Meusel, Marga

Lebensdaten
1897 – 1953
Geburtsort
Falkenberg (Oberschlesien, heute Niemodlin, Polen)
Sterbeort
Berlin-West
Beruf/Funktion
Sozialfürsorgerin ; Wohlfahrtspflegerin ; Widerstandskämpferin ; Theologin ; Autorin
Konfession
evangelisch-lutherisch
Normdaten
GND: 120621819 | OGND | VIAF: 27906353
Namensvarianten

  • Meusel, Margarete
  • Meusel, Marga
  • Meusel, Margarete

Vernetzte Angebote

Verknüpfungen

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Meusel, Marga, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd120621819.html [20.01.2026].

CC0

  • Meusel, Marga (eigentlich Margarete Meusel)

    1897 – 1953

    Widerstandskämpferin, Sozialfürsorgerin, Wohlfahrtspflegerin

    Seit Anfang der 1920er Jahre in der Sozialfürsorge und Wohlfahrtspflege tätig, forderte Meusel als Gegnerin der NS-Rassenideologie im „Dritten Reich“ von der Inneren Mission die Einrichtung einer zentralen kirchlichen „Hilfsstelle für christliche Nichtarier“. 1935 schilderte sie in einer Denkschrift für die Bekennende Kirche die Not evangelischer Christen jüdischer Herkunft und betonte die Gleichstellung aller Getauften in der Kirche. Von der Deportation Bedrohten half sie seit 1941 mit Unterkunft, Lebensmittel und Ausweispapieren.

    Lebensdaten

    Geboren am 26. Mai 1897 in Falkenberg (Oberschlesien, heute Niemodlin, Polen)
    Gestorben am 16. Mai 1953 in Berlin-West
    Grabstätte Friedhof Zehlendorf (1992 Ehrengrab) in Berlin
    Konfession evangelisch-lutherisch
    Marga Meusel, Archiv für Diakonie und Entwicklung (InC)
    Marga Meusel, Archiv für Diakonie und Entwicklung (InC)
  • 26. Mai 1897 - Falkenberg (Oberschlesien, heute Niemodlin, Polen)

    1903 - 1911 - Kattowitz (Oberschlesien, heute Katowice, Polen); seit 1908 Münsterberg (Niederschlesien, heute Ziębice, Polen)

    Schulbesuch

    Volksschule; seit 1908 Übungsschule des evangelischen Lehrerseminars

    1911 - 1916 - Falkenberg (Oberschlesien, heute Niemodlin, Polen)

    Mithilfe im elterlichen Haushalt

    1916 - 1919 - Wohlau (Niederschlesien, heute Wołów, Polen)

    Bürohilfe

    Amtsgericht; seit 1918 Rechtsanwaltskanzlei

    1919 - 1920 - Obernigk (Niederschlesien, heute Oborniki Śląskie, Polen)

    Mitarbeiterin

    Kinderheim Warteberg

    1920 - Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen)

    schulwissenschaftliche Ergänzungsprüfung

    1920 - 1921 - Wohlau

    Ausbildung zur Krankenpflegerin

    Krankenpflegeschule Bethesda

    1921 - Breslau

    Examen als Krankenpflegerin

    Wenzel-Hanke-Krankenhaus

    1921 - 1922 - Michelsdorf (Niederschlesien, heute Miszkowice, Polen)

    Leiterin; Gemeindeschwester

    Kinderheim

    1922 - 1923 - Soest (Westfalen)

    Vertreterin der Kreisfürsorgerin

    1922 - 1923 - Breslau

    Nachschulungskurs (Abschluss: Examen zur Wohlfahrtspflegerin mit Schwerpunkt Gesundheitspflege)

    Soziale Frauenschule

    1922 - 1923 - Rothkretschau bei Breslau

    Säuglingsfürsorgerin

    Kreiswohlfahrtshaus Gotteshilfe

    1924 - Obernigk

    Vertreterin der Büro- und Kassenschwester

    Kinderheim Warteberg

    1924 - 1927 - Hirschberg (Niederschlesien, heute Jelenia Góra, Polen)

    Kreisfürsorgerin

    Landkreis

    1927 - 1928 - Berlin-Schöneberg

    zweiter Jahreskurs für Wohlfahrtspflegerinnen

    Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit

    1929 - 1931 - Kreis Soldin (Provinz Brandenburg)

    Kreisfürsorgerin

    1930 - Berlin-Schöneberg

    Fortbildung; staatliche Anerkennung als Jugendpflegerin

    Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit

    1932 - 1953 - Berlin-Zehlendorf

    Leiterin

    Evangelisches Bezirkswohlfahrtsamt e. V. der Inneren Mission (seit 1940 Bezirksstelle der Inneren Mission)

    16. Mai 1953 - Berlin-West

    Nach den Examina als Kranken-, Wohlfahrts- und Jugendpflegerin sowie beruflichen Stationen als Fürsorgerin in Niederschlesien, Westfalen und Brandenburg übernahm Meusel von 1932 bis zu ihrem Tod die Leitung des Evangelischen Bezirkswohlfahrtsamts e. V. der Inneren Mission in Berlin-Zehlendorf.

    Meusel war eine Gegnerin der nationalsozialistischen Rassenideologie und nahm seit 1933 gezielt Fürsorgerinnen, die im „Dritten Reich“ aufgrund des „Arierparagraphen“ nicht mehr im öffentlichen Dienst arbeiten durften, als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen auf, u. a. die entlassene Geschäftsführerin der Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit, Charlotte Friedenthal (1892–1973). Um sich einen Überblick über die Ausbildungs- und Anstellungsmöglichkeiten von evangelischen „Nichtariern“ in der Inneren Mission zu verschaffen, kontaktierte Meusel 1935 alle Diakonissen-Mutterhäuser des Kaiserswerther Verbands; im Februar 1936 führte sie eine entsprechende Umfrage bei sämtlichen diakonischen Anstalten durch.

    Meusel forderte die Innere Mission, konkret den Leiter der Von Bodelschwinghschen Anstalten, Friedrich von Bodelschwingh (1877–1946), über Dritte wiederholt dazu auf, eine zentrale kirchliche Hilfsstelle für christliche „Nichtarier“ einzurichten. Als dies ergebnislos blieb, verfasste sie auf Anregung des Spandauer Superintendenten Martin Albertz (1883–1956) im Mai 1935 die „Denkschrift über die Aufgaben der Bekennenden Kirche an den evangelischen Nichtariern“. Darin schilderte sie die Not evangelischer Menschen jüdischer Herkunft, betonte die Gleichstellung aller Getauften in der Kirche und forderte die Bekennende Kirche auf, eine Hilfsstelle einzurichten und ein öffentliches Wort an ihre „nichtarischen“ Mitglieder zu richten. Die Denkschrift sollte der Dritten Reichsbekenntnissynode in Augsburg Anfang Juni 1935 vorlegt werden, wurde dort jedoch nicht beraten. Mittelfristig fanden Meusels Forderungen Eingang in dem 1938 von Heinrich Grüber (1891–1975) in Berlin gegründeten Hilfswerk „Büro Pfarrer Grüber“.

    Meusel rief nicht zum politischen Widerstand gegen das NS-Regime auf. Gemäß Römer 13,1 der Bibel dürfe die Arbeit der Inneren Mission weder aus einer Oppositionshaltung gegen den Staat heraus geschehen, noch zu einer solchen führen. Gleichzeitig forderte Meusel aber, die Bekennende Kirche müsse den Weg des Gehorsams und des Glaubens gehen, auch wenn sie damit äußere Sicherheiten riskiere. Seit 1941 brachte Meusel Frauen, die von der Deportation in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager bedroht waren, in Heimen und Pfarrhäusern unter, besorgte für sie Lebensmittel und Ausweispapiere.

    Nach 1945 setzte Meusel ihre Arbeit in Berlin-West fort, obgleich sie von dem restaurativen Kurs der evangelischen Kirche in der Nachkriegszeit enttäuscht war. Nach ihrem Tod geriet sie in Vergessenheit, ihre öffentliche Ehrung setzte erst in den 1990er Jahren ein. Bis 1999 galt Meusel fälschlicherweise als Autorin der von Elisabeth Schmitz (1893–1977) verfassten Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ (1935/36).

    1991 Gedenktafel, Teltower Damm 4, Berlin-Zehlendorf (weiterführende Informationen)
    2006 „Gerechte unter den Völkern“, Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem
    2011 Marga-Meusel-Platz, Berlin-Zehlendorf (weiterführende Informationen)

    Nachlass:

    nicht bekannt.

    Weitere Archivmaterialien:

    Alice Salomon Archiv, Berlin, Bestand D2.08, VI–X. (Lebenslauf 1927)

    Evangelisches Zentralarchiv, Berlin, EZA 50/110, Bl. 100–109 (Denkschrift, 1935, Onlineressource), Abdr. in: Eberhard Röhm/Jörg Thierfelder, Juden, Christen, Deutsche, Bd. 1, 1990, S. 391–396.

    Evangelisches Zentralarchiv, Berlin, 50/199, Bl. 27. (Korrespondenz)

    Archiv für Diakonie und Entwicklung, Berlin, BP I 249. (Korrespondenz)

    Landeskirchliches Archiv Bielefeld, Bestand 5, 1, Nr. 696, Fasc. 2. (Korrespondenz)

    Gedruckte Quellen:

    Briefe, November 1934 u. März 1935, Abdr. in: Eberhard Röhm/Jörg Thierfelder, Juden, Christen, Deutsche, Bd. 1, 1990, S. 326 f.

    Monografien:

    Lebensverhältnisse lediger Mütter auf dem Lande, 1933.

    Vom seligen Sterben, 1948.

    Aufsätze und Artikel:

    Turnkursus im Jugendhof Hassitz, in: Soziale Berufsarbeit 9 (1929), H. 5/6, S. 48 f.

    Die Wahrung der Familiengemeinschaft von Mutter und Kind als Aufgabe der Unehelichenfürsorge, in: Die Innere Mission im Evangelischen Deutschland 6 (1930), S. 173–180.

    Die Beratungsstelle für Vormünder als Aufgabe der konfessionellen Wohlfahrtspflege, in: Evangelische Jugendfürsorge 7/9 (1931), S. 84–88.

    Der Landkindergarten, in: Die christliche Kinderpflege 40 (1932), H. 3, S. 65‒74.

    Menschen, denen wir leben. Aus der Sprechstunde eines Evangelischen Bezirkswohlfahrtsamtes, in: Die Rundschau. Mitteilungsblatt der Inneren Mission 6 (1933), Nr. 4, S. 49–51.

    Um die Arbeit der Inneren Mission, in: Neue Saat. Schulungsblätter für evangelischen Gemeindedienst 10 (1935), S. 257–260.

    Georg Müller. Ein Vater der Waisen, in: Christliche Kinderpflege 44 (1936), H. 9, S. 252–258.

    Heike Köhler, Art. „Meusel, Marga“, in: Traugott Bautz (Hg.), Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 5, 1993, Sp. 1407–1409.

    Julietta Breuer, Marga Meusel. Verweigerte Hilfe in der Bekennenden Kirche, in: Geschichte lernen 7 (1994), Nr. 40, S. 32–36.

    Hartmut Ludwig, Den Entrechteten beistehen. Marga Meusel (1897 bis 1953), in: Evangelische Kommentare 30 (1997), S. 669 f.

    Martin Greschat, „Gegen den Gott der Deutschen“. Marga Meusels Kampf für die Rettung der Juden, in: Ursula Büttner/Martin Greschat, Die verlassenen Kinder der Kirche. Der Umgang mit Christen jüdischer Herkunft im „Dritten Reich“, 1998, S. 70–85.

    Uwe Rieske, Marga Meusel (1897–1953), in: Inge Mager (Hg.), Frauenprofile des Luthertums. Lebensgeschichten im 20. Jahrhundert, 2005, S. 465–473.

    Hartmut Ludwig, Eine „Gerechte unter den Völkern“. Margarete Meusel (1897–1953), in: Junge Kirche (2007), H. 3, S. 61.

    Hartmut Ludwig, An der Seite der Entrechteten und Schwachen. Zur Geschichte des „Büro Pfarrer Grüber“ (1938 bis 1940) und der Ev. Hilfsstelle für ehemals Rasseverfolgte nach 1945, 2009, S. 18 f. u. 23.

    Hansjörg Buss, Couragierter Einsatz für die Christen jüdischer Herkunft. Marga Meusel, in: Manfred Gailus/Clemens Vollnhals (Hg.), Mit Herz und Verstand. Protestantische Frauen im Widerstand gegen die NS-Rassenpolitik, 2013, S. 129–145.

    Claudia Lepp, Marga Meusel und Elisabeth Schmitz. Zwei Frauen, zwei Denkschriften und ihr Weg in die Erinnerungskultur, in: Siegfried Hermle/Dagmar Pöpping (Hg.), Zwischen Verklärung und Verurteilung. Phasen der Rezeption des evangelischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus nach 1945, 2017, S. 285–301.

  • Autor/in

    Claudia Lepp (München)

  • Zitierweise

    Lepp, Claudia, „Meusel, Marga“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd120621819.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA