberg ein zentraler Protagonist des konservativen Flügels der antisemitischen Bewegung im Deutschen Kaiserreich. Mehrfach in den Reichstag gewählt, wandte sich seine Agitation gegen die jüdische Bevölkerungsminderheit v. a. an ländliche Wählerschichten. Liebermann von Sonnenberg trat für einen aristokratischen Ständestaat ein, bekämpfte Parlamentarismus wie Liberalismus und unterstützte eine gegen Großbritannien gerichtete Großmacht- und Kolonialpolitik.

    Lebensdaten

    Geboren am 21. August 1848 Weißwasser (Westpreußen, heute Bielska Struga, Polen)
    Gestorben am 17. September 1911 Zehlendorf bei Berlin
    Grabstätte Invalidenfriedhof (Grab aufgelöst) Berlin
    Konfession evangelisch
    Max Liebermann von Sonnenberg (InC)
    Max Liebermann von Sonnenberg (InC)
  • 21. August 1848 - Weißwasser (Westpreußen, heute Bielska Struga, Polen)

    1861 - 1866 - Rastenburg (Ostpreußen, heute Kętrzyn, Polen)

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Gymnasium

    1866 - Lötzen (Ostpreußen, heute Giżycko, Polen)

    Offiziersanwärter

    Ostpreußisches Grenadier-Regiment

    1870 - 1871 - Frankreich

    Kriegsdienst als Premierleutnant

    1872 - 1875 - Berlin

    militärische Weiterbildung

    Kriegsakademie

    1876 - 1878 - Lötzen

    Dozent

    Kadettenanstalt

    1880 - 1884 - Berlin

    Dienst

    Landwehr

    1880 - Berlin

    Mitinitiator der Antisemitenpetition

    1881 - Berlin

    Mitgründer

    Deutscher Volksverein

    1881 - 1885 - Berlin

    Gründer; Herausgeber

    Deutsche Volkszeitung

    1889 - Leipzig

    Mitgründer; Vorsitzender bis 1894

    Deutschsoziale Partei

    1890 - 1904

    Eigentümer; Chefredakteur

    Deutsch-Soziale Blätter (Zeitschrift)

    1893 - 1898 - Berlin

    Abgeordneter der Deutschsozialen Partei (seit Oktober Deutschsoziale Reformpartei)

    Reichstag

    1903 - 1911 - Berlin

    Abgeordneter der Deutschsozialen Partei; Vorsitzender der Wirtschaftlichen Vereinigung (Fraktion)

    Reichstag

    17. September 1911 - Zehlendorf bei Berlin

    alternativer text
    Max Liebermann von Sonnenberg (InC)

    Nach dem Besuch des Gymnasiums in Rastenburg (Ostpreußen, heute Kętrzyn, Polen) trat Liebermann 1866 in Lötzen (Ostpreußen, heute Giżycko, Polen) als Offiziersanwärter in den preußischen Militärdienst ein. 1870/71 nahm er am Deutsch-Französischen Krieg teil, in dem er zweimal verwundet wurde, besuchte danach die Kriegsakademie in Berlin und unterrichtete seit 1876 an der Kadettenanstalt in Lötzen. Da er sich bei jüdischen Kreditgebern verschuldet hatte, musste er 1880 aus der preußischen Armee ausscheiden. Seinen anschließenden Dienst in der Berliner Landwehr gab er 1884 auf.

    Seit dieser Zeit engagierte sich Liebermann, der „gewerbsmäßigem Wucher“ die Schuld am Scheitern seiner militärischen Karriere gab, in der entstehenden antisemitischen Bewegung des Kaiserreichs. Er gehörte u. a. mit Bernhard Förster (1843–1889) und Ernst Henrici (1854–1915) zu den Initiatoren der von rund 250 000 Personen unterzeichneten Antisemitenpetition von 1880/81, die u. a. ein Verbot für Juden vorsah, im Staatsdienst und Heer zu dienen und an Volksschulen zu unterrichten. Die Petition war an Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–1898) gerichtet, der aber darauf nicht einging. Im März 1881 gründeten Liebermann und Förster den Deutschen Volksverein, der antisemitische mit sozialpolitischen Forderungen verknüpfte und für einen Ständestaat unter starker Herrschaft des Kaisers eintrat. Als Organ nutzte Liebermann die von ihm herausgegebene „Deutsche Volkszeitung“. 1884 löste er den Deutschen Volksverein aufgrund mangelnder Resonanz auf.

    In mehrere Verleumdungsprozesse verstrickt und wiederholt zu Geldstrafen verurteilt, erwog Liebermann, nach Südamerika auszuwandern, blieb jedoch in Deutschland. 1885 veröffentlichte er eine Sammlung seiner Vorträge in Buchformat und machte 1886 auf dem ersten Deutschen Antisemitentag in Kassel als militärisch auftretender Redner mit kräftiger Stimme auf sich aufmerksam. 1887 nahm er das Angebot an, im nordhessischen Wahlkreis Fritzlar-Homberg-Ziegenhain zur Reichstagswahl 1887 zu kandidieren; er erhielt knapp 40 % der Stimmen, verlor aber in der Stichwahl gegen Otto von Gehren (1817–1896) von der Deutschkonservativen Partei.

    Liebermann beharrte auf einem konservativ-paternalistischen Antisemitismus und trat energisch den antikonservativ-fundamentalistischen Antisemiten um Otto Boeckel (1859–1923) entgegen. 1886 lernte er den Verleger und zentralen Organisator der antisemitischen Bewegung, Theodor Fritsch (1852–1933), kennen. Nachdem alle Versuche, eine einheitliche Partei zu gründen, an den inneren Zerwürfnissen des antisemitischen Lagers gescheitert waren, gründete Liebermann 1889 die Deutschsoziale Partei. Als deren Organ übernahm er im Januar 1890 von Fritsch die Herausgeberschaft der Zeitschrift „Antisemitische Correspondenz“, die er als „Deutsch-Soziale Blätter“ weiterführte und bis 1904 als Chefredakteur leitete. Die Zeitung enthielt Artikel über den angeblichen Einfluss von Juden in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, Reden antisemitischer Abgeordneter, Rezensionen judenfeindlicher Publikationen, Parteinachrichten sowie Leserbriefe. Unter Liebermanns Leitung ging die Abonnentenzahl von ursprünglich 7200 massiv zurück und lag zuletzt nur mehr bei einigen Hundert.

    Als Vorsitzender der Deutschsozialen Partei wurde Liebermann 1890 in den Reichstag gewählt und etablierte sich in den folgenden Jahren im Parlament sowie publizistisch als ein führender antisemitischer Agitator des wilhelminischen Kaiserreichs. Nach dem Erfolg antisemitischer Parteien bei den Reichstagswahlen von Juni 1893 vereinigte sich die Deutschsoziale Partei im Oktober 1894 mit der Deutschen Reformpartei zur Deutschsozialen Reformpartei; die Flügel der neuen Partei blieben aber selbstständig. 1898 spaltete sich die Partei nach neuerlichen internen Konflikten.

    1903 wurde Liebermann als Kandidat der Deutschsozialen Partei erneut in den Reichstag gewählt, wo er mit Vertretern des Bunds der Landwirte, dem Bayerischen Bauernbund und mehreren antisemitischen Abgeordneten die Wirtschaftliche Vereinigung bildete. Als deren Fraktionsvorsitzender nahm er bis zu seinem Tod 1911 immer stärker das Feindbild Großbritannien ins Visier, unterstützte den Flottenbau, forderte Sonderzölle auf britische Importe und trat für eine deutsche Kolonialpolitik ein.

    1871 Ritter des Eisernen Kreuzes Zweiter Klasse
    1908 Roter Adlerorden 4. Klasse

    Nachlass:

    nicht bekannt.

    Weitere Archivmaterialien:

    Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, N 2177 (v. a. Dokumente über Rechtsstreitigkeiten von Liebermann mit Hermann Ahlwardt) u. B 564/372 (Biografische Sammlung Deutscher Parlamentarier).

    Landesarchiv Berlin, Pr. Br. Rep. 30, Nr. 11 453 – Tit. 94 (Acta des Königlichen Polizei-Präsidii zu Berlin, Lit. L. Nr. 595: Premierlieutnant a. D. Liebermann von Sonnenberg. 1881–1908); P Rep 720 (Standesamt Zehlendorf, Nr. 558) u. A Pr.Br.Rep. 107-01 (Der Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt Berlin – Gräberkartei. Nr. 13: Invaliden-Friedhof).

    Gedruckte Quellen:

    Hans Arndt, Max Liebermann von Sonnenberg, in: ders., Herunter mit der Maske. Die Führer der deutschen Antisemiten im Lichte der Wahrheit, 1898, S. 1–23.

    Ferdinand Werner, Max Liebermann von Sonnenberg, in: Hans von Arnim/Georg von Below (Hg.), Deutscher Aufstieg. Bilder aus der Vergangenheit und Gegenwart der rechtsstehenden Parteien, 1925, S. 315–321.

    Rheinreise. Ein Cyclus lyrischer Gedichte, 1878.

    Gedichte, 1879, 31892 (Onlineressource), 41908 u. d. T. Lebenslieder. Gedichte.

    Die Judenfrage und der Synagogenbrand in Neustettin. Rede nach dem Stenogramm des Herrn Liebermann v. Sonnenberg, gehalten am 25. Oktober 1883 in der großen Volksversammlung auf dem Berliner Bock, 1883.

    Beiträge zur Geschichte der antisemitischen Bewegung vom Jahre 1880–1885. Bestehend in Reden, Broschüren, Gedichten, 1885. (P) (Onlineressource)

    Rede des Abg[eordneten] Liebermann von Sonnenberg in der Reichstags-Sitzung vom 30. April 1891 über Verschärfung des Wuchergesetzes. Wörtlicher Abdruck nach dem amtlichen Stenogramm, 1891.

    Verträgt sich die Talmud-Moral mit dem deutschen Staatsbürger-Recht? Vortrag gehalten in einer vom deutsch-socialen Reform-Verein zu Leipzig einberufenen öffentlichen Versammlung am 8. Dezember 1891, 1891.

    Die Schädigung des deutschen Nationalgeistes durch die jüdische Nation. Vortrag, 1892.

    Die Bauernwürger. Eine Geschichte mit 12 Bildern aus dem Leben, 1894.

    Gegen die Börse. Reichstagsrede des Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg vom 7. Dezember 1893, 1894.

    Der Blutmord in Konitz. Mit Streiflichtern auf die staatsrechtliche Stellung der Juden im Deutschen Reiche, 1900, 121901.

    Aus der Glückszeit meines Lebens. Erinnerungen aus dem großen deutschen Kriege 1870/71, 1911.

    Richard S. Levy, The Downfall of the Anti-Semitic Political Parties in Imperial Germany, 1975.

    Thomas Weidemann, Politischer Antisemitismus im deutschen Kaiserreich. Der Reichstagsabgeordnete Max Liebermann von Sonnenberg und der nordhessische Wahlkreis Fritzlar-Homberg-Ziegenhain, in: Hartwig Bambey (Hg.), Heimatvertriebene Nachbarn. Beiträge zur Geschichte der Juden im Kreis Ziegenhain, 1993. S. 113–184.

    Massimo Ferrari Zumbini, Die Wurzeln des Bösen. Gründerjahre des Antisemitismus. Von der Bismarckzeit zu Hitler, 2003.

    Richard S. Levy, Art. „Liebermann von Sonnenberg, Max (1848–1911)“, in: ders. (Hg.), Antisemitism. A Historical Encyclopedia of Prejudice and Persecution, Bd. 2, 2005, S. 422.

    Elke Kimmel, Art. „Liebermann von Sonnenberg, Max Hugo“, in: Wolfgang Benz (Hg.), Handbuch des Antisemitismus, Bd. 2, 2009, S. 482 f.

    Hendryk Rohn, Art. „Die Bauernwürger (Max Hugo Liebermann von Sonnenberg, 1894)“, in: Wolfgang Benz (Hg.), Handbuch des Antisemitismus, Bd. 6, 2013, S. 60 f.

    Sebastian Thoma, Art. „Deutsch-Soziale Blätter (1890–1914)“, in: ebd., S. 112 f.

    Fotografie, ca. 1890, Abbildung in: Robert Körber/Theodor Pugel (Hg.), Antisemitismus der Welt in Wort und Bild. Der Weltstreit um die Judenfrage, 1935, S. 224. (Onlineressource)

    Fotografie v. Emil Bieber (1878–1962), ca. 1900, Deutsches Historisches Museum, Berlin. (Onlineressource)

    Fotografie, ca. 1905, Abbildung in: Reichstags-Handbuch. Zwölfte Legislaturperiode. Abgeschlossen am 3. April 1907, hg. v. Bureau des Reichstags, 1907, S. 466. (Onlineressource)

    Gruppenbild, Goethe- und Schiller-Archiv der Klassik Stiftung Weimar, 55/BS 1589. (Bestand Kürschner, Bildersammlung; Nachlass Bernhard Förster/Elisabeth Förster-Nietzsche, Montage von Porträtfotos bekannter deutscher Antisemiten, 1880er Jahre, Abbildung in: Festschrift zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen des Hammer. Den Mitstreitern zugeeignet, 1926, Onlineressource)

  • Autor/in

    Ulrich Wyrwa (Berlin/Potsdam)

  • Zitierweise

    Wyrwa, Ulrich, „Liebermann von Sonnenberg, Max“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd101888082.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA