<< Achterfeld, Johann Heinrich
Acker, Amandus >>
Acidalius, Valens
Humanist, Philologe und neulateinischer Dichter,
* 25.5.1567 Wittstock (Brandenburg),
† 25.5.1595 Neisse. (evangelisch, dann wahrscheinlich katholisch)
Genealogie
| Leben
| Werke
| Literatur
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Heinrich Acidalius (eigentlich Haveken- oder Hauckenthal), (
† vor 1580), Rektor und Superintendent in Wittstock; 4
B u. a. Christian Acidalius (1576–1631), Mediziner, Professor in Altdorf.
Leben ↑
Acidalius studierte in Rostock, Greifswald und Helmstedt (bei J. Caselius), ferner seit 1590 in Bologna Medizin und lateinische Philologie. Schon 1590 erschien in Padua seine erste Arbeit, eine Velleius-Ausgabe. Mittellos, krank und ohne Neigung zum ärztlichen Beruf kehrte er 1593 als Doktor der Medizin und der Philosophie aus Italien zurück und zog zuerst zu seinem Studienfreund D. Bucretius (Rindfleisch) nach Breslau, dann 1595, auf den Ruf des fürstbischöflichen Kanzlers J. M. Wacker von Wackenfels nach Neisse. Trotz seiner angegriffenen Gesundheit war er in diesen Jahren mit eifrigen Studien an Apuleius, Plautus und anderen Autoren beschäftigt. In Neisse, vielleicht schon in Breslau, scheint er zum Katholizismus übergetreten zu sein, wenigstens wurde er 1595 nach katholischem Ritus beerdigt. Vielleicht im Zusammenhang mit dieser Konversion erhielt er wahrscheinlich das Rektorat der Schule in Neisse, doch hat er dieses Amt offenbar nie ausgeübt. Seine letzten Lebensmonate waren durch die heftigen Angriffe verdüstert, denen er als angeblicher Verfasser einer antisozinianischen, scherzhaften, aber als solcher verkannten Flugschrift (mulieres homines non esse) ausgesetzt war. Von seinen zahlreichen kritischen Arbeiten zu lateinischen Autoren sind nur die „Animadversiones in Curtium“ zu seinen Lebzeiten erschienen. Seine besten Studien, vor allem zu Plautus und Tacitus, wurden später von seinem Bruder Christian herausgegeben. Acidalius zeigt sich in diesen Arbeiten als hochbegabter, scharfsinniger Textkritiker, was sowohl die Zeitgenossen als auch neuere Gelehrte anerkannt haben (F. Ritschl, Prolegomena ad Plautum, p. LXII, oder dersel., Acta societatis
philol. Lips. I, 1871 f., S. 107). Seine lateinischen Gedichte (ebenfalls posthum herausgegeben) sind weniger wertvoll, enthalten jedoch manche Einzelheiten zu seiner Biographie. Außerdem gibt es aus seiner Feder eine Fülle wohlstilisierter Briefe sowie eine kleine Schrift über Poetik, in der er sich den Theorien J. C. Scaligers anschließt und Vergil die Stelle Ovids als Vorbild für neulateinische Dichtung zuweist.
Werke ↑
Verz. bei Jöcher,
Sp. 163.
Literatur ↑
ADB I;
J. Ch. Leuschner, De V.
A. vita, moribus et scriptis, Leipzig u. Liegnitz 1757;
V. H. Schmidt in: Bucholz' Journal f.
Dtld. V, 1, 1819, S. 113 ff.;
Th. Odebrecht, Märk. F VII, 1861, S. 210 ff.;
F. Adam, in: 17.
Ber. d. Philomathie in Neisse, 1869–1872, S. 19 ff.;
Goedeke, II, S. 110 f.;
A. Kastner,
Gesch. d. Stadt Neisse, T. 1,
Bd. 3, 1854, S. 125;
J. F. Sandys,
Hist. of Classical Scholarship, II, 1908, S. 273.
Autor ↑
Albrecht DihleEmpfohlene Zitierweise ↑
Dihle, Albrecht, „Acidalius, Valens“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
34
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd124438482.html
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Acker, Jacob >>
Acidalius, Valens
Leben
| Autor
| Literatur
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Leben ↑
Acidalius: Valens
A.
, nach seinem deutschen Namen
Havekenthal, ausgezeichneter Kritiker und
lateinischer Dichter, geb. 1567 zu
Wittstock in der Mark
Brandenburg als Sohn eines Predigers, † zu Neisse am 25. Mai 1595. Nachdem
A.
die Universitäten Rostock, Greifswalde und Helmstädt
besucht und schon in früher Jugend durch seine lateinischen
Gedichte Aufsehen erregt hatte, begab er sich im J. 1590 mit
seinem Universitätsfreunde Daniel Bucretius (Rindfleisch) nach
Italien und veröffentlichte noch zu Ende desselben Jahres seine
erste litterarische Arbeit, die Ausgabe des Velleius Paterculus.
In Bologna widmete sich
A.
mit allem Eifer dem Studium der Philosophie und
Medicin und erwarb sich auch den Doctorgrad in diesen Disciplinen;
weil er aber keine Neigung zur ärztlichen Praxis hatte und sich
weit mehr von den alten Classikern angezogen fühlte, wurde ihre
Kritik und Erklärung fortan seine ausschließliche Beschäftigung.
Das Klima Italiens hatte seinem Körper wenig zugesagt; durch
wiederholte Fieberanfälle geschwächt kehrte er 1593 nach
Deutschland zurück und zog nach kurzem Besuche in seiner Heimath
zu seinem unzertrennlichen Freunde Bucretius nach Breslau, wo er
sich trotz seiner stark angegriffenen Gesundheit den
angestrengtesten Arbeiten hingab. Im Frühjahre 1595 folgte er
einer Einladung seines Freundes und Gönners, des bischöflichen
Kanzlers Wacker von Wackenfels nach Neisse, wo der Bischof von
Breslau seinen Hof hatte, erlag aber schon nach wenigen Monaten,
erst 28 Jahre alt, einem hitzigen Fieber. Er wurde nach
katholischem Ritus feierlich beerdigt; ob sein Uebertritt zum
Katholicismus erst dort erfolgt ist oder bereits in Breslau, ist
unbekannt; einige, wie sein Biograph Leuschner, stellen den
Uebertritt ganz in Abrede. Erst in jüngster Zeit wurde bekannt,
daß
A.
das Rectorat zu Neisse erhalten und etwa sechs Monate
geführt haben soll. Es heißt, wie Aug. Kästner in der Geschichte
der Stadt Neisse I. 3 S. 125 mittheilt, in
dem Album der Schule: Valentinus Acidalius, vir
valde doctus et inter poetas sui temporis nominatus, sex circiter
mensibus tantum in hujus officii administratione vixit. Diese
Nachricht ist jedoch mit den sonstigen Ueberlieferungen, da
A.
schon am 25. Mai 1595 mit Tod abging, nicht zusammen
zu reimen, und zwar aus folgenden Gründen: 1) der vorausgehende
Rector Gebauer legte erst am 28. April 1595 das Rectorat der
Schule nieder, s. Kästner a. a. O. S. 123; 2) die in der centuria I epistolarum veröffentlichten Briefe
des
A.
vom J. 1594 sind alle aus Breslau geschrieben, aus
Neisse nur solche von 1595; 3) in keinem der aus Neisse
geschriebenen ist die geringste Andeutung von einer Uebernahme
oder Führung des Rectorates des Gymnasiums gegeben, auch nicht in
dem langen an Fr. Taubmann, der das bestimmte Datum Non. April. 1595 trägt; 4) aus Neisse schreibt
A.
an Lipsius im J. 1595: apud quem
(Wackherum) unam atque alteram iam septimanam hic Nyssae vixi
benigne ab ipso Vratislauiâ euocatus, comiter
habitus, et
habendus in aliquod etiam fortasse
tempus; 5) in einem in der Stadtbibliothek zu Breslau
aufbewahrten Briefe an den Prof. Martin Weinrich in Breslau vom
16. Jan. 1595 beklagt
A.
, daß es ihm noch nicht gelungen sei res suas in certa sede et stabili conditione
defigere und bemerkt weiter unten: hîc
privatus literulas meas tracto: aulam non
sollicito, quam raro neque nisi vocatus inviso. Diese
bestimmten widersprechenden Angaben lassen nur so viel vermuthen,
daß man ihm vielleicht erst während des Aufenthaltes bei seinem
Gastfreunde und Gönner das Rectorat der Schule angeboten oder
übertragen habe, daß aber von einer sechsmonatlichen Führung
desselben keine Rede sein könne. An seinem frühzeitigen Tode hatte
außer der geistigen Uberarbeitung wol auch ein großer Verdruß
einigen Antheil, den sich
A.
durch eine Unvorsichtigkeit zugezogen hatte. Zu Anfang
des J. 1595 erschien ohne Angabe des Druckortes, aber
wahrscheinlich
|in Zerbst gedruckt, eine Abhandlung mit
dem Titel: "Disputatio nova contra mulieres,
qua probatur eas homines non esse." 11 Blätter 4°. Diese
Schrift erregte einen Sturm der Entrüstung bei den Theologen, so
daß selbst von den Kanzeln herab gegen den Verfasser und Verleger
gedonnert wurde, nicht wegen ihres unsittlichen Inhalts, wie man
nach dem Titel schließen könnte, sondern wegen ihrer
gotteslästerlichen Grundsätze. Die Eiferer hatten in ihrer Wuth
übersehen, daß die Schrift eine satirische und eine Parodie auf
die leichtfertige Methode der Socinianer sei, mit der sie ihre
Beweise gegen die Gottheit Christi zu erbringen pflegten, wie der
Verfasser selbst mit klaren Worten in der ersten und letzten
Thesis angedeutet hat. Da auf eingeleitete Untersuchung der
Verleger gestand, die Schrift von
A.
erhalten zu haben, wurde er als ihr vermeintlicher
Verfasser die Zielscheibe der giftigsten Angriffe, die sich noch
bis über sein Grab hinaus fortsetzten. Er selbst leugnet in seiner
epistola apologetica an Jacob Monavius,
einen gelehrten Arzt und Rath in Liegnitz (V.
Acidalii epist. p. 339) aufs Entschiedenste, daß er die
Schrift verfaßt habe; aber wenn er auch nicht ihr Vater war, so
doch ihr Pathe. Er hatte nämlich seinen Verleger Heinrich
Osthausen, der ihn mit Klagen über den schlechten Absatz der von
ihm gedruckten "Animadversiones in Curtium"
(Francof. 1594) bestürmte, darauf aufmerksam gemacht, daß er
durch den Druck der pikanten Schrift, die, wie er in seiner
Apologie versichert, schon seit längerer Zeit in zahlreichen
Abschriften herumging, ein gutes Geschäft machen könne. Auch der
Stil, in welchem die 51 Thesen der Abhandlung vorgetragen sind,
spricht mit Entschiedenheit gegen seine Autorschaft. — Von den
philologischen Arbeiten des
A.
sind bei seinen Lebzeiten nur die zwei schon
erwähnten, die Ausgabe des Velleius Paterculus (Padua 1590) und
die "Animadversiones in Curtium" ans Licht
getreten. Die erstere verwarf er bald selbst als eine übereilte
Jugendarbeit und spricht in seinen Briefen wiederholt sein pudet pigetque über die Arbeit aus; allein die
Nachwelt hat billiger geurtheilt, als ihr überhaupt sehr
bescheidener Verfasser, indem sie anerkannte, daß sich
A.
um die Verbesserung des Velleius wesentliche
Verdienste erworben hat. Nach seinem Tode erschien eine vermehrte
Sammlung seiner Gedichte, Elegien, Oden und Epigramme, deren Werth
nicht sehr hoch anzuschlagen ist, zu Liegnitz 1603. Die Herausgabe
seiner hauptsächlichsten Arbeiten verdankt man seinem Bruder
Christian, der Professor der Medicin zu Altorf war. In rascher
Folge erschienen eine "Centuria prima
epistolarum" (Hanoviae 1606) mit einer Jugendarbeit "De vera carminis elegiaci natura et
constitutione", sodann des
A.
Hauptwerk, die "Divinationes et
interpretationes in comoedias Plauti", Francof. 1607 (566
pagg.), die "Notae in Taciti opera",
Hanoviae 1607 und die "Notae in
Panegyricos veteres" in der Ausgabe von J. Gruterus, Heidelb.
1607 (nicht auch zu Plinius, wie Grässe fälschlisch angibt, s. die
Bemerkung von Christ. Acidalius p. 446).
Diese von eben so eisernem Fleiße als eindringendem Scharfsinn
zeugenden Arbeiten haben dem
A.
den unbestrittenen Ruf als eines der genialsten
Kritiker erworben; im Plautus hat er trotz seiner mangelhaften
Kenntniß der Metrik und handschriftlichen Ueberlieferung sehr
viele Stellen durch seine seltene Divinationsgabe sicher geheilt
und auch für die Erklärung des Dichters Treffliches geleistet;
vgl. das Urtheil von Fr. Ritschl Prolegg. ad
Plautum p. LIII. Ebenso werthvoll sind des
A.
Arbeiten über Tacitus; von dem in so verderbter
Gestalt überlieferten Gespräch über die Redner muß er geradezu als
der sospitator bezeichnet werden, wie man
erst in neuerer Zeit in vollem Maße anerkannt hat; vgl. G.
Andresen in den Acta societ. philol. Lips. I,
107. Von seinen übrigen Arbeiten über eine große Zahl
lateinischer Dichter und Prosaiker, deren Herausgabe sein Bruder
Christian in der Vorrede zur Briefsammlung verheißen hatte, ist
nur noch ein
|kleiner Beitrag zu Ausonius in der
Ausgabe von Jac. Tollius 1671 veröffentlicht worden, der bemerkt:
Acidalii notarum in Gratiarum actionem nobis et
indicium et copiam fecit incomparabilis
Gronovius. Am meisten ist zu bedauern, daß seine Arbeiten
über Aulus Gellius, Symmachus und vor Allem die über Appuleius
unbekannt geblieben oder ganz verloren gegangen sind. Von seiner
Vertrautheit mit Appuleius (schon in der Vorrede zum Velleius
hatte er die baldige Vollendung seiner "Appuleianae quaestiones" angekündigt) zeugt
auch die freilich geschmacklose Vorliebe für Archaismen in dem
lateinischen Stil des
A.
Die Prophezeiung, die der große Justus Lipsius in
einem Briefe an J. Monavius (Löwen 1594) von
A.
ausspricht: Ipse Valens (non te
fallam augur) gemmula erit Germaniae vestrae, vivat modo ist
trotz seines so früh erfolgten Todes in Erfüllung gegangen.
Literatur ↑
J. Chr. Leuschneri commentatio de V.
Acidalii vita, moribus et scriptis. Liegnitz 1757. Ueber den
Kritiker V. Acidalius, besonders über seinen Antheil an der
Schrift eines Ungenannten, daß die Weiber keine Menschen sind, von
Dr. Valentin Heinr. Schmidt im Journal für
Deutschland von Fr. Buchholz V, 1 S. 113 ff. 1819. Der Neisser
Rector Valens Acidalius, von Dr. Fr. Adam
im XVII. Bericht der Philomathie in
Neisse, 1872 S. 19—53.
Autor ↑
Halm.
Empfohlene Zitierweise ↑
Halm, Karl Ritter von, „Acidalius, Valens“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
31-33
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd124438482.html?anchor=adb