Lebensdaten
1897 – 1967
Geburtsort
Frankfurt am Main
Sterbeort
Cambridge (Massachusetts, USA)
Beruf/Funktion
Wirbeltierpaläontologin ; Begründerin der Paläoneurologie ; Paläontologin ; Neurologin
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 116356030 | OGND | VIAF: 54898057
Namensvarianten
  • Edinger, Johanna Gabriele Ottilie
  • Edinger, Tilly
  • Edinger, Johanna Gabriele Ottilie
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Biografische Lexika/Biogramme

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Zitierweise

Edinger, Tilly, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116356030.html [18.06.2024].

CC0

  • Tilly Edinger gilt als Begründerin der Paläoneurologie. Sie erforschte als ehrenamtliche Kuratorin am Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main seit den 1920er Jahren die Evolution der Großstrukturen von Wirbeltiergehirnen. Rassistischer Verfolgung im Nationalsozialismus entkam sie 1939 durch Emigration in die USA, wo sie am Museum for Comparative Zoology der Harvard University in Cambridge (Massachusetts, USA) ihre Forschungen fortsetzte.

    Lebensdaten

    Geboren am 13. November 1897 in Frankfurt am Main
    Gestorben am 27. Mai 1967 (Verkehrsunfall) in Cambridge (Massachusetts, USA)
    Grabstätte Hauptfriedhof, Familiengrab in Frankfurt am Main
    Konfession jüdisch
    Tilly Edinger, Universitätsarchiv Frankfurt am Main (InC)
    Tilly Edinger, Universitätsarchiv Frankfurt am Main (InC)
  • Lebenslauf

    13. November 1897 - Frankfurt am Main

    - Frankfurt am Main

    Privatunterricht

    1910 - 1916 - Frankfurt am Main

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Schillerschule

    1916 - 1921 - Heidelberg; Frankfurt am Main; München

    Studium der Geologie, Zoologie und Paläontologie

    1921/22 - Frankfurt am Main

    Promotion (Dr. phil. nat.)

    Universität

    1921 - 1927 - Frankfurt am Main

    unbezahlte Hilfsassistentin

    Geologisch-Paläontologisches Institut der Universität

    1927 - 1938 - Frankfurt am Main

    ehrenamtliche Sektionärin für fossile Wirbeltiere

    Naturmuseum Senckenberg

    1931 - 1933 - Frankfurt am Main

    außerplanmäßige Assistentin

    Neurologisches Institut der Universität

    Mai 1939 - 1940 - London

    Emigration; Übersetzerin für medizinische Texte

    1940 - 1964 - Cambridge (Massachusetts, USA)

    Emigration; Research Associate in Paleontology

    Museum for Comparative Zoology

    1944 - 1945 - Cambridge

    Replacement Faculty Member

    Wellesley College

    1945 - Cambridge

    US-amerikanische Staatsbürgerin

    27. Mai 1967 (Verkehrsunfall) - Cambridge (Massachusetts, USA)
  • Genealogie

    Vater Ludwig Edinger 1855–1918 aus Worms; Professor für Neurologie an der Universität Frankfurt am Main; 1907 Gründer und Finanzier des Neurologischen Instituts; 1912 Mitunterzeichner des Stiftungsvertrags zur Gründung der Universität Frankfurt am Main
    Großvater väterlicherseits Markus Edinger 1819–1879 Textilgroßkaufmann
    Großmutter väterlicherseits Julie Edinger, geb. Hochstaetter 1829–1893
    Mutter Anna Edinger , geb. Goldschmidt 1863–1929 aus Frankfurt am Main; Sozialpolitikerin; Feministin; 1902–1910 Schatzmeisterin im Vorstand des Bundes Deutscher Frauenvereine
    Großvater mütterlicherseits Benedikt Moritz (Moses?) Goldschmidt 1831–1906 Bankier
    Großmutter mütterlicherseits Pauline Goldschmidt, geb. Jacobsen
    Bruder Friedrich (Fritz) Edinger 1888–1942 Arzt, Neurologe; verh. mit Dora Edinger, geb. Meyer; 1942 deportiert und ermordet
    Schwester Dora Lipschitz-Lindley, geb. Edinger 1894–1982
    Heirat ledig
    Kinder keine
    Diese Grafik wurde automatisch erzeugt und bietet nur einen Ausschnitt der Angaben zur Genealogie.

    Edinger, Tilly (1897 – 1967)

    • Vater

      Ludwig Edinger

      1855–1918

      aus Worms; Professor für Neurologie an der Universität Frankfurt am Main; 1907 Gründer und Finanzier des Neurologischen Instituts; 1912 Mitunterzeichner des Stiftungsvertrags zur Gründung der Universität Frankfurt am Main

      • Großvater väterlicherseits

        Markus Edinger

        1819–1879

        Textilgroßkaufmann

      • Großmutter väterlicherseits

        Julie Edinger

        1829–1893

    • Mutter

      Anna Edinger

      1863–1929

      aus Frankfurt am Main; Sozialpolitikerin; Feministin; 1902–1910 Schatzmeisterin im Vorstand des Bundes Deutscher Frauenvereine

      • Großvater mütterlicherseits

        Benedikt Moritz (Moses?) Goldschmidt

        1831–1906

        Bankier

      • Großmutter mütterlicherseits

        Pauline Goldschmidt

    • Bruder

      Friedrich (Fritz) Edinger

      1888–1942

      Arzt, Neurologe; verh. mit Dora Edinger, geb. Meyer; 1942 deportiert und ermordet

    • Schwester

      Dora Lipschitz-Lindley

      1894–1982

    • Heirat

  • Biografie

    Edinger, die einer wohlhabenden Frankfurter Familie entstammte, wurde mit den Geschwistern privat unterrichtet und absolvierte seit 1910 die Schillerschule, ein Mädchengymnasium. Besuche im Naturmuseum Senckenberg in Frankfurt am Main weckten früh ihr Interesse an Naturwissenschaften. Nach dem Abitur 1916 studierte sie Geologie, Zoologie und Paläontologie an den Universitäten in Frankfurt am Main, Heidelberg und München. Bei ihrem Vater, dem Neurologen Ludwig Edinger (1855–1918), hörte sie eine Vorlesung über den Bau des tierischen Nervensystems.

    Edinger beschäftigte sich mit Mikropaläontologie, einem Fachgebiet, das als noch am ehesten geeignet für Frauen galt, wechselte dann zur Wirbeltierpaläontologie und wurde 1921 an der Universität Frankfurt am Main bei Fritz Drewermann (1875–1932) mit einer Arbeit über Nothosaurus, einen amphibisch lebenden Meeressaurier der Triaszeit, zur Dr. phil. nat. promoviert. Anschließend arbeitete sie als unbezahlte Hilfsassistentin am Geologisch-Paläontologischen Institut der Universität Frankfurt am Main. Ihr Forschungsinteresse wandte sich den fossilen Gehirnen zu, d. h. sedimentgefüllten Schädelhöhlen fossiler Wirbeltiere, die die äußere Form des Gehirns überlieferten. Je nach Fossilerhaltung bzw. Feinkörnigkeit des betreffenden Sediments lassen sich manchmal auch Aussagen über Einzelheiten der Hirnoberfläche, wie die Gehirnwindungen oder die Lage der Blutgefäße der Hirnhäute machen, wobei Edinger zu Vergleichszwecken auf die umfangreiche Sammlung rezenter Gehirne ihres verstorbenen Vaters zurückgriff. Vor Edinger hatte es bereits Erwähnungen solcher natürlich entstandener Schädelausgüsse gegeben, jedoch wurden sie als Kuriosa behandelt. Edinger hingegen nutzte diese besondere Fossilerhaltung systematisch und entwickelte ein neues Fachgebiet, die Paläoneurologie. Nach Arbeiten u. a. über fossile Gehirne von Fledermäusen und Flugsauriern publizierte sie 1929 „Die fossilen Gehirne“, eine erste systematische Darstellung der Paläoneurologie und ihrer innovativen, interdisziplinären Methodik zur Erforschung von Form und Funktion der Gehirne ausgestorbener Wirbeltiere sowie der Evolution des Wirbeltiergehirns inklusive seiner Spezialisierung bei besonderen fossilen Tiergruppen.

    Seit 1927 arbeitete Edinger als ehrenamtliche Kustodin für fossile Wirbeltiere am Naturmuseum Senckenberg und von 1931 bis 1933 zudem als außerplanmäßige bezahlte Assistentin an zwei Tagen pro Woche am Neurologischen Institut der Universität Frankfurt am Main. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme im Januar 1933 verlor sie diese Stelle. Auch Pläne für eine Habilitation musste sie aufgrund der politischen Situation aufgeben. Vom Ehrenamt am Senckenberg-Museum wurde sie kurzzeitig suspendiert, konnte aber als „Untergrund-Kurator“, wie sie sich selbst bezeichnete, weiter tätig sein. Sie musste die Hintertür nutzen und der Kontakt zum Museumsleiter, dem Paläontologen Rudolf Richter (1881–1957), beschränkte sich auf den Austausch von Zetteln. Im März 1938 wurde sie veranlasst, vom Redaktionskomitee der Fachzeitschrift „Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geologie und Paläontologie“ zurückzutreten.

    Infolge der Novemberprogrome 1938 emigrierte Edinger im Mai 1939 nach London, wo sie als Übersetzerin medizinischer Bücher tätig war. Mit der Unterstützung des Paläontologen und Biologen Alfred Sherwood Romer (1894–1973), Professor an der Harvard University, reiste Edinger im Mai 1940 in die USA weiter und fand dank eines bescheidenen Stipendiums des Emergency Committee in Aid of Displaced Foreign Scholars eine Anstellung als Wissenschaftlerin am Harvard Museum of Comparative Zoology in Cambridge (Massachusetts, USA). Im Dezember 1940 nahm sie an der Gründung der Society of Vertebrate Paleontology (SVP) teil. 1943 besserte sich ihre finanzielle Situation durch ein Guggenheim Fellowship, auch hielt sie 1944/45 am Wellesley College zoologische Vorlesungen in Vertretung. Weiterhin verdiente sie durch Übersetzungsarbeiten und bibliografische Tätigkeiten hinzu. Wie in Frankfurt am Main forschte sie zur Evolution des Gehirns, verfasste wissenschaftliche Abhandlungen, Monografien – darunter ihr zweites Hauptwerk „The Evolution of the Horse Brain“ (1948), in dem sie die Gehirnentwicklung mit der Evolution des Pferdeskeletts kontrastierte – sowie populärwissenschaftliche Schriften und hielt Vorträge.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte Edinger erneut briefliche Kontakte zu ausgewählten deutschen Kollegen, darunter Fritz Berckhemer (1890–1954), Franz Michels (1891–1970) und Otto Schindewolf (1896–1971), setzte sich bei der SVP dafür ein, deutschen Kollegen die Mitgliedschaft zu ermöglichen und unternahm 1950 dank eines Stipendiums eine Europareise, u. a. in die Bundesrepublik. Nachdem sie sich Wiedergutmachungszahlungen juristisch erkämpft hatte, ging sie 1964 in den Ruhestand. Am 26. Mai 1967 überhörte die von Geburt schwerhörige Edinger ein herannahendes Fahrzeug und verstarb an den Verletzungen des Verkehrsunfalls.

  • Auszeichnungen

    1921 Mitglied der Deutschen Geologischen Gesellschaft
    1943/44 Guggenheim Fellowship
    1947 Ehrenmitglied der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, Frankfurt am Main
    1950 Sc. D. h. c, Wellesley College, Cambridge (Massachusetts, USA)
    1950/51 American Association of University Women Fellowship
    1957 Dr. rer. nat. h. c., Universität Gießen
    1962 Ehrenmitglied der Paläontologischen Gesellschaft
    1963/64 Präsidentin der Society of Vertebrate Paleontology
    1964 Dr. med. h. c., Universität Frankfurt am Main
    1964 Ehrenmitglied des Museum of Comparative Zoology, Harvard University, Cambridge (Massachusetts, USA)
    1970 Nothosaurus edingerae
    1994 Venuskrater Edinger
    2004 Tilly-Edinger-Preis der Paläontologischen Gesellschaft (jährlich) (weiterführende Informationen)
    2014 Tilly-Edinger-Platz, Frankfurt am Main
  • Quellen

    Teilnachlässe:

    Leo Baeck Institute New York City, Edinger, Tilly. Archives. Tilly Edinger Collection (AR-1267/4182 und 551/1479).

    Museum of Comparative Zoology Library, Harvard University, Cambridge (Massachusetts, USA).

    Weitere Archivmaterialien:

    Universitätsbibliothek Freiburg im Breisgau, Geologenarchiv. (Korrespondenz)

  • Werke

    Über Nothosaurus, 1921. (Diss. phil. nat.)

    Ueber Nothosaurus. I. Ein Steinkern der Schädelhöhle, in: Senckenbergiana 3 (1921), S. 121–129.

    Fossile Fledermausgehirne, in: Senckenbergiana 8 (1926), S. 1–6.

    Das Gehirn der Pterosaurier, in: Zeitschrift für Anatomie und Entwicklungsgeschichte 83 (1927), S. 105–112.

    Die fossilen Gehirne, 1929.

    II. Vertebrata. 2. Paläoneurologie, in: Fortschritte der Paläontologie 1 (1937), S. 235–251.

    The Evolution of the Horse Brain, 1948.

    Paleoneurology versus Comparative Brain Anatomy, in: Confina Neurologica 9 (1949), S. 5–24.

    Anthropocentric Misconceptions on Paleoneurology, in: Proceedings of the Rudolf Virchow Medical Society in the City of New York 19 (1960), S. 56–107.

    Recent Advances in Paleoneurology, in: Progress in Brain Research 6 (1964), S. 147–160.

    Werkverzeichnis:

    Rolf Kohring/Gerald Kreft (Hg.), Tilly Edinger. Leben und Werk einer jüdischen Wissenschaftlerin, 2003, S. 612–622.

  • Literatur

    N. N., Art. „Edinger, Tilly“, in: Herbert A. Strauss/Werner Röder (Hg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigranten nach 1933, Bd. 2, 1983, S. 236.

    Rolf Kohring, Senckenbergische Forscher. Tilly Edinger (1897–1967), in: Natur und Museum 127 (1997), H. 11. S. 391–410. (P)

    Renate Strohmeier, Art. „Edinger, Tilly“, in: dies. (Hg.), Lexikon der Naturwissenschaftlerinnen und naturkundigen Frauen Europas von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, 1998, S. 91 f. (P)

    Emily A. Buchholtz/Ernst-August Seyfarth, The Gospel of the Fossil Brain. Tilly Edinger and the Science of Paleoneurology, in: Brain Research Bulletin 48 (1999), H. 4, S. 351–361.

    Rolf Kohring/Gerald Kreft (Hg.), Tilly Edinger. Leben und Werk einer jüdischen Wissenschaftlerin, 2003. (P)

    Andreas Hansert, Das Senckenberg-Forschungsmuseum im Nationalsozialismus. Wahrheit und Dichtung, 2018.

  • Onlineressourcen

  • Porträts

    Fotografie, Museum for Comparative Zoology, Harvard University, Cambridge (Massachusetts, USA).

  • Autor/in

    Martina Kölbl-Ebert (München)

  • Zitierweise

    Kölbl-Ebert, Martina, „Edinger, Tilly“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2024, URL: https://www.deutsche-biographie.de/116356030.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA