Dittmar, Louise
- Dates of Life
- 1807 – 1884
- Place of birth
- Darmstadt
- Place of death
- Bessungen (heute Darmstadt)
- Occupation
- Frauenrechtlerin ; Philosophin ; Publizistin ; Feministin
- Religious Denomination
- evangelisch-reformiert
- Authority Data
- GND: 116143754 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Alternate Names
-
- Dittmar, Johanna Friederike Louise
- Dittmar, Louise
- Dittmar, Johanna Friederike Louise
- Dittmar, Luise
- Dittmar, Johanna Friederieke Louise
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Dittmar, Johanna Friederike Louise
1807 – 1884
Frauenrechtlerin, Philosophin, Publizistin
Louise Dittmar war eine Autorin des deutschen Vormärz und der 1848er-Revolution. Sie entwickelte die religions- und gesellschaftskritischen Thesen der junghegelianischen Bewegung, v. a. Ludwig Feuerbachs (1804–1872), zu einer Analyse der vermeintlich natürlichen Geschlechterrollen weiter und leitete daraus Forderungen zur rechtlichen und gesellschaftlichen Stellung von Frauen ab. Ihre Schriften stießen zeitgenössisch auf Ablehnung und gelten heute als Klassiker früher feministischer Publizistik.
Dates of Life
Louise Dittmar, Das Wesen der Ehe (Titelblatt) == Titelblatt der Erstausgabe von Louise Dittmars Schrift „Das Wesen der Ehe. Nebst einigen Aufsätzen über die soziale Reform der Frauen“, 1849. (Onlineressource) -
Author
→Cornelia Wenzel (Berlin)
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Citation
Wenzel, Cornelia, „Dittmar, Louise“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.04.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd116143754.html#dbocontent
Dittmar entstammte einer Familie des gehobenen Bürgertums und erhielt den für Mädchen üblichen reduzierten Unterricht bis zur Konfirmation. Ihrem Verlangen nach geistiger Betätigung folgend, eignete sie sich autodidaktisch wissenschaftliche, v. a. philosophische Kenntnisse an und kam über die Beteiligung einiger ihrer Brüder an vorrevolutionären Bestrebungen des Vormärz in Kontakt mit Junghegelianern und Vertretern des Deutschkatholizismus. Dittmar griff deren Gesellschafts-, Religions- und Kirchenkritik auf, wobei sie v. a. Ludwig Feuerbach (1804–1872) rezipierte. Seit 1845 trat sie anonym mit Schriften und Gedichten an die Öffentlichkeit; ihre ersten Werke – darunter „Der Mensch und sein Gott“ (1846) und „Lessing und Feuerbach“ (1847) – erschienen u. a. im Verlag Carl Friedrich Julius Leskes (1821–1886), dem Schwager ihres Bruders Anton, spätere in der Verlagsbuchhandlung ihres Cousins Gustav André.
Die erste mit Dittmars Namen gezeichnete Publikation „Vier Zeitfragen“ (1847) ging auf einen Vortrag im Mannheimer Montag-Verein zurück, einer von Amalie Struve (1824–1862) und Gustav Struve (1805–1870) gegründeten Vereinigung der Deutschkatholiken. Darin kritisierte sie die gesellschaftlichen Machtverhältnisse, durch die weite Bevölkerungsschichten in Armut und Rechtlosigkeit gehalten würden, was Dittmar für unvereinbar mit den aus der Bergpredigt abgeleiteten christlichen Moralvorstellungen hielt. Die Ursache dieser Missstände sah sie in der Monarchie als politischer Ordnung, die Lösung in der Demokratie. In ihren folgenden Publikationen rückte Dittmar die Geschlechterfrage in das Zentrum. Sie lehnte die Vorstellung, Geschlechterverhältnisse seien naturgegeben, ab und interpretierte die Rollenzuschreibungen für Männer und Frauen als maßgebliches Merkmal für den Zustand einer Gesellschaft.
Dies führte Dittmar zu einer umfassenden Ehekritik: Sie verurteilte die Konvenienzehe als unmoralisch und die rechtliche Unselbstständigkeit der Ehefrau als ungerecht. Das von ihr auf politischer Ebene geforderte demokratische Prinzip verlangte sie auch im Verhältnis der Ehegatten, um echte Entscheidungsfreiheit, rechtliche Gleichstellung und ökonomische Unabhängigkeit von Frauen zu ermöglichen. Als Diskussionsforum für diese Thesen gab Dittmar seit Januar 1849 die Zeitschrift „Soziale Reform“ heraus, an der u. a. Johanna Fröbel (1820–1888), Claire von Glümer (1825–1906), Malwida von Meysenbug (1816–1903) und Louise Otto-Peters (1819–1895) mitarbeiteten. Im April 1849 wurde die Zeitschrift nach nur vier Ausgaben eingestellt; im selben Jahr erschienen die Beiträge in Buchform u. d. T. „Das Wesen der Ehe“.
Dittmars Forderungen zur gesellschaftlichen und rechtlichen Stellung von Frauen gingen vielen Zeitgenossen und selbst einigen ebenfalls in dieser Frage engagierten Zeitgenossinnen zu weit; v. a. ihre Ehekritik wurde in gemäßigteren Kreisen als unweiblich und unmoralisch verurteilt. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 zog sich Dittmar vollständig aus der Öffentlichkeit zurück und führte eine Zeitlang ihrem verwitweten Schwager Ludwig von Diemar den Haushalt. Nach ihrem Tod 1884 geriet ihr Werk in Vergessenheit. Erst mit dem Aufkommen der Frauenforschung in den 1980er Jahren wurden ihre Schriften u. a. durch Ruth-Ellen Boetcher-Joeres (1939–2025), Gabriele Käfer-Dittmar (1920–2005), Christina Klausmann (1957-2008), Renate Möhrmann (geb. 1934) und Daniela Weiland (geb. 1954) wiederentdeckt. Dittmar gilt heute als eine der bedeutendsten frühen Feministinnen, die mit ihren philosophischen und gesellschaftspolitischen Konzepten ihrer Zeit weit voraus war.
| 2002 | Louise-Dittmar-Straße, Darmstadt-Eberstadt |
| 2007 | Louise-Dittmar-Haus, Darmstadt-Bessungen (Alten- und Pflegeheim der Gesellschaft für diakonische Einrichtungen in Hessen und Nassau) (weiterführende Informationen) |
Nachlass:
nicht erhalten.
Gedruckte Quelle:
Bernhard Koerner (Hg.), Hessisches Geschlechterbuch, Bd. 6, 1929, S. 23–53, bes. S. 29 f. (Onlineressource)
Skizzen und Briefe aus der Gegenwart, 1845. (anonym) (Onlineressource)
Bekannte Geheimnisse, 1845. (anonym) (Onlineressource)
Der Mensch und sein Gott in und außer dem Christenthum. Von einem Weltlichen, [1846]. (anonym) (Onlineressource)
Lessing und Feuerbach, oder Auswahl aus G. E. Lessing’s theologischen Schriften nebst Originalbeiträgen und Belegstellen aus L. Feuerbach’s Wesen des Christenthums, 1847. (anonym) (Onlineressource)
Vier Zeitfragen. Beantwortet in einer Versammlung des Mannheimer Montag-Vereins, 1847. (Onlineressource)
Zur Charakterisirung der nordischen Mythologie im Verhältniß zu andern Naturreligionen. Eine Skizze, 1848. (Onlineressource)
Brutus-Michel, 1848, 21848. (Onlineressource)
Wühlerische Gedichte eines Wahrhaftigen, 1848. (Onlineressource)
Das Wesen der Ehe. Nebst einigen Aufsätzen über die soziale Reform der Frauen, 1849. (Onlineressource)
Gabriele Käfer-Dittmar (Hg.), Louise Dittmar (1807–1884). Un-erhörte Zeitzeugnisse, 1992. (ausgewählte Nachdr. mit Einführung)
Monografien:
Christine Nagel, „In der Seele das Ringen nach Freiheit“. Louise Dittmar. Emanzipation und Sittlichkeit im Vormärz und in der Revolution 1848/49, 2005.
Aufsätze und Artikel:
Renate Möhrmann, Art. „Louise Dittmar“, in: dies., Frauenemanzipation im deutschen Vormärz, Texte und Dokumente, 1980, S. 230.
Daniela Weiland, Art. „Louise Dittmar“, in: dies., Geschichte der Frauenemanzipation. Biographien – Programme – Organisationen, 1983, S. 71 f.
Christina Klausmann, Louise Dittmar (1807–1884). Ergebnisse einer biographischen Spurensuche, in: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik 28 (1989), S. 17–39. (W)
Ruth-Ellen Boetcher-Joeres, Spirit in Struggle. The Radical Vision of Louise Dittmar (1807–1884), in: ebd., S. 279–301.
Gabriele Käfer-Dittmar, Louise Dittmar 1807–1884, in: Margarete Dierks (Hg.), Sie gingen voran. Vier bedeutende Darmstädter Frauen des 19. Jahrhunderts, 1990, S. 38–81.
Germaine Götzinger, Soziale Reform der Geschlechterverhältnisse im Vormärz. Louise Dittmars Ehekritik, in: Dagmar Reese/Eve Rosenhaft/Carola Sachse/Tilla Siegel (Hg.), Rationale Beziehungen? Geschlechterverhältnisse im Rationalisierungsprozeß, 1993, S. 38–56.
Ulla Wischermann, „Das Himmelskind, die Freiheit – wir ziehen sie gross zu Haus“. Frauenpublizistik im Vormärz und in der Revolution von 1848, in: Elke Kleinau/Claudia Opitz (Hg.), Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung, Bd. 2, 1996, S. 35–50.
Christina Klausmann, Art. „Dittmar, Louise“, in: Manfred Asendorf/Rolf von Bockel (Hg.), Demokratische Wege. Deutsche Lebensläufe aus fünf Jahrhunderten, 1997, S. 137–139.
Dagmar Herzog, Art. „Dittmar, Louise“, in: Encyclopedia of 1848 Revolutions, 2000. (Onlineressource)
Manuela Köppe, Louise Dittmar (1807–1884). Die Freiheit des Geistes, in: Irina Hundt (Hg.), Vom Salon zur Barrikade. Frauen der Heinezeit, 2002, S. 281–298.
Agnes Schmidt, Art. „Dittmar, Louise“, in: Stadtlexikon Darmstadt, 2006. (Onlineressource)
Irina Hundt, Soziale Reform. Die Zeitschrift der Sozialistin und Feuerbachianerin Louise Dittmar im Kontext der Frauenpresse 1840–1852, in: Lars Lambrecht (Hg.), Entstehen des Öffentlichen. Eine andere Politik, 2007, S. 157–182.
Siegfried Carl/Christine Nagel, Art. „Louise Dittmar“, in: FemBio. Frauen-Biographieforschung, 2008. (Onlineressource)
Mechthilde Vahsen, Art. „Louise Dittmar“, in: Bundeszentrale für politische Bildung. Frauenbewegung. Portraits, 2009. (Onlineressource)
Christine Nagel, Art. „Louise Dittmar“, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, 2024. (Onlineressource)
keine Porträts überliefert.