Name
Luxemburg, Rosa
Namensvarianten
Lübeck, Rosa (verheiratete)
Lebensdaten
1871 bis 1919
Geburtsort
Zamość bei Lublin (Russisch-Polen)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Lebensstellung
Politikerin
Konfession
jüdisch
Autor NDB
Iring Fetscher
Autor ADB
-
GND
118575503

Luxemburg, Rosa

Politikerin, * 5.3.1871 Zamość bei Lublin (Russisch-Polen), (ermordet) 15.1.1919 Berlin. (israelitisch)

  • Genealogie

    V Eliasz od. Eduard ( 1900), Holzhändler; M Line Löwenstein ( 1897); Basel 1897 ( 1903) Gustav, S d. Karl Lübeck u. d. Olympia N. N.

  • Leben

    Bereits 1873 kam L. mit den Eltern nach Warschau und wurde 1880 in das „Zweite Warschauer Mädchengymnasium“ aufgenommen, wo sie vor allem russ. und poln. Literatur und Geschichte sowie naturwissenschaftliche Fächer kennenlernte. Die ausgezeichnete Schülerin engagierte sich früh in illegalen politischen Zirkeln. Anfang 1889 floh sie vor drohender Verhaftung in die Schweiz und nahm in Zürich ein Studium auf. 1890/91 war sie an der Philosophischen Fakultät immatrikuliert, im folgenden Wintersemester belegte sie u. a. eine staatswissenschaftliche Seminarübung, im Sommer mittelalterliche Geschichte und Finanzwissenschaft sowie Geschichte der Wirtschafts- und Börsenkrisen. Daneben besuchte sie Vorlesungen über Botanik und Zoologie, Interessen, denen sie auch in ihrem|späteren Leben treu bleiben sollte. Sie unterbrach ihre Studien wegen politischer Aktivitäten wie der Gründung der poln. sozialdemokratischen Zeitschrift „Sprawa Robotnicza“ (Sache der Arbeiter) in Paris. 1894 fand in Warschau der erste (illegale) Kongreß der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei des Kgr. Polen“ statt. Zusammen mit ihrem Freund Leo Jogiches gehörte L. von Anfang an zu den führenden Mitgliedern dieser Partei und blieb ihr auch während ihrer späteren Aktivitäten in der deutschen Sozialdemokratie eng verbunden. Die Solidarität der Unterdrückten und Verfolgten in dieser Kampfgemeinschaft hat sie emotional, das kritische Studium der Wirtschaftswissenschaft intellektuell nachdrücklich geprägt.

    L. wurde 1897 an der Zürcher Universität zum „Dr. iuris publici et rerum cameralium“ promoviert. Ihre Dissertation erschien im folgenden Jahr unter dem Titel „Die industrielle Entwicklung Polens“ in Berlin. Um sich im Deutschen Reich frei bewegen und an der Tätigkeit der Arbeiterbewegung teilnehmen zu können, heiratete sie 1898 pro forma den deutschen Staatsbürger Gustav Lübeck und zog 1899 nach Berlin. Im Herbst desselben Jahres nahm sie schon am SPD-Parteitag in Hannover teil und schloß sich dem linken Flügel der Partei an. L. griff in die Auseinandersetzung um den von Eduard Bernstein vertretenen „Revisionismus“ ein. In ihrer Broschüre „Sozialreform oder Revolution?“ (1900, 21908) verteidigte sie den revolutionären Standpunkt gegen Bernsteins theoretische und praktische Einwände und forderte den Ausschluß der „Reformisten“ aus der Partei. In der zweiten Auflage der Schrift ergänzte sie ihre Ausführungen durch Hinweise auf neuere ökonomische Entwicklungen, verzichtete jedoch auf die Parteiausschluß-Forderung, die sich als unwirksam erwiesen hatte. In zahlreichen Zeitungsartikeln und Reden kommentierte L. die wirtschaftlichen und sozialpolitischen Probleme Rußlands, Österreich - Ungarns, Belgiens, Englands, Frankreichs und Deutschlands. In der SPD schloß sie sich vor allem Franz Mehring und Karl Kautsky an. Bei der Wahlagitation betätigte sich L. u. a. in den östlichen Grenzprovinzen, wo sie die poln. Landarbeiter ansprechen konnte. Immer wieder war der deutsche Militarismus und Imperialismus Zielscheibe ihrer scharfen Attacken. 1904 wurde sie in Zwickau wegen „Majestätsbeleidigung“ zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. 1905 reiste sie nach Russ.-Polen und nahm an Demonstrationen und Kämpfen in Warschau teil. Am 4.3.1906 verhaftet, wurde sie Anfang August gegen Kaution freigelassen und kehrte über Finnland nach Deutschland zurück, wo sie ihre Erfahrungen sogleich in einer theoretischen Schrift über „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“ umsetzte.

    Im August 1907 sprach L. auf dem internationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart, an dem auch Lenin teilnahm, und formulierte eine Resolution für den Kampf gegen den Militarismus. Seit Herbst desselben Jahres war sie Dozentin an der SPD-Parteischule in Berlin. Hier entstanden ihre beiden ökonomiekritischen Hauptwerke, die „Einführung in die Nationalökonomie“ (die erst postum erschien) und „Die Akkumulation des Kapitals“ (1913), ihr Beitrag zur Diskussion um das „imperialistische Stadium“ des Kapitalismus. In der „Massenstreikdebatte“ kam es zu einer Entzweiung zwischen der „Parteilinken“ (L., Karl Liebknecht, Mehring u. a.) und der Mitte, die von Kautsky angeführt wurde. Während L. die Partei aufforderte, den Massen mit der Losung „demokratische Republik“ den Weg zu weisen, ließ die „zentristische“ Parteiführung aus Furcht vor einer Erneuerung des Sozialistengesetzes die Aktion abblasen.

    Auf dem Internationalen Sozialistenkongreß im November 1912 und noch einmal im Juli 1914 bei den Besprechungen des „Internationalen sozialistischen Büros“ in Brüssel trat L. mit Nachdruck für einen aktiven Kampf gegen die Kriegsgefahr ein. Sie verließ Brüssel zutiefst resigniert angesichts der mangelnden Entschlossenheit ihrer deutschen Genossen. Die Bewilligung der Kriegskredite durch die Reichstagsfraktion der SPD und der „Burgfrieden“, zu dem sich Partei und Gewerkschaften bereitfanden, forderten ihren energischen Protest in der (anonym erschienenen) „Junius-Broschüre“ (1916) heraus. Gerade durch ihren Anschluß an die allgemeine Kriegsbegeisterung habe die Partei, im Gegensatz zu ihrer Erklärung, das Vaterland im Stich gelassen. Die „patriotische Wende“ sei Verrat an den Interessen der Arbeiterklasse und des ganzen Volkes gewesen.

    Vom 31.3.1915 bis zum 18.2.1916 verbüßte L. in Berlin eine Gefängnisstrafe, die schon Anfang 1914 verhängt worden war, weil sie Arbeiter auf einer Versammlung aufgefordert hatte, nicht „die Mordwaffe gegen unsere franz. Brüder zu erheben“. Nach einer kurzen Zeit in der Freiheit wurde sie am 10.7.1916 „aus Sicherheitsgründen“ abermals inhaftiert. Die während ihrer Gefängnisjahre in Berlin, Wronke (Posen) und Breslau|geschriebenen Briefe an Freunde und Genossen offenbaren ihre menschliche Anteilnahme, ihr lebendiges Mitgefühl und ihren mutigen Widerstandswillen. Neben ihrer politischen Arbeit beschäftigte sich L. im Gefängnis intensiv mit Literatur, Botanik und Zoologie.

    Am 9.11.1918 befreit, kehrte L. unverzüglich nach Berlin zurück. Am 15.12. sprach sie auf der Generalversammlung der USPD Berlins, zwischen dem 29. und 31.12. war sie treibende Kraft beim Gründungsparteitag der KPD, die aus dem „Spartakusbund“ hervorging. Obgleich sie den Januaraufstand für taktisch falsch hielt, unterstützte sie, den Mehrheitsbeschluß der Partei hinnehmend, die Aktion der Revolutionäre. Am 15. Januar wurde sie in Wilmersdorf verhaftet, ins Edenhotel, das Hauptquartier der Garde-Kavallerie-Schützendivision, geschleppt und während des Abtransports von dort ermordet und in den Landwehrkanal geworfen. Am selben Tag wurde auch ihr Kampfgefährte Karl Liebknecht umgebracht.

    Mit Ausnahme der Dissertation stehen alle Schriften L.s im Dienste der Emanzipationsbewegung der Arbeiterklasse. Es sind im wesentlichen vier Schwerpunkte, denen ihre theoretische und kritische Arbeit gilt: 1. die Auseinandersetzung mit Reformismus und Revisionismus, 2. der Kampf gegen den Militarismus, 3. die ökonomie-kritische Analyse des Kolonialismus und Imperialismus, 4. die Auseinandersetzung mit Lenins diktatorischer Parteikonzeption.

    Eduard Bernstein hatte nach dem Tode seines Freundes Friedrich Engels die Strategie und Gesellschaftstheorie der deutschen Arbeiterbewegung einer radikalen Kritik unterzogen. Er versuchte in der Schrift „Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“ (1896 zunächst in Artikeln, 1899 als Buch), die Politik der SPD auf eine neue Basis zu stellen. Die Annahme der meisten zeitgenössischen Sozialisten, daß die kapitalistische Gesellschaft zu einer massenhaften Proletarisierung der Kleinbürger, zu einer Verelendung der Proletarier und zu immer schwereren ökonomischen Krisen führen müsse, habe sich als falsch erwiesen. Eine schrittweise Veränderung der kapitalistischen Gesellschaft durch Ausweitung der Demokratie sei deshalb der weit realistischere und erfolgversprechendere Weg zum Sozialismus als die utopische Revolution. L. stellte dem eine marxistische und revolutionäre Antithese gegenüber. Reformen seien zwar nützlich, aber nur insoweit sie das Selbstbewußtsein und damit die Kampffähigkeit der Arbeiterklasse festigten. Die von Bernstein aufgrund von Betriebsstatistiken behaupteten Thesen könne man durch eine langfristigere Analyse entkräften. Zwar entstünden immer wieder neue kleine selbständige Betriebe, aber deren „Lebenszeit“ werde immer kürzer und zuletzt setzten sich überall die Großbetriebe durch. Zur Verelendung sollte L. erst in ihrer späteren Arbeit „Die Akkumulation des Kapitals“ eine entschiedenere Antwort finden. Zunächst stellte sie lediglich fest, daß in der Aufstiegsphase der Konjunktur die Reallöhne tatsächlich steigen könnten, daß sie aber in der Regel während der folgenden konjunkturellen Flaute wieder fielen, zumal wenn massenhaft Arbeitslose auf die Lage der Beschäftigten drückten.

    Schon in einem Anhang „Miliz und Militarismus“ zu ihrer Schrift gegen Bernstein wandte sich L. der antimilitaristischen Thematik zu. Hier trat sie dem Reformisten Max Schippel (1859–1928) entgegen, der aus verschiedenen Gründen die Milizforderungen der Sozialdemokraten abgelehnt hatte. In zahlreichen Reden wies sie auf den Zusammenhang von „Weltpolitik, Weltwirtschaft und Militarismus“ hin. Insbesondere kämpfte sie gegen „Kolonialismus und Marinismus“ und zeigte, wie aus Kolonialkriegen regelmäßig neue Aufrüstungsinitiativen hervorgingen. Dabei verband sie wirtschaftlich-politische Analysen mit moralischen Urteilen – sowohl über die Behandlung der Kolonialvölker wie auch der Rekruten im deutschen Heer. Berühmt wurde ihr Artikel „Bilanz von Zabern“, nachdem es in der elsäss. Stadt zu Ausschreitungen deutscher Militärs gegenüber Bürgern gekommen war. Sie schrieb u. a.: „Ist nicht das Morden und Verstümmeln im Kriege der eigentliche Beruf und die wahre Natur jener Militärbehörden, deren gekränkte Autorität in Zabern die Zähne gezeigt hat?“

    In ihrem theoretischen Hauptwerk „Die Akkumulation des Kapitals“ (1912) entwickelt L. eine eigene Theorie des Imperialismus. Sie geht von einer Interpretation der in Band II des „Kapital“ von Marx entwickelten Schemata der „Reproduktion des Kapitals“ aus und stellt die These auf, daß eine kapitalistische Produktionsweise nur in einem nichtkapitalistischen Milieu lebens- und wachstumsfähig sei. Nur wenn es Käufer gebe, die das Mehrprodukt zu realisieren erlaubten, könne die kapitalistische Wirtschaft gedeihen. Die Arbeiter aber seien dazu außerstande, da sie nur den Wert ihrer Arbeitskraft ver gütet bekämen und das „Mehrprodukt“ kostenlos an den Unternehmer lieferten. Wenn die Unternehmer selbst das Mehrprodukt kauften, gehe aber ihr Vorteil wieder verloren, also müsse die kapitalistische Wirtschaft immer weiter in noch nicht durchkapitalisiertes Terrain vorstoßen. Das sei zunächst der Agrarsektor im eigenen Lande gewesen, nach dessen vollständiger Aufsaugung aber seien es notwendig die überseeischen Gebiete, um deren Durchdringung es zwischen den hochindustrialisierten kapitalistischen Staaten zum heftigen Kampf komme. Der Kolonialismus und Imperialismus in Afrika, Asien und Amerika sei also die notwendige Folge einer in der kapitalistischen Dynamik angelegten Gesetzmäßigkeit. Obgleich L.s Theorie des Imperialismus sowohl von Kautsky als auch später von Lenin zurückgewiesen wurde, hat sie doch erheblichen Einfluß gehabt und wurde u. a. von Fritz Sternberg (1895–1963) aufgegriffen und aktualisiert.

    Mit Lenins Parteitheorie hat sich L. bereits sehr früh auseinandergesetzt. In ihrem Artikel „Organisationsfragen der russ. Sozialdemokratie“ (1904) kritisiert sie Lenins Formel, die Sozialdemokratie sei eine mit der Arbeiterklasse verbundene jakobinische Organisation. Diese Art des Zentralismus sei typisch für die bürgerliche Revolution gewesen, könne jedoch nicht auf die Arbeiterbewegung übertragen werden. Deren „Selbstzentralismus“ müsse während des gesamten Verlaufs „auf … die selbständige direkte Aktion der Masse berechnet“ sein. Lenin sei offenbar von der Tradition der blanquistischen Verschwörer beeinflußt. In ihrem Essay „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“ (1906) beschreibt L., wie spontane Aktionen der Massen (Streiks, Demonstrationen) die Voraussetzung für die dann allerdings nötige Leitung durch den „organisierten und aufgeklärten sozialdemokratischen Kern des Proletariats“ darstellen. Obgleich L. also durchaus die Bedeutung der „politischen Leitung“ durch die Partei betont hatte, wurde ihr später von Lenin und Stalin vorgeworfen, sie habe eine „Spontaneitätstheorie“ entwickelt und die Rolle der „bewußten Führung“ durch die „Avantgarde“ vernachlässigt. Zum letzten Mal kritisierte L. Lenins diktatorische Strategie in ihrer (postum von Paul Levi veröffentlichten) Schrift „Die russ. Revolution“. Einzelne Schwächen dieser Kritik mögen auf die unzulängliche Informationslage der Verfasserin zurückgehen, die Grundtendenz stimmt jedoch zu sehr mit ihren sonstigen Äußerungen überein, um als „unauthentisch“ zurückgewiesen werden zu können, wie das Leninisten gerne tun. Insbesondere kritisiert L. die Auflösung der Konstituante und die Abschaffung demokratischer Freiheiten. Es sei nämlich „eine offenkundige … Tatsache, daß ohne freie, ungehemmte Presse, ohne ungehindertes Vereins- und Versammlungsleben gerade die Herrschaft breiter Volksmassen völlig undenkbar ist … Die Erziehung der ganzen Volksmasse mag für die bürgerliche Demokratie nicht notwendig sein, für die proletarische Diktatur (aber) ist sie das Lebenselement, die Luft, ohne die sie nicht zu existieren vermag“. Lenin verwechsele die Klassendiktatur mit dem technischen Mittel diktatorischer Herrschaft. Gewaltsam könne man zwar eine morsche reaktionäre Herrschaft stürzen, nicht aber eine neue Gesellschaft aufbauen. „Der Sozialismus läßt sich seiner Natur nach nicht oktroyieren … Die ganze Volksmasse muß daran teilhaben“ (Gesammelte Werke IV, S. 358-60). Dieser zentrale Punkt ihrer Kritik wurde durch die Entwicklung in der Sowjetunion bestätigt, und wenn sie 1918 schrieb: „Das öffentliche Leben der Staaten mit beschränkter Freiheit ist eben deshalb so dürftig, so armselig, so schematisch, so unfruchtbar, weil es sich durch die Ausschließung der Demokratie die lebendigen Quellen allen geistigen Reichtums und Fortschritts absperrt“, so gilt das weithin noch heute für die Länder des., real existierenden Sozialismus“.

    Auch in anderen Punkten wich L. von den Auffassungen Lenins ab, der ihr – bei aller Kritik – große Bewunderung zollte. So vertrat sie in der Nationalitätenfrage eine eigenwillige marxistische Position. Da Polen wirtschaftlich mit dem zaristischen Rußland eng verbunden war, wollte sie z. B. nichts von einer nationalen Selbständigkeit dieses Staates wissen. Die Bourgeoisie Polens gehöre zur herrschenden Klasse Rußlands, das poln. und jüdische Proletariat in diesem Landesteil zur Arbeiterklasse Rußlands. Die jüdische Bevölkerung in Rußland sah sie als eine Gesellschaftsgruppe an, deren kulturellreligiöse Besonderheit als ein Stigma sozialer Marginalisierung möglichst bald überwunden werden sollte. Aus diesem Grunde hatte sie kein Verständnis für eine unabhängige jüdisch-sozialistische Partei wie den „Bunt“ und noch weniger für den Zionismus.

    L. war eine ungemein anziehende, warmherzige Persönlichkeit, die scharfen Intellekt, umfassende Bildung und politisches Engagement in seltener Weise miteinander verband. Im Gefängnis hat sie nicht nur politische Schriften verfaßt, sondern auch eine Übersetzung des Romans „Die Geschichte meines Zeitgenossen“ (1919) von Wladimir Korolenko angefertigt und ihr eine einfühlsame Einleitung zur neueren russ. Literatur vorausgeschickt. Darin geht sie ausführlicher auf den Antisemitismus ein, der in Polen wie in Deutschland eine so erhebliche Rolle spielte. Sie bezeichnet es als eine „Einrichtung der modernen Zivilisation“, daß man von Zeit zu Zeit „Angehörige eines anderen Volkes oder anderer Rasse, Religion, Hautfarbe zum Sündenbock“ mache, eine Rolle, zu der sich nur „schwache, historisch mißhandelte oder sozial zurückgesetzte Nationalitäten“ eigneten. „Das beliebteste Objekt für die Blitzableiterpolitik war … im Osten seit jeher die jüdische Bevölkerung, und es kann noch fraglich erscheinen, ob sie diese dankbare Rolle ganz ausgespielt hat …“ (Gesammelte Werke IV, S. 324 f.).

    In der Auseinandersetzung mit Tolstois radikalem frühchristlichen Pazifismus stimmt L. ganz mit dem Urteil Korolenkos überein: „Gewalt ist weder Wohltat noch Übel; wohl oder übel ist nur ihre Anwendung. Die Gewalt des Armes ist ein Übel, wenn er zum Raub oder zur Bedrückung Schwacher erhoben ist; wird er aber zur Arbeit oder zur Verteidigung des Nächsten erhoben, dann ist Gewalt eine Wohltat“. L. glaubte – mit Korolenkos „Gebet Menachems“ – fest daran, daß Gewalt und Unterdrückung eines Tages von der Erde verschwinden, die Völker sich verbrüdern werden und „nie mehr Menschenblut von Menschenhand vergossen werden wird“ (Gesammelte Werke IV, S. 328).

    Über den Menschen L. erfährt man am meisten aus den Briefen. Nach ihrem Bruch mit Leo Jogiches, der offenbar die geistige Überlegenheit der Frau nicht ertragen konnte, schloß sie sich dem Sohn ihrer Freundin Clara Zetkin, →Kostja Zetkin (1885–1980), an, dem sie zugleich Freundin, Lehrerin und Geliebte war. Um den in Frankreich gefallenen jungen Arzt Hans Diefenbach (1884–1917), dessen reine Seele sie innig liebte, hat sie tief getrauert. Sonja, die Frau des gleichfalls inhaftierten Karl Liebknecht, suchte sie – aus dem Gefängnis – zu trösten. Diese drei standen ihr wohl am nächsten, aber ihre fürsorgliche Freundschaft erstreckte sich auch auf viele andere. Unermüdlich dachte sie darüber nach, wie sie helfen, anregen, belehren, zur Lebensfreude und zum Engagement für die Befreiung der Arbeiterklasse anleiten könne. Ihr Mitgefühl mit der Tierwelt war nicht – wie bei manchen anderen – Flucht vor den Menschen, sondern eine Ausweitung ihres fühlenden Herzens bis an die Grenzen des Nachvollziehbaren. Ihr gewaltsamer Tod machte selbst Menschen betroffen, die ihr politisch fernstanden.

    • Werke

      Pol. Schrr., hrsg. v. O. K. Flechtheim, 3 Bde., 1966; Gesammelte Werke, 5 Bde., hrsg. v. Inst. f. Marxismus-Leninismus b. ZK d. SED, 1970-75; Gesammelte Briefe in 5 Bänden, hrsg. v. dems., 1982-84; Internationalismus u. Klassenkampf, d. poln. Schrr., hrsg. u. eingel v. J. Hentze, 1971; Briefe an Leon Jogiches, mit e. Einl. v. F. Tych, 1971; R. L. im Kampf gegen d. dt. Militarismus, Prozeßberr. u. Materialien aus d. J. 1913–15, hrsg. v. Inst. f. Marxismus-Leninismus b. ZK d. SED, 1960; Briefe an Mathilde Jacob (1913–18), hrsg. v. N. Ito, 1972; , Ich umarme Sie in großer Sehnsucht', Briefe aus d. Gefängnis 1915–18, 1980; Die russ. Rev., eingel u. hrsg. v. O. K. Flechtheim. 1963.

    • Literatur

      P. Frölich, R. L., Gedanke u. Tat, 1949, 21973; P. Nettl, R. L., 1965 (W-Verz., L, P); L. Basso, R. L.s Dialektik d. Rev., 1967; H. Hirsch, R. L. in Selbstzeugnissen u. Bilddokumenten, 1969; A. Laschitza u. G. Radczun, R. L., ihr Wirken in d. dt. Arbeiterbewegung, 1971; G. W. Strobel, Die Partei R. L.s, Lenin u. d. SPD, 1974; G. Badia, R. L., journaliste, polémiste, révolutionare, 1975; B. v. Mutius, Die R. L.-Legende I, 1978; V. Stadler-Labhart, R. L. an d. Univ. Zürich 1889–97, 1978 (P); DBJ II (Tl. 1919, L).

  • Autor

    Iring Fetscher
  • Empfohlene Zitierweise

    Fetscher, Iring, "Luxemburg, Rosa" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 578-582 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118575503.html
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Luxemburg, Rosa

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