Lebensdaten
1922 – 2001
Geburtsort
Hamburg
Sterbeort
Brighton (East Sussex, England)
Beruf/Funktion
Sozialwissenschaftler ; Kriminologe ; Historiker ; Rabbiner ; Soziologe
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 116452803 | OGND | VIAF: 59129382
Namensvarianten
  • Carlebach, Julius Isaak
  • Carlebach, Julius
  • Carlebach, Julius Isaak
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Zitierweise

Carlebach, Julius, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116452803.html [31.01.2023].

CC0

  • Julius Carlebach war ein britischer Sozialwissenschaftler, Kriminologe, Historiker und Rabbiner deutscher Herkunft, der 1938 mit einem Kindertransport nach England geflohen war. Nach seiner Emeritierung an der Universität Sussex amtierte er 1989 bis 1997 als Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, der er zu internationalem Renommee als jüdischem akademischen Zentrum verhalf.

    Julius Carlebach (InC)
    Julius Carlebach (InC)
  • Lebensdaten

    Geboren am 28. Dezember 1922 in Hamburg
    Gestorben am 16. April 2001 in Brighton (East Sussex, England)
    Grabstätte Meadow View Jewish Cemetery in Brighton (East Sussex, England)
    Konfession jüdisch
  • Lebenslauf

    28.·Dezember 1922 - Hamburg

    - Altona

    Schulbesuch

    jüdische Grundschule

    - 1938 - Hamburg

    Schulbesuch

    Talmud-Tora-Realschule

    1938 - England

    Flucht (Kindertransport)

    1940 - Isle of Man (Großbritannien)

    Internierung als Ausländer aus Feindland (Enemy Alien)

    Internierungslager

    1941

    Dienst

    Alien Pioneer Corps, British Army

    1943 - 1946

    Kriegseinsatz

    Royal Navy

    1946

    britischer Staatsbürger

    1948 - London-West Norwood

    Hausvater; Wirtschafter

    The Jewish Orphanage (jüdisches Waisenhaus)

    1955 - London

    Studium der Soziologie

    Universität

    1959 - 1963 - Nairobi (Kenia)

    Kulturbeauftragter

    Board of Kenya Jewry

    1959 - 1963 - Nairobi (Kenia)

    Rabbiner

    Nairobi Hebrew Congregation

    1959 - 1963 - Nairobi (Kenia)

    Vorsitzender

    Child Welfare Society of Kenya

    1963 - 1966 - Cambridge (Großbritannien)

    Post-Graduate-Studium der Kriminologie

    Emmanuel College der Universität

    1966 - 1968 - Bristol (Großbritannien)

    Lecturer (Dozent)

    Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität

    1967 - 1967 - Israel

    Forschungsaufenthalt

    1968 - 1988 - Brighton (Großbritannien)

    Reader (Dozent)

    Fachbereich Soziologie der Universität Sussex

    1975 - Brighton

    Promotion (Ph. D.)

    Fachbereich Soziologie der Universität Sussex

    1989 - 1997 - Heidelberg

    Rektor

    Hochschule für Jüdische Studien

    1997 - Brighton (Großbritannien)

    Rückkehr

    16.·April 2001 - Brighton (East Sussex, England)
  • Genealogie

    Vater Joseph Zwi Carlebach 1883–1942 Rabbiner, Pädagoge in Altona und Hamburg; bei Riga ermordet
    Großvater väterlicherseits Salomon Carlebach 1845–1919 Rabbiner
    Großmutter väterlicherseits Esther Carlebach , geb. Adler 1853–1920 Tochter des Alexander Sussmann Adler (1816–1869), Rabbiner, und der Hannchen Fischl-Joël (1820–1889), Tochter des Ephraim Fischl Joel (1795–1851), Rabbiner
    Mutter Charlotte (Lotte) Helena Carlebach, geb. Preuss 1900–1942 bei Riga ermordet
    Großvater mütterlicherseits Julius Isaak Preuss 1861–1913 Arzt, Medizinhistoriker
    Schwester Eva Sulamit Heinemann, geb. Carlebach 1919–1966
    Schwester Esther Hackenbroch, geb. Carlebach 1920–2020
    Schwester Miriam Gillis-Carlebach , geb. Carlebach 1922–2020 Erziehungswissenschaftlerin
    Schwester Judith Heyman, geb. Carlebach 1924–1970
    Bruder Peter Salomon Carlebach 1925–2022 Rabbiner, Pädagoge
    Schwester Ruth Carlebach 1926–1942 bei Riga ermordet
    Schwester Noemi Carlebach 1927–1942 bei Riga ermordet
    Schwester Sara Carlebach 1928–1942 bei Riga ermordet
    Heirat 1959 in London
    Ehefrau Myrna Joan Carlebach, geb. Landau geb. 1937 Lehrerin
    Kinder zwei Söhne
  • Biografie

    Carlebach wuchs in einem modern-orthodoxen jüdischen Elternhaus auf, das die streng religiöse Lebensführung mit bildungsbürgerlichen Werten verknüpfte. Da der Vater seit 1925 als Oberrabbiner der Hochdeutschen Israelitengemeinde zu Altona amtierte, besuchte Carlebach hier eine jüdische Grundschule, bevor er seine Schullaufbahn auf der Talmud-Tora-Realschule in Hamburg fortsetzte, ohne angesichts der zunehmenden nationalsozialistischen Repressionen sein Abitur erlangen zu können. Wenige Wochen nach der Reichspogromnacht flüchtete Carlebach mit seiner Schwester Judith am 2. Dezember 1938 mit dem ersten Kindertransport aus Deutschland und gelangte über die Niederlande nach England, das seine Grenzen vorübergehend für jüdische Kinder ohne Elternbegleitung geöffnet hatte.

    Zeitweilig bei einer jüdischen Pflegefamilie in London untergebracht, verdingte sich Carlebach zu Beginn des Zweiten Weltkriegs als Hilfsarbeiter. Nach vorübergehender Internierung als „Ausländer aus Feindland“ auf der Isle of Man schloss er sich 1941 dem Alien Pioneer Corps der Britischen Armee an. 1943 meldete er sich freiwillig zur Kriegsmarine, die ihn u. a. mit der Dekodierung deutscher Funknachrichten betraute. Als Carlebach nach Kriegsende kurzzeitig nach Hamburg zurückkehrte, erfuhr er, dass seine Eltern sowie die drei jüngeren Schwestern Ruth, Noemi und Sara im Dezember 1941 in das Arbeitslager Jungfernhof in der Nähe von Riga deportiert und wenige Monate später im Wald von Biķernieki ermordet worden waren.

    Nach der Entlassung aus dem Kriegsdienst erhielt Carlebach 1946 die britische Staatsbürgerschaft und lebte seit 1948 als Wirtschafter eines jüdischen Kinderheims in Norwood (London). 1959 ging er mit seiner Ehefrau nach Kenia, damals noch britische Kronkolonie, um in Nairobi das jüdische Kulturleben zu fördern. Zudem übernahm er die rabbinische Leitung der Synagogengemeinde und wurde aufgrund seiner Erfahrung in der Kinderfürsorge zum Präsident der „Child Welfare Society of Kenya“ ernannt. 1963 kehrte er nach England zurück und folgte einer Einladung des Emmanuel College der Universität Cambridge, wo er ein Postgraduiertendiplom am Institut für Kriminologie erwarb. 1966 wechselte er als Dozent an die Universität Bristol, die ihm einen mehrmonatigen Forschungsaufenthalt in Israel ermöglichte. Seit 1968 forschte und lehrte Carlebach an der Universität Sussex, an der er 1975 auch promoviert wurde. Betreuer der Dissertation waren Zev Barbu (1914–1993) und Sir Isaiah Berlin (1909–1997). In Brighton lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1988 zu Themen der Kriminologie und Medizinsoziologie, wirkte als Prodekan der Fakultät für Afrika- und Asienstudien und initiierte ein Programm für Israelische und Jüdische Studien. Außerdem kümmerte er sich, wie bereits in Bristol, um die religiöse Betreuung der jüdischen Studierenden.

    Carlebach war ein außergewöhnlich vielseitiger Gelehrter, der wichtige Forschungsbeiträge in unterschiedlichen Feldern der Sozial- und Geisteswissenschaften leistete. Mündete seine langjährige Tätigkeit in der Kinderfürsorge und Sozialarbeit in eine Reihe praxisorientierter Studien, so dokumentierte die als Buch gedruckte Dissertation über Karl Marx’ (1818–1883) Kritik des Judentums (1978) sein besonderes Interesse für die deutsch-jüdische Geschichte, das auch sein langjähriges Engagement als Mitherausgeber des vom Londoner Leo Baeck Instituts herausgegebenen Jahrbuchs motivierte. Besonders große Wirksamkeit entfaltete Carlebach, als er 1989 die Leitung der zehn Jahre zuvor gegründeten Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg übernahm. In den acht Jahren seines Rektorats konsolidierte er diese Einrichtung sowohl in Lehre und Ausbildung als auch in der Forschung und führte sie zu internationalem Ansehen. Zahlreiche Konferenzen, Publikationen, aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekte sowie das 1994/95 verliehene Promotionsrecht zeugen von dem Erfolg seines Wirkens. 1997 kehrte Carlebach nach Brighton zurück.

  • Auszeichnungen

    1992 Medaille der Ruprechts-Karls-Universität Heidelberg
    1994 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
    1998 Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg
    • Quellen

      Nachlass:

      University of Sussex Special Collections.

    • Werke

      Monografien:

      Juvenile Prostitutes in Nairobi, 1962.

      The Jews of Nairobi, 1962.

      The Future of Youth Aliyah, 1968.

      Caring for Children in Trouble, 1970.

      Karl Marx and the Radical Critique of Judaism, 1978. (Diss.)

      Herausgeberschaften:

      Wissenschaft des Judentums. Anfänge der Judaistik in Europa, 1992.

      Zur Geschichte der jüdischen Frau in Deutschland, 1993.

      Leo Baeck Institute Year Book, 1992–2000. (Mithg.)

      Michael Brocke/Julius Carlebach (Hg.), Biographisches Handbuch der Rabbiner. Teil I: Die Rabbiner der Emanzipationszeit in den deutschen, böhmischen und großpolnischen Ländern. 1781–1870, 2 Bde., bearb. v. Carsten Wilke, 2004.

      Aufsätze:

      Family Relationships of Deprived and Non-Deprived Kikuyu Children from Polygamous Marriages, in: The Journal of Tropical Pedriatrics 13 (1967) Nr. 4, S. 186–200.

      The Problem of Moses Hess’s Influence on the Young Marx, in: Leo Baeck Institute Yearbook 18 (1973), S. 27–39.

      Deutsche Juden und der Säkularisierungsprozess in der Erziehung – Kritische Bemerkungen zu einem Problemkreis der jüdischen Emanzipation, in: Hans Liebeschütz/Arnold Paucker (Hg.), Das Judentum in der deutschen Umwelt 1800-1850. Studien zur Frühgeschichte der Emanzipation, 1977, S. 55–93.

      The Forgotten Connection. Women and Jews in the Conflict between Enlightenment and Romanticism, in: Leo Baeck Institute Yearbook 24 (1979), S. 107–138.

      Family Structure and the Position of Jewish Women, in: Werner E. Mosse/Arnold Paucker/Reinhard Rürup (Hg.), Revolution and Evolution. 1848 in German-Jewish History, 1981, S. 157–187.

      Orthodox Jewry in Germany. The Final Stages, in: Arnold Paucker (Hg.), Die Juden im Nationalsozialistischen Deutschland 1933–1943, 1986, S. 75–93.

      The Impact of German Jews on Anglo-Jewry-Orthodoxy, 1850-1950, in: Werner E. Mosse (Hg.), Second Chance. Two Centuries of German-speaking Jews in the United Kingdom, 1991, S. 405–423.

      Jüdische Geistigkeit und Kultur in der Bundesrepublik, in: Wolfgang Benz (Hg.), Zwischen Antisemitismus und Philosemitismus, 1991, S. 39–45.

      Julius Carlebach/Andreas Brämer, Rabbiner in Deutschland – die ersten Nachkriegsjahre, in: Andreas Brämer (Hg.), Studien über Glaube und Schicksal, 1995, S. 225–234. (mit Andreas Brämer)

      Julius Carlebach/Andreas Brämer, Rescue Aid as a Method of Repression – American Military Rabbis and the Problem of Jewish Displaced Persons in Postwar Germany, in: Jewish Studies Quarterly 2 (1995), S. 59–76.

      Julius Carlebach/Andreas Brämer, Von der Befreiung zur Freiheit. Zvi Asaria (Hermann Helfgott) und Abraham J. Klausner als Rabbiner im Nachkriegsdeutschland, in: Aschkenas 5 (1995), S. 387–412.

      Hygiene im Judentum, in: Nora Goldenbogen/ Susanne Hahn/Caris-Petra Heidel/Albrecht Scholz (Hg.), Hygiene und Judentum, 1995, S. 7–15.

      Julius Carlebach/Andreas Brämer, Continuity or New Beginning? Isaac Emil Lichtigfeld as Rabbi in Frankfurt and Hesse, 1954–1967, in: Leo Baeck Institute Yearbook 42 (1997), S. 275–302.

      Benno Jacob – Eine Rekonstruktion, in: Benno Jacob, Das Buch Exodus, hg. im Auftrag des Leo-Baeck-Instituts v. Shlomo Mayer, 1997, S. IXX–XXV.

      Journey to the Centre of the Periphery, in: Peter Alter (Hg.), Out of the Third Reich. Refugee Historians in Post-War Britain, 1998, S. 1–23.

      Values and Virtues in Times of Change. A Discussion Paper on the Jewish Family, in: Miriam Gillis-Carlebach/Barbara Vogel (Hg.), „… und so zogen sie aus: ein jeder bei seiner Familie und seinem Vaterhaus (4. Moses 2,34). Familie im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Die Vierte Josef Carlebach-Konferenz, 2000, S. 128–134.

    • Literatur

      Studien zur jüdischen Geschichte und Soziologie. Festschrift Julius Carlebach, hg. v. Mitarbeitern der Hochschule für Jüdische Studien, 1992. (P)

      Gespräch mit Julius Carlebach, in: Die Carlebachs. Eine Rabbinerfamilie aus Deutschland, hg. v. der Ephraim-Carlebach-Stiftung, 1995, S. 112–123. (P)

      Barbara Beuys, Rabbiner als Rektor, in: Die Zeit v. 24.2.1995.

      Mordechai Breuer, Julius Carlebach, in: Miriam Gillis-Carlebach/Wolfgang Grünberg (Hg.), „… der den Erniedrigten aufrichtet aus dem Staube und aus dem Elend erhöht den Armen” (Psalm 113,7). Die Fünfte Joseph-Carlebach-Konferenz. Unvollendetes Leben zwischen Tragik und Erfüllung, 2002, S. 16–18.

      Hanna Liss (Hg.), Yagdil Tora we-Ya’adir. Gedenkschrift für Julius Carlebach, 2003. (P)

      Miriam Gillis-Carlebach, Forschung und Erinnerung. Mein Bruder Julius Jizchak Carlebach. Bruchstücke seiner Lebensgeschichte, in: Miriam Gillis-Carlebach/Barbara Vogel (Hg.), „Ihre Wege sind liebliche Wege und all ihre Pfade Frieden” (Sprüche 3,17). Die Neunte Carlebach-Konferenz. Wege Joseph Carlebachs. Universale Bildung, gelebtes Judentum, Opfergang, 2014, S. 33–48.

      Bea Lewkowicz, „This is the Story of My Life”. An Interview with Julius Carlebach. With an Introduction by Efraim Carlebach, 2020.

      Birte Meinschien, Geschichtsschreibung in der Emigration. Deutschsprachige Historikerinnen und Historiker in Großbritannien, 2020.

      Lexikonartikel:

      N. N., Art. „Carlebach, Julius I”, in: Werner Röder/Herbert A. Strauss (Hg.), Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, Bd. II/1, 1983, S. 180.

      Georg H. Schlatter Binswanger, Art. „Carlebach, Julius”, in: Deutsches Literatur-Lexikon. Das 20. Jahrhundert, Bd. 5, hg. v. Konrad Feilchenfeldt, 2003, Sp. 110.

  • Autor/in

    Andreas Brämer (Hamburg)

  • Zitierweise

    Brämer, Andreas, „Carlebach, Julius“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2022, URL: https://www.deutsche-biographie.de/116452803.html#dbocontent.

    CC-BY-NC-SA