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Schmidt, Carl
Schmidt, Karl Ludwig
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Schmidt (seit 1938 Ehrenname Schmidt-Hellerau), Karl
Kamillo, Tischler, Holztechniker, Firmen- und Gartenstadtgründer, * 1.2.1873 Zschopau (Sachsen), † 6.11.1948 Dresden-Hellerau, ⚰ Dresden-Klotzsche. (evangelisch)
Genealogie
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Leben
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Werke
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Literatur
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Quellen
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Portraits
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Autor
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Zitierweise
Genealogie
↑
V
→Karl Franz (1834–1910), Webermeister in
Z.,
S d.
Karl Leberecht, Hochzeitbitter u. Leichenbesteller in
Z.;
M
Amalie Rosalie Tränkner (1841–1918), aus Gelenau;
⚭ 1) Dresden 1899 Martha Zopf,
Pflege-T d.
August Fitzau,
Gutsbes. auf Obersteinpleis
b. Werdau (Sachsen), seit 1874 in Niederlößnitz
b. Radebeul, 2) 1910
Frieda (1878–1917),
T d.
→Eduard Riemerschmid (1835–94), Spirituosen- u.
Essigfabr. in München,
KR, u. d.
Amalie Weishaupt (1839–97), 3) 1918 Ilse (1892–1943),
T d.
→Karl Julius Georg Buchholz (1861–1934),
Gen.lt. in Berlin; 1
Adoptiv-S aus 1)
→Richard Pällmann (* 1903), Fahrlehrer in
D., 2
S aus 2)
→Dietrich (* 1917),
Hptm., Fahrlehrer in Ober-Ramstadt, 1
S aus 3)
Christoph (* 1926), in Ludwigshafen, 1
T aus 3)
Jutta (* 1923, s.
Qu); aus Verbindung mit
Ella Eiching (* 1890,
⚭ N. N. Kaiser) 1
außerehel. S
→Helmut Kaiser (1918–91),
Dipl.-Ing.;
Schwager
→Richard Riemerschmid (1868–1957), Architekt, Maler, Entwerfer f. Kunstgewerbe, Dr.-
Ing. E. h.,
GR (s.
NDB 21;
L).
Leben
↑
Entgegen dem Vorschlag seiner Lehrer, das Lehrerseminar zu besuchen, absolvierte
S. eine Tischlerlehre in Zschopau. In Chemnitz kam er auch mit der sozialistischen Arbeiterbewegung in Berührung. Nach Gesellenjahren
u. a. in Kopenhagen, Stockholm, London und Berlin war er seit 1896 in Dresden tätig, und gründete hier am 1.10.1898 die „Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst“. Aufgeschlossen für die Ideen der modernen Kunstgewerbe- und Reformbewegung, unterhielt er zahlreiche Kontakte zu Malern, Zeichnern und Architekten, zu dem Nationalökonomen
→Friedrich Naumann (1860–1919) und dem jungen
→Theodor Heuss (1884–1963); die Künstler, die er als Entwerfer verpflichtete, wurden – ein Novum jener Zeit – regelmäßig am Gewinn beteiligt und namentlich genannt. Zu ihnen gehörten
u. a. →Johann Vincenz Cissarz (1873–1942),
→August Endell (1871–1925),
→Otto Fischer (1870–1947),
→Josef Goller (1868–1947),
→Georg Müller-Breslau (1856–1911), ferner
→Max Pietschmann (1865–1952),
→Max Rose (1862–1922),
→Heinrich Vogeler (1872–1942) und
→Ernst Hermann Walther (1858–1945).
Nach ersten Ausstellungsbeteiligungen in Dresden (1899/1900) wurden auf der Pariser Weltausstellung 1900 Raumausstattungen von
→Erich (1886–1947) und
→Gertrud Kleinhempel (1875–1948),
→Karl Groß (1869–1934),
→Hanns Schlicht (* 1875),
→Otto Gussmann (1869–1926),
→Wilhelm Kreis (1873–1955) und Cissarz ausgezeichnet. Über die Internationalen Ausstellungen in Dresden 1901, Turin 1902 und Saint Louis 1904 lernte
S. Henry van
→ de Velde (1863–1957),
→Hermann Muthesius (1861–1927) und Richard Riemerschmid (1868–1957) kennen; die letzteren wurden zu seinen wichtigsten Beratern, Freunden und künstlerischen Mitarbeitern. 1903 initiierte
S. die 34 Räume umfassende Ausstellung „Heirat und Hausrat“ in Dresden. Hieran waren Riemerschmid, Walther,
→Oswin Hempel (1876–1965),
→Joseph Maria Olbrich (1867–1908),
→Peter Behrens (1868–1949),
→Max Alexander Nicolai (* 1876) sowie die Schotten
→Mackay Hugh Baillie Scott (1865–1945) und
→Charles Rennie Mackintosh (1868–1928) beteiligt, wenig später auch die Wiener
→Kolo Moser (1865–1918),
→Josef Hofmann (1870–1956) und
→Otto Prutscher (1880–1949). Die von dieser Ausstellung ausgehenden Impulse bündelten die theoretischen Auseinandersetzungen und Reformbemühungen um zweckvolles, materialgerechtes, ästhetisch anspruchsvolles Hausgerät und gaben die Anregung zur „Dritten Deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung“ Dresden (1906), auf der
S. das von Riemerschmid entworfene „Dresdner Hausgerät“ als erstes
dt. Maschinenmöbel vorstellte. Seit 1913 umfaßte es als „Deutsches Hausgerät“ typisierte Möbel von 20 namhaften Künstlern.
1905 gründete
S. in Zschopau die Abteilung „Spielsachen" und schloß sich zwei Jahre später mit den „Werkstätten für deutschen Hausrat Karl Bertsch München“ zu den „Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst Dresden und München“ (DW) zusammen. Gleichzeitig griff er entschieden in die Auseinandersetzungen im
sog. „Fall Muthesius“ ein und war an der daraus entstehenden Gründung des „Deutschen Werkbundes“ (DWB) 1907 maßgeblich beteiligt (
Mitgl. d. Vorstands seit 1912). Darüber hinaus arbeitete er mit am „Deutschen Warenbuch“, das die 1912 gegründete „Dürerbund-Werkbund-Genossenschaft Hellerau“ 1915 herausgab, um den Blick auf Qualitätserzeugnisse zu lenken.
Nach jahrelangen Planungen zusammen mit Riemerschmid, Muthesius,
→Heinrich Tessenow (1876–1950) und
→Kurt Frick (1884–1963) gründete
S. am 4.6.1908 die erste
dt. „Gartenstadt“ Hellerau mit Riemerschmids DW-Gebäude als Zentrum. Zugleich holten
S. und
→Wolf Dohrn (1878–1914) den Schweizer Tanzpädagogen
→Emil Jaques-Dalcroze (1865–1950) mit seiner Bildungsanstalt nach Hellerau. Für diese errichtete Tessenow 1912 ein Festspielhaus, das ein kulturelles Zentrum
europ. Ranges wurde.
1921 begann
S. mit dem Holzhausbau, gründete im Jahr darauf die „Deutsche-Werkstätten-Textilgesellschaft", und initiierte 1927 die Produktion preiswerter Serienmöbel wie „Die billige Wohnung“ von Adolph G. Schneck oder 1935 „Die Wachsende Wohnung“ von Bruno Paul. Nach 1939 beteiligte er sich an der Realisierung von Rüstungsaufträgen, was 1946 zur Enteignung und Demontage des Betriebes in Hellerau führte. Den Neuaufbau erlebte er nicht mehr.
S. entwickelte sein Unternehmen von der Zweimannwerkstatt zum führenden
dt. Möbelbetrieb der Zeit, realisierte Planungen vom Bau einer modernen, allen sozialen Erfordernissen entsprechenden Fabrikanlage bis hin zur großzügigen Gartenstadt. Neben stetigen Bemühungen um die künstlerische Gesamtausstattung der Wohnung und des Hauses standen für ihn
v. a. technische und technologische Fragen im Zentrum des Interesses. Er färbte lebendes Holz, bürstete und kalkte es, entwickelte noch vor 1900 die ersten Fläche haltenden Sperrholzplatten, später die Möbelplatte und Beschläge, Möbelbänder, Tür- und Fenstergriffe aus Schichtholz, und baute schichtverleimte Autokarosserien sowie Flugzeugteile.
Außergewöhnlich phantasiebegabt und einfallsreich, sensibel für die künstlerischen und sozialen Ideen seiner Zeit, wurde
S. von seinen Freunden „Holz-Goethe“ genannt; die Stadt Dresden verlieh ihm 1938 den Ehrennamen „Schmidt-Hellerau“.
|Sein Unternehmen, dessen Wirkung fast fünf Jahrzehnte weit über die Grenzen der von ihm geschaffenen Gemeinde Hellerau hinausging, wurde zu einer kulturellen Institution.
S.s Maximen Qualität, Gediegenheit, Materialgerechtigkeit, Funktionalität und außergewöhnlicher künstlerischer Anspruch werden heute im hochwertigen Innenausbau der DW weitergeführt.
Werke
↑
Schrr.:
Die Dresdner Werkstätten f. Handwerkskunst u. Holzveredlung,
Berr. d. 50.
Verslg. d.
Sächs. Forstver., 1906, S. 102-16;
Kunst u. Gewerbe, 1906;
Materialveredelung, Innendekoration 20, 1909, S. 378-80;
Aussichten d.
dt. Qualitätsind.,
ebd. 29, 1918, S. 19-24;
Vom künstler. Handwerk in
Dtld.,
ebd. S. 112-19;
Materialverschwendung u. Materialgefühl, in:
Jb. d.
Dt. Werkbundes, 1912, S. 50-52;
Der
dt. Lehrling, in: Kunst u. Künstler 16, 1918, H. 5, S. 167-70;
Zur Lage d.
dt. künstler. Handwerks, in: Fachbl. f. Holzarbeiter, Dl. Holzarbeiter Verband
Aug. 1918, S. 114-118;
Zur Technik d. Möbelbaus, in: Die Form 1, 1925/26, H. 11;
Wie ich die
dt. Kriegsmarine eroberte, in:
Jb. d.
Dt. Werkstätten 1929 [1928], S. 83-84;
Dt. Holz, in: Fachbl. f. Holzarbeiter,
Sept. 1933:
|
Quellen
↑
Qu Archive d.
Dt. Werkstätten Hellerau, heute als Dauerleihgabe im
Sächs. HStA Dresden, sowie
v. K.-P. Arnold (darin
Erinnerungen v. S. u. Jutta
S.-Hellerau).
Literatur
↑
F. Hellwag. Förderer d. Qualitätsgedankens, K.
S.-H., in: Qualität 1, 1920, H. 9/10, S. 154-57;
W. Lotz, Die Mitarbeit d. Künstlers am industriellen Erzeugnis, in: Die Form 5, 1930, S. 202-04;
F. Thiersch, Wir fingen einfach an, 1953 (darin auch G. Pechmann, Zum 70.
Geb.tag v. K.
S.-H., S. 68);
Th. Heuss, Erinnerungen 1905-1933, 1963;
Wend Fischer, Zw. Kunst u.
Ind., Der
Dt. Werkbund, 1975;
H. Wichmann, Aufbruch zum neuen Wohnen,
Dt. Werkstätten u. WK-Verband 1898-1970, 1978;
J. Campbell, Der
Dt. Werkbund 1907-1934, 1981;
W. Nerdinger (
Hg.), Richard Riemerschmid, Vom Jugendstil zum Werkbund, Werke u.
Dok., 1982;
K.-P. Arnold, Zur
Gesch. d.
Dt. Werkstätten Hellerau 1898-1930, in:
Jb. d.
Staatl. Kunstslgg. Dresden 11, 1979, S. 41-70;
ders., Die Werkstätten f.
dt. Hausrat Theophil Müller in Dresden-Striesen,
ebd. 14, 1982, S. 95-110;
B. Dry-
v. Zezschwitz, Der Wandel d. Werkstättengedankens, Bemerkungen zu den Katalogen d. Vereinigten Werkstätten u. d. Dresdner u.
Dt. Werkstätten 1898-1915,
ebd. 17, 1985, S. 137-50;
G. Dry, Der Werkstättengedanke u. d. Schmuck- u. Metallwarenherstellung in München u. Dresden um 1900,
ebd., S. 151-66;
K.-P. Arnold, Die
Gesch. d.
Dt. Werkstätten Hellerau
v. 1898 bis 1930 u. ihr
Btr. z. dt. Kunstgewerbebewegung,
Diss. Halle 1980;
ders., Vom Sofakissen zum Städtebau, Die
Gesch. d.
Dt. Werkstätten Hellerau u. d. Gartenstadt Hellerau, 1993
(P);
H. Rezepa-Zabel,
Dt. Warenbuch, Reprint u.
Dok., 2006;
Rhdb. (P).
Portraits
↑
Foto, Gruppenbild mit Arbeitern d. Dresdner Werkstätten f. Handwerkskunst,
v. 12.6.1901;
mehrere Fotos u.
Ölgem. v. Otto Dix, 1942 (
Fam.-
bes.);
Grabstätte Schmidt-Hellerau auf d. Friedhof Dresden-Klotzsche, alle
abgeb. in: K.-P. Arnold (s.
L), 1993.
Autor
↑
Klaus-Peter Arnold
Empfohlene Zitierweise
↑
Arnold, Klaus-Peter, „Schmidt, Karl“, in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 201-203 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd133525694.html