<< Schneider, Hans Ernst
Schneider, Carl Samuel >>
Schneider, Hermann
Germanist,
* 12.8.1886 Zweibrücken (Pfalz),
† 9.4.1961 Tübingen,
⚰ Tübingen, Bergfriedhof. (evangelisch)
Genealogie
| Leben
| Auszeichnungen
| Werke
| Literatur
| Nachlass
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Heinrich
Rr. v. S. (1851-1914), aus Landau,
Dr. iur.,
Präs. d. Oberlandesger. Nürnberg, seit 1905
Vertr. Bayerns im
BR in Berlin (s.
Schärl),
S d. Georg Friedrich, Gastwirt in Landau;
M Auguste,
T d. Friedrich August Mahla (1829–1913),
Untern.;
⚭ 1914 Johanna (
* 1890),
T d. Friedrich Küstner (1856–1936),
o. Prof. d. Astronomie in Bonn, Entdecker d. Polhöhenschwankung (s.
NDB 13), u. d. ; 1
S Wolfdietrich (
* 1923).
Leben ↑
Nach dem Besuch des Maximiliansgymnasiums in München 1895-1904 studierte
S. seit 1905
German. u. Roman. Philologie in Berlin, wo er 1909 mit einer Arbeit über „Friedrich Halm und das
span. Drama“ (
gedr. 1909) bei Erich Schmidt (1853–1913) zum
Dr. phil. promoviert wurde. Im Anschluß an die Habilitation 1912 (Die Gedichte u. d. Sage
v. Wolfdietrich, 1913) wurde er Privatdozent, 1914
ao. Professor in Bonn und 1915 in Berlin. 1921 übernahm er die
o. Professur für
Dt. Sprache und Literatur in Tübingen (erster Nachkriegsrektor 1945,
em. 1954); daneben war er 1943/44 Professor an der
Univ. Bukarest.
S.s Einbindung in die großbürgerliche, großstädtische Bildungswelt von frühester Kindheit an begründete die außerordentliche Vielseitigkeit der wissenschaftlichen Interessen, aber auch deren zeitgebundene Begrenztheit. Schon auf die Münchner Schulzeit gehen
S.s Vorliebe für Theater und Musik und seine Verehrung Richard Wagners zurück. Dem bildungsbürgerlichen Erbe zuzurechnen ist seine Vorstellung, daß Dichtung vornehmlich individuell gestaltete, geformte Dichtung sei – eine Vorstellung, in der er sich mit Andreas Heusler (1865–1940) traf, der in Berlin neben Gustav Roethe (1859–1926) und Erich Schmidt einer seiner Lehrer war. Dessen Formel „Heldensage ist Heldendichtung“ machte
S. zur Grundlage seiner „
German. Heldensage“ (3
Bde., 1928–34,
Bd. 1:
21962).
S. berücksichtigte zwar die sozialen Hintergründe – so schon im Titel seiner alt- und mittelhochdt. Literaturgeschichte „Heldendichtung, Geistlichendichtung, Ritterdichtung“ (1925,
21943) -, bestand aber auf der Eigengesetzlichkeit der literarischen Entwicklung und bezog dazu aus der Berliner Wilhelm-Scherer-Tradition die These von den periodisch wiederkehrenden „Blütezeiten“: Heldenlied um 600, mittelhochdt. Dichtung um 1200, Klassik um 1800. Diese biologistische Betrachtungsweise vom Blühen und Altern der Literatur brachte ihn in die Nähe der „Bauhüttenphilosophie“ Erwin Guido Kolbenheyers (1878–1962), zu der er sich noch in seiner Rektoratsrede 1946 bekannte.
S. gilt als einer der letzten, die „Hausrecht“ im gesamten Fach der Germanistik hatten: Seine Themen reichen vom
german. Mythos über Eddalieder, Wolframs Parzival und Gottfrieds Tristan, Schiller und Unland bis hin zu Ibsen und Hamsun. In alledem war
S. allerdings weniger ein Neuerer als ein Fortsetzer. Auch der Versuch 1955, das „Heldensagen“-Konzept auf neue Grundlagen zu stellen und die ungeformte Volksüberlieferung
|einzubeziehen, war nicht mehr als der Anschluß an eine seinerzeit populäre Forschungstendenz.
S. wird als akademischer Lehrer von faszinierender Brillanz beschrieben. Das prädestinierte ihn zum öffentlichen Wirken. Trotz seiner kulturpolitischen Aktivitäten durch Vortragsreisen ins Ausland und durch die Bukarester Professur stand
S. allerdings dem
NS-Regime reservierter gegenüber, als es den Anschein hat. Der Vorwurf,
S. habe den Wahlaufruf „Bekenntnis der Professoren […] zu Adolf Hitler“ 1933 unterzeichnet, ist falsch. Die von
S. 1938 herausgegebene „
German. Altertumskunde“ konnte 1951 unverändert nachgedruckt werden. Unter
S.s Schülern sind zu nennen Heinz Otto Burger, Hugo Kuhn, Lutz Röhrich und sein Lehrstuhlnachfolger Wolfgang Mohr.
Auszeichnungen ↑
korr. Mitgl. d.
Bayer. Ak d.
Wiss. (1936, zugleich Leiter d.
Abt. Ältere
dt. Sprache u.
Lit.), d.
Kgl. Wiss.- u. Lit.gemeinschaft, Göteborg (1949) u. d.
Ak. d. Wiss. u. d.
Lit., Mainz (1949);
Ehrenmitgl. d. Modern Language Association (seit 1952).
Werke ↑
Weitere W
Stud. zu Heinrich
v. Kleist, 1915;
Uhland, Leben, Dichtung,
Forsch., 1920 (
Nachdr. 1967);
Schiller, Werk u. Erbe, 1934;
Das
german. Epos, 1936;
Über d. ältesten Götterlieder d. Germanen, 1936;
Die Götter d. Germanen, 1938;
Epochen d.
dt. Lit., 1946,
21949;
Gesch. d.
norweg. u. Isländ.
Lit., 1948;
Eine Uredda, 1948;
Urfaust?, Eine
Stud., 1949;
Gesch. d.
dt. Dichtung, 2
Bde., 1949/50;
Kleinere
Schrr. z. german. Heldensage u.
Lit. d.
MA,
hg. v. K. H. Halbach u. W. Mohr, 1962
(Biogr. v. W. Mohr, S. 271-76;
Bibliogr.
v. G. Schweikle, S. 277-91);
–
Hg.: Bibl. d.
Lit. Ver. in Stuttgart (seit 1922);
Tübinger Germanist.
Arbb. (1926–34); Schiller-Nat.ausg. (1943–58,
Mithg.);|Nachlass ↑
Nachlaß: Univ.-archiv Tübingen;
Internat. Germanistenlex. (Qu. L).Literatur ↑
FS f. Paul Kluckhohn u. H.
S.,
hg. v. ihren Tübinger Schülern, 1948;
W J. Siedler, in:
FAZ v. 12.4.1961;
H. Kuhn, in:
Jb. d.
Bayer. Ak. d. Wiss. 1961. S. 182-87
(P);
H. Moser, in:
ZDP 80, 1961, S. 425-28;
K. Wagner, in:
Jb. d. Ak. d. Wiss. u. d.
Lit. 1961, S. 59-63
(P);
K.
v. See. H.
S. u. d.
NS, Mit e. Anhang: H.
S. im Briefwechsel mit Andreas Heusler, in:
ders. u. J. Zernack, Germanistik u.
Pol. in d. Zeit d.
NS, 2004, S. 9-106
(P);
Lex. Pfälzer;
Killy;
Kosch, Lit.-Lex.3;
Munzinger;
Internat. Germanistenlex. (W, L).Autor ↑
Klaus von SeeEmpfohlene Zitierweise ↑
See, Klaus von, „Schneider, Hermann“,
in: Neue Deutsche Biographie
23
(2007), S.
298-299
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118795260.html