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Albertus, Laurentius >>
Albertus Magnus (heilig)
Theologe, Philosoph und Naturforscher,
* wahrscheinlich 1193 Lauingen/Donau,
† 15.11.1280 Köln (begraben im Chor der Dominikanerkirche, jetzt in der Andreaskirche, am 16.12.1931 heilig gesprochen).
Genealogie
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Genealogie ↑
Albertus Magnus stammt aus dem ritterbürtigen Geschlechte von Bollstädt, das im Dienste der Staufer stand.
Albertus Magnus wurde schon im 13. Jahrhundert als
magnus philosophus, seit Mitte des 14. Jahrhunderts als
magnus bezeichnet. Sehr häufig wird er
Albertus Coloniensis genannt (schon bei Siger von Brabant und bei Dante: Paradiso X, 99). In einer Universitätsurkunde vom 15.5.1248 zeichnet er als
Fr. Albertus Theutonicus. In einer Urkunde von 1251 und auf seinem ersten Siegel nennt er sich
Albertus de Lauingen. In Verzeichnissen scholastischer Ehrentitel heißt er auch
Doctor expertus. Jünger ist die Bezeichnung
Doctor universalis.
Sein Geburtsjahr ist umstritten. Die Bemerkung zeitgenössischer Autoren, daß Albertus Magnus sehr jung in den Dominikanerorden eingetreten sei, veranlaßte
u. a. P. Mandonnet, J.
A. Endres, M. de Wulf, als Geburtsjahr 1206 oder 1207 anzunehmen. Mit mehr Recht kann man auf Grund von gleichfalls zeitgenössischen Mitteilungen als Geburtsjahr 1193 festsetzen. Albertus Magnus studierte an der Universität Padua die Artes und wohl auch Medizin. Im Jahre 1223 (nach H. C. Scheeben 1229) wurde er von dem Ordensgeneral Jordan von Sachsen daselbst in den Dominikanerorden aufgenommen. Nach einer anderen Tradition ist er in Köln in den Orden eingetreten. Hier begann er jedenfalls seine Tätigkeit. Nach 1233 lehrte er zu Hildesheim, Freiburg, Regensburg, Straßburg und abermals in Köln. 1245 las er an der Universität Paris über die Sentenzen des Petrus Lombardus und erwarb sich den theologischen Doktorgrad. 1248 richtete er in Köln ein Studium generale seines Ordens ein. Thomas von Aquin war 1248-52 in Köln Schüler des Albertus Magnus, der auch dessen Berufung an die Universität Paris 1252 durchgesetzt hat. 1254-57 stand Albertus Magnus als Provinzial an der Spitze der ausgedehnten deutschen Ordensprovinz und lernte bei seinen Visitationsreisen zu Fuß den deutschen Boden kennen. Am Hofe Alexanders IV. in Anagni verteidigte er am 6.10.1256 die Mendikantenorden gegen die Angriffe Wilhelms von Saint Amour, disputierte gegen den averroistischen Monopsychismus und legte das Johannes-Evangelium aus. 1258-60 lehrte er wieder in Köln. Auf dem Generalkapitel des Dominikanerordens zu Valenciennes (1259) verfaßte Albertus Magnus gemeinsam mit Thomas von Aquin und Petrus von Tarantaise eine neue Studienordnung, welche der Philosophie einen breiteren Raum gewährte. Aus seiner geliebten wissenschaftlichen Tätigkeit wurde er abermals herausgerissen, als ihn Alexander IV. - gegen seinen und des Ordensgenerals Humbert von Romans Willen - am 5.1.1260 zum Bischof von Regensburg ernannte. Am 30.3.1260 inthronisiert, arbeitete Albertus Magnus an der Ordnung der Finanzen und an der Reform von Klerus und Volk. In dieser Zeit scheint er auch zu dem Franziskanerprediger Berthold von Regensburg in Beziehung getreten zu sein. Albertus Magnus fühlte sich in der Stellung als Reichsfürst nicht wohl und trat deshalb, nachdem er in dem Domdechanten Leo von Tundorf einen tüchtigen Nachfolger gefunden hatte, Anfang 1262 zurück und ging wieder ins Kölner Dominikanerkloster. In die Jahre 1261-63 fällt auch ein längerer Aufenthalt des Albertus Magnus am Hofe Urbans IV. in Orvieto, wo er wieder mit
|Thomas von Aquin und wohl auch mit Wilhelm von Moerbeke zusammentraf. (Die Stelle in dem von H. Grauert edierten Kuriengedicht Heinrichs des Poeten von dem Genie am päpstlichen Hofe, das die ganze Philosophie aus seinem eigenen Kopfe wiederherstellen könnte, wenn auch alle alten Bücher verbrannt wären, wird man eher auf Albertus Magnus als auf Thomas beziehen können.) 1263/64 predigte Albertus Magnus im Auftrage Urbans IV. als Delegat in Deutschland und Böhmen das Kreuz. Nach Abschluß seiner Kreuzzugsmission dozierte er in den Dominikanerklöstern zu Würzburg (bis Sommer 1267) und Straßburg (1267–69). Danach war wieder Köln sein ständiger Wohnsitz. Seine Lehrtätigkeit und wissenschaftliche Arbeit wurde immer wieder durch beschwerliche Reisen im Dienste der Kirche und durch Vornahme bischöflicher Funktionen unterbrochen. Von seinem hohen Ansehen, seiner Klugheit und Rechtskenntnis zeugt seine ausgedehnte und erfolgreiche schiedsrichterliche Tätigkeit. 1252 und 1258 beendigte sein Schiedsspruch Fehden zwischen dem Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden und der Stadt Köln, 1271 zwischen Erzbischof Engelbert II. und der Bürgerschaft von Köln; 1252 legte er Streitigkeiten zwischen den Städten Köln und Utrecht bei; 1263 brachte er in Donauwörth einen Vergleich zwischen Bischof Hartmann von Augsburg und dem Grafen Ludwig von Öttingen zustande. 1274 wurde er von Gregor X. mit der Prüfung der Rechtsgültigkeit der Abtwahl in Fulda betraut. Auf Bitten Bertholds von Regensburg arbeitete er ein Gutachten über Zoll- und Handelsfragen aus. Das Jahr 1274 sieht Albertus Magnus auf dem zweiten Konzil von Lyon, wo er sich bei Gregor X. für die Bestätigung der Königswahl Rudolfs von Habsburg, mit dem er befreundet war, eingesetzt hat. Als am 7.3.1277 der Pariser Bischof Stephan Tempier in seine Verurteilung des lateinischen Averroismus auch Lehrsätze des heiligen Thomas von Aquin einbezogen hatte, ging der hochbetagte Albertus Magnus nach Paris, um die Lehre seines verstorbenen Schülers zu verteidigen.
Albertus' Magnus philosophisches und naturwissenschaftliches Hauptwerk ist seine Aristoteles-Enzyklopädie. In deren Digressionen hat er historische und kritische Ausführungen, vor allem wertvolle Mitteilungen über eigene Beobachtungen naturwissenschaftlicher Art eingearbeitet. Auch hat er in dieses Corpus der Aristoteles-Erklärungen von ihm selbst verfaßte Schriften zur Ausfüllung von Lücken eingefügt. Die Chronologie seiner Schriften ist im einzelnen schwer festzustellen; die Abfassungszeit seiner Aristoteles-Enzyklopädie liegt zwischen 1250 und 1275.
In der Logik hat Albertus Magnus folgende Schriften ausgelegt: Die Eỉσαγωγή des Porphyrios (De quinque universalibus); die Kategorien, Περὶ ἑρμηνείας, die beiden Analytiken, die Topik und De sophisticis elenchis des Aristoteles; die Schrift des Boethius: De divisione und den Liber sex principiorum des Gilbert de la Porrée (?). Nach F. Pelster waren diese logischen Werke schon 1258 vollendet (Opera omnia,
ed. B. Geyer, 1951 ff.,
Bd. I-III,
s. W, im folgenden zitiert „op.“). Auf naturwissenschaftlichem und -philosophischem Gebiet umfassen Albertus' Magnus Aristoteles-Kommentare: die Physik (op. IV), De generatione et corruptione, De caelo et mundo (op.V), die Meteorologica (op.VI) und De animalibus. Außer dem letzteren großen Werk über die Zoologie (op. IX-XI) hat Albertus Magnus noch die bisher ungedruckten Quaestiones de animalibus gechrieben (op. XII) und über die Botanik die Schrift De vegetabilibus (op. VIII). Zur Ergänzung von De caelo et mundo dienen Albertus' Magnus Schriften: De natura locorum (Autograph in der Wiener Nationalbibliothek) und De causis proprietatum elementorum et plantarum. Zur Ergänzung der Meteorologica schrieh er das von seinen Zeitgenossen hochgeschätzte Werk De mineralibus (op.VI). Die Abhandlung De principiis motus processivi (op. XII) ist eine Ergänzung zu Aristoteles' Bewegungslehre. In der Psychologie hat Albertus' Magnus von Aristoteles De anima und die Parva naturalia (De morte et vita, De somno et vigilia, De sensu et sensato, De memoria et reminiscentia, De spiritu et respiratione) kommentiert und zur Vervollständigung die Traktate verfaßt: De nutrimento, Do intellectu et intelligibili, De aetate (op. VII) und De natura et origine animae (op. XII). Auf ethischem Gebiete hinterließ Albertus Magnus zwei Kommentare zur Nikomachischen Ethik (op. XIII, XIV) und eine Auslegung der Politik (op. XV) des Aristoteles. Die noch unedierten (op. XIV) Quaestiones super Ethica (1248–52) sind inhaltlich sehr bedeutend und stellen den ersten scholastischen Kommentar zur ganzen von Robert Grosseteste kurz zuvor übersetzten Nikomachischen Ethik dar. Albertus' Magnus Erklärung der aristotelischen Metaphysik (op. XVI) und seine Monographie De unitate intellectus contra Averroistas (op. XVII) - früher als Niederschlag der am Hofe Alexanders IV. in Anagni 1256 gehaltenen Disputationen betrachtet-werden jetzt in die Jahre 1270 bis 1275 verlegt. Der Metaphysik gehört auch die Schrift De causis et processu universitatis an (op. XVII). Die philosophische Monographie De quindecim problematibus - ein um Ostern 1270 verfaßtes Gutachten über irrige Sätze des Averroismus - wurde von P. Mandonnet 1908 ediert. Die Traktate De
|sensu communi und De quinque potentiis animae sind unecht.
Unsere Kenntnis von Albertus Magnus theologischem Schrifttum ist in der letzten Zeit durch Auffindung umfassender ungedruckter Werke wesentlich erweitert worden. Aus der Frühzeit seines literarischen Schaffens (
ca. 1245–1250) stammt die auch philosophisch bedeutsame Summa de creaturis. Zu dieser gehören auch drei Werke: De bono sive de virtutibus (op. XXVIII) - eine systematische Ethik, welche die ganze Tugendlehre aus der Idee des bonum ableitet - (vielleicht schon vor 1245 verfaßt), De sacramentis und De resurrectione (op. XXVI); weiter eine Inkarnationslehre (op. XXVI) und das Werk De homine (op. XXVII). In dieselbe Zeit fällt eine kleinere Abhandlung De natura boni (op. XXV).
Aus Albertus' Magnus Pariser Lehrtätigkeit 1245-48 stammt ein Kommentar zu den Sentenzen des Petrus Lombardus (op. XXIX-XXXIII). Nach 1270 nahm Albertus' Magnus noch eine Summa Theologiae in Angriff, von der nur die beiden ersten Teile (II. nach 1274) zustandegekommen sind (op. XXXIV/XXXV). Ganz Hervorragendes hat Albertus Magnus auf exegetischem Gebiete geschaffen. Seine Schrifterklärung erstrebt gegenüber der allegorisierenden Methode theologischer Zeitgenossen die Feststellung des Literalsinnes, vor allem auch durch Heranziehung der Parallelstellen, und die Herausschälung des theologischen Lehrgehaltes. Auf Grund der Untersuchungen von J. Vosté können folgende Schriftkommentare als echt bezeichnet werden: Zum Buche Hiob (
ed. M. Weiß, 1904), zu den Sprüchen Salomons (De muliere forti; op. XVIII), zu Isaias (op. XIX), zu Jeremias, zu Ezechiel, zu Daniel, zu den kleinen Propheten (op. XX) und zu den vier Evangelien (op. XXI-XXIV; Autograph Super Matthaeum in Köln). Verlorengegangen ist Albertus' Magnus Kommentar zu den Paulusbriefen. Sein Werk De sacrificio missae ist wohl die sachlichste und gehaltvollste mittelalterliche Auslegung der Meßopferliturgie. Große mystische Innigkeit und Wärme weht uns aus seiner Schrift De eucharistia entgegen (De corpore domini; op. XXXVIII). Das Mariale sive quaestiones super Evangelium „Missus est“ ist eine in glühenden Farben entworfene Schilderung der geistigen und körperlichen Vorzüge Mariens.
Allein unter allen Scholastikern des 13. Jahrhunderts hat Albertus Magnus das ganze Schrifttum des Pseudo-Areopagiten kommentiert (op. XXXVI bis XXXVII). Ungedruckt hiervon ist seine Auslegung Super Dionysium „De divinis nominibus“ (op. XXXVII), das bedeutendste Werk neuplatonischer Richtung der Hochscholastik. Albertus Magnus hat auch Predigtskizzen hinterlassen (op. XXXIX). Die Schrift De adhaerendo Deo, die man früher als die Kreuzblume der Mystik Albertus' Magnus ansah, ist von M. Grabmann als ein Werk des bayerischen Benediktiners Johannes von Kastl (
ca. 1400) erwiesen worden. - Wie sich um Albertus Magnus frühzeitig die Legende und Sage rankte, so wurden ihm auch eine Menge sicher unechter Schriften zugeschrieben (
z. B. De alchimia, De secretis mulierum, De mirabilibus mundi).
Wenn wir die wissenschaftliche Persönlichkeit Albertus' Magnus und sein gewaltiges Lebenswerk würdigen wollen, so besagt uns der Ehrentitel
Doctor universalis seine umfassende Quellenkenntnis, welche die ganze damals bekannte griechische und arabische Philosophie und Naturwissenschaft, neuplatonische Quellen (die Pseudo-Areopagitica, den Liber de causis), die heilige Schrift, die Patristik (besonders Augustinus), die Frühscholastik und die Scholastiker seiner Zeit umspannt. An Umfang des Wissens überragt er Thomas von Aquin, steht aber hinter seinem Schüler an Klarheit und Gefälligkeit der Darstellung und besonders an systembildender Gestaltungskraft zurück. Albertus Magnus ist jedoch keinesfalls nur Sammler und Exzerptor fremden Wissensstoffes, nicht nur ein großer Gelehrter und Enzyklopädist gewesen (wie
z. B. Pierre Duhem meint), sondern ein selbständiger Denker von großer Initiative. Der unwiderlegliche Beweis hierfür ist seine aus der Zeitlage heraus gesehen wirklich kühne Tat: die Begründung des christlichen Aristotelismus im Mittelalter, die er - wie es scheint -auch unter dem Widerspruch von Ordensgenossen durchgeführt hat. Zwischen zwei extremen Richtungen: einerseits der gänzlich ablehnenden Haltung hyperkonservativer Theologen und andererseits dem heterodoxen oder radikalen Aristotelismus von Professoren der Artisten-Fakultät, die auch glaubenswidrige Theorien des Aristoteles und der arabischen Philosophie übernahmen, hat Albertus Magnus eine Aufnahme und Assimilation der aristotelischen Philosophie nach den eigentümlichen Forderungen des lateinischen und christlichen Gedankens vorgenommen und eine Bereicherung der christlichen Gedankenwelt durch die gewaltigen Wissensmassen der aristotelischen und arabischen Philosophie erzielt. Hand in Hand mit der Schöpfung des christlichen Aristotelismus ging die Verselbständigung der Philosophie und der profanen Wissenschaften. Während die bisherige Scholastik (wie
z. B. noch Bonaventura in seiner Schrift: De reductione artium ad theologiam) deren Wert fast ausschließlich in den Dienstleistungen für die Theologie sah, hat Albertus Magnus zwar auch die Verwertbarkeit der Philosophie für die spekulative Theologie betont, aber doch
|die Eigengesetzlichkeit der Philosophie entschieden hervorgehoben. Philosophie und Naturwissenschaft haben für Albertus Magnus in ihrem Bereich selbständige Arbeitsgebiete und Arbeitsmethoden: „Wir haben in der Naturwissenschaft nicht zu erforschen, wie Gott nach seinem freien Willen durch unmittelbares Eingreifen die Geschöpfe zu Wundern gebraucht, durch die er seine Allmacht zeigt; wir haben vielmehr zu untersuchen, was im Bereiche der Natur durch die den Naturdingen innewohnende Kausalität auf natürliche Weise geschehen kann.“ (De caelo et mundo,
l. I, tr. 4). „Ich habe mit Wundern nichts zu tun, wenn ich Naturwissenschaften treibe.“ (De generatione et corruptione,
l. I, tr. 1, c. 22). Bei aller Hochschätzung für Aristoteles, den er als
princeps peripateticorum, als archidoctor philosophiae usw. feiert, wahrt Albertus Magnus doch seine Selbständigkeit: In seinem Physikkommentar bekämpft er die aristotelische Lehre von der Ewigkeit der Welt. In seine theologische Summa hat er einen eigenen Abschnitt „De erroribus Aristotelis“ aufgenommen (Summa
Theol. II, tr. 1, qu. 4, m. 2, a. 5). Er schreibt
u. a.: „Wer sich einbildet, Aristoteles sei Gott, ist verpflichtet zu glauben, daß derselbe sich nicht geirrt habe. Wer aber Aristoteles für einen Menschen hält, muß zugeben, daß jener ohne Zweifel irren konnte, wie wir irren können.“ (Physica,
l. VIII, tr. 1. c. 14). - Albertus Magnus hat auch die platonische Philosophie hoch gewertet: „Der Mensch kann in der Philosophie nur zur Vollendung gelangen durch die Kenntnis zweier Denker: nämlich Aristoteles' und Platons.“ (Metaph.,
l. I, tr. 5, c. 15). Freilich ist es weniger der genuine Platonismus (Albertus Magnus benützte nur den Timäus in der Übersetzung des Chalcidius) als vielmehr der christliche Neuplatonismus, besonders des Pseudo-Areopagiten, der neben dem Aristotelismus und Augustinismus bei Albertus Magnus - und mehr noch bei seinem Schüler Ulrich von Straßburg - als starke philosophische Strömung hervortritt. Jedoch räumt Albertus Magnus dem Stagiriten den Vorrang vor Platon ein; und zwar wegen der streng wissenschaftlichen Form und Systematik des aristotelischen Philosophierens, und weil Aristoteles aus der empirischen Beobachtung und Durchdringung der Naturdinge, und nicht wie Platon aus der Betrachtung und Schau der Ideen, die Prinzipien der realen Welt abgeleitet hat (II Sent., dist. 1 A). Der Neuplatonismus Albertus' Magnus wurde auch gespeist durch die arabischen Philosophen, besonders Alfarabi und Avicenna. Auch die jüdischen Philosophen Avencebrol und Moses Maimonides verwertete er.
Ganz Großes hat Albertus Magnus auf dem Gebiete der Naturwissenschaft geleistet. Sehr entschieden betont er die Notwendigkeit der Beobachtung, des Experimentes für eine sichere Erkenntnis: „Viele Zeit ist erforderlich, um festzustellen, daß bei einer Beobachtung alle Täuschung ausgeschlossen ist. Es genügt nicht, die Beobachtung nur auf bestimmte Weise anzustellen. Man muß sie vielmehr unter den verschiedensten Umständen wiederholen, damit die wahre Ursache der Erscheinung mit Sicherheit ermittelt werden kann.“ (Ethica, I. VI, tr. 3, c. 25) - „Es ist Aufgabe der Naturwissenschaft, nicht bloß Tatsachen zu berichten und einfach hinzunehmen, sondern vielmehr im Naturgeschehen die Ursachen zu ergründen.“ (De mineral.,
l. II, tr. 2, c. 1).
Eine Fülle von Berichten über persönliche Erlebnisse und Beobachtungen in der Zoologie, Botanik, Mineralogie
usw. gibt den Werken Albertus' Magnus eine gemütvolle Note. Es weht uns deutsches Gemüt an, wenn er mit solcher Hingebung die Fauna und Flora, die er auf seinen Reisen wie kein anderer im Mittelalter kennen und lieben gelernt hat, beschreibt. „So ist Albertus Magnus ein echter Biologe im heutigen Sinne des Wortes … Wenn wir die deutschen Naturbeobachter nennen …, dann kann auch der stille Dominikanermönch einen Platz unter ihnen beanspruchen, der als erster die gesamte Tierwelt mit seinen Augen aufnahm: Albertus der Große.“ (H. Balss, Albertus Magnus als Zoologe, München 1928, S. 141). - Albertus' Magnus Botanik ist von E. Meyer und C. Jessen als die bedeutendste Leistung von Aristoteles-Theophrast bis auf Gesner-Cesalpino bezeichnet worden. Das 6. Buch von De vegetabilibus ist die erste beschreibende Flora von Europa. Albertus' Magnus Leistung auf dem Gebiete der Geographie ist von
A. von Humboldt mit Worten hoher Anerkennung bedacht worden. Seine Schrift De natura locorum ist der erste Versuch einer vergleichenden Erdkunde. Pierre Duhem rühmt der Geologie Albertus' Magnus eine Menge selbständiger, sehr scharfer und richtiger Beobachtungen nach. Auch auf den Gebieten der Chemie, der Meteorologie und Klimatologie hat Albertus Magnus bei Fachleuten Anerkennung gefunden.
Albertus Magnus ist der universellste Denker, der größte deutsche Gelehrte des Mittelalters. Ulrich von Straßburg feiert ihn als
vir in omni scientia adeo divinus, ut nostri temporis Stupor et miraculum vocari possit (
Cod. Vat.
lat. 1311,
fol. 120). Albertus Magnus ist der Begründer des Neuplatonismus in der deutschen Dominikaner-Scholastik. Sehr groß ist sein Einfluß auf Dionysius Ryckel den Kartäuser. Albertus Magnus hat die deutsche Mystik seines Ordens, besonders Johannes Tauler, beeinflußt. Sein Werk De eucharistia ist in dem „puch von den VI namen des fronleichnam“ des Mönches von Heilsbronn gutenteils ins Deutsche übertragen und in der
|niederländischen Mystik des 15. Jahrhunderts (Devotio moderne), besonders von Johannes Mauburnus, weitgehend verwertet worden. Werke Albertus' des Großen wurden im 14. Jahrhundert ins Armenische übersetzt. Sein Gedankengut begegnet uns bei Guido Cavalcanti, bei Dante und später bei Giovanni Pico della Mirandola. Der spanische Dominikanerkardinal Juan de Torquemada hat in seinem Kommentar zum Decretum Gratiani Albertus' Magnus ungedrucktes Werk De bono sive de virtutibus ausgiebig benützt. Besonders groß ist Albertus' Magnus Einwirkung auf die mittelalterliche Aristoteles-Erklärung (Johannes Suevus, Thomas von Erfurt; Siger von Brabant, Heinrich von Brüssel, Aegidius von Orleans, Wilhelm von Albi und besonders Johannes von Janduno).
Auch in Sage und Legende lebte Albertus Magnus durch die Jahrhunderte fort (so soll er
z. B. den Bauplan des Kölner Domes entworfen haben), vor allem in der Volksfrömmigkeit (
z. B. die Alberttafeln) und auch als Zauberer.
Vorstehender Artikel ist eine gekürzte Fassung des vom Verfasser für die „Neue Deutsche Biographie“ bestimmten Manuskriptes; dieses ist inzwischen mit W und L vollständig abgedruckt unter dem Titel Albertus Magnus, Theologe, Philosoph und Naturforscher, in: Philosoph.
Jb.,
Bd. 62, 1951, S. 473-80.
Werke ↑
Gesamtausgaben: v. P. Jammy, 21
Bde., Lyon 1651 ff.;.
v. A. Borgnet, 38
Bde., Paris 1890–99;
krit. Gesamtausg. (auch der Inedita) vorbereitet vom A. M.-Institut in Köln: S. Doctoris Ecclesiae
A. M. OFP Episcopi Opera Omnia … Bernhardo Geyer Praeside, 40
Bde., 1951 ff.
(im Text zitiert „op.“; erschienen Bd. 28: De bono, Bd. 19: Super Isaiam, u.
Bd. 12: Quaestiones de animalibus); Kommentar
z. Boethius De divisione,
hrsg. v. P. Loë, 1913; De vegetabilibus libri VII,
hrsg. v. E. Meyer u. C. Jessen, 1867; De principiis motus processivi.
hrsg. v. H. Stadler, 1909; De animalibus libri XXVI,
hrsg. v. H. Stadler. 2
Bde., 1916–1920; De quidditate et ente,
hrsg. v. M. Grabmann, in: Divus Thomas, 1942, S. 116-56; M. Weiss, Primordia novae bibliographiae B.
A. M., Paris 1898; M. Meerssemann, Introductio in opera omnia B.
A. M., Brügge 1931;
A. Ruppel, Das Mariale
A. M., ein Kölner Erstdruck, in:
Jb. d. Bistums Mainz, 1950, S. 343-49
(P).
Literatur ↑
ADB I;
Rodolfus de Novimagio, Legenda B.
A. M., Köln 1490,
Neuausg. 1928;
Petrus de Prussia, Vita B.
A. M., Antwerpen 1621;
F. Pelster, Krit.
Stud. z. Leben u.
z. d.
Schrr. A.s
d. Gr., 1927;
H. Wilms,
A. d. Gr., 1930
(P);
H. C. Scheeben,
A. M., 1932;
A. Pucetti,
A. M., Rom 1932;
B. Geyer, Der alte
Kat. d. Werke d.
hl. A. M., in: Miscellanea
v. Giovanni Mercati II, Vatikanstadt 1946, S. 398-413;
H. Balss,
A. M. als Biologe, = Große Naturforscher I, 1947
(P);
Rh. Liertz,
A. d. Gr., 1948;
L. H. M. Klingenberg, Zur Interpretation d. Großen Schied
v. 1258, in:
Jb. d. Köln.
Gesch.-
Ver. 25, 1950, S. 91-127;
Studia Albertina,
Festschr. f. B. Geyer,
hrsg. v. H. Ostlender,
Suppl.-
Bd. 4 d.
Btrr. z. Gesch. d.
Philos. u.
Theol. d.
MA, 1952;
s. a. M. H. Laurent-M. J. Congar,
A. M.-
Bibliogr., in: Revue Thomiste, 1931, S. 422-68;
A. Pelzer, Vollst.
A. M.-
Bibliogr., in:
A.-
Festschr. d. Angelicum, Rom 1945.
Portraits ↑
Bildnis al fresco
v. Tommaso da Modena, 1352 (Kapitelsaal d. Kirche San Nicolô in Treviso);
Miniaturen,
u. a. kolorierte Federzeichnung
v. 1388 (
Staatsbibl. München,
Cod. lat. 27 029);
Gem. in d. Pfarrkirche zu Bollstädt (Schwaben);
Gem. v. Justus van Gent,
ca. 1470 (Palazzo Barberini in Rom).
Autor ↑
Martin Grabmann Empfohlene Zitierweise ↑
Grabmann, Martin, „Albertus Magnus“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
144-148
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118637649.html
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Albert I. >>
Albert von Bollstädt
Leben
| Autor
| Literatur
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Leben ↑
Albert von
Bollstädt
(Albertus Magnus), Bischof von
Regensburg, geb. 1193
als der Sohn ritterlicher und begüterter Eltern zu Lauingen in
Schwaben, † 15. Nov. 1280 zu
Köln. Ueber seine Jugend wird
nichts gemeldet, was uns nicht naheliegende Vermuthungen ohnehin
müßten annehmen lassen. Nachdem er den ersten Unterricht in der
Heimath erhalten hatte, finden wir ihn in Begleitung eines Oheims
zur Fortsetzung seiner Studien in Padua. Wir wissen nicht, was ihn
zur Wahl dieses Ortes bewog, noch wann er sich dahin begab,
ebensowenig besitzen wir bestimmte Angaben über den Gang, die
Mittel und den Umfang seiner damaligen wissenschaftlichen
Beschäftigung, und dieser Mangel läßt sich auch nicht durch das
ersetzen, was aus anderweitigen Nachrichten über den Zustand jener
Universität im 13. Jahrhundert bekannt ist, da diese gerade in
Betreff der Zeit, in welche Alberts Studienjahre fallen, gänzlich
fehlen. Nur das wird anzunehmen sein, daß der Aufenthalt in Padua
sich auf eine Reihe von Jahren erstreckte, und daß er ihm
Gelegenheit bot, den Grund zu der umfassenden Gelehrsamkeit zu
legen, in deren Besitz wir ihn später finden. Möglich, was die
Biographen erzählen, daß ihn neben dem wissenschaftlichen
Interesse von früh auf ein Hang zu frommen Uebungen beseelte, der
ihn auch zum Verkehr mit Klosterleuten hinzog, sicher, daß er um
das Jahr 1222 oder 1223 in den kürzlich gegründeten
Dominicanerorden eintrat. Uebereinstimmend wird berichtet, daß bei
diesem Schritte eine Predigt des Jordanus, des zweiten Generals
der Predigermönche, den Ausschlag gegeben habe. Daß nun zu den
bisherigen Studien das der Theologie hinzukommen mußte, ist
einleuchtend, doch schweigen die alten Berichterstatter auch
darüber; ihnen liegt überall nur an dem großen Meister, dem
berühmten Ordensgenossen, für seine eigenen Lehrjahre und seine
allmähliche Entwicklung haben sie kein Interesse. Auch über die
nächsten Jahre erfahren wir nur im allgemeinen, daß er nicht
allzulange nach seiner Aufnahme in den Orden nach Deutschland
geschickt wurde, um in den Städten, in denen die Jünger des h.
Dominicus Aufnahme gefunden hatten, an ihren Klosterschulen als
Lehrer thätig zu sein, so zunächst in Köln, dann in Hildesheim, wo
sie seit 1233 ein Haus besaßen, in Freiburg, Regensburg,
Straßburg. Ein auch in Betreff der Zeit sicher zu stellendes
Ereigniß ist erst wieder die Reise nach Paris, wohin er sich 1245
wahrscheinlich im Auftrage eines Generalcapitels begab. Daß er
zuvor mindestens ein Jahr lang in Köln war, wissen wir aus dem
Leben seines großen Schülers Thomas von Aquin, der ebendamals
|dort zu seinen Füßen saß und ihn demnächst nach Paris
begleitete. Es erhellt hieraus zugleich, welch weitreichender Ruhm
bereits seinen Namen umgab. In Paris schwebte seit einer Reihe von
Jahren der heftige Streit des Ordens mit der Universität um das
Recht, öffentliche Lehrstühle zu errichten. Diese mit Männern wie
A.
zu besetzen, lag in des ersteren wohlverstandenem
Interesse, und in der That feierte seine Lehrthätigkeit jetzt ihre
größten Triumphe. Spätere Geschichtschreiber erzählen, kein
Gebäude sei im Stande gewesen, Alberts Zuhörer zu fassen, sodaß er
seine Vorträge auf offenem Platze hätte abhalten müssen, aber auch
die älteren berichten von lernbegierigen Schülern, die von allen
Seiten herbeiströmten, von Fürsten und Prälaten, Vornehmen und
Geringen, Ordensleuten und Weltlichen, die sich zu seiner
Erklärung der Sentenzen des Petrus Lombardus herandrängten. Daß er
damals zugleich die Würde eines Magisters der Theologie erwarb,
beweist seine Unterschrift unter einem Decrete vom 15. Mai 1248,
welches die Verbrennung der talmudischen Bücher befiehlt. Bereits
im Herbste desselben Jahres kehrte er indessen nach Köln zurück,
um der hohen Schule vorzustehen, welche der Orden dort wie in
Bologna, Oxford und Montpellier errichtet hatte, und welche der
Anfang der nachmaligen Kölner Universität wurde. Hier besuchte ihn
der zum deutschen Könige erwählte Wilhelm von Holland, als er 1249
den Dreikönigstag in Köln festlich beging. Bekannt ist die
Erzählung von der wundersamen Bewirthung, welche
A.
dem hohen Gaste bereitete, als seine Kunst den
winterlichen Klostergarten mit duftenden Blumen und blühenden
Bäumen erfüllte, in deren Zweigen Singvögel sich wiegten. Sie
erscheint zuerst bei einem wenig glaubwürdigen Chronisten des 14.
Jahrhunderts. Lehrend und mit der Abfassung seiner Schriften
beschäftigt, aber auch dem Volke predigend und durch Uebungen der
Frömmigkeit seinen Mitbrüdern voranleuchtend, blieb er, wie es
scheint, in Köln bis 1254. In diesem Jahre erwählte ihn ein zu
Worms abgehaltenes Capitel zum Provincial für Deutschland. Mehr
noch als bisher mußten ihm jetzt die Angelegenheiten des Ordens am
Herzen liegen, Visitationen, Neugründungen und Verhandlungen auf
den bald da, bald dort abzuhaltenden Capiteln seine Zeit in
Anspruch nehmen. Wir hören von Decreten, die er erließ, um den
Geist der Armuth mit aller Strenge unter den Brüdern aufrecht zu
erhalten, wie er selbst stets zu Fuße die einzelnen
Niederlassungen seiner Provinz besuchte, wie er unterwegs in den
Klöstern, in denen er einkehrte, Abhandlungen schrieb und sie dann
zum Entgelt für die gefundene Herberge zurückließ. Ungewiß ist, ob
er damals auch nach Polen kam, wohin ihn der Papst zur Beseitigung
heidnischer Gebräuche geschickt hätte. Die Nachricht stützt sich
auf den Commentar zur aristotelischen Politik, der sich unter
Alberts Werken findet, aber nicht mit völliger Sicherheit ihm
zugeschrieben werden kann. Dagegen berief ihn Alexander IV. wahrscheinlich im Frühjahre 1256 an seinen
Hof nach Anagni, um in dem Streite, der heftiger als je zwischen
der Universität von Paris und den Bettelmönchen entbrannt war, die
Sache der letzteren gegen die Angriffe Wilhelms von St. Amour zu
führen. Der Papst entschied gegen die Universität, und die
Berichterstatter schreiben den Sieg der Ordenspartei fast
ausschließlich der Kraft und Gewandtheit zu, mit welcher
A.
ihre Vertheidigung wahrnahm. Noch andere Vorträge
hielt er während seines Aufenthaltes an der Curie; er erklärte das
Johannesevangelium und die canonischen Briefe und bekämpfte die
pantheistische Doctrin des arabischen Philosophen Averroes, welche
auch im christlichen Abendlande Anhänger gefunden hatte. Im
Zusammenhange damit wird berichtet, er sei zum Magister palatii ernannt worden. Mag diese
Nachricht nun in den Thatfachen begründet, mag sie eine bloße
Vermuthung sein, zu welcher die erwähnten Lehrvorträge vor dem
Papste die Veranlassung gaben, jedenfalls übernahm er
|das Amt nicht, um es dauernd zu führen, war er doch auch
noch Vorsteher der deutschen Ordensprovinz. Wenn es heißt, daß er
die Weiterführung des Streites mit der Universität der jüngeren
Kraft seines Schülers Thomas überließ, so wissen wir, daß dieser,
nach Paris zurückgekehrt, bereits im October 1257 seine
öffentlichen Vorlesungen unbehelligt von den Universitätslehrern
beginnen konnte. Von Alberts eigener Rückkunft nach Köln erfahren
wir zuerst aus einer Urkunde vom März 1258. Nachdem er sich noch
1259 zu Valenciennes an der Ausarbeitung eines Studienplanes für
den Orden bei Gelegenheit des dort abgehaltenen Generalcapitels
betheiligt hatte, wurde er von diesem seines Amtes als Provincial
enthoben. Bereits im folgenden Jahre berief der ausdrückliche
Befehl des Papstes den lange Widerstrebenden als Bischof nach
Regensburg. Als es ihm aber nach zwei Jahren gelungen war, die
Lage des gänzlich verwahrlosten Bisthums zu heben, eingerissene
Mißstände zu beseitigen und Ordnung an Stelle der früheren
Unordnung zu setzen, gab Urban IV. seinen
drängenden Bitten nach und nahm ihm die Bürde wieder von den
Schultern.
Die Biographen lassen ihn nach Köln zurückkehren, doch geschah
dies nicht zu bleibendem Aufenthalte, denn bis zum Jahre 1267
zeigen ihn zahlreiche Urkunden in verschiedenen bairischen und
fränkischen Städten, so namentlich in Würzburg. Als er nach
längerer Abwesenheit in Köln einzog, wurde er mit großen Ehren
empfangen. Er bewohnte nun wieder seine alte Zelle und begann die
frühere Lebensweise, zu lehren, zu predigen und seine
Gelehrsamkeit in Schriften niederzulegen. Daneben berief ihn das
Vertrauen der Bürgerschaft jetzt wie schon in früheren Fällen zum
Schiedsrichter und Vermittler in den Zwistigkeiten mit dem
Erzbischofe. Aehnlich war er zuvor in Würzburg mehrfach als
Friedensstifter aufgetreten. Theologische Gegenstände, und
namentlich solche, welche frommer Erhebung Gelegenheit boten,
beschäftigten vorzüglich die schriftstellerische Thätigkeit des
nun schon hochbetagten Mannes. Wiederholt aber wurde er davon
durch den ehrenvollen Auftrag abberufen, Kirchen und Altäre
festlich einzuweihen. Wanderungen, in solcher Absicht unternommen,
führten ihn nach Konstanz und Basel, Straßburg und Kolmar,
Antwerpen, Utrecht und Maestricht, namentlich aber war es die
Kölner Diöcese, in der er förmlich das Amt eines Weihbischofs
wahrnahm. Auch fällt in jene Zeit der Chorbau der
Dominicanerkirche zu Köln, den
A.
, welchen der Papst bei seiner Erhebung zum Bischof vom
Gelübde der Armuth entbunden hatte, aus eigenen Mitteln aufführte.
Spätere lassen ihn auch den Plan entwerfen und den Bau leiten,
doch entbehrt diese Nachricht, wie verschiedene andere, welche dem
vielseitigen Gelehrten zugleich den Ruhm eines großen
Bauverständigen sichern möchten, der Begründung und der
Wahrscheinlichkeit. Ob er der Kirchenversammlung von Lyon 1274
beigewohnt habe, wie die Biographen ohne genügendes Zeugniß und
ohne Unterstützung durch die Geschichtschreiber des Concils wissen
wollen, ist äußerst fraglich, dagegen scheint der ehrwürdige Greis
einige Jahre später eine Reise nach Paris angetreten zu haben, um
in rührendem Eifer und mit durchschlagendem Erfolg vor einer
Versammlung von Universitätslehrern die angegriffene
Rechtgläubigkeit seines verstorbenen Lieblingsschülers Thomas zu
vertheidigen. Etwa zwei Jahre vor seinem Tode, die Angaben
schwanken, nöthigte ihn der Verlust des Gedächtnisses seine
Lehrthätigkeit einzustellen und sich ausschließlich frommen
Uebungen hinzugeben. Aus dieser einfachen Thatsache entwickelte
sich später das ganze Sagengewebe von dem ursprünglichen
Stumpfsinne Alberts, seiner übernatürlichen Erleuchtung, den
Erscheinungen der h. Maria und ihrem Versprechen, alle weltliche
Wissenschaft solle kurz vor seinem Ende von ihm genommen werden,
damit der Tod ihn wieder in kindlichem Glauben finde. Er starb 87
Jahre alt und wurde in dem Chor
|seiner Klosterkirche
begraben. Als diese zu Anfang des Jahrhunderts zerstört wurde,
brachte man seine Gebeine in die benachbarte St. Andreaskirche, wo
sie in einer Capelle des südlichen Seitenschiffs beigesetzt sind.
Die kirchliche Verehrung begann sehr frühe, namentlich in Köln und
Regensburg, der im 17. Jahrhundert aufgenommene
Canonisationsproceß führte indessen nur zur Seligsprechung, welche
1622 durch Gregor XV. erfolgte. Seitdem
wird der 15. Nov. im Dome zu Regensburg und in den Kirchen der
Dominicaner festlich begangen.
Alberts Werke füllen in der Lyoner Gesammtausgabe (ed. Jammy, 1651) 21 Foliobände. Die sechs
ersten enthalten die Commentare zum Aristoteles, die folgenden
fünf solche zu verschiedenen Büchern des alten und neuen
Testaments, der XIII. den zum angeblichen
Dionysius vom Areopag, bis zum XVI. reicht
sodann die Erklärung des Petrus Lombardus. Während der XII. und XXI. Band
vermischte Abhandlungen, zum Theil erbaulicher oder auch
mystischer Richtung füllen, darunter das schöne Büchlein "Wie man
Gott anhangen soll", enthalten XVII.,
XVIII. und XIX. die systematischen
Hauptwerke, die leider unvollendete theologische Summe und die "Summa de creaturis". Ueber Jammy's Edition
urtheilte indessen schon Natalis Alexander: Multo labore, nullo criterio. Sie hat weder
die früheren zahlreichen Separatausgaben einzelner Schriften
überflüssig gemacht, da vielmehr ihr Text durch willkürliche
Verbesserungen des Herausgebers vielfach entstellt ist (vgl. Alberti Magni de vegetabilibus libri VII edd. E.
Meyer et C. Jessen, Berol. 1867), noch läßt sie sich als ein
abgeschlossener Canon der ächten Schriften Alberts betrachten. Die
Untersuchung über das Verhältniß der in beträchtlicher Anzahl in
den Bibliotheken zerstreuten, welche seinen Namen tragen und,
wenigstens ihren Titeln nach, dort keine Aufnahme gefunden haben,
zu den veröffentlichten Schriften ist erst noch anzustellen. Die
Menge der Handschriften und der häufig wiederholte Druck einzelner
Werke zeigen das rege Interesse, welches die folgenden
Jahrhunderte an ihnen nahmen, bei weitem übertroffen aber wurden
in dieser Beziehung die ächten Schriften durch die fälschlich ihm
untergeschobenen: "Liber aggregationis s. liber
secretorum Alberti M. de virtutibus herbarum lapidum et animalium
quorundam", "De mirabilibus mundi", "De secretis muli rum".
So konnte es kommen, daß eine spätere Zeit diese ihrer
Beurtheilung Alberts zu Grunde legte und Vorwürfe auf ihn häufte,
welche durch die glaubhaften Documente sattsam widerlegt
werden.
Vergleicht man diesen Umfang schriftstellerischer Leistung mit
der gegebenen Lebensskizze, so wird man die gewaltige Energie des
Mannes bewundern müssen, der trotz nie endender Unterbrechung aus
den mannigfachsten, zum Theil völlig disparaten Geschäften stets
den Rückweg zu ernster Geistessammlung finden konnte und über die
Sorge um weitzielende Angelegenheiten der Christenheit oder seines
aufblühenden Ordens nicht das Auge für die tausend Einzelheiten
der Wissenschaft verlor. Nächstdem aber lassen ihn Leben und Werke
als ächten Sohn seiner Zeit erkennen. So wenig wir zu dem
historischen
A.
gelangen würden, wollten wir uns an die spätere
Volkssage halten, die ihn zu einem Meister der schwarzen Kunst
gemacht hat, ebensowenig, wenn wir in ihm einen aufgeklärten, nur
äußerlich mit den Anschauungen seiner Zeit verflochtenen Denker
erblicken wollten. Daß er ein frommer Ordensmann, ein eifriger
Bischof, ein begeisterter Verkündiger des Gotteswortes war, gehört
ihm ganz so wesentlich an, wie seine wissenschaftlichen
Forschungen, auf denen sein Ruhm bei der Nachwelt und der
Ehrenname des Doctor universalis beruhen.
Es wäre ein thörichtes Beginnen, die Größe seiner Gestalt dadurch
erhöhen zu wollen, daß man ihr den Unterbau der ganzen Zeit
entzöge.
|
Eine gerechte Würdigung der wissenschaftlichen Verdienste
Alberts ist daher auch nur möglich auf dem Hintergrunde der
wissenschaftlichen Bethätigung, wie sie überhaupt das Mittelalter
übte. Durch zwei Momente wird dieselbe hauptsächlich
charakterisirt: die vorwiegend theologische Richtung und die
Abhängigkeit von dem aus dem Alterthum überlieferten Stoffe. Beide
stehen mit einander im Zusammenhange. Denn die Aufgabe, welche die
Väter der Kirche der christlichen Wissenschaft zugewiesen hatten,
war die Lehre der Offenbarung in den vorhandenen Gedankenkreis der
gebildeten Welt einzuführen und nach Maßgabe der umlaufenden
Begriffe wissenschaftlich zu entwickeln. Die Aufgabe blieb die
gleiche, als nach den Stürmen der Völkerwanderung von der antiken
Cultur nur noch wenige Trümmer übrig waren. An diese kümmerlichen
Reste knüpfte der Schulbetrieb des eigentlichen Mittelalters an,
ihre Beschaffenheit brachte es mit sich, daß die ganze weltliche
Wissenschaft ihrem philosophischen Theile nach in der Logik
aufging. Der Werth, den man ihr bewußt und ausdrücklich beilegte,
beruhte auf dem Dienstverhältniß gegenüber der Theologie,
gesteigert aber wurde er im Stillen durch die unbegrenzte
Verehrung, mit der man zu den Erzeugnissen des Alterthums
hinaufsah. Die Boten des Christenthums waren auch Träger der
Cultur, die Verkünder des Glaubens zugleich die Lehrer der
Wissenschaft gewesen. Ihre römische Bildung schien kaum minder zu
Ehrfurcht und wetteifernder Nachahmung aufzufordern, als das Ideal
heiligen Lebens, das ihre Predigt vorzeichnete. Eine begreifliche
Ideenverbindung verschmolz beides miteinander, die gleiche
Autorität, wie sie die Worte der Schrift und der Väter
erheischten, wurde bereitwilligst in ihrer Sphäre den Aussprüchen
der heidnischen Weisen zugestanden. Es kam hinzu, daß jene Werke
selbst, an die man sich anlehnte, zum großen Theil commentirender
oder paraphrasirender Art, nicht selbständig Erforschtes boten,
sondern sich damit begnügten, den Gedanken der classischen Meister
erläuternd nachzugehen. Nicht auf dem Grunde einer aus den ersten
Keimen allmählich herangereiften Cultur, nicht an der Lösung
selbstgefundener Probleme wachsend, entwickelte sich also die
Wissenschaft, sondern indem man das Erbe einer früheren Epoche
immer und immer wieder zu bestimmten Zwecken durchzuarbeiten sich
mühte. Eine ausgedehnte Controversenlitteratur entstand, man
stritt über die Bedeutung von Stellen, deren völlig dogmatische
Geltung allgemein vorausgesetzt wurde, und indem man es nicht
genügend verstand, das Wichtige von dem Unwichtigen, die zufällige
Andeutung von der principiellen Bestimmung zu trennen, suchte man
beiden ohne Unterschied den widerstrebenden Stoff zu unterwerfen.
Auch eine fruchtbare Weiterbildung der theoretischen
Untersuchungen, zu welchen recht eigentlich das Christentum
anregte, war nicht möglich, solange der Kreis von Begriffen, in
denen man sich bewegte, in solch engen Grenzen eingeschlossen
blieb. Einzelne glänzende Ausnahmen abgerechnet begnügte man sich
auch hier, das von den Vätern Ueberlieferte lebendig zu erhalten.
Aus diesem Zustande der Wissenschaft hätte ein Fortschritt auf
zweierlei Weisen geschehen können, entweder so, daß man mit voller
Energie selbständige Bahnen in der Erforschung der empirisch
gegebenen Wirklichkeit eingeschlagen hätte, um hierauf die auf
diesem Wege gewonnenen Anschauungen für eine speculative
Durchdringung der Glaubenslehre zu verwerthen, oder aber auf dem
Grunde einer weit allseitigeren und vollständigeren Aneignung der
Resultate früherer Denkthätigkeit. Das letztere trat ein und zwar
bezeichnet der Anfang des 13. Jahrhunderts den entscheidenden
Wendepunkt. Mit dem Ende des 12. Jahrhunderts war die gesammte
Logik des Aristoteles dem christlichen Abendlande bekannt
geworden, ungleich wichtiger aber war es, daß jetzt durch
Vermittlung der Araber seine naturwissenschaftlichen,
psychologischen, metaphysischen und ethischen Schriften
hinzukamen. Eine Fülle von Problemen zugleich mit ihren
|Lösungen wurde hier geboten, ein durchgeführtes System
bedeutungsvoller Begriffe nebst ihren Bezeichnungen ließ die
erfolgreichste Verwendung auf theologischem Gebiete hoffen. Zu der
einen Kirche, dem einen Kaiserthume war nun auch die eine
Philosophie, das umfassende aristotelische Lehrgebäude,
hinzugetreten, es galt sie dem Ganzen mittelalterlicher Welt- und
Lebensanschauung einzuarbeiten. An Arbeitern fehlte es nicht;
soeben hatten die beiden Orden der Franciscaner und Dominicaner in
jugendlicher Kraft und fruchtbarem Wetteifer begonnen, sich der
verschiedenen Gebiete des geistigen Lebens zu bemächtigen; der
Engländer Alexander von Hales und der nachmalige Bischof von
Paris, Wilhelm von Auvergne, hatten bereits durch Benützung der
neuentdeckten Schätze großen Ruhm erworben, als die eingeleitete
Bewegung in
A.
ihren vollkommensten Vertreter und fruchtbarsten
Förderer fand, und die Leistungen der Früheren durch ihn in
Schatten gestellt wurden.
Die Gesammtheit der aristotelischen Schriften hatte nun aber
bei den Arabern das gleiche Schicksal erlitten, wie die einzelnen
bekannten Stücke im lateinischen Abendlande. Weitschichtige
Commentare zu allen Theilen waren entstanden, die jetzt mit dem
Texte in Uebersetzungen verbreitet wurden. Nestorianische Syrer,
welche ihrerseits die Kenntniß des Aristoteles griechischen
Erklärern von neuplatonischer Richtung verdankten, hatten dieselbe
zuerst zu den Muhamedanern gebracht. Ihre Anschauungen blieben
auch für die Folgezeit maßgebend. Phantastische Ausgestaltungen,
seltsame Deutungen und spitzfindige Distinctionen verhüllten mehr
und mehr den ursprünglichen Sinn und hätten zur Vorsicht in der
Benützung jener Commentare mahnen müssen. Aber erst allmählich
drang die richtige Einsicht durch. Alberts staunenswürdige
Belesenheit würdigt die Meinungen des Alkendi, Alfarabi, Algazel
und Abubacer, namentlich aber der bedeutendsten unter den
erklärenden Arabern, des Avicenna und Averroes der eingehendsten
Berücksichtigung, nicht minder die des jüdischen Philosophen Moses
Maimonides. Auch pseudoaristotelischen Schriften, wie besonders
dem ganz aus neuplatonischer Quelle geflossenen Buche "Von den
Ursachen" gestattet er den weitgehendsten Einfluß. Daneben
bestehen die alten Autoritäten weiter, so vorzüglich Boethius, der
unter allen mit am meisten citirt wird, von den Kirchenvätern
neben Augustinus besonders Gregor von Nyssa, von den
scholastischen Vorgängern Anselmus, Gilbertus Porretanus, die
Victoriner und mit ihnen viele andere. Aus zweiter und dritter
Hand weiß er dann auch von manchen griechischen Weisen der älteren
Zeit, neben Aristoteles und Plato von Heraklit, Pythagoras,
Sokrates und den Eleaten. Hier aber treffen wir ihn bei seiner
schwächsten Seite, grobe Verstöße gegen Chronologie und
Litteraturgeschichte sind nicht selten.
Was nun den Plan betrifft, welchen
A.
seiner schriftstellerischen Thätigkeit zu Grunde
legte, und die Weise, in der er ihn zur Ausführung brachte, so
entspricht es völlig den gegebenen Andeutungen, wenn er zunächst
die Philosophie oder vielmehr die weltliche Wissenschaft überhaupt
zu einem vollständigen Ganzen zu entwickeln sucht, damit sodann
das auf diesem Wege Gewonnene dem Gebäude der christlichen
Theologie als Grundlage diene, und wenn er, um jenes erste Ziel zu
erreichen, die aristotelische Lehre sammt den erklärenden oder
ergänzenden Zuthaten ihrer späteren Bearbeiter zur Kenntnißnahme
des Abendlandes bringt. Er übersetzt nicht selbst, denn er
versteht weder griechisch noch arabisch, aber er verschafft sich
Uebersetzungen, theils solche, die aus arabischen Uebertragungen,
theils solche, die direct aus dem griechischen Originale gefertigt
sind, er weiß sich in den Gedankenkreis, den er in ihnen
vorfindet, so innig hineinzuleben, daß ihm dadurch ihre großen
sprachlichen Mängel weniger fühlbar werden, und dann geht er
daran, die aristotelischen Werke so zu sagen aufs
|neue zu schreiben. Was er liefert sind darum keine
eigentlichen Commentare, die dem Texte in durchgeführter Sonderung
selbständig gegenübergestellt wären, sondern Paraphrasen in der
Weise seiner arabischen Vorgänger, erweiternde Berichte, in welche
die aristotelischen oder pseudoaristotelischen Worte aufgenommen
und bald durch einzelne Zusätze deutlich gemacht, bald durch
längere Excurse unterbrochen sind, in denen er den einen oder
andern Punkt auf seine Weise, wenn auch stets im Anschlusse an
aristotelische Grundsätze behandelt. Er beginnt mit den logischen
Schriften, die er sämmtlich in der angegebenen Weise erläutert,
ganz besonders wichtig aber ist die Wiedergabe der
naturphilosophischen und naturwissenschaftlichen Lehren. Auch hier
schließt er sich enge an die Schriften an, die er von Aristoteles
in Besitz hat, zugleich bemüht überall Dunkelheiten aufzuklären,
Zweifel zu lösen und Fehlendes zu ergänzen. Der Zusammenhang
zwischen den einzelnen Theilen ist wo möglich noch enger geknüpft,
jedenfalls noch ausdrücklicher betont, als bei seinem
Gewährsmanne, um so weniger konnte er irgendwo eine Lücke dulden.
Wo es ihm daher nicht gelang, eines aristotelischen Werkes habhaft
zu werden, schrieb er es selbst so, wie er sich dachte, daß es von
jenem geschrieben worden wäre, oder nach Maßgabe der Berichte, die
er darüber bei Anderen fand; kam das Vermißte nachträglich in
seinen Besitz, so schrieb er wol im Anschlusse daran zum zweiten
Male über den gleichen Gegenstand. Aehnlich schaltete er ein, was
von Aristoteles gar nicht behandelt worden war, wie die Bücher
"Von den Mineralien". Den Schluß des "Opus
naturarum" bildet die große Thiergeschichte, bei welcher er
den 10 aristotelischen Büchern 6 weitere hinzufügt. In ähnlicher
Weise wird dann auch Metaphysik und Ethik behandelt. An
verschiedenen Stellen gibt er dabei die Versicherung, daß er in
allen diesen Schriften nur die Ansichten der Peripatetiker, nicht
seine eigenen habe darstellen wollen.
Allein auch da, wo wir nun diese selbst suchen möchten, hört
die Anlehnung an den überkommenen Stoff nicht auf. In der "Summa theologica" ist der eingehaltene Gang
und die Auswahl der zu behandelnden Fragen den Sentenzen des
Lombarden abgeborgt, das Neue und Unterscheidende stammt aus der
Benützung des aristotelischen Materials. Darunter auch die Weise
des Vortrags, welche von nun an die herrschende blieb, und zu
deren Haupteigenthümlichkeiten es gehört, daß der positiven
Erörterung jeder Frage die Aufzählung von Gründen und Gegengründen
einer supponirten Entscheidung vorangeschickt wird. Es ergibt sich
hieraus, daß von einem philosophischen Systeme Alberts im modernen
Sinne gar nicht, und von ihm angehörigen Lehrmeinungen nur unter
bestimmten Einschränkungen die Rede sein kann. Nicht eine
unterschiedslose Wiedergabe der von ihm im Einzelnen vertretenen
Ansichten führt daher zum Verständnisse seiner wissenschaftlichen
Bedeutung, sondern die Würdigung seiner Stellung zu den
ausgebildeten Gedankenkreisen, an die er anknüpft, der Art, in der
er sie zu verwerthen oder auch zu ergänzen wußte, endlich der
allgemeinen Richtung des theoretischen Denkens, welche als
Resultat der verschiedenartigen, auf ihn einwirkenden Factoren in
ihm sich mächtig erweist.
Als entschiedenes Verdienst Alberts ist nun sogleich seine
scharfe Scheidung des philosophischen von dem theologischen
Erkenntnißgebiete zu bezeichnen, und dies um so mehr, da hier die
Grenze vielfach, nicht nur von Seite seiner arabischen und
jüdischen Gewährsmänner, sondern auch von dem einen und andern
seiner scholastischen Vorgänger verwirrt worden war. Die
Offenbarung macht die Philosophie nicht unnütz, aber diese reicht
allein nicht aus; für gewisse Glaubenslehren, wie das Mysterium
der Trinität, fehlen der Vernunft die Ausgangspunkte, von denen
her sie aus eigener Kraft zu ihrer Erkenntniß gelangen könnte. Im
Zusammenhange hiermit ist sodann festzustellen, daß der
Vorwurf,
|welchen schon Zeitgenossen gegen ihn
erhoben, wenn sie ihn den Affen des Aristoteles nannten, ihn nicht
trifft. Ein sklavischer Nachahmer des großen Meisters ist er schon
darum nicht, weil sein Ansehen, das er ihm in menschlichen Dingen
bereitwilligst einräumt, sofort hinter dem der Kirche zurücktreten
muß. Aber man thäte ihm Unrecht, wollte man annehmen, daß er, um
dies zu erreichen, nur einfach die eine Autorität durch die andere
zum Schweigen brächte. Daß eine Ansicht katholische Wahrheit sei,
ist ihm freilich jederzeit der entscheidende Grund, ihr zu folgen,
aber schon "um der Ungläubigen willen" versäumt er nicht
Vernunftgründe beizufügen und die Argumente der Gegner aus eben
solchen zu bestreiten. Denn daß Vernunft und Offenbarung,
Philosophie und Theologie, richtig entwickelt, sich in voller
Harmonie zeigen müssen, ist die Grundvoraussetzung der
patristischen, wie der scholastischen Speculation. Das Bild ist
nicht neu, durch welches
A.
ihr gegenseitiges Verhältniß zu verdeutlichen sucht,
wenn er sie verschiedenen Ausstrahlungen der nämlichen Lichtquelle
vergleicht. Indem dabei von jenem Correctiv der kirchlichen Lehre
ganz besonders die phantastischen Auswüchse der arabischen
Speculation betroffen werden mußten, geschieht es, daß er selbst
dem reinen Verständniß des Aristoteles ungleich näher kommt, so
beispielsweise durch Beseitigung der Emanationslehre und das
strenge Festhalten an der Einheit der menschlichen Persönlichkeit.
Bei alledem accommodirt er sich gerne an die Ausdrucksweise seiner
Vorgänger, besonders liebt er das Bild, wonach die Gottheit als
das Licht und die einzelnen erkennbaren Dinge als ihre Strahlen
erscheinen; aber weit entfernt, daß er sich hierdurch irgendwo zur
Ueberschreitung der Grenzen verleiten ließe, welche sein
kirchlicher Standpunkt ihm zieht, weiß er viel eher durch seine
Andeutungen den Schein zu erwecken, als ob auch jene
außerkirchlichen Philosophen im Grunde gar nichts Anderes
behauptet hätten. Aber nicht nur an wichtigen Stellen bestimmt ihn
sein christlicher Glaube, die philosophischen Führer zu verlassen,
auch wo Motive dieser Art fehlen, macht er sich nicht selten von
ihrer Leitung frei, um eine eigene Meinung, wenn auch dann gerne
"sine praeiudicio", einzuführen. Ungleich
am häufigsten und mit größter Sicherheit stellt er in den
naturwissenschaftlichen Schriften der Autorität des Aristoteles
das Gewicht besserer Beobachtungen, eigener wie fremder,
gegenüber; sie sind es, die ihm auch noch bei den Naturforschern
unserer Tage ein ehrendes Andenken verschafft haben, und unter
ihnen hat Humboldt wiederholt auf die Bemerkungen hingewiesen,
welche das Buch "De natura locorum" über
die Bedingungen der klimatischen Unterschiede enthält. Soll nun
freilich durch dies und Aehnliches die Meinung begründet werden,
A.
habe durch eigene tiefere Einsicht in die Gesetze der
Natur seine ganze Zeit, ja noch die nächstfolgenden Jahrhunderte
weit überragt, so müßte zuerst eine vollständigere Kenntniß der
arabischen Litteratur die Vorfrage entscheiden, was von wichtigen
Bemerkungen solcher Art auf Alberts Entdeckung zurückzuführen, und
was gleich vielem minder Bedeutendem, das durch arabische Namen
seinen Ursprung verräth, aus der Naturforschung der Araber
geflossen sei. Gewicht wird man dagegen ein- für allemal darauf
legen dürfen, wenn Fachgelehrte in seinen Beschreibungen von
Pflanzen und Thieren, die er weder Andern zu entlehnen brauchte,
noch bei der Beschaffenheit seiner Quellen in solcher
Anschaulichkeit aus ihnen hätte herübernehmen können, ein
entschiedenes Talent der Naturforschung, offenen Sinn, liebevolle
Hinneigung an die Natur und den unermüdlichen Drang erkannt haben,
das zerstreut Wahrgenommene in seinem Zusammenhange zu erfassen.
Wenn er selbst es aber als die eigentliche Aufgabe der
Naturwissenschaft bezeichnet, den Gründen der Begebenheiten
nachspüren, so ist doch, was er hier bietet, ungleich weniger
befriedigend. Zwar die notwendige Voraussetzung aller
Naturerklärung spricht er mit deutlichen
|Worten aus:
die Annahme einer gesetzlichen Verknüpfung der Ereignisse. Nicht
was Gott wunderbarer Weise in den Dingen wirken könne, sondern was
aus dem von Gott eingerichteten Weltzusammenhange naturgemäß
hervorgehe, soll ihm Gegenstand der Untersuchung sein, und in
Uebereinstimmung damit erklärt er sich nachdrücklich gegen Magie
und Astrologie, die nur da ihr Wesen treiben können, wo der
Gedanke eines gesetzmäßigen Naturlaufes nicht aufgegangen ist oder
nicht festgehalten wird. Aber auf der andern Seite fehlt doch
viel, daß es ihm in seinen Naturerklärungen gelänge, irgendwo auch
nur einen festen Punkt zu erreichen. Wol haben wir mehr oder
minder glaubwürdige Nachrichten von Versuchen, die er angestellt
hätte, aber nirgends zeigt sich die Spur eines methodisch
angelegten und mit vollem Bewußtsein über Ziel und Tragweite
durchgeführten Experiments. Es ist dies kein Zufall: noch fehlt
durchaus das klare Bewußtsein, daß nur da eine wirkliche Einsicht
in die Gesetze des Naturlaufs möglich ist, wo man nicht bei der
allgemeinen Vorstellung der möglichen Ursache eines Ereignisses
stehen bleibt, sondern ganz genau die einzelnen Factoren aufsucht,
von denen sein Eintreten abhängt, und wiederum für jeden dieser
einzelnen ganz genau seinen Antheil an dem Zustandekommen nach Maß
und Rechnung festsetzt. In den unbestimmten Benennungen des Kalten
und Warmen, Trocknen und Feuchten, Dunstigen, Schleimigen, Erdigen
glaubt dagegen
A.
ebenso wie einst im Alterthume Aristoteles, dem er sie
entlehnt, ausreichende Erklärungsgründe zu besitzen, und zu ihnen,
als den allgemeinen Principien, fügt er zahlreiche besondere
Kräfte von Pflanzen, Thieren und Mineralien hinzu, ohne sich die
Frage nach den Mitteln und den Gesetzen ihrer Wirksamkeit
aufzuwerfen, oder den scheinbar einheitlichen Vorgang in die
Vielheit der ihn bedingenden Elemente zu zerlegen.
Anderes steht damit im Zusammenhange. Jene theologische
Richtung brachte es mit sich, daß man jedes Ding und jeden Vorgang
unmittelbar mit den höchsten Beziehungen zu verknüpfen suchte. Den
Weltplan im Ganzen glaubte man begriffen zu haben, und nur darauf
kam es an, jedem Einzelnen innerhalb desselben seine gebührende
Stelle anzuweisen. Daher das Ueberwiegen teleologisch-deductiver
Erklärung, welche überall die Belege vorausgesetzter Zwecke
auffindet, vor der mechanisch-analytischen, der vor Allem an den
Mitteln ihrer Verwirklichung liegt, daher die naheliegende
Verwechselung dessen, was die Dinge bedeuten, oder gewissen
Voraussetzungen zufolge bedeuten können, mit dem, was sie ihrer
besondern Natur und Wirkungsweise nach sind. Ein Beispiel diene
zur Erläuterung. Aus der christlichen Schöpfungslehre auf der
einen und platonisch-aristotelischen Gedanken über die Thätigkeit
einer intelligenten Ursache auf der andern Seite war die geläufige
Vorstellung entstanden, daß die empirische Wirklichkeit das Abbild
göttlicher Ideen, ja gewissermaßen das geschöpfliche Nachbild
Gottes selbst sei. Von den Kirchenvätern her behandelte man
demgemäß in der Theologie die Frage nach dem vestigium oder dem Abglanze des
dreipersönlichen Gottes in der Creatur, und wenn das Buch der
Weisheit alle Dinge nach Zahl, Gewicht und Maß von Gott geordnet
sein läßt, glaubte man darin bereits die Formen zu erkennen, in
denen die heilige Dreizahl sich in den Geschöpfen ausgeprägt habe.
Wo
A.
darauf zu sprechen kommt, verwerthet er wiederholt
eine Stelle aus dem Buche "Von den Ursachen", indem er sich das
dort Gesagte völlig zu eigen macht. Es ist daher gestattet, darin
den Ausdruck seiner Denkweise zu erkennen. Zahl findet sich
hiernach in den Dingen, weil jedes Geschaffene eine Vielheit von
constituirenden Principien aufweist. Denn überall ist zum
Mindesten zu unterscheiden zwischen dem Ding und seinem Sein,
außerdem zwischen solchem, was seine Gattung und solchem, was
seine Artbestimmtheit und Individualität ausmacht. Sofern aber
zwischen
|diesen Principien eine nothwendige Beziehung
besteht, indem das Eine vom Andern abhängig ist, liegt hierin
gleichsam eine intelligibele Bewegung, in welcher das Eine nach
dem Andern strebt, damit daraus das Ganze werde; das ist das
Gewicht in den Dingen. Sofern endlich eine nothwendige
Wechselbeziehung zwischen dem Ganzen und seinen constituirenden
Elementen besteht, da aus ihnen nicht mehr und nicht weniger als
eben dieses Ganze werden kann, und dieses andererseits nicht mehr
und nicht weniger als gerade diese Principien erheischt, so ergibt
sich daraus das Maß, welches sich in allen Dingen findet. Diese
Stelle ist noch in andrer Hinsicht beachtenswerth, sie läßt sich
als ein prägnanter Ausdruck jener hyperrealistischen Denkweise
betrachten, welche mit der antiken Philosophie gleich anfangs auf
das Mittelalter übergegangen war und nun durch die Zuführung des
neuen Materials mit seiner Beigabe an neuplatonischer und
arabischer Mystik eine abermalige Verstärkung erhielt. Allzuoft
werden die verschiedenen Gesichtspunkte, welche das abstrahirende
Denken an den Dingen zu unterscheiden weiß, verwechselt mit realen
Elementen, auf welchen das Sein dieser Dinge beruht; was dem
Denker aus irgend welchen Motiven als das Wichtigere und
Bedeutungsvollere erscheint, prägt er um zu der Ursache, von
welcher die Natur und Kraft der Dinge abhängt, und seine eigensten
Gebilde gelten ihm als die zutreffenden Repräsentanten objectiver
Gestaltungen. Es genügt zum Beweise an den Universalienstreit zu
erinnern, der bereits seit dem 11. Jahrhundert die Schulen in
feindliche Heerlager spaltete. Seit den großen Meistern der
attischen Philosophie war es zum Dogma geworden, daß nur das
Allgemeine das wahrhaft Erkennbare und eigentlich Wesenhafte an
den Dingen sei, daher stritt man darüber, was das Allgemeine in
die engen Grenzen des Individuums zusammenziehe, und welcher Art
die Existenz des Allgemeinen sei. Man unterschied nach der
Beantwortung der letzteren Frage Realisten und Nominalisten mit
zahlreichen spitzfindig abgestuften Unterabtheilungen, aber die
Fragestellung selbst war hyperrealistisch, eine richtig geleitete
Untersuchung hätte das Umgekehrte festzustellen gehabt, was uns
befähige und berechtige, die ursprünglich allein bekannten
Einzeldinge unter allgemeinen Begriffen zu denken. Lateiner und
Araber hatten hier mit einander gewetteifert, immer feinere
Distinctionen aufzustellen und stets neue Betrachtungsweisen zu
versuchen.
A.
geht mit größter Gewissenhaftigkeit auf alles ein, was
ihm hierüber seine Quellen bieten, den verschiedenen Meinungen
überall einen vernünftigen Sinn abzugewinnen bemüht. Mit Unrecht
hat man daraus geschlossen, daß es ihm selbst an einer Meinung
gebräche. Sein Standpunkt ist der des sogenannten gemäßigten
Realismus, der der Sache nach allerdings das Richtige traf, wenn
er, die Existenz der Universalien als solcher verneinend, die Form
der Allgemeinheit aus dem Verstande herleitete, der sie dem von
ihm erfaßten Wesen des Dinges hinzufüge. Aber darum bleibt ihm
doch das Individuum das contrahirte Allgemeine; seinem allgemeinen
Wesen gegenüber verhält sich das einzelne Ding nur wie sein
zufälliger Träger, und die gleiche Denkweise zeigt sich, wenn den
geistigen Substanzen zwar die Zusammensetzung aus Materie und Form
abgesprochen, dagegen die aus quo est und
quod est zugeschrieben wird.
In der Theologie ist Alberts Ruhm durch den seines Schülers
Thomas verdunkelt worden, der ihn an Schärfe des Verstandes und
systematischem Talente ohne Zweifel übertraf. Auch ist er selbst
nicht dazu gekommen, die Lehre von der Erlösung und Heiligung und
den letzten Dingen in seiner Summe zu behandeln. Wenn aber das
Mittelalter den Aquinaten und seine Schüler Albertisten nannte, so
erkannte es an, daß ihre wissenschaftliche Thätigkeit wesentlich
auf dem Grunde beruhte, welcher von dem deutschen Meister gelegt
worden war. Der eine Theil der Aufgabe, den er sich gestellt
hatte, reichte in der That bereits
|hin, ein
Menschenleben auszufüllen, sein unermüdlicher Fleiß hatte von
allen Seiten die Bausteine herbeigebracht, auch wol an einzelnen
Stellen vorläufige Dispositionen getroffen, seinen Nachfolgern
fiel es zu, das Gebäude wirklich auszuführen. Ueber der größeren
Klarheit und Schärfe aber ging den Späteren ein Element verloren,
welches bei
A.
mit dem wissenschaftlichen Interesse nochinnig
verbunden erscheint: es ist dies der unverkennbare Zug zur Mystik
und das nirgends verleugnete Streben, sich in die gefundene
Wahrheit betrachtend zu versenken. Zu den Schriften, welche
ausschließlich dieses Gepräge tragen, sind seine Commentare zu den
biblischen Büchern zu rechnen. Eine auf sprachlichen, historischen
und antiquarischen Kenntnissen ruhende Exegese würde man in ihnen
vergebens suchen, dagegen enthalten sie bis ins Kleinste
durchgeführte allegorisch-moralische Deutungen, welche durch
zahllose Väterstellen gestützt werden.
Literatur ↑
Ludovicus de Valleoleti, † 1436, Tabula quorundam Doctorum ord. Praed., darin
Brevis historia de vita et doctrina Alberti
magni, Auszüge bei Echard, Script. ord. Praed. I. 162 ss. Vita B.
Alberti doctoris magni etc. compilatore Petro de Prussia, Köln
1486. Legenda B. Alberti magni etc. collecta per Rudolphum de
Novimagio, Köln bei Johannes Koelhoff 1490. Sighart, Albertus
Magnus, Regensburg 1857. Octave d'Assailly, Albert le Grand, Paris 1870. Schmeller in den
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Autor ↑
v. Hertling.
Empfohlene Zitierweise ↑
Hertling, von, „Albert von Bollstädt“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
186-196
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118637649.html?anchor=adb