<< Ach, Narziß Kasper
Achates, Leonardus >>
Achard, Franz Karl
Physiker und Chemiker, Begründer der Rübenzuckerindustrie,
* 28.4.1753 Berlin,
† 20.4.1821 Kunern (Schlesien). (reformiert)
Genealogie
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| Werke
| Literatur
| Portraits
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
Aus französischer Emigrantenfamilie;
V Guilleaume
Achard (1716–55), seit 1743 Pfarrer an der Werder Kirche in Berlin;
M Marie Eleonore Henriette Rouppert (
† 1795), aus Metzer Geschlecht;
⚭ 1) 1776 Caroline Repper, 2) Henriette,
T des Kochs Daniel Koeppen; aus 1) 1
S, aus 2) 1
S, 2 T.
Leben ↑
Achard, der Physik und Chemie studierte, wurde 1776 Kollaborator des Akademie-Direktors Andreas Sigismund Marggraf, der 1747 als erster Zucker aus der Runkelrübe mittels Ausscheidung durch Alkohol dargestellt hatte. Seit 1780 befaßte sich Achard auf Anregung Friedrichs des Großen mit der Verbesserung der inländischen Tabakkultur. Wegen der auf diesem Gebiete erzielten Erfolge erhielt Achard vom König eine lebenslängliche Pension von 500 Talern jährlich. Nach Marggrafs Tod wurde Achard 1782 als dessen Nachfolger Direktor der physikalischen Klasse der Akademie der Wissenschaften in Berlin, beschäftigte sich mit Galvanismus, Experimentalphysik und Elektrizität, baute einen optischen Tele
|graphen, der seine praktische Erprobung vorzüglich bestand, und befaßte sich seit 1784 auf seinem Gute Kaulsdorf bei Berlin und später in Französisch-Buchholtz im Sinne der Ideen seines Lehrers mit der Züchtung möglichst zuckerhaltiger Runkelrüben. Nach Entdeckung eines brauchbaren Verfahrens zur industriellen Gewinnung des Rübenzuckers wandte er sich am 11.1.1799 in einer Immediateingabe an König Friedrich Wilhelm III., der den „unschätzbaren Wert“ der Erfindung erkannte, in einer Order vom 15.1.1799 in allen Provinzen mit Zuckersiedereien Versuche im großen mit dem Bau der Runkelrübe und der Bereitung des Zuckers anordnete und Achard ein Hypothekardarlehen von 50 000 Talern zum Erwerb des Gutes Kunern einräumte. Dort entstand 1801 unter Achards Leitung die erste deutsche Rübenzuckerfabrik, die einige Jahre in Betrieb stand, bis sie am 21.3.1807 abbrannte. 1810 wurde die auf dem Gute eingetragene Darlehenshypothek als Zeichen der äußeren Anerkennung für Achards erfolgreiches Wirken gelöscht, Friedrich Wilhelm III. verpflichtete jedoch Achard zur Umwandlung seiner Fabrik in eine Lehranstalt, in der dieser von 1812-14 an zahlreiche Eleven Unterricht in seiner Methode zur Herstellung des Rübenzuckers erteilte. Wegen körperlicher Gebrechlichkeit mußte er dann den Lehrbetrieb aufgeben. Achard starb in vollem Vertrauen auf den endgültigen Sieg seiner Entdeckung, aber von aller Welt vergessen. Welche Bedeutung den wissenschaftlichen und praktischen Arbeiten Achards auch weltwirtschaftlich zukommt, erhellt schon daraus, daß ihm 1800 und 1802 von Seiten anonymer Kontinentalraffinerien, hinter denen die englischen Kolonialzuckerinteressen steckten, zweimal hohe Geldsummen (50 000 und 200 000 Taler) angeboten wurden, um ihn zur Einstellung seiner Arbeiten zu bewegen, eine Zumutung, die Achard zurückwies. Auch in Frankreich ist Achard der geistige Urheber der Rübenzuckerindustrie. Zur Zeit der Napoleonischen Kontinentalsperre haben zahlreiche französische Chemiker, darunter Isnard, persönlich seinen Rat eingeholt. Der um das Wiedererwachen der europäischen Zuckerindustrie hochverdiente französische Fabrikant Crespel-Dellise (1789–1865) arbeitete seit 1809 nach der Methode Achards. Die Zuchterfahrungen Achards beim Anbau der Zuckerrüben sind bis heute noch nicht übertroffen, sein Verfahren der Rübenzuckergewinnung wurde wohl durch die moderne Technik verbessert, aber in seinen wesentlichen Grundzügen nicht verändert. Erst durch die europäische Rübenzuckerindustrie wurden die früher hohen Zuckerpreise gesenkt und der Zucker ein Volksnahrungsmittel. In den Vereinigten Staaten wurde die Rübenzuckerindustrie 1838 eingeführt und hatte seit 1870 Bestand, in Kanada besteht sie seit 1901, in England seit 1913. Überall ist Achard der letzte Urheber. In vollem Umfang wurden sein Werk und seine Bedeutung erst von der späten Nachwelt gewürdigt.
Werke ↑
u. a. Vorlesungen
üb. Experimentalphysik, 4
Bde., 1790–92; Die
europ. Zuckerfabrikation aus Runkelrüben in Verbindung mit d. Bereitung d. Branntweins, d. Rums, d. Essigs u. eines Kaffee-Surrogats aus ihren Abfällen, beschrieben u. mit Kupfern erläutert durch ihren Urheber F. C.
A., 1809,
21812;
s. a. ADB I.
Literatur ↑
ADB I;
O. Köhnke, Gesamtregister
üb. d. in d.
Schrr. d.
Ak. v. 1700-1899 erschienenen
wiss. Abhh. u. Festreden, 1900, S. 1-7, =
A. Harnack,
Gesch. d.
Kgl. preuß. Ak. d. Wiss.,
Bd. 3;
R. E. Grotkaß, F. C.
A.s Beziehungen
z. Auslande, Seine Anhänger u. Gegner, in: Centralbl. f. d. Zuckerind., 1929/30;
W. Stieda, F. K.
A. u. d. Frühzeit d.
dt. Zuckerind., 1928;
K. Groba, F. K.
A., in:
Schlesier d. 16. bis 19. Jh.s IV, 1931, S. 200-18
(P);
J. Baxa, Größe u. Tragik
A.s, in:
Festschr. 50 Jahre
Ver. dt. Zuckertechniker, 1941;
ders., in: Zucker, 1953,
Nr. 6
(L);
G. Tannenberg, F. K.
A., der Wegbereiter d. Rübenzuckers, 1943;
F. K.
A., in: Bildnisse berühmter
Mitgll. d.
dt. Ak. d. Wiss. Berlin, 1950, S. 9
(P);
A. Bartens, F. C.
A. u. d. Anfänge d. Rübenzuckerfabrikation in Cunern, in:
Ztschr. f. d. Zuckerind., 1952;
H. Hirschmüller, Die erste Kampagne in Cunern, ebenda, 1952.
Portraits ↑
Im
Mus. d. Französ. Doms Berlin; K. Stammer.
Lehrb. d. Zuckerfabrikation,
21887;
Jb. d.
Ges. f. d.
Gesch. u.
Lit. d. Landwirtschaft, 19, 1920, S. 18; Stich in:
Porträtslg. d.
Dt. Mus. München u.
v. F. W. Bollinger in:
Gr. Deutsche im Bild,
hrsg. v. A. Hentzen u. N.
v. Holst, 1937. S. 201.
Autor ↑
Jakob BaxaEmpfohlene Zitierweise ↑
Baxa, Jakob, „Achard, Franz Karl“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
27-28
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118643622.html
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Achard, Franz Karl
Leben
| Autor
| Zitierweise
Leben ↑
Achard: Franz Karl
A.
, Chemiker, berühmt als Begründer der
fabrikmäßigen Gewinnung von Zucker aus Runkelrüben, Sohn des
Genfer Mathematikers François
A.
, der als Oberjustizrath und Mitglied der Akademie in
Berlin lebte, wurde daselbst am 28. April
1753 geboren, † auf Cunern den 20.
April 1821. Schon mit 20 Jahren begann er seine
schriftstellerische Thätigkeit (vgl. Meusel, G. T.), welche eine
große Anzahl von Aufsätzen besonders in den Memoiren der Berliner
Akademie geliefert hat, deren physikalische Classe ihn 1782 zu
ihrem Director erwählte. Er behandelte höchst verschiedenartige
Gegenstände, Elektricität, Verdunstungskälte, Adhäsion,
Meteorologie, aber auch die Natur der fixen Luft, des Sauerstoffs,
die Eigenschaften der Legirungen, die Zusammensetzung der
Edelsteine etc. Die Bedeutung dieser Arbeiten steht hinter den
praktischen Leistungen Achard's zurück. Wenige Jahre nach Chappe's
Erfindung des optischen Telegraphen construirte er einen solchen
zwischen Spandau und Bellevue, der auf Pontonwagen beweglich und
leicht aufstellbar war und verfaßte ein telegraphisches Lexikon in
deutscher und französischer Sprache. Daß Chappe bereits 1792 der
französischen Nationalversammlung die Beschreibung seiner Maschine
einreichte und 1793 den Auftrag zur Errichtung der ersten Linie
erhielt, während Achard's Arbeiten aus dem Jahre 1794 datiren, ist
für die Prioritätsansprüche des Ersteren, deren Verkennung
vermuthlich ihn 1805 zum Selbstmord trieb, entscheidend. — Um so
unbestreitbarer sind die Verdienste Achard's um die
Zuckerindustrie. Auf seinem Gute Caulsdorff bei Berlin baute er
seit 1789 verschiedene zuckerhaltige Pflanzen, besonders auch
Runkelrüben, deren Zuckergehalt Marggraf 1747 entdeckt hatte.
Wegen ihrer Ausgiebigkeit und der verhältnißmäßigen Leichtigkeit
ihrer Verarbeitung zog
A.
sie den übrigen einheimischen Gewächsen vor. Das
zweite Jahr seiner Versuche gab
|ihm eine geringere
Ausbeute an Zucker als das erste und führte so zu entscheidenden
Untersuchungen über Rübenspecies und Einfluß des Düngers. Brand
seiner Gebäude und Verkauf seines Gutes unterbrach die Arbeiten,
die erst mehrere Jahre darauf, nach Ankauf des Gutes
Französisch-Buchholz bei Berlin wieder aufgenommen wurden. Häufig
traten der Ausführung im Großen Schwierigkeiten entgegen, die im
Kleinen verborgen geblieben waren. Im J. 1796 wurde deshalb auf
seinem Gute Cunern in Schlesien mit königlicher Unterstützung eine
Fabrik errichtet: nach weiteren 6jährigen Mühen der Schauplatz
seiner endlichen Erfolge. Die wesentlichsten Züge der betreffenden
Industrie, was die Gewinnung des Zuckers und die Verwerthung der
Rückstände anlangt, sind dieselben geblieben, welche
A.
damals festgestellt hat. Seine Methoden
veröffentlichte er in verschiedenen Schriften: "Anleitung zur
Bereitung des Rohzuckers aus Rüben", Berl. 1800; "Kurze Geschichte
der Beweise der Ausführbarkeit im Großen der Zuckerfabrication aus
Runkelrüben", ebenda 1800; "Anleitung zum Anbau der Runkelrüben",
Breslau 1803; "Ueber den Einfluß der Runkelrübenzuckerfabrication
auf die Oeconomie", Glogau 1805, und besonders in seinem auch
biographisch werthvollen Hauptwerke: "Die Europäische
Zuckerfabrication aus Runkelrüben", neue Auflage, Leipz. 1812. Die
Regierung unterwarf Achard's Fabrication genauer Prüfung. Es wurde
auf Cunern eine Lehranstalt errichte. Nathusius und Frhr. von
Koppy waren Achard's erste Schüler und errichteten auf
Neuhaldensleben und auf Krain bei Strehlen größere Fabriken. Um
1802 finden sich solche in Böhmen, bald nachher in Augsburg und
seit 1811 durch Unterstützung der Regierung, während zuerst eine
Commission des Instituts sich zu Ungunsten der Erfindung
ausgesprochen hatte, auch in Frankreich. Hier durch Geldprämien
der Regierung und die Continentalsperre unterstützt gewann diese
Industrie anhaltenden Aufschwung, während sie in Deutschland eine
Zeit lang erlahmte und erst seit 1830 wieder zu kräftigem Leben
gelangte. Daß englische Colonialzuckerfabrikanten
A.
im Anfang seiner Thätigkeit große Summen (bis 200,000
Thaler) boten, wenn er erklären wolle, daß ihn sein Enthusiasmus
zu weit geführt und die Erfahrung im Großen das Nichtige der
Versuche im Kleinen klar bewiesen hätten, erwähnt Louis Napoleon
Bonaparte, aus dessen Schriften diese für die Festigkeit von
Achard's Charakter und sein Selbstvertrauen bezeichnende Angabe
von Scheibler citirt wird (Zeitschr. des Vereins für
Runkelrübenzuckerindustrie 1867 S. 305)
Autor ↑
Oppenheim.
Empfohlene Zitierweise ↑
Oppenheim, Alphons, „Achard, Franz Karl“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
27-28
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118643622.html?anchor=adb