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Bier, August

Chirurg, * 24.11.1861 Helsen (Waldeck), 12.3.1949 Sauen (Brandenburg). (evangelisch)


GenealogieLebenWerkeLiteraturPortraitsAutorZitierweise

Genealogie  
V Theodor (1325–98), Geometer und Schöpfer von Parkanlagen, S des Heinrich Wilhelm und der Marie Henr. Schoppaul; M Christiane (1822–97), T des Friedrich Wilhelm Becker und der Helene Christiane Sophie Rudolph; 1905 Anna, T des Sanitätsrats Viktor Esau und der Emmy Kompe; 2 S, 3 T.

Leben  
Bier erhielt eine humanistische Vorbildung in dem ländlichen Korbach in Waldeck. In der Berufswahl schwankte er zwischen Forstwissenschaft und Medizin. Er studierte Medizin in Berlin, Leipzig und Kiel. Dort machte er sein Staatsexamen und wurde promoviert (1886). Zwei Jahre später war er Assistent bei Friedrich Esmarch und habilitierte sich 1889 für Chirurgie. 1899 nahm er einen Ruf nach Greifswald an, 1903 nach Bonn, 1907 nach Berlin als Nachfolger Ernst von Bergmanns (bis 1932).
Bier war ein meisterhafter Operateur; er bereicherte die Chirurgie durch neue Methoden; er übte großen Einfluß auf die Ärzte durch seine naturphilosophischen Lehren.
Bereits in Kiel tauchte der Gedanke in ihm auf, daß man die Hyperämie als heilende Maßnahme gegen akute und chronische Entzündungen benützen könne. Für die physiologische Grundlage dieser Tatsache prägte er den Ausdruck „Blutgefühl“. Der zweite große Beitrag, den Bier der Chirurgie leistete, ist die Lumbalanästhesie, die Kokainisierung des Rückenmarks. Heinrich Quincke hatte schon 1891 den Lumbalstich gelehrt, Hanson Kelly Corning machte darauf aufmerksam, daß man ihn zur Anästhesierung großer Körpergebiete verwerten könne. Bier wagte es, diesen Eingriff, dessen Folgen nicht vorauszusehen waren, zuerst an sich selber ausführen zu lassen. Diese Tat und der bleibende Wert der Maßnahme gehören zu den Ruhmestiteln dieses Arztes. Es sei auch die Saugbehandlung erwähnt, eine einfache Maßnahme von großem Nutzen, durch die man z. B. Eiter aus dem Körper entfernen kann; sie geht auf Bier zurück. Andere Neuerungen des gedankenvollen Mannes konnten sich nicht behaupten. Der so genannten Bierschen Amputation, wobei die Sägefläche von Schienbein und Wadenbein durch einen aus ersterem entnommenen Periostteil bedeckt wird, und der Venaesthesie, d. i. der Füllung eines blutleer gemachten Gliedes mit dem Anästhetikum, sinnreichen Gedanken, stellten sich die Schwierigkeiten der Ausführung und unberechenbare Umstände entgegen. Ein theoretischer Beitrag zur Chirurgie waren seine Studien über den Kollateralkreislauf. Als chirurgische Leistung ist es auch zu werten, daß er den Stahlhelm erdachte, einen Schutz des Kopfes vor den vielen, oft geringfügig erscheinenden, aber später sich verhängnisvoll auswirkenden Verletzungen durch kleine Granatsplitter.
Bier führte die Naturphilosophie als Ordnungs- und Erkenntnismittel wieder in die Wissenschaft ein. Seine Philosophie trug ein ganz persönliches Gepräge, er richtete seinen Blick auf das Ganze der Natur. Beobachtungen - er pflanzte Pappeln auf seinem Gut in märkischen Sand - führten ihn zu der Erkenntnis, daß die Seele in der Biologie und Medizin mindestens die gleiche Rolle spiele wie in den Geisteswissenschaften. Bier meinte hier nicht die Seele als Trägerin des Bewußtseins, seine Überlegungen galten der Seele als der Dominante der Lebensvorgänge. „Seele ist Belebung.“ Ihre Grundeigenschaf |ten sind Reizbarkeit und Zielstrebigkeit. Diese teleologische Betrachtungsweise kündete sich schon in seinen wissenschaftlichen Anfängen an. Bier sprach nicht vom regulativen Prinzip oder von Ganzbezogenheit. Sein Ideal war Heraklit. In den spärlichen Fragmenten des alten Griechen erkannte er seine eigenen Gedanken wieder, nach dessen Wortschatz bildete er seine eigene Redeweise: Rhythmus, die regelmäßige Abfolge der Erscheinungen, Harmonie durch Gegensätze, offenbar die allseitige Betrachtung eines Gegenstandes, Logos, die Gesetzmäßigkeit und Vernünftigkeit im Naturgeschehen. Die Zergliederung des Einzelnen war nicht sein Ziel, der Arzt und Forstmann wollte in lebendiger Schau die großen Zusammenhänge erfassen. So hat er ein eigenartiges teleologisches System ausgebildet- Bier hielt Systeme für notwendig -, und er hat dem neovitalistischen Denken eine breite Gasse geöffnet in die medizinische Welt. Er sprach von seinem „heraklitischen Experiment“, aber auch von seinem hippokratischen Experiment. Die hippokratische Welle in der heutigen Medizin ist nicht von ihm verursacht worden, aber er hat ihre Kraft vermehrt. Natürlich ist für ihn Hippokrates ein Heraklitiker. Aus seinem „biologischen System“ wird verständlich sein Eintreten für Heilgymnastik, Leibesübungen und Sport. Er gründete Hohenlychen, sogar das ϒυμνάΖειν der Griechen befürwortete er. - Bier war ein sehr beliebter Lehrer, bekannt durch seine Kernsprüche aus verdichteter Erfahrung. Ein Außenseiter unter Ärzten und Philosophen, ist er eine scharf umrissene Gestalt.

Werke  
u. a. Hyperämie als Heilmittel, 1903, 61907; Gedanken eines Arztes üb. Medizin, in: Münchner Med. Wschr., 1926–28; Die Seele, 1939, 111951; Das Leben, 1951.

Literatur  
K. Vogeler, A. B., 1941 (vollst. W-Verz., P); L. Schönbauer, in: Wiener Klin. Wschir. 61, 1949, S. 301; W.Stoeckel-F. Sauerbruch-B. Martin, in: Zbl. f. Chirurgie 74, 1949, S. 1122–31; A. Block, in: FF, 1949, Sp. 141.

Portraits  
in: Rhdb. I, 1930.

Autor  
Martin Müller
Empfohlene Zitierweise  

Müller, Martin, „Bier, August“, in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 230-231 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118658816.html

Quelle/Vorlage: 
NDB 2 (1955), S. 230-231
Erwähnungen: 
NDB 24 (2010), S. 72 in Artikel Schwerd, Friedrich

PND: 118658816
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Index

Bier, August

Name: Bier, August
Lebensdaten: 1861 bis 1949
Geburtsort: Helsen (Waldeck)
Sterbeort: Sauen (Brandenburg)
Beruf/Lebensstellung: Chirurg
Konfession: evangelisch
Autor NDB: Müller, Martin
PND: 118658816

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Bier, August

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118658816

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