<< Marchionini, Alfred
Marchtaler, von >>
Marchlewski, Julian (Pseudonym Johannes Kämpfer, W. Karski)
kommunistischer Politiker,
* 17.5.1866 Włocławek (Polen),
† 22.3.1925 Bogliasco bei Nervi (Italien).
Genealogie
| Leben
| Literatur
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Jósef Franciszek (1829–1907,
kath.), aus Großradowisk (Westpreußen), Getreidehändler, dann
Hotelbes. in
W.,
S d. Jósef;
M Emilie (1835–1918,
ev.),
T d.
Joh. August
v. Rückersfeldt, Offizier, dann Rendant, u. d. Hermine Emilie
v. Cotta;
⚭ N. N.; 2
T ,
u. a. Sonja (
⚭ Heinrich Vogeler,
† 1942, Maler, s.
ThB).
Leben ↑
Als Schüler in Warschau hatte
M. bereits Kontakt zur Gruppe „Proletariat“. Nach dem Abitur wurde er wegen der Verschlechterung der materiellen Situation der Eltern Färbereiarbeiter. 1888 ging er nach Deutschland und sammelte Erfahrungen bei den Sozialdemokraten. Nach seiner Rückkehr arbeitete er in Lodz, wo er dank seiner
SPD-Verbindungen marxistische Literatur und Propagandamaterial bezog und unter den deutschen Fabrikarbeitern verteilte; er war Mitbegründer des Verbandes
poln. Arbeiter (ZRP). Ende 1891 verhaftet, ein Jahr später gegen Kaution entlassen, ging er im Mai 1893 nach Zürich, wo er sich an der Universität einschrieb. Er traf dort Leo Jogiches und Rosa Luxemburg, mit denen er die SDKP (Sozialdemokratie des
Kgr. Polen) international vertrat und die Zeitschrift „Sprawa robotnicza“ (Stimme der Arbeit) gründete. Nach der Promotion zum
Dr. iur. et cam. (1896) mit der Arbeit „Der Physiokratismus in Polen“ rief ihn der Chefredakteur der „
Sächs. Arbeiterzeitung“, Alexander Helphand (Parvus), nach Dresden. 1898 zusammen aus Sachsen ausgewiesen, gründeten beide in München, wo sie auf Intervention Georg
v. Vollmars, des Führers der
bayer. Sozialdemokratie, eine Aufenthaltsgenehmigung erhielten, den Verlag „Dr. J. Marchlewski & Co“ für
slaw. und
nord. Literatur, der mit Maxim Gorkis Drama „Nachtasyl“ großen Erfolg hatte, 1905 aber wegen finanzieller Schwierigkeiten liquidiert werden mußte. Lenin wurde während seines Münchner Aufenthalts von
M. bei der Herausgabe der „Iskra“ unterstützt.
Nach seiner Rückkehr aus Warschau, wo er seit Ende 1905 an der Revolution teilgenommen hatte und Ende 1906 vorübergehend verhaftet worden war, entfaltete
M. wieder eine rege publizistische Tätigkeit und beschäftigte sich dabei mit kulturellen, sozialpolitischen und vor allem wirtschaftspolitischen Themen. Obwohl seit dem Kongreß der SDKPiL (Sozialdemokratie des
Kgr. Polen und Litauen) in deren „Hauptverwaltung“ gewählt, der er bis 1918 angehörte, lag der Schwerpunkt seiner Arbeit innerhalb
|der
SPD. Er war bis 1913 Mitarbeiter der „Leipziger Volkszeitung", seit Januar 1914 Wirtschaftsberichterstatter der „Bremer Bürgerzeitung“, neben Rosa Luxemburg und Franz Mehring Gründer und Herausgeber der „Sozialdemokratischen Korrespondenz“, des neuen Sprachrohrs der Linken (
Nr. 1 im
Dez. 1913) sowie Lehrer an der Parteischule der
SPD. Im Juli 1914 wegen seiner politischen Tätigkeit vom Kieler Landgericht zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt, gehörte er nach Kriegsausbruch zur Gruppe um Jogiches, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, der Keimzelle des späteren „Spartakusbundes", war an der Herausgabe der Zeitschrift „Die Internationale" beteiligt und Autor einiger ihrer wichtigsten illegal verbreiteten Flugblätter und -Schriften (1915: „Krieg und Proletariat", „Kriegssozialismus in Theorie und Praxis"; 1916: „Deutschland – ein fertiges Zuchthaus“, „Hunger“). Ende Mai 1916 wurde er verhaftet und im Lager Havelberg interniert. Im Frühjahr 1918 entlassen, begab er sich sofort in die Sowjetunion. 1919 war er wieder in Deutschland und wurde in das Zentralkomitee der
KPD aufgenommen.
M. wurde von der Sowjetregierung bis zu seinem Tode mit schwierigen diplomatischen Aufgaben betraut, gehörte zahlreichen zentralen Gremien an, war Mitglied des
poln. Büros beim Zentralkomitee der KPdSU, schließlich Mitbegründer der Kommunistischen Internationale und Mitglied ihres Exekutivkomitees. Schon längere Zeit gesundheitlich geschwächt, starb er während eines Kuraufenthalts in Italien.
Literatur ↑
H. Schumacher, Sie nannten ihn Karski, Das revolutionäre Wirken J.
M.s in d.
dt. Arbeiterbewegung 1896-1919, Berlin (Ost) 1964;
ders. u. F. Tych, J.
M. – Karski, Eine
Biogr.,
ebd. 1966;
G. W. Strobel,
Qu. z. Gesch. d. Kommunismus in Polen 1878-1918, 1968, S. 115 f.;
Gesch. d.
dt. Arbeiterbewegung,
Biogr. Lex., Berlin (Ost) 1970.
Autor ↑
Ulrich CartariusEmpfohlene Zitierweise ↑
Cartarius, Ulrich, „Marchlewski, Julian“,
in: Neue Deutsche Biographie
16
(1990), S.
115 f.
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118730908.html