<< Arnim-Boitzenburg, Adolf Heinrich Graf von
Arnim, Bernd Dietrich Hans von >>
Arnim-Suckow, Alexander Heinrich Freiherr von|
preußischer Staatsmann,
* 13.2.1798 Berlin,
† 5.1.1861 Düsseldorf. (evangelisch)
Genealogie
| Leben
| Literatur
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Georg Leopold Vivigenz von
A. (1747–1828);
M Charlotte Gräfin Solms-Sonnenwalde (1759–1811);
Gvv Georg Friedrich von
A. (1717–72);
Gmv Louise Florentine von Wackenitz (1721–83);
B des
Ur-Gvv Georg Dietloff von Arnim (s. 6);
⚭ Linschoten 15.5.1826 Elisabeth (1800–46),
T des holländischen Gesandten Strick von Linschoten; 2
S, 1
T; N Harry Curt Eduard Carl von Arnim-Suckow (s. 9).
Leben ↑
Arnim-Suckow besuchte das Pädagogium in Halle, nahm an den Freiheitskriegen teil und studierte 1818/19 in Heidelberg Rechts- und Staatswissenschaften. Seit 1820 war er in der diplomatischen Laufbahn tätig. Als Geschäftsträger in Neapel trat er dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm näher; er wurde ein Mitglied des christlich-romantischen Kreises um den Thronfolger und ein warmer Befürworter Hallerscher Anschauungen, doch hat sich seine Auffassung später in liberalem Sinne gewandelt.
|Seit 1829 Geschäftsträger in Darmstadt und in gleicher Eigenschaft am badischen und nassauischen Hof beglaubigt, hat er sich um die Entwicklung des deutschen Zollvereins verdient gemacht. 1834 wurde er als Legations- und Vortragender Rat in die politische Abteilung des Ministeriums des Äußeren berufen und 1840 als Gesandter nach Brüssel versetzt. Der Abschluß des für Preußen-Deutschland politisch wichtigen, aber wirtschaftlich ungünstigen Handelsvertrags mit Belgien und die Herstellung einer Eisenbahnverbindung zwischen der Rheinprovinz und Belgien waren hauptsächlich sein Werk und die praktischen Ergebnisse seiner „Spezialität", nämlich eifrigen nationalökonomischen Studiums, das ihm die Gedankengänge des radikalen Schutzzöllners Ludwig von Roenne, des Präsidenten des preußischen Handelsamtes, nahegebracht hatte. Auch mit Friedrich List verkehrte er. 1844 erschien Arnim-Suckows geistreiche Schrift „Ein handelspolitisches Testament“, in der unter Ablehnung des Kolonialgedankens nationaler deutscher Handelspolitik, gestützt durch ein System von Differentialzollen, das Wort geredet wurde. Darüber hinaus hoffte er, der freie Durchfuhrhandel durch Belgien werde Antwerpen wieder zum „Emporium des deutschen Westens“ machen, den Rheinhandel der Holländer beeinträchtigen und schließlich die freihändlerischen Hansestädte in den Zollverein zwingen, Pläne, in denen zuviel Wirtschaftsromantik steckte. 1846 übernahm Arnim-Suckow den Gesandtenposten in Paris, wo er sich als scharfer Beobachter der einer Revolution zureifenden Verhältnisse erwies und gleichzeitig der immer mehr in Fluß kommenden deutschen Frage seine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Die Märzereignisse des Jahres 1848 sahen Arnim-Suckow in Berlin an der Seite Friedrich Wilhelms IV. Unermüdlich suchte er darauf hinzuwirken, daß Preußen freiheitliche Forderungen der Zeit in die Tat umsetze und andererseits, unter gleichzeitiger Inangriffnahme starker militärischer Rüstung, sich an die Spitze der deutschen Einheitsbewegung stelle. Als Ratgeber seines Königs während der kritischsten Märztage, vor allem als Urheber des
sog. „Deutschen Umritts“, hatte er keine glückliche Hand, auch als Außenminister von März bis Juni 1848 vermochte er sich nicht durchzusetzen. Neutralität Preußens im Kampf Österreichs gegen Italien, Wiederherstellung des Königreichs Polen, Bündnis Preußen-Deutschlands mit Frankreich und England und Krieg mit Rußland waren seine außenpolitischen Leitgedanken. 1849 wurde er in die preußische Kammer gewählt; in Wort und Schrift bekämpfte er in den letzten Jahren seiner politischen Wirksamkeit Reaktion und einzelstaatlichen Egoismus. Arnim-Suckow hat zeitlebens mit der Unterstützung preußischen Vormachtstrebens eine entschieden deutsch-patriotische Gesinnung verbunden. In seinen letzten Lebensjahren stand er dem Nationalverein nahe.
Literatur ↑
ADB I;
H.
v. Treitschke,
Dt. Gesch. im 19.
Jh. IV u. V,
Neudr. 1927;
H. Oncken, R.
v. Bennigsen I, 1910;
W. Hallgarten,
Stud. üb. d.
dt. Polenfreundschaft in d. Periode d. Märzrevolution, 1928;
V. Valentin,
Gesch. d.
dt. Revolution 1848–49, 2
Bde., 1930/31;
F. List,
Schrr., Reden, Briefe,
Bd. 7,
hrsg. v. F. Lenz u. E. Wiskemann, 1931, S. 592-95;
H.
v. Srbik,
Dt. Einheit I, 1935, S. 331 f.
Autor ↑
Heinz GollwitzerEmpfohlene Zitierweise ↑
Gollwitzer, Heinz, „Arnim-Suckow, Alexander Heinrich Freiherr von“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
368 f.
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118810596.html
<< Arnim, Heinrich Friedrich von
Arnim, Karl Otto Ludwig von >>
Arnim, Heinrich Alexander Freiherr von
Leben
| Autor
| Zitierweise
Leben ↑
v.
Arnim: Heinrich Alexander,
Freiherr
v. A.
, aus dem in der Ucketark begüterten Hause
v. A.
-Suckow, preußischer Staatsmann von einflußreicher
Wirksamkeit in einem der bewegtesten Momente der neueren
preußisch-deutschen Beschichte, geb. 13.
Febr. 1798 zu Berlin,
† zu Düsseldorf 5. Jan. 1861. Nach
dem Besuche des Pädagogiums zu Halle widmete er sich zunächst der
Veheidigung des Vaterlandes. 1814 in die Landwehrreiterei seiner
Heimath eingetreten, machte er die Freiheitskriege mit. 1818 und
1819 lag er in Heidelberg dem Studium der Rechte und der
Staatswissenschaften ob, worauf sich ihm schon 1820 die
diplomatische Laufbahn eröffnete, zuerst als Attaché der preußischen Gesandtschaft in der
Schweiz, dann als Legationssecretär in München, Kopenhagen und
Neapel. An letzterem Orte wurde er nach Graf Flemming's Tode
Geschäftsträger und kam als solcher mit dem auf einer längeren
Reise in Italien egriffenen Kronprinzen Friedrich Wilhelm von
Preußen vielfach in Verkehr. luf Grund dieser Bekanntschaft zog
letzterer als König ihn später in seine Nähe. Das Jahr 1829 sah A.
als Geschäftsträger in Darmstadt. In dieser Eigenschaft zugleich
an dem badischen und dem nassauischen Hofe beglaubigt, entwickelte
er eine ersprießliche Thätigkeit bei Erstrebung der ersten Etappe
des Weges zur einheitlichen Gestaltung Deutschlands, in der
Entwickelung des Zollbeines. Seit 1834 war ihm als Legations- und
vortragendem Rathe in der politischen Abtheilung des Ministeriums
des Aeußeren zu Berlin unter Ancillon und später unter
v.
Werther reiche Gelegenheit zum Studium der wichtigeren
deutschen Fragen gegeben, doch ließen ihm die Zeitverhältnisse
nicht Raum zur Geltendmachung seiner ebenso patriotischen als vom
Geiste ruhigen, gemäßigten Fortschritts durchdrungenen bezüglichen
Anschauungen, so daß er sich wie früher dem Studium
nationalökonomischer, so jetzt dem der schwebenden kirchlichen
Fragen zuwandte. Unter den mancherlei Schwierigkeiten, welche die
Zeit einer befriedigenden Entwickelung der deutschen
Angelegenheiten entgegensetzte, bildete jein politischer Charakter
sich aus. In der Form aufrichtiger und treuer Ergebenheit an König
und Königthum trat seine Ueberzeugung von der unbedingten
Nothwendigkeit einer starken Staatsgewalt zu Tage, während
gleichzeitig seine mehr liberale Richtung aus tiefer Erkenntniß
der Nothwendigkeit entsprang, die verschiedenen Bedürfnisse und
Forderungen der Zeit zu erkennen und sie nicht vornehm
zurückzuweisen. Im J. 1840 als Gesandter nach Brüssel versetzt,
ließ sich A. die Förderung der deutschen Interessen in Belgien
angelegen sein und erwarb sich 1844 große Verdienste für das
Zustandekommen der Handelsverträge mit Belgien und Frankreich,
sowie der Eisenbahnverbindung zwischen der Rheinprovinz und
Belgien. Um dieselbe Zeit bekannte er sich, im Gegensatz zu den
damals vorherrschenden schutzzöllnerischen Grundsätzen, in einer
Schrift: "Mein handelspolitisches Testament" (Berlin 1844) zu dem
Freihandelssystem. Seine 1846 übernommene Stellung als Gesandter
in Paris wurde die Vorbereitung seines geschichtlich bedeutenden
Auftretens. Ein genauer Beobachter der Verhältnisse Frankreichs,
ertheilte er, die Februar-Revolution vorausverkündigend, von Paris
aus Rathschläge in Berlin, welche sich durch große Gesichtspunkte,
weit ausschauenden Blick und richtige Voraussicht auszeichneten.
Sein Hauptaugenmerk war auf die nach jener Revolution in Fluß
kommende deutsche Frage gerichtet. Am 12. März 1848 in Berlin
eingetroffen, suchte er mit vielem Eifer eine offene
Selbstbekennung Preußens als Führer Deutschlands und dem
entsprechende Maßregeln durchzusetzen. Bis dahin war während des
Bestehens des deutschen Bundes noch niemals eine solche Erklärung
von Berlin aus ergangen, alle bisherigen Schritte Preußens in
dieser Richtung hatten blos thatsächlich und mit nicht immer
deutlich erkennbarer Absichtlichkeit jenem Ziele gedient, welches
nach der geschichtlichen Entwickelung Preußen durch die Umstände
gesteckt zu sein
|schien. Die Zeit für die Bethätigung
seiner deutsch-patriotischen Gesinnung war gekommen, es schien ihm
trotz aller durch das Verhältniß zu Oesterreich, die Eifersucht
fremder Mächte und die große Bewegung der Parteien gegebenen
Schwierigkeiten die Zeit erfüllt, zu den ersten Schritten zur
offenen Ergreifung der politischen Führung Deutschlands durch
Preußen anzuregen. Wenn jene Schwierigkeiten, die er nicht
verkannte, in den nächsten Jahren die Oberhand gewannen und auf
lange hin einen bedeutenden Rückschlag für Deutschland
hervorriefen, so ist A. in gewissem Sinne doch ein Bahnbrecher für
Preußens deutsche Initiative, für welche er die Bewegungszeit
geschickt benutzte. In einer "Denkschrift über die französische
Februar-Revolution und ihre Folgen für Deutschland" rieth A. am
17. März 1848 einerseits zu sofortiger Berufung des zum deutschen
Parlamente zu erweiternden vereinigten Landtags, andererseits zu
einer Kriegsrüstung auf großem Fuße, verbunden mit einer deutschen
Neutralitäts-Erklärung. Der König hatte infolge der entschieden
laut gewordenen Wünsche des Volkes den Landtag zwar schon am 14.
März auf den 27. April einberufen, auch am 15. März in einer
Bekanntmachung eine Berücksichtigung der Volkswünsche in der
deutschen Sache durch einen Fürstencongreß verheißen: allein, wie
dies einerseits der Bevölkerung nicht genügte, glaubte auch A.,
daß eine schärfere Accentuirung des Berufes am Platze sei, welchem
Preußen sich jetzt unterziehen wolle. Auf seinen Rath versprach
daher der König am 18. März einer großen Deputation aus Köln, die
Führung jenes Congresses übernehmen und eine Berufung von
Abgeordneten des deutschen Volkes bewirken zu wollen. Die wenige
Stunden hiernach erscheinende Proclamation des Königs stellte eine
Regeneration Deutschlands durch Umwandlung des Staatenbundes in
einen Bundesstaat, sowie Volksvertretung beim Bunde in Aussicht.
Die infolge der leidenschaftlichen Erregung der Bevölkerung
Berlins und der beim Könige herrschenden Unklarheit über die Lage
eingetretenen blutigen Ereignisse desselben Tages setzten
thatsächlich den Werth dieser Erklärungen herab und ließen die
Ehrlichkeit der Absichten der preußischen Regierung nicht genug
hervortreten. A. war in der verhängnißvollen Nacht vom 18. zum 19.
März an der Seite des Königs, versuchte an einzelnen Stellen der
Hauptstadt vergeblich durch Vorzeigung des königl. Patents vom 18.
März die Revolution zu beschwichtigen und drang, als er das Wort
und die Absichten des Königs in Zweifel gezogen sah, während die
Minister schwankten, auf eine entschiedene Herstellung der
königlichen Autorität. Es konnte ihm nicht entgehen, daß die
Dinge, wie sie in den Tagen der Bewegung sich entwickelt hatten,
in mehrfacher Beziehung jene Zweifel zu bestätigen schienen. War
doch jener Congreß der deutschen Fürsten, zu welchem Oesterreich
und Preußen durch die Note vom 7. März nach Dresden eingeladen
hatten, noch von Metternich veranlaßt; auch war in derselben
hauptsächlich auf die Gefahren aufmerksam gemacht, welche aus der
in Frankreich ausgebrochenen Revolution für Deutschland etwa
entstehen könnten; nur nebenbei war als Berathungsgegenstand auch
angegeben: "die Befriedigung gerechter Wünsche der Nation,
insofern dieselben mit Erhaltung der Rechte der Kronen und des
wahren Volkswohles vereinbarlich ist". Eine neue Circularnote
Oesterreichs vom 8. März hatte zugleich allerdings die
Entwickelung der Bundesinstitutionen und die auf die nationalen
Bedürfnisse bezüglichen Vereinbarungen als Zweck des Congresses
hingestellt. Nachdem aber am 13. März das Metternich'sche System
in Oesterreich gefallen, war die preußische Regierung immer noch
bei dem Plane geblieben, durch jenen Congreß dem Weiteren
vorbeugen zu können. Und nach Erlaß des Patents vom 14. März, das
die Mißdeutungen zu entfernen suchte, welchen die Idee des
Fürsten- und Ministercongresses ausgesetzt war, schien die
preußische Regierung, in welcher immer noch das System
Bodelschwingh die Entscheidung
|gab, noch geneigt,
Vertretern des Volkes eine Mitwirkung bei der Vereinbarung über
die deutschen Reformen zugestehen zu wollen, sie war nicht weiter
gegangen, als daß sie am 16. März die deutschen Regierungen
aufforderte, auf dem Congresse rückhaltslos alle Fragen
vorzubringen; keine derselben sollte ausgeschlossen sein,
"namentlich nicht die wichtige Frage wegen Vertretung der Nation
am Bundestage durch ein sogenanntes Parlament". Diese
Behandlungsart der deutschen Reformfrage wich zu sehr von der in
der Bewegungszeit herrschend gewordenen Auffassung über die Art
der Initiative ab, als daß sie nicht Mißtrauen hätte hervorrufen
sollen. Dasselbe fand Nahrung durch das zum Theil wol aus
Rivalität hervorgerufene Verhalten der bairischen Regierung.
Dieselbe hatte schon durch eine am 12. März an die deutschen
Regierungen gerichtete Note auf die Verwerflichkeit eines
Fürstencongresses hingewiesen. "In dem Momente verjüngten
Nationalgefühls sollte etwas noch Schlimmeres als der heimliche
Bundestag, es sollte ein Diplomatencongreß, Seitenstück der
Congresse von Aachen, Karlsbad, Verona und Wien auftreten?" Gebe
es ein Mittel, die furchtbar aufgeregte Nationalstimmung bis auf
die Höhe der Explosion zu steigern und den Fürsten allen Einfluß
zu entziehen, so sei dies Mittel in jenem Congresse zu finden.
Seine Hauptnahrung aber erhielt das also gesteigerte Mißtrauen
durch das den Verheißungen des Königs von Preußen unmittelbar
folgende Blutvergießen zu Berlin. In diesem kritischen Momente, wo
Preußens deutscher Beruf auf dem Spiele stand, bewirkte A., daß
derselbe offen auf Preußens Fahne gesetzt wurde. Dies und die
Befestigung des königl. Ansehens glaubte er erreicht, wenn der
König persönlich seine Versicherungen der Bevölkerung wiederholte
und in handgreiflichster Weise für die deutsche Sache Partei nahm.
A. war Urheber der am 20. März vom König unternommenen, unter dem
Namen des "Deutschen Umritts" bekannten Kundgebung, welche darin
bestand, daß dieser, mit den deutschen Farben angethan, umgeben
von den Prinzen und einigen der neuen Minister, bei einem
feierlichen Umzuge durch die Hauptstadt erklärte, sich an die
Spitze der deutschen Bewegung stellen zu wollen. Wenn auch dieser
Schritt in der erregten öffentlichen Meinung mehr befremdete als
beruhigte, so war damit doch den selbst in diesen Tagen der
eigenen Sorgen eifersüchtigen Regierungen der süddeutschen Staaten
und Oesterreichs gegenüber die Spitze geboten.
A. trat am 21. März als Minister des Aeußern in das am 19. März
gebildete neue Ministerium unter dem Vorsitze des Grafen von
Arnim-Boytzenburg. Als solcher die deutsche Politik Preußens
leitend, stieß er schon wegen der Unbeliebtheit einiger seiner
Collegen auf Schwierigkeiten. Es konnten sich die Maßregeln eines
Ministeriums des Beifalls und der Unterstützung im Volke nicht
erfreuen, in welches die bisherigen Führer der Opposition im
Landtage einzutreten sich geweigert hatten. Dieser Umstand änderte
sich zwar am 29. März mit dem Eintritte Camphausen's als
Präsidenten und Hansemann's als Finanzminister. allein Arnim's
Thätigkeit wurde stark gelähmt durch die vor der Zeit seines
Einflusses geschehenen Mißgriffe. Es blieb ihm in der deutschen
Frage zunächst nichts übrig, als den von süddeutschen Regierungen
in Verbindung mit Führern der liberalen Partei vorgeschlagenen Weg
einer Zuziehung von Männern des öffentlichen Vertrauens zum
Bundestage behufs Ausarbeitung des einem Parlamente vorzulegenden
Reichsverfassungsentwurfs zu adoptiren und, in Befolgung einer
Aufforderung des Fünfziger-Ausschusses des Vorparlaments, die
Anordnung der Wahlen von Delegirten des vereinigten Landtags zur
deutschen Nationalversammlung aufzugeben. In Sachen
Schleswig-Holsteins erstrebte A., nachdem Preußen am 12. April
1848 vom Fünfziger-Ausschusse zur Aufbietung von Reichskräften zum
Schuhe der Herzogthümer aufgefordert war, ein
entschiedenes Vorgehen, doch wurden seine Absichten durch die
inzwischen bereits wieder mächtig gewordene Reactionspartei
gehemmt, welche in diesem Feldzuqe nur ein Mittel zur Herstellung
ihrer Macht nach der siegreichen Rückkehr der Truppen in die
Hauptstadt erblickte. Infolge dieser Umstände und der Mißerfolge,
welche das gegen das alte System sehr rücksichtsvolle, mit
Rücksicht auf die Zeitbewegung nicht energisch genug verfahrende
Ministerium Camphausen bezüglich der Reform der inneren Verwaltung
hatte, bat A. schon am 17. Juni 1848 in Gemeinschaft mit den
Ministern des Cultus und des Kriegs, dem Grafen Schwerin und dem
General
v.
Reyher, um Entlassung aus dem Cabinet, die er am 20.
Juni erhielt. Schon seit Ende Mai hatte er seinen Rücktritt
mehrmals gewünscht, aber nicht erlangen können. Nicht ohne Einfluß
auf diesen Entschluß soll die Gefahr vor persönlicher Mißhandlung
gewesen sein, in welche er am 9. Juni durch eine erregte
Volksmenge beim Verlassen der Sitzung der Nationalversammlung
gerieth. nachdem er in dieser einen revolutionären Antrag bekämpft
hatte. Mit Unrecht ist in einer im November 1848 erschienenen
Schrift: "Signatura temporis" von
conservativer Seite behauptet worden, den von A. in der deutschen
Frage ertheilten Rathschlägen, welche seinen Namen in der
deutschen Geschichte verewigen, habe der Gedanke zu Grunde
gelegen, der deutschen Erhebung ein Feld zu eröffnen, auf welchem
sie sich nutzlos erschöpfen könne, um dann, wenn Zeit gewonnen
sein werde, den Einzug der Reaction zu erleichtern.
In das Privatleben zurückgetreten, betheiligte sich A. nur noch
wenig an den Staatsangelegenheiten. Abwechselnd in Bonn, Frankfurt
a. M. und Neuwied lebend, gab er zwei Flugschriften heraus unter
dem Titel: "Frankfurt und Berlin" (Franks. 1848) und "Ueber die
Mediatisationsfrage" (Franks. 1849). In letzterer Schrift
bekämpfte er das bairische Project einer Trias. Der Schweidnitzer
Wahlkreis wählte A. im Frühjahr 1849 in die preußische Kammer, wo
er sich der deutsch-oppositionellen Partei anschloß. Er machte
sich hier besonders bemerklich durch seine Reden gegen die
Vergewaltigung des mecklenburgischen Verfassungsrechts und über
die definitiven Vorschläge, welche die königl. Botschaft vom 7.
Jan. 1850 behufs der Gestaltung erster Kammer verkündigte. In
seiner Schrift: "Zur Politik der Epigonen in Preußen" (Berlin
1850) und in der Landesvertretung zeigte sich A. als entschiedenen
Gegner der Politik Manteuffel's, suchte im Anfange des Jahres 1851
nochmals für die Sache Schleswig Holsteins zu wirken und erregte
durch seine Schrift: "Zur Politik der Contrerevolution in Preußen"
(Berlin 1851) den besonderen Zorn der herrschenden Partei. Im
Februar 1852 wurde er wegen Erdichtung und Entstellung von
Thatsachen, Beleidigung und Verleumdung angeklagt und zu einer
Geldstrafe verurtheilt. 1858, nach dem Rücktritte Manteuffel's,
suchte ein Berliner Wahlbezirk A. durch Wahl zum Abgeordneten
nochmals auf den politischen Schauplatz zu rufen, allein
Kränklichkeit hielt ihn ab, sich unter den nach seinem Sinne und
seiner Richtung veränderten Umständen noch ferner an den
Staatsangelegenheiten zu betheiligen. A. war mit einer Tochter des
ehemaligen holländischen Gesandten am kgl. würtembergischen Hofe,
des Barons Struck von Lindschoten, vermählt.
Autor ↑
Dr.
C. Wippermann.
Empfohlene Zitierweise ↑
Wippermann, Karl, „Arnim, Heinrich Alexander Freiherr von“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
571-574
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118810596.html?anchor=adb