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NDB-Artikel

<< Riemer, Johannes     Rienäcker, Günther Friedrich Wilhelm >>

Riemerschmid, Richard

Maler, Entwerfer, Architekt, * 20.6.1868 München, 13.4.1957 München.


GenealogieLebenAuszeichnungenWerkeLiteraturPortraitsNachlassAutorZitierweise

Genealogie  
V Eduard (1835–94), Inh. d. Fa. „Anton Riemerschmid, Kognak-, Likör- u. Essigfabr.“ in M., KR, wohl S d. Anton (1802–78), aus Burghausen/Salzach, Gründer e. Spirituosenfabr. in M., Gründer d. ersten Handelsschule f. Mädchen in Dtld., welche später in d. Verw. d. Stadt München überging (s. Kosch, Kath. Dtld.; D. Schumann, Bayerns Unternehmer, 1992); M Amalie (1839–97), T d. Carl Martin Weishaupt (erw. 1802-64), Hof-Silberschmied in M. (s. K. Sitzmann, Künstler u. Kunsthandwerker in Ostfranken, 1957); Ov (?) Adolf (1830–1901), Teilh. d. Fa. „Anton Riemerschmid, Kognak-, Likör- u. Essigfabr.“ in M., gründete d. Filiale in Wien (s. NDB VII*), Heinrich (1836–83, Marie, T d. Franz Lachner, 1803–90, Komp., s. NDB 13), Chemiker u. Fabr. in M. (s. NDB 18*); Schw Frida ( Karl Schmidt[-Hellerau], 1873-1948, Schreiner u. Entwerfer, begründete 1899 d. „Dresdener Werkstätten“ in Rähnitz-Hellerau u. 1909 d. Gartenstadt Hellerau, Mitgl. d. „Dt. Werkbunds“, Vorstandsmitgl. d. Reichsverbands d. Dt. Ind. (s. J. Campbell, Der Dt. Werkbund, 1981; Rhdb.); – München 1895 Ida Hofmann, Schausp., T e. Artilleriehptm.; 4 K ; Neffe, Nichte Robert (* 1885), Dr. oec. publ., Chemiker, Nat.ök., Unternehmer, trat 1910 in d. väterl. Unternehmen ein, 1921-33 Mitgl. d. Beirats d. IHK München, 1919-45 Vors. d. Landesver. bayer. Spirituosen- u. Likörfabrikanten (s. Rhdb.; Wenzel; Klimesch); Cousine (?) Hedwig (1875–1951, Siegfried Mollier, 1866–1954, o. Prof. d. Anatomie in M., s. NDB 18); Großneffe, -nichte Heinrich (1918–91), Fabr., Inh. d. „Heinrich Riemerschmid GmbH & Co. Holding KG“, früher d. „Anton Riemerschmid Weinbrennerei, Likör- u. Essigfabr.“ in M., d. „Georg Hemmeter Enzian-, Weinbrennerei u. Likörfabr.“, d. „Donath-Kelterei Fritz Donath“, beide in Unterföhring b. M., d. „Wolfra Kelterei GmbH“ u. d. „Druckerei Heinrich Riemerschmid KG“, beide in M., 1. Vors. d. Schutzverbandes d. Spirituosenind., Ehrenmitgl. d. IHK f. M. u. Oberbayern, Träger d. BVK 1. Kl., d. Bayer. Verdienstordens, d. Goldenen Ehrenmedaille d. IHK f. M. u. Oberbayern u. d. Brillat Savarin-Plakette (s. Wi. 1992); Gr-N Reinhard (1914–96, Uta v. Rheinbaben, * 1930, s. NDB 21*), Dipl.-Ing., Architekt, 1958 Doz. an d. TH München (s. SZ v. 23.5.1996).

Leben  
Nach dem Abitur am Wilhelmsgymnasium 1886 und dem Einjährigen begann R. 1888 an der Münchner Akademie der Bildenden Künste das Studium der Malerei bei Gabriel v. Hackl und Ludwig v. Löfftz. Seit 1890 als freier Kunstmaler in München tätig, schuf er eine Vielzahl von Plakaten und anderen gebrauchsgraphischen Arbeiten. Die Gemälde dieser frühen Schaffensphase zeigen neben naturlyrischen, in der Malweise oft dem Vorbild der franz. Impressionisten folgenden Landschaftsdarstellungen auch Themen einer symbolistischen und vom lebensreformerischen Impetus der Zeit durchdrungenen Naturmystik. Hauptsächlich war R. mit Entwürfen für Möbel und Raumausstattungen befaßt und erwarb sich damit innerhalb der am Ende des 19. Jh. entstehenden dt. Kunstgewerbebewegung großes Renommee.
Um seine Erneuerungsideen auch umsetzen und vermarkten zu können, schloß er sich 1898 mit einer Gruppe junger Künstler (u. a. Otto Pankok, Hermann Obrist, Bruno Paul) zu einem in Deutschland neuartigen Werkstatt- und Betriebssystem zusammen. Es trug, ganz der engl. Arts and Crafts-Bewegung verpflichtet, den programmatischen Namen „Vereinigte Werkstätten für Kunst und Handwerk“ und etablierte sich bald als ein führendes Unternehmen für Möbel und Raumausstattung. Noch 1898 demonstrierte R. auf der Münchner Glaspalast-Ausstellung mit seinem „Mahagoni-Zimmer“ den neuen Stil: Zugunsten einer material- und funktionsgerechten Konstruktion und Form verzichtete er auf jegliches Ornament und unterschied sich somit grundlegend von anderen Jugendstilkünstlern. 1900 erhielt R. auf der Pariser Weltausstellung eine Goldmedaille für das „Zimmer eines Kunstfreundes“, das zugleich den Höhepunkt seiner Auffassung von Raum- und Jugendstilkunst dokumentiert. Zudem lieferte er Entwürfe für Stoffe, Tapeten, Keramikprodukte, Lampen, Bestecke und Gläser, die sich gleichermaßen durch handwerkliche Perfektion, Funktionalität und schlichte Eleganz auszeichneten.
Seit Ende 1902 arbeitete R. intensiv mit seinem späteren Schwager Karl Schmidt, dem Leiter der Dresdener, seit 1912 „Deutschen Werkstätten“ zusammen. Hier avancierte er bald zum führenden Entwerfer – auch, als einer der ersten, für maschinell produzierbare Typenmöbel, was richtungsweisend bis hin zum Bauhaus wurde. Auf der Dritten Dt. Kunstgewerbeausstellung 1906 in Dresden wurde zum ersten Mal sein Maschinenmöbel- und Hausgeräteprogramm vorgestellt; 1907 gehörte er zu den Mitbegründern des Dt. Werkbunds in München. 1920-26 stand R. dem Werkbund auch vor, doch hatte er zu|dieser Zeit seinen progressiven Elan schon seit längerem verloren.
R.s reiches architektonisches Schaffen begann 1898 mit dem Bau seines eigenen Hauses in Pasing (b. München), dem bis in die 30er Jahre eine große Zahl von Villen und Landhäusern folgte. 1900/01 schuf er mit seinem ersten öffentlichen Auftrag, dem Ausbau des Münchener Schauspielhauses, ein Hauptwerk des dt. Jugendstils. Sein wichtigster Beitrag zur sog. „Reformarchitektur“ sind die städtebauliche Vorplanung und der Entwurf der malerischen Typenhäuser für die erste dt. Gartenstadt Hellerau 1907–13.
Von R.s umfangreicher kunstpädagogischer Lehrtätigkeit (Dir. d. Münchner Kunstgewerbeschule 1913–24) gingen keine richtungsweisenden Impulse mehr aus. 1926 wurde er vom damaligen Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer als Nachfolger Martin Elsaessers (1884–1957) zum Leiter der Kölner Werkschulen berufen, wo jedoch – begleitet vom Zerwürfnis mit Adenauer – sein Konzept scheiterte, die Werkschulen über die künstlerische Erziehung hinaus auch an der praktischen Ausführung von Aufträgen aus Industrie und Handwerk zu beteiligen. Resigniert kehrte R. 1931 nach München zurück, wo er bis zu seinem Tod ein zurückgezogenes, wieder ganz der Malerei gewidmetes Leben führte.|

Auszeichnungen  
Dr.-Ing. E. h.; bayer. Geh.rat.

Werke  
Weitere W u. a. Gem.: Der Garten Eden, Öl/Lwd., 1. Fassung 1896 (verschollen), 2. Fassung 1900 (Privatbes.); In freier Natur, 1895; In Arkadien, beide Öl/Lwd., 1897; Wolkengespenster, Tempera auf Karton, 1897 (alle München, Städt. Gal. im Lenbachhaus); – Einrichtungen: „Musiksalon“ f. d. Kunstausst. Dresden 1899; „Direktionszimmer f. Nürnberg“ f. d. Weltausst. St. Louis 1904; – Bauten: Arbeitersiedlung f. Karl-Ernst Osthaus in Hagen 1907; Gartenstadt Nürnberg 1909; Bismarck-Denkmal b. Bingerbrück (Wettbewerb 3. Preis), 1910; Friedhof f. d. Gde. Gräfelfing, 1913; Haus d. Freundschaft in Istanbul (Wettbewerb 3. Preis), 1916-17; Neubau d. Dt. Hygienemus. in Dresden (Ideenwettbewerb), 1924; Holz-Fertighäuser, 1921-29; Ausgestaltung d. Ulmer Münsterplatzes (Wettbewerb), 1924; Luftfahrthalle auf d. dt. Verkehrsausst. München, 1925; Funkhaus „Dt. Stunde in Bayern“, München, 1928; – Entwürfe f. Konstruktionen in Flechtwerk, Flechtwerk-Patent, 1929-30; Entwürfe z. Reformierung d. Frauenkleidung, um 1900; – Schrr. u. a. Die künstler. Gestaltung d. Arbeiterhauses, in; Schrr. d. Zentralstelle f. Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen, 1905, Nr. 29, S. 48-58; Die Veredelung d. gewerbl. Arbeit, in: Verh. d. Dt. Werkbundes zu München, 1908; Einige Bemerkungen üb. d. Bauen v. Gartenstädten, in: Schrr. d. bayer. Landesver. z. Förderung d. Wohnungswesens, H. 5, 1911, S. 147-53; Btr. z. 7. J.versig. d. Dt. Werkbundes 1914 in Köln, in: F. Naumann, Werkbund u. Weltwirtsch., 1914, S. 69 f.; Künstler. Erziehungsfragen I, in: Flugschrr. d. Münchner Bundes, 1917, H. 1; Künstler. Erziehungsfragen II, ebd., 1919, H. 5; Schule u. Handwerk, in: Tag f. Denkmalpflege u. Heimatschutz, 1924, S. 114-22; Der Einfluß d. Großind. auf d. Formung unserer Zeit, in: Die Form 1, 1926, S. 229-34; Neuorientierung im Kunstgewerbe (e. Diskussion), in: Das Kunstbl. 12, 1928, Sonderh. 1, S. 43 f.; Kunst u. Technik, in: Zs. d. VDI 72, Nr. 37, 1928, S. 1273 ff.; Kunst vereinigt mit Technik, in: Innendekoration 40, 1929, S. 16-19; Zur Kölner Schulfrage, in: Form u. Farbe 18, 1929, H. 7, S. 125-28; Holzhäuser, in: Mhh. f. Baukunst u. Städtebau, 1932, H. 11, S. 533 ff.; Wege u. Irrwege unserer Kunsterziehung, in: Kunst u. Künstler 31, 1932. H. 6, S. 224 f.; Der Dt. Werkbund (1928), in: Wir fingen einfach an, hg. v. H. Thiersch, 1953, S. 87 f.; |

Nachlass  
Nachlaß: Zeichnungen im Architekturmus. d. TU München, schriftl. Nachlaß im German. Nat.mus. Nürnberg.

Literatur  
Das Münchner Schauspielhaus, Denkschr. z. Feier d. Eröffnung, 1901; K. E. Osthaus, Krit. Betrachtungen über d. Hagener Bauj. 1907, 1908; R. Breuer, Hellerau, in: Dt. Kunst u. Dekoration, 1910/11, S. 447-65; E. Haenel, Hellerau, in: Dekorative Kunst 14, 1910/11, S. 297-344; Dt. Werkstätten Holzhaus, 1925; Das neue Funkhaus d. dt. Stunde in Bayern, 1929; Wir fingen einfach an, Arbb. u. Aufss. v. Freunden u. Schülern um R. R. zu dessen 85. Geb.tag. hg. v. H. Thiersch, 1953; S. Günther, Interieurs Münchener Architekten um 1900, in: Die Kunst u. d. schöne Heim, 83, 1971, S. 46-49; dies., Interieurs um 1900, Bernhard Pankok, Bruno Paul u. R. R. als Mitarbeiter d. Vereinigten Werkstätten f. Kunst im Handwerk, 1971; Kristiana Hartmann, Dt. Gartenstadtbewegung, 1976, S. 46-101 u. S. 147 f.; B. Stamm, R. R., Unveröff. Entwürfe z. Reformierung d. Frauenbekleidung um 1900, in: Waffenkunde u. Kostümkunde 20, 1978, S. 51-56; W. Nerdinger (Hg.), R. R., Vom Jugendstil z. Werkbund, Werke u. Dok., 1982 (Schrr.verz., L); ders., R. R. u. d. Jugendstil, in: Weltkunst 52, 1982, S. 894-97; R. Joppien, Die Kölner Werkschulen 1920-1933 unter bes. Berücks. d. Ära R.s (1926-1931), in: Wallraf-Richartz-Jb. 43.1982, S. 247-77; Klimesch; ThB; Vollmer; Dict. of Art. – Zur Fam.: Jub.schrr. d. Fa. „Anton Riemorschmid, Kognak-, Likör- u. Essigfabr.

Portraits  
Foto v. A. Sander, ca. 1927, Abb. in: August Sander, Menschen d. 20. Jh., hg v. G. Sander, 1980, S. 308; Porträtfotografie, ca. 1930, Abb. in: W. Nerdinger, Süddt. Bautradition im 20. Jh., Architekten d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste, Ausst.kat. München 1985, S. 12.

Autor  
Antonia Gruhn-Zimmermann
Empfohlene Zitierweise  

Gruhn-Zimmermann, Antonia, „Riemerschmid, Richard“, in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 598-599 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118600915.html

Quelle/Vorlage: 
NDB 21 (2003), S. 598-599
Erwähnungen: 
NDB 18 (1997), S. 3*
NDB 20 (2001), S. 153 in Artikel Pechmann, Günther
NDB 20 (2001), S.  650 in Familienartikel Poschinger
NDB 23 (2007), S. 201*
NDB 23 (2007), S.  246 in Artikel Schmitthenner, Paul

PND: 118600915
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Index

Riemerschmid, Richard

Name: Riemerschmid, Richard
Lebensdaten: 1868 bis 1957
Geburtsort: München
Sterbeort: München
Beruf/Lebensstellung: Architekt; Maler; Entwerfer; Kunsthandwerker; Geheimer Rat
Konfession: keine Angabe
Autor NDB: Gruhn-Zimmermann, Antonia
PND: 118600915

Weitere Informationen

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Riemerschmid, Richard

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118600915

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