<< Amsberg, August Philipp Christian Theodor von
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Amsdorf, Nikolaus von
lutherischer Theologe,
* 3.12.1483 Torgau,
† 14.5.1565 Eisenach.
Genealogie
| Leben
| Werke
| Literatur
| Portraits
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Georg von Amsdorf, Amtmann in Mühlberg;
M Katharina,
Schw des Johann von Staupitz;
Gvv Hieronymus von Amsdorf, Oberkanzleischreiber Herzog Friedrichs von Sachsen, Vogt in Torgau; unverheiratet.
Leben ↑
Amsdorf war 1502 einer der ersten Inscribierten an der Universität Wittenberg, 1502 Magister, 1511 Licenciat der Theologie und Kanonikus am Allerheiligenstift daselbst. Er schloß sich 1516 nach der Disputation des Bartholomäus Berhardi aus Feldkirchen, mit der Luther erstmalig mit seiner neuen Theologie hervortrat, diesem an, begleitete ihn 1519 zur Disputation nach Leipzig, 1521 auf den Reichstag nach Worms und war Mitarbeiter an der Bibelübersetzung. 1524 von Luther zur Einführung der Reformation nach Magdeburg entsandt, bewährte er sich in durch Jahre sich hinziehenden Auseinandersetzungen mit Altgläubigen und Sektierern (Melchior Hoffmann) als religiöse Führerpersönlichkeit wie als Organisator. Sein Einfluß erstreckte sich weithin, in Goslar, Braunschweig-Grubenhagen, im Herzogtum Sachsen wurde er bei Durchführung der Reformation gehört. An den Religionsgesprächen in Hagenau, Worms und Regensburg nahm er teil, bestrebt, jedem Zugeständnis nach Kräften und nicht ohne Schroffheit zu wehren. 1542 wurde er durch Druck des Kurfürsten Johann Friedrich gegen den vom Kapitel gewählten, der erasmischen Reformpartei nahestehenden Julius von Pflug Bischof von Naumburg, aber die Gegnerschaft des meißnischen und Naumburger Stiftsadels, der die Kränkung des einer seiner ältesten Familien angehörenden Pflug nicht vergessen konnte, blieb für ihn eine schwere Belastung. Im Schmalkaldischen Krieg aus seinem Bistum vertrieben, ging er nach Weimar, und nun beginnt die letzte Phase seines Lebens, die des Kampfes für das reine, wahre Luthertum. Hatte er schon vordem jede Nachgiebigkeit bekämpft (so die Vermittlungsbestrebungen Bucers, während ihm Melanchton wegen seiner Lehrabweichungen verdächtig war), so trat er jetzt mit seiner ganzen Kraft und Leidenschaft jedem Versuch der Abschwächung und Verfälschung der Lehre Luthers entgegen. Zu dem Zweck betrieb er die Gründung der Universität Jena und veranstaltete die Jenaer Ausgabe der Werke Luthers. In der Zeit der größten Machtentfaltung Kaiser Karls V. wich er nach Magdeburg, erhielt Ende 1550 eine Versorgung in Thüringen und nahm seinen Wohnsitz für den Rest seines Lebens in Eisenach. Er war jetzt einer der Führer des strengen Luthertums, doch ohne den Meister an Weite des Gesichtskreises und Tiefe der religiösen Erfahrung zu erreichen. In zahlreichen Schriften kämpfte er für die Reinerhaltung der Lehre, er stritt gegen das Interim und gegen Osiander, mit besonderer Schärfe aber gegen die Erweichungen des streng lutherischen Standpunktes durch die Philippisten im adiaphoristischen und synergistischen Streit gegen Georg Major; in der Auseinandersetzung mit Justus Menius verstieg er sich sogar zu der Behauptung, die guten Werke seien schädlich zur Erlangung des Seelenheils. Der in seiner Natur liegende Zwang, schroff an den mit eiserner Konsequenz gezogenen äußersten Folgerungen festzuhalten, führte ihn zu jener Kanonisierung der Theologie des späteren Luther, die von der Orthodoxie übernommen wurde und ihr den Geist starrer, enger Unduldsamkeit aufprägte.
Werke ↑
in: E. J. Meier, Das Leben d. Altväter d.
luth. Kirche,
hrsg. v. M. Meurer, 3
Bde., 1863; Gutachten d. N.
v. A., einen Streit
üb. d. Seligkeit d. ungetauft gestorbenen Kinder betreffend,
hrsg. v. H. Nebelsiek, in:
Ztschr. d.
Ver. f.
Kirchengesch. d.
Prov. Sachsen u. d. Freistaats Anhalt,
Jg. 27, 1931, S. 59-63; Ausgewählte
Schrr.,
eingel. u.
hrsg. v. O. Lerche, 1938.
Literatur ↑
ADB I;
M. Hoffmann, Das N.
A., der Magdeburger
Pastor, ein lugenhafter, falscher nasengeist sey, offentlich bewiesen, Kiel 1528, neu
hrsg. v. G. Ficker, in:
Schrr. d.
Ver. f. schleswigholstein.
Kirchengesch., Sonderh. 4, 1926;
Th. Pressel, N.
v. A., 1862
(zahlreiche Auszüge aus A.s Schrr.);
P. C. Fischer, Nikolaus d'Amsdorf,
Diss. Straßburg 1863;
W. Friedensburg,
Gesch. d.
Univ. Wittenberg, 1917;
O. H. Nebe, Reine Lehre, Zur
Theol. d. N.
v. A., 1935;
O. Lerche,
A. u. Melanchthon, 1937;
H. Stille, N.
v. A.s Leben bis
z. seiner Einweisung als Bischof
v. Naumburg 1483-1542,
Diss. Leipzig 1937;
Schottenloher I;
RGG.
Portraits ↑
Kupf. v. unbek. Künstler, Halle (
Hauptbibl. d. Franckeschen Stiftungen).
Autor ↑
Hermann WendorfEmpfohlene Zitierweise ↑
Wendorf, Hermann, „Amsdorf, Nikolaus von“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
261
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118645056.html
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Amsdorf, Nicolaus von
Leben
| Autor
| Zitierweise
Leben ↑
Amsdorf: Nicolaus v.
A.
, geb. 3. Dec. 1483
wahrscheinlich zu Torgau, nicht in Großzschepa bei Wurzen, das
sein Vater Georg erst 1503 erwarb, † 1561.
A.
entstammte einem alten Adelsgeschlechte, das, früher
im Mansfeldischen begütert und nach einem Dorfe bei Eisleben
benannt, sich im 15. Jahrhundert ins Meißnische gewendet hatte.
Mütterlicherseits war er mit Joh. von Staupitz verwandt, dessen
Einflusse es vielleicht zuzuschreiben ist, daß er gegen die
Gewohnheit des damaligen Adels sich für den geistlichen Stand
entschied. Zu Leipzig vorgebildet, bezog er 1502 die neueröffnete
Universität Wittenberg, wurde daselbst 1504 Magister, 1507, in
welchem Jahre ihm der Kurfürst ein Canonicat an dem mit der
Universität verbundenen Allerheiligenstift übertrug, Baccalaureus,
1511 Licentiat der Theologie und hielt als solcher theologische
und philosophische Vorlesungen. Schon vor den 95 Thesen nahm er
Luthers reformatorische Ideen in sich auf und blieb von da an
dessen unerschütterlichster Anhänger und rüstigster Mitarbeiter.
Ihm widmete Luther seine Schrift "An den christlichen Adel
deutscher Nation"; er war Luthers Begleiter wie zur Disputation
nach Leipzig so zum Reichstage nach Worms, er war auch Zeuge
seiner Entführung und einer der wenigen Mitwisser um das Geheimniß
derselben, bei ihm wohnte Luiher während seiner heimlichen
Anwesenheit in Wittenberg 1521, er vertrat diesen auch als
Prediger in der Pfarrkirche. Als Mitverfasser des vom Kurfürsten
der Universität abgeforderten Gutachtens billigte er die
Abschassung der Messe von Seiten der Augustiner und rieth dieselbe
in den übrigen Kirchen nachzuahmen, vermochte jedoch dem Unwesen
der aus Zwickau herbeigezogenen Schwarmgeister nicht Einhalt zu
thun. Im J. 1524 auf Luthers Empfehlung zum Superintendenten und
Pfarrer an der Ulrichskirche nach Magdeburg berufen, ordnete er
hier das Kirchenwesen nach dem Vorbilde Wittenbergs, sowol dem
Widerstande des anfangs noch römisch gesinnten Magistrats und der
Domgeistlichkeit, unter letzterer besonders Cubito's und
Valentin's, als auch den Angriffen anderer Papisten und der
Sectierer im eigenen Lager furchtlos die Stirn bietend, mitunter
selbst sie mit übereifriger Heftigkeit bekämpfend. Gleiche Energie
bewährte er in Goslar, wo er 1528 ebenfalls die Reformation
einführte und bei einer zweiten Anwesenheit durch Feststellung
einer Kirchenordnung dauernd begründete. Zu dem nämlichen Zwecke
berief ihn 1534 Herzog Philipp von Grubenhagen nach Eimbeck und
1539 auf Wunsch Heinrichs des Frommen der Kurfürst Johann
Friedrich nach Meißen, wo er im Dom den evangelischen Gottesdienst
einrichtete.
Von allen Mitarbeitern am Werke der Reformation stand kaum
einer Luthers Herzen näher als
A.
, mit dem ihn eine auf die innigste Uebereinstimmung
des Charakters gegründete Freundschaft verband. "Mein Geist ruhet
aus in meinem Amsdorf", sagte Luther; er gehörte zu des
Reformators vertrautesten Hausfreunden, ihn vor allen zog derselbe
um seines frommen Sinnes, seines
|treuen, aufrichtigen
und beständigen Herzens und seines scharfen Judiciums willen in
schwierigen Fällen zu Rathe. Dafür vergalt ihm
A.
mit unbegrenzter Hingebung und nimmer wankender Treue.
An Kühnheit und Unerschütterlichkeit des Glaubensmuthes, an
eiserner Unbeugsamkeit des Willens, an Aufrichtigkeit und
Geradheit des Wesens, auch an Tiefe des Gebetseifers steht er
Luthern nicht unebenbürtig zur Seite, zu dessen transcendentalem
Mysticismus sein Scholasticismus, seine dialektische Gewandtheit
gewissermaßen eine Ergänzung bildete. Einen Theologen von Natur"
nennnt ihn deshalb Luther und Myconius rühmt ihn als einen Mann,
mächtig im Wort und in der Lehre. Dagegen ging ihm für die Poesie
und den Humanismus jedes Verständniß ab, ebenso fehlte ihm, der in
freiwilligem Cölibat lebend nie die sänftigende Macht des
Familienlebens an sich erfahren hatte, das Herzgewinnende, das
Luther in so hohem Maße besaß. Er stieß durch Rauheit und finstere
Strenge ab, seine herrische Unduldsamkeit machte ihn zum grimmigen
Widersacher nicht bloß des römischen Antichrists sondern jedes
Andersdenkenden und zum eigensinnigsten, starresten Verfechter der
ihm allein für rein geltenden lutherischen Lehre. Nicht ohne Grund
fürchtete daher Melanchthon Amsdorf's Einfluß auf Luther, der sich
durch ihn in seiner einseitigen Auffassung bestärken ließ.
A.
war es auch, der 1534 Luthers Streit mit Erasmus aufs
neue anschürte. Dem milden Melanchthon entfremdete er sich mehr
und mehr, verwarf dessen Visitationsbüchlein, besonders aber wich
er in der Lehre von den guten Werken und vom Abendmahl von ihm ab.
Alle Vermittelungsversuche mit den Zwinglianern waren ihm ein
Greuel, daher er über das Fehlschlagen des Marburger Gesprächs
frohlockte; er verwarf die Unterscheidung zwischen buchstäblichem
und geistigem Sinne, erklärte sich entschieden gegen die
Straßburger, Bucer und Seb. Frank und und war mit der Wittenberger
Concordia (1536) sehr unzufrieden. Auf dem Convent zu
Schmalkalden, dem er als Vertreter Magdeburgs beiwohnte, verfocht
er, nachdem er bereits an den Berathungen über die von Luther
gestellten Artikel Theil genommen, den Genuß des Sacraments durch
die Ungläubigen mit äußerster Hartnäckigkeit, war bei den
Verhandlungen in Hagenau, in Worms, in Eisenach, wo er sich sehr
scharf gegen die Doppelehe des Landgrafen Philipp aussprach, und
trug wesentlich zu dem Scheitern des Regensburger
Religionsgesprächs bei, zu dem ihn der Kurfürst ausdrücklich
geschickt hatte, um darüber zu wachen, daß man der reinen Lehre
nichts vergebe. Bald jedoch sah sich
A.
zu einer wichtigeren Stellung berufen. Als nämlich das
Bisthum Naumburg-Zeitz durch den Tod des Bischofs Philipp erledigt
worden war, ernannte Kurfürst Johann Friedrich, unter Verwerfung
des vom Capitel gewählten Dompropstes Julius v. Pflugk, kraft der
von ihm beanspruchten landesherrlichen Befugniß
A.
zum Bischof, den für diese Würde außer anderen
Eigenschaften die von den Statuten des Stifts geforderte adelige
Geburt empfahl. Ungern ließen die Magdeburger ihn ziehen. Ungern
folgte
A.
dem Rufe. Am 20. Jan. 1542 wurde er in Gegenwart des
Kurfürsten und einer großen Menge Volkes von Luther feierlich als
der erste evangelische Bischof ordinirt. Freilich bestand sein
Gehalt nur in 600 Fl. nebst freier Tafel und Holzfuhre, so daß
Luther nicht mit Unrecht meinte,
A.
sei aus einem reichen Pfarrherrn ein armer Bischof
geworden, und da der Kurfürst die weltliche Verwaltung des Stifts
selber an sich nahm und durch einen eignen Stiftshauptmann, Melch.
v. Kreutzen, führen ließ, so stellte er auch nur einen geistlichen
Würdenträger ohne weltliche Regierungsrechte vor. Dadurch gerieth
er von vorn herein zu dem Kurfürsten, der ihm auch das Prädicat
"von Gottes Gnaden" nicht zugestehen wollte, in eine schiefe
Stellung, mit dem habsüchtigen Stiftshauptmann aber, ferner mit
dem Naumburger Superintendenten Medler in Mißhelligkeiten, so daß
es mehr als einmal Luthers
|Zuspruch bedurfte, um
seine Sehnsucht zurück nach Magdeburg zu dämpfen und seinen Muth
aufzurichten. Denn auch die von ihm mit allem Eifer begonnene
Reformation des Stifts stieß bei dem Capitel und einem großen
Theile des zu Pflugk haltenden Stiftsadels auf Widerstand und
selbst von seiten des Hofes sah er sich hierbei nicht so wie er
gehofft hatte, unterstützt: das Visitationswerk namentlich konnte
erst 1545 begonnen und in Folge der Widerspänstigkeit der
Ritterschaft nicht überall durchgeführt werden.
Diese eigennützige und der Reichsverfassung zuwiderlaufende
Besetzung des Naumburger Bisthums durch den Kurfürsten wurde eine
der hauptsächlichsten Veranlassungen zum schmalkaldischen Kriege.
A.
, der schon seit dem Beginne der Reformation die
Ansicht vertreten hatte, daß ein christlicher Fürst im Nothfall um
des Evangeliums willen Krieg führen dürfe, war durchaus
kriegerisch gestimmt. Nicht zufrieden, den Kurfürsten in Schrift
und Wort gegen die Anklage des Ungehorsams und der Rebellion zu
vertheidigen und die Stiftskleinodien nebst den wichtigsten
Documenten nach Weimar, wohin ihn der Kurfürst zu Gemahlin und
Söhnen berufen hatte, in Sicherheit zu bringen, bot er sogar die
Stiftsunterthanen gegen Herzog Moritz auf, ohne dadurch verhindern
zu können, daß dieser das Stift mit leichter Mühe in Besitz nahm
und Pflugk als rechtmäßigen Bischof in dasselbe einführte.
A.
wendete sich auf den Grimmenstein nach Gotha, kehrte
zwar, als sein Gegner vor dem heimkehrenden Kurfürsten entweichen
mußte, noch einmal nach Zeitz zurück, mußte aber nach der Schlacht
bei Mühlberg eiligst wieder fliehen, diesmal um sein Bisthum nie
wiederzusehen. Trotzdem blieb er ungebrochenen Muthes; noch
während der Belagerung von Wittenberg ließ er eine Schrift
ausgehen. "Daß der Papst der rechte Antichrist ist". Zwei Jahre
verweilte er als exul Christi in Weimar,
von der Kurfürstin und den jungen Herzögen hoch geehrt. Der
gefangene Kurfürst wendete sich oft an ihn um Rath und erhielt von
ihm bald Trost, bald ernstliche Ermahnung zur Beständigkeit, daß
er ja nicht in das Concil einwillige. Auch bei Gründung der
Universität Jena wurde er fleißig zu Rathe gezogen und, obgleich
er selbst nie an ihr gelehrt hat, wurde dieselbe durch seinen
Einfluß je länger je mehr eine Veste des strengen Lutherthums,
gegenüber dem in Wittenberg dominirenden Philippismus. Gegen das
Interim sprach er sich in mehreren Schriften mit solcher
Heftigkeit aus, daß der Kurfürst selbst ihm rieth, er möge, um den
Kaiser nicht noch mehr aufzubringen, lieber weg und nach Magdeburg
ziehen. Hauptsächlich durch ihn wurde seitdem diese Stadt der
Mittelpunkt alles Widerstandes gegen das Interim, der Herd aller
Angriffe gegen die Anhänger desselben sowie gegen die
Adiaphoristen in Wittenberg und im Meißnischen. Nicht minder fiel
er über Osiander wegen dessen Rechtfertigungslehre her. Er sah die
Zeit Daniels und der Apokalypse angebrochen. Nach der Uebergabe
von Magdeburg bot der gefangene Johann Friedrich dem verehrten
Manne aufs neue ein Asyl.
A.
wählte Eisenach, dort lebte er mit einem Gnadengehalte
von 200, später 300 Fl. und Naturalverpflegung ohne bestimmtes Amt
aber als oberster geistlicher Rathgeber und Leiter des
Kirchenwesens in den ernestinischen Landen. Hier ward ihm die
unbeschreibliche Freude zu Theil, seinen aus der Gefangenschaft
heimkehrenden Herrn zu empfangen und einzuholen, das Jahr darauf
berief ihn der Kurfürst an sein Sterbebett; am 5. März hielt ihm
A.
die Leichenpredigt. Selbst über das Grab hinaus
vertheidigte er seinen lieben Herrn gegen die Verunglimpfungen der
Meißner.
Auch bei den jungen Herzögen genoß er nicht geringeres Ansehen
als bei ihrem Vater, ihm selbst galt es als Gewissenspflicht, sie
trefflich zu berathen und geistlich zu leiten. Die strengen
Lutheraner verehrten ihn als einen andern Luther, als den Elisa,
den Elias zurückgelassen. Auf seinen Betrieb wurde
|Matth. Flacius als eine neue Säule der Orthodoxie nach
Jena berufen, unter seinen Auspicien wurde, ebenfalls im Gegensatz
zu den Wittenbergern, die Jenaer Ausgabe von Luthers Werken
1555—1558 veranstaltet, die er mit einer Vorrede versah. Selbst
das hohe Alter vermochte seine Arbeitskraft kaum zu vermindern,
seine Strenge nicht zu mildern. Während der 1554 im ernestinischen
Sachsen unternommenen Visitation gerieth er mit dem Gothaer
Superintendenten J. Menius in einen heftigen Streit über G.
Major's
Lehre von der Nothwendigkeit der guten Werke, die
A.
nicht als zur Seligkeit sondern nur als Früchte der
Seligkeit und Gerechtigkeit von nöthen anerkennen wollte. Auch in
der Vorrede zu Luthers Werken erklärte er jene Lehre "für die
erste und letzte, auch die ärgste und schädlichste Ketzerei, so je
auf Erden kommen", bewirkte durch seine Denunciation des Menius
Entsetzung und ließ sich sogar von dem Zorn über die demselben von
den eigenen Parteigenossen gemachten Zugeständnisse zu der mehr
noch dem Ausdruck als dem Sinne nach verfehlten Behauptung
hinreißen, daß gute Werke zur Seligkeit schädlich seien. Doch
söhnte er sich bald wieder mit den Orthodoxen aus, um im Verein
mit ihnen aufs neue die philippistische Richtung zu bekämpfen,
trieb dieselben von Weimar aus auf dem Wormser Colloquium 1557 zum
völligen Bruch mit Melanchthon, bestimmte den Herzog zur
Verwerfung des von letzterem in versöhnlichem Sinne verfaßten
Frankfurter Recesses, bekämpfte denselben im Auftrage des Herzogs
in einer eigenen Recusationsschrift, stellte dem Synergismus des
Leipziger Superintendenten Pfeffinger die Behauptung von der
gänzlichen Unfreiheit des menschlichen Willens, also von der
unbedingten Prädestination entgegen und begrüßte die Verdammung
von neun der gefährlichsten Irrthümer durch das Weimarer
Confutationsbuch mit lauter Freude, stellte sich auch in dem
darüber zwischen Flacius und Strigel entbrannten Streite
entschieden auf die Seite des ersteren. Trotzdem billigte er nicht
in allen Stücken das zelotische und hierarchische Gebahren der
Flacianer, daher es auch geschehen konnte, daß durch den
plötzlichen Sturz derselben im J. 1561 seine eigene Stellung zum
Herzog Johann Friedrich dem Mittleren nicht berührt wurde, daß er
sogar noch gegen das Ende seines Lebens von den Eiferern bitter
gelästert wurde, weil er in einem zu Magdeburg durch den
zelotischen Superintendenten Heßhus mit dem Magistrate
angezettelten Streite für den letzteren Partei ergriffen hatte.
Lebenssatt starb er 14. Mai 1565 und wurde auf Befehl des Herzogs
mit allen bischöflichen Ehren in der St. Georgskirche zu Eisenach
begraben. Die erste gründliche Darstellung seines Lebens, zugleich
mit einer Uebersicht seiner äußerst zahlreichen, meist polemischen
Schriften sowie der ihn betreffenden Litteratur hat E. J. Meier
gegeben in: "Das Leben der Altväter der lutherischen Kirche",
herausgeg. von
M. Meurer, 3. Bd. 1863.
Autor ↑
Flathe.
Empfohlene Zitierweise ↑
Flathe, Heinrich Theodor, „Amsdorf, Nicolaus von“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
412-415
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118645056.html?anchor=adb