<< Praun, von
Prausnitz, Otto Carl Willy >>
Praun, Paulus II. (Paolo Bruni)
Kaufmann und Kunstsammler,
* 23.10.1548 Nürnberg,
† 18.7.1616 Bologna. (lutherisch, nach 1589 katholisch ?)
Genealogie
| Leben
| Literatur
| Quellen
| Portraits
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Stephan II. (1513–78),
Kaufm. u. Genannter d. Größeren Rats in
N.,
S d. Stephan I. (1478–1532),
Kaufm. in
N., u. d. Anna Gall (
† 1520);
M Ursula (1525–92),
T d. Johann Ayrer u. d. Ursula Schäufelein;
B Stephan III. (1544–91), Abenteurer, Pilger,
Schriftst., Hans VII. (1556–1608),
Kaufm. in
B. u.
N., Jakob I. (1558–1627),
Kaufm. in
N., seit 1616 Fam.senior (alle s.
Einl.); – ledig; 1
natürl. T (aus d. Verbindung mit Laura de Barocijs [?]) Constantia (Dignamerita de Brunis) (
* 1594), Vallombrosanerin in
B.Leben ↑
Nach den testamentarischen Bestimmungen Stephans II. trat der zweitälteste Sohn
P., über dessen Jugend und Ausbildung nichts bekannt ist. an die Stelle des Familienseniors. Er führte das
dt.-
ital. Seidenhandelsgeschäft mit Hans VII. und Jakob I. als gleichberechtigten Teilhabern weiter und engagierte sich im Bereich der Seidenproduktion.
P. lebte zunächst überwiegend in Nürnberg. Angesichts der wirtschaftsschädigenden Verfolgungen
dt. Kaufleute durch die Inquisitionsbehörde, die seit 1589 den in Italien ansässigen Hans VII. schikanierte, scheint er zum
kath. Glauben übergetreten zu sein. In der Folge übersiedelte er dauerhaft nach Italien und führte die im Palazzo des Senators Francesco Sampieri untergebrachte Niederlassung in Bologna.
Nach eigener Aussage von Jugend auf von Sammelleidenschaft angetrieben, mögen die berühmte Dürer-Sammlung des Nürnberger Patriziers Willibald Imhoff und der Kunstbesitz der Sampieri in Bologna
P. in dieser Liebhaberei noch weiter bestärkt haben. Rund 10 000 Objekte, darunter die Werkstattnachlässe des Bildhauers Johann Gregor van der Schardt (um 1530- um 1581) und des Malers Hans Hoffmann (um 1530–91/92), vereinte er zu einer der größten bürgerlichen Kollektionen des 16.
Jh. nördlich der Alpen. Sein Sammlungskonzept war dem Prinzip der fürstlichen Kunstkammer entgegengesetzt. Er beschränkte sich auf die klassischen Kunstgattungen der Malerei mit Zeichnung und Druckgraphik und der Skulptur, denen er allein Münzen, Gemmen und Bücher hinzufügte. Langfristig verfolgte P mit seiner Kunstsammlung das Ziel, das Streben seiner Familie nach Kooptation in das Patriziat zu stützen. So verfügte er testamentarisch, daß die Sammlung als unveräußerliche „Vor
|schickung“ mit dem Stammsitz der Praun am Nürnberger Weinmarkt verbunden bleiben sollte, und verpflichtete die Nachkommen zu Inventarisierung und Pflege; zudem regte er eine spätere museale Nutzung an. Zwar sah sich die Familie 1801 zum Verkauf gezwungen, doch sind die Bestände durch Inventare (1616 u. 1719) und Verkaufskataloge (1797, 1802 u. 1804) ungewöhnlich dicht dokumentiert.
Während bedeutende Werkgruppen wie die Kleinbronzen Giambolognas weiterhin als verschollen gelten müssen, konnten 1990 rund 500 Zeichnungen zumeist im Szépművészeti Múzeum in Budapest nachgewiesen werden. Neben zahlreichen Kopien besaß
P. authentische Blätter von Dürer, Baldung, Kulmbach, Cranach, Altdorfer, Huber, Burgkmair, Hirschvogel, Lautensack und Hoffmann; bei den Italienern waren Aspertini, de' Roberti, Parmigianino, Primaticcio, Sabbatini, Bagnacavallo, Orsi, Ligozzi, die Carracci und Faccini vertreten. Das
dt.-
ital. Sammlungsprofil mit dem seltenen Interesse für die Kunst der Emilia wie auch die Schwerpunkte Zeichnung und Skulptur lassen
P. als eine eigenständige und zukunftsweisende Sammlerpersönlichkeit erscheinen.
Literatur ↑
Ch. G.
v. Murr, Description du Cabinet de Mon;-sieur
P. de
P. à Nuremberg, 1797
(P);
J. F. Frauenholz,
Cat. des estampes avec une partie de dessins, de manuscripts et de livres, qui se trouvent dans le cabinet apartenant ci-devant à Monsieur
P. de
P. à Nuremberg, 1802;
ders.,
Cat. d'une collection de dessins de peintres italiens, allemands et des Pays-Bas qui se trouvent dans le célèbre cabinet de Mr.
P. de
P. à Nuremberg, 1804;
H. Pohl, Das Rechnungsbuch d. Nürnberger
Großkaufm. Hans
P. v. 1471-1478,
ebd. 55, 1968, S. 77-136;
G. Weber, Das
P.'sche Kunstkab.,
ebd. 70, 1983, S. 125-195
(P);
K. Achilles, Naturstud.
v. Hans Hoffmann in d.
Kunstslg. d. Nürnberger
Kaufm. P. II.
P. (1548-1616), in:
Jb. d. kunsthist.
Slgg. in Wien, 82/83, 1986/87, S. 243-59;
Kunst d. Sammelns, Das
P.sche
Kab.,
Ausst.kat. Nürnberg 1994
(P);
K. Achilles-Syndram, Die
Kunstslg. P. II.
P., Die Inventare
v. 1616 u. 1719, 1994
(P);
dies., Die
Zeichnungsslg. d. Nürnberger
Kaufm. P. II.
P. (1548-1616), Versuch e. Rekonstruktion, 1995;
A. Tacke, Die
Gem. d. 17.
Jh. im
German. Nat.mus., 1995
(P);
B. Welzel, in: Kunstchronik 49, 1996, S. 298-304;
F. A. Dreier, in: Journal of the
Hist. of Collections 9, 1997, S. 164-67;
Dict. of Art.
|Quellen ↑
Qu Fam.archiv im Stadtarchiv Nürnberg.
Portraits ↑
Miniatur auf Kupfer
v. L. Strauch, 1598 (Nürnberg,
German. Nat.mus.), danach
Kupf. v. J. Nußbiegel, 1795;
Ölgem. v. L. Fontana, vor 1603/04 (
ebd.);
Relief-Medaillons aus Terrakotta
v. J. G. van der Schardt, 1580 (
ebd. u. Stuttgart,
Württ. Landesmus.);
Medaille
v. M. Carl, 1584,
Abb. in: G. Habich, Die
dt. Schaumünzen d. 16.
Jh., II/1, 1932, Tafel CCLXII, 6;
Medaille
v. Ch. D. Oexlein, 1766.
Autor ↑
Katrin Achilles-SyndramEmpfohlene Zitierweise ↑
Achilles-Syndram, Katrin, „Praun, Paulus II.“,
in: Neue Deutsche Biographie
20
(2001), S.
678 f.
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd119159236.html