Lebensdaten
1920 – 1984
Geburtsort
Gladbeck (Ruhrgebiet)
Sterbeort
Rom
Beruf/Funktion
Jugendführer ; Widerstandskämpfer ; Diplomat ; Widerstandskämpfer
Konfession
römisch-katholisch
Normdaten
GND: 119289903 | OGND | VIAF: 37723338
Namensvarianten
  • Jovy, Ernst Michael
  • Jovy, Michael
  • Jovy, Ernst Michael
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Zitierweise

Jovy, Michael, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119289903.html [04.02.2023].

CC0

  • Als Mitglied der katholischen Jugendbewegung führte Michael Jovy seit 1938 eine Gruppe oppositioneller Jugendlicher und trat in Kontakt zu Widerstandskreisen im Exil. Ende 1939 verhaftet und im September 1941 vom Volksgerichtshof zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt, desertierte er während einer „Frontbewährung“ Ende 1944 zur US-Army. Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb er sich als Diplomat im Auswärtigen Dienst v. a. in Afrika hohes Ansehen.

    Michael Jovy (InC)
    Michael Jovy (InC)
  • Lebensdaten

    Geboren am 9. März 1920 in Gladbeck (Ruhrgebiet)
    Gestorben am 13. Januar 1984 in Rom
    Grabstätte Melaten-Friedhof in Köln
    Konfession römisch-katholisch
  • Lebenslauf

    9.·März 1920 - Gladbeck (Ruhrgebiet)

    1932 - Bonn

    Übersiedlung der Familie

    - 1939 - Gladbeck (Ruhrgebiet); Bonn; Bad Godesberg

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Beethoven-Gymnasium; Aloisiuskolleg

    1933 - Bonn

    Engagement in der katholischen Jugendbewegung

    Bund Neudeutschland

    1937 - 1937 - Bonn

    Mitglied

    Deutsches Jungvolk

    1938 - 1939 - Bonn

    Führungspersönlichkeit einer politisch oppositionellen Jugendgruppe

    1938 - 1939 - Paris

    Treffen mit dem Journalisten Karl Otto Paetel (1906–1975)

    1939 - Köln; Berlin

    Verhaftung und Inhaftierung

    Gestapo

    1941 - Berlin

    Verurteilung zu sechs Jahren Zuchthaus wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“

    Volksgerichtshof

    1941 - 1944 - Siegburg bei Bonn

    Inhaftierung

    Zuchthaus

    1944

    Gesuch auf „Frontbewährung“; Desertion und Flucht zur US-Army

    März 1945 - Dezember 1945 - Köln

    Übersetzer

    US-amerikanisches Internierungslager

    1945 - 1952 - Köln

    Studium der Geschichte, Philosophie und des Öffentlichen Rechts

    Universität

    1946 - 1952 - Köln

    Mitglied; Mitarbeiter

    u. a. Fahrtenbund deutscher Jugend; Bündischer Block; Deutsche Jungenschaft; Jungenschaft West; Ring der Fahrtenverbände

    1952 - Köln

    Promotion (Dr. phil.)

    Universität

    1953 - 1954 - Speyer

    Vorbereitungsdienst für den höheren Auswärtigen Dienst

    Auswärtiges Amt

    1955 - 1958 - Melbourne (Australien)

    Vizekonsul, seit 1957 Konsul

    Auswärtiges Amt

    1958

    Beamter auf Lebenszeit

    Auswärtiges Amt

    1958 - 1964 - Leopoldville (Demokratische Republik Kongo); Jaunde (Kamerun); Bamako (Mali)

    Diplomat

    Auswärtiges Amt

    1964 - 1968 - Georgetown (Guyana)

    Deutscher Botschafter

    Auswärtiges Amt

    1972 - 1977 - Khartoum (Sudan)

    Deutscher Botschafter

    Auswärtiges Amt

    1977 - 1979 - Algier (Algerien)

    Deutscher Botschafter

    Auswärtiges Amt

    1980 - 1983 - Bukarest

    Deutscher Botschafter

    Auswärtiges Amt

    1983 - 1984 - Rom

    Gesandter an der deutschen Botschaft

    Auswärtiges Amt

    13.·Januar 1984 - Rom
  • Genealogie

    Vater Michael Jovy 1882–1931 aus Dahnen (Eifel); 1911 Dr. iur.; 25.8.1919-30.12.1931 Oberbürgermeister von Gladbeck (Ruhrgebiet), parteilos
    Großvater väterlicherseits Nikolaus Jovy 1847–1924
    Großmutter väterlicherseits Anne Margaretha Jovy, geb. Lentz 1846–1930
    Mutter Elise Paulina Eleonora Jovy, geb. Leisen 1892–1971
    Großvater mütterlicherseits Johann Baptist Leisen geb. 1857
    Großmutter mütterlicherseits Adelheid Anna Maria Theresia Leisen, geb. Wissen geb. 1862
    Bruder Rudolf Hans Jovy geb. 1913
    Schwester Eleonore Adelheide Magarete Verweyen, geb. Jovy 1918–2007
    Bruder Robert Jovy 1921–2005
    Bruder Dietmar Joseph Jovy geb. 1923
    1. Heirat 29.6.1953
    Ehefrau Hermine Müller 1930–2017
    Schwiegervater Hermann Josef Müller geb. 1903
    Schwiegermutter Elisabeth Pauline Müller, geb. Poh geb. 1906
    Kinder ein Sohn, zwei Töchter
    Scheidung 1963
    2. Heirat 21.1.1968 in Georgetown (Guyana)
    Ehefrau Linda Joseph 1940–2013
  • Biografie

    Jovy wuchs in einem politisch liberal orientierten, bürgerlichen Elternhaus auf. Beeinflusst von der katholischen Jugendbewegung, besuchte er seit 1933 in Bad Godesberg das Aloisiuskolleg des Jesuitenordens, wo er im Februar 1939 das Abitur ablegte. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme geriet er bald in Konflikt mit der Hitler-Jugend und organisierte wohl bereits seit 1934/35 eigenständige bündische Aktivitäten. Er führte in Bonn einen Kreis politisch oppositioneller Jugendlicher, zu dem u. a. der spätere Literaturwissenschaftler Edgar Lohner (1919–1975) zählte.

    Auf zwei Fahrten nach Frankreich 1938/39 trat die Jovy-Gruppe in Kontakt mit dem Exil-Widerstandskreis um den nationalbolschewistisch orientierten Journalisten Karl Otto Paetel (1906–1975). Von diesem politisch beeinflusst, verstärkte sich Jovys Gegnerschaft zum NS-Staat. Seit Herbst 1938 verbreitete er mit seinen Freunden Informationsmaterial gegen den Nationalsozialismus (v. a. Paetels „Schriften der jungen Nation“) unter Bekannten und Freunden, seit 1939 auch unter Arbeitskollegen und im Arbeitsdienst. Zudem trat die Gruppe in Kontakt zu anderen illegalen bündischen Kreisen in Hamburg und Stuttgart.

    Ende 1939 von der Gestapo enttarnt, wurde Jovy am 16. Dezember 1939 in Köln verhaftet und nach längerer Untersuchungshaft am 11. September 1941 vor dem Berliner Volksgerichtshof wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Während seiner Haft in Siegburg bei Bonn trat er über Jean Jülich (1929–2011) und dessen Vater Johann Jülich (1902–1971) in Kontakt mit der aus unangepassten Jugendlichen bestehenden Widerstandsgruppe „Edelweißpiraten“ in Köln. Im Juli 1944 zum Kriegsdienst eingezogen und im Ausbildungslager Baumholder (Strafbataillon 999) eingesetzt, desertierte Jovy im November 1944 bei einem Fronteinsatz an Westwallstellungen zwischen Trier und Echternach und lief – mit anderen Mitgliedern eines Spähtrupps – zu den US-amerikanischen Truppen über, für die er gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als Übersetzer tätig war.

    Anschließend griff Jovy sein Engagement für die Jugendbewegung wieder auf und gehörte 1946 zu den Mitbegründern der zunächst „Fahrtenbund Deutscher Jugend“ genannten „Deutschen Jungenschaft“, in der er als Sprecher führend tätig wurde. In seiner Jugendarbeit orientierte er sich an den Politikvorstellungen des inzwischen in den USA lebenden Paetel, mit dem er in freundschaftlichem, brieflichem Kontakt stand. Jovys öffentlich geäußerte Ablehnung der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik brachte ihm die Kritik anderer bündischer Jungendfunktionäre, insbesondere von Walter Scherf (1920–2010) ein.

    Seit Herbst 1945 studierte Jovy Geschichte, Philosophie und Öffentliches Recht an der Universität zu Köln, wo er 1952 bei Theodor Schieder (1908–1984) zum Dr. phil. promoviert wurde. In seiner Doktorarbeit analysierte er das Verhältnis von deutscher Jugendbewegung und Nationalsozialismus, betonte v. a. die Unterschiede beider Bewegungen und würdigte auf der Basis eigener Erfahrungen den bündischen Widerstand im „Dritten Reich“.

    Nach seiner Promotion beendete Jovy sein Engagement in der Jugendbewegung und bewarb sich 1953 für den Diplomatischen Dienst der Bundesrepublik Deutschland. Trotz massiver Einwände des Bundesamts für Verfassungsschutz, das gegen Jovys Wiederbewaffnungskritik Einwände erhob und ihn – auch basierend auf Gestapo- und Gerichtsakten aus der NS-Zeit – bezichtigte, Kommunist zu sein, wurde Jovy 1958 zum Beamten auf Lebenszeit ernannt. Seine Karriere als Diplomat führte ihn als Konsul und Botschafter v. a. in Länder Afrikas, wo er sich durch diplomatisches Geschick und soziales Engagement hohes Ansehen erwarb. Im November 1982 verlieh ihm die Gedenk- und Forschungsstätte Yad Vashem den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“.

  • Auszeichnungen

    1968 Verdienstkreuz am Bande des Bundesverdienstordens der Bundesrepublik
    1969 Ordre de la Valeur (Kamerun)
    1972 Ordre National du Mali
    1976 Verdienstkreuz 1. Klasse
    1960er/1970er Jahre weitere Ehrungen von Regierungen seiner Dienstorte (Guyana, Sudan, Rumänien)
    1982 Auszeichnung als „Gerechter unter den Völkern“ (Yad Vashem)
    • Quellen

      Nachlass:

      Privatarchiv Esther Jovy. (persönliche Dokumente Jovys, u. a. Lebenslauf, Erinnerungs- und Zeitungsberichte, Privatfotos und ein Fotoalbum)

      Weitere Archivmaterialien:

      Archiv des Auswärtigen Amtes, Bonn.

      Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein, Nachlass Karl Otto Paetel.

      Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, Bestand BDC. (Unterlagen des Volksgerichtshof-Prozesses gegen Jovy und andere)

      Stadtarchiv, Bonn, N 1991/730. (Brief Jovys vom 13.1.1972 über seine Verfolgung während der NS-Zeit)

    • Werke

      Ohne recht, in: feuer (-Hefte), 2. Folge, hg. v. d. Deutschen Jungenschaft, o. J. (1948/49).

      Deutsche Jugendbewegung und Nationalsozialismus. Versuch einer Klärung ihrer Zusammenhänge und Gegensätze, 1953, Neuausg. 1984. (Diss. phil.)

      Wir waren alle „schwarz-rot-gold“, in: Rolf Italiaander (Hg.), Wir erlebten das Ende der Weimarer Republik. Zeitgenossen berichten, 1982, S. 46 f.

    • Literatur

      Arno Klönne, Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend und ihre Gegner, 1982, 32008.

      Arno Klönne, Ein Leben aus dem Widerspruch. Michael Jovy (1920–1984), in: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung 15 (1984/1985), S. 373–378.

      Matthias von Hellfeld, Bündische Jugend und Hitlerjugend. Zur Geschichte von Anpassung und Widerstand 1930–1939, 1987.

      Horst-Pierre Bothien, Die Jovy-Gruppe. Eine historisch-soziologische Lokalstudie über nonkonforme Jugendliche im „Dritten Reich“, 1994. (P)

      Hans Coppi, Art. „Jovy, Michael“, in: Peter Steinbach/Johannes Tuchel (Hg.), Lexikon des Widerstandes 1933–1945, 2. überarb. u. erw. Aufl. 1998, S. 103 f.

      Horst-Pierre Bothien/Matthias von Hellfeld/Stefan Peil/Jürgen Reulecke, Ein Leben gegen den Strom. Michael Mike Jovy, Widerstandskämpfer, Jungenschaftler, Diplomat, 2017. (P)

    • Onlineressourcen

    • Porträts

      zahlreiche Fotografien, Abbildung in: Horst-Pierre Bothien, Die Jovy-Gruppe. Eine historisch-soziologische Lokalstudie über nonkonforme Jugendliche im „Dritten Reich“, 1994 sowie Horst-Pierre Bothien/Matthias von Hellfeld/Stefan Peil/Jürgen Reulecke, Ein Leben gegen den Strom. Michael Mike Jovy, Widerstandskämpfer, Jungenschaftler, Diplomat, 2017.

  • Autor/in

    Horst-Pierre Bothien (Bonn)

  • Zitierweise

    Bothien, Horst-Pierre, „Jovy, Michael“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2022, URL: https://www.deutsche-biographie.de/119289903.html#dbocontent.

    CC-BY-NC-SA