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<< Denicke, David     Deniger von Olinda, Joachim >>

Denifle, Heinrich Suso (Taufname Josef Anton)

Dominikaner, Kirchenhistoriker, * 16.1.|1846 Imst (Tirol), 10.6.1905 München, Sankt, Saint(e) Bonifaz.


GenealogieLebenWerkeLiteraturAutorZitierweise

Genealogie  
Aus Tiroler Bauernfamilie; V Johannes, Kreishauptschullehrer in Innsbruck; M Anna Fischnaller.

Leben  
Denifle besuchte als Chorknabe des Cassianeums das Gymnasium in Brixen und trat 1861 in Graz in den Dominikanerorden ein. Nach Beendigung seiner theologischen Studien und Empfang der Priesterweihe (1866) war er einige Zeit in der Seelsorge tätig und erwarb sich als Beichtvater und als Kanzelredner großen Ruhm. Er wurde vom Orden als Lektor für Philosophie und Theologie ausgebildet und dozierte 1870-80 im Hausstudium des Ordens in Graz. Hierbei pflegte er bei seinen Hörern zielbewußt das Studium der philosophischen und theologischen Quellen, vor allem des Aristoteles und des Thomas von Aquin. Zunächst galt sein Interesse der Mystik des Predigerordens. Hier wurde er bahnbrechend. Es ist ihm gelungen, in die literarische Unsicherheit und Verwirrung in Bezug auf die mystischen Autoren und die unsichere Textlage und Textinterpretation Klarheit zu bringen. Als erste Frucht seiner Forschungen veröffentlichte er 1873 „Das geistliche Leben - eine Blütenlese aus den deutschen Mystikern“ (Graz 81926, französische, italienische, spanische, tschechische und kroatische Übersetzungen). In dem 1877 erschienenen Werk über Johann Taulers Schrift „Von geistlicher Armut“ konnte er den von der Forschung lange gehegten Irrtum korrigieren, daß das Buch eine Schrift Taulers sei. 1880 edierte er auf Grund einer großen Zahl von Handschriften einen Teil der Werke Seuses: „Die Schriften des seligen Heinrich Seuse, 1. Band: Deutsche Schriften“ (1880, französische Übersetzung 1899). Er konnte in seiner Ausgabe den engen und lebendigen Zusammenhang zwischen Mystik und Scholastik überzeugend nachweisen. Gegenüber der von der protestantischen Forschung und auch von vielen katholischen Theologen vertretenen Meinung, Meister Eckhart sei der Vater der deutschen idealistischen Philosophie, konnte er zeigen, daß dieser in hohem Maße von der scholastischen Theologie beeinflußt ist. Durch die Entdeckung der bis dahin unbekannten lateinischen Schriften des Mystikers wies er der Forschung neue Wege. Seit 1880 beteiligte er sich auch vorübergehend an der Leoninischen Ausgabe der Thomas-Werke. Die Veröffentlichungen auf dem Gebiete der Mystik haben Denifle in heftige Kontroversen verwickelt, vor allem mit dem Münchener Historiker Wilhelm Preger.
Ein neues Stadium begann im Lebenswerk Denifles, als er 1883 auf Vorschlag des Kardinals J. Hergenröther Unterarchivar im päpstlichen Archiv wurde. Er war auf diese Aufgabe bestens vorbereitet. Er hat zahllosen Gelehrten bei ihren Forschungen helfend und anregend zur Seite gestanden. Sein Name wurde in der internationalen Welt bald rühmlichst bekannt. Er selbst unternahm Studien über Joachim von Fiore und sein Evangelium Aeternum. Diese führten ihn zu Untersuchungen über den Streit der Universität Paris mit den Bettelorden. So reifte in ihm der Plan, eine Geschichte der Universität Paris und, da diese nur im Zusammenhang mit der Geschichte der übrigen europäischen Hochschulen zu verstehen ist, ein mehrbändiges Werk über mittelalterliche Universitätsgeschichte zu schreiben. Erschienen ist nur der grundlegende erste Band: Die Entstehung der Universitäten des Mittelalters bis 1400 (1885). Die französische Regierung beauftragte ihn daraufhin mit der Herausgabe des Chartularium Universitatis Parisiensis, des Urkundenwerkes der Pariser Universität. In nicht ganz zehn Jahren gab er (mit E. Chatelain) vier Foliobände Chartularium und zwei Foliobände Actuarium Chartularii heraus (Paris 1894/97). Das Werk ist eine Fundgrube für den Erforscher des mittelalterlichen Unterrichts- und Wissenschaftsbetriebs, für die Ordensgeschichte (Dominikaner, Franziskaner, Karmeliter), für die Theologie- und Philosophiegeschichte, für die Geschichte der vielfältigen kirchenpolitischen und theologischen Streitigkeiten an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert, für die Konflikte zwischen Kaiser und Papst, für die Spannungen zwischen Papst und Konzil, für die Geschichte der politischen Ideen, sowie für die europäische Geistesgeschichte überhaupt.
Außerdem hat Denifle eine Reihe größerer und kleinerer, immer aber bedeutender Untersuchungen über die verschiedensten Gebiete der mittelalterlichen Literatur-, Philosophie-, Theologie- und Kirchengeschichte veröffentlicht. Zu einem guten Teil sind seine Entdeckungen in dem von ihm und Fr. Ehrle Societas Jesu (Jesuiten) gegründeten, zu 7 Bänden gediehenen „Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte des Mittelalters“ (1885-1900) herausgekommen. Sie behandeln die Juristen-Universitäten von Bologna und von Padua, ebenso die Hochschulen von Avignon, Graz, Lerida, Salamanca, Probleme der Paläographie und der Urkundenlehre, der Geschichte der Scholastik (Abaelard, Hugo von Sankt Viktor, Gerson-Konzil-Frage).
Die archivalischen Studien für das Chartularium der Universität Paris führten Denifle zur Herausgabe eines für die französische Geschichte des 14. und 15. Jahrhunderts außerordentlich wichtigen Werkes. 1897 erschien „La désolation des églises, monastères hôpitaux en France vers le milieu du XVe siècle“. Ihm folgte 1899|der 2. Band „La guerre de cent ans et la désolation des églises, monastères et hôpitaux: tome I: jusqu' à la mort de Charles V (1385)“. Während sich Denifle in den vorausgehenden Werken mehr als Editor größten Ausmaßes bewährte, offenbart ihn das Buch über den 100jährigen Krieg auch als einen Darsteller von großer Kraft.
Das Werk hatte für sein schriftstellerisches Schicksal insofern eine besondere Bedeutung, als es für ihn der Wegweiser zu seinem letzten Forschungsgegenstand wurde, nämlich zu Luther und zum Luthertum. Seine Untersuchungen über die Pariser Universität und über die Verwüstung des kirchlichen Lebens während des 100jährigen Krieges gaben ihm Anlaß, den Entwicklungsstadien des Niedergangs nachzuspüren. Er untersuchte den Verfallprozeß bis in das 16. Jahrhundert hinein. So begegnete er Luther. Seine Hauptabsicht war darauf gerichtet, jenen Punkt zu ermitteln, aus dem Luther zu verstehen ist. Unter dem Titel „Luther und Luthertum“ veröffentlichte Denifle 1904 die erste Hälfte des ersten Bandes des Gesamtwerkes, fortgeführt durch seinen Ordensgenossen Albert Maria Weiß. (1906 erschien die zweite Hälfte des 1. Bandes, 1907 der 2. Band). Denifles Lutherwerk erregte außerordentliches Aufsehen und heftigen Widerspruch. Im Laufe der Zeit waren jedoch die Vorzüge seines Werkes immer mehr anerkannt. Der Verfasser erhellte das Problem des jungen Luther und sein Verhältnis zur katholischen Theologie der Vorzeit. Durch den Aufweis der Mängel, welche der Weimarer kritischen Gesamtausgabe, namentlich hinsichtlich der Quellennachweise aus der altkirchlichen und mittelalterlichen Theologie anhaften, hat er sich um die Textkritik der Schriften Luthers verdient gemacht. Als erster hat er Teile von Luthers Römerbriefvorlesung veröffentlicht, deren Nachschrift in die Vatikanische Bibliothek gekommen war. Kurz nach seinem Tode erschien als Ergänzung seines Lutherbuches ein Quellenwerk von ungewöhnlichem Werte: „Die abendländischen Schriftausleger bis Luther über Iustitia Dei (Römer 1, 17) und Iustificatio, Beitrag zur Geschichte der Exegese der Literatur und des Dogmas im Mittelalter“ (1905). Er behandelte darin eine Zentralfrage in der Auseinandersetzung katholischer und reformatorischer Theologie.
Auf dem Wege nach Cambridge, wo er den theologischen Ehrendoktor zu den Ehrendoktoren von Innsbruck und Münster hinzu erhalten sollte, ist Denifle in München gestorben. Denifle war ein Mann von großer Anspruchslosigkeit und tiefer Gläubigkeit, von immenser Gelehrsamkeit, eindringender Geistesschärfe, unverwüstlicher Arbeitskraft und untrüglichem Spürsinn, ein zuverlässiger Freund, ein unerschrockener und unerbittlicher Kämpfer für die Wahrheit. Er hat der Erforschung der mittelalterlichen Geisteswelt auf Grund des unabsehbaren ungedruckten Quellenmaterials der europäischen Bibliotheken in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entscheidende Antriebe und Wegweisungen gegeben. Ebenso verdankt ihm die Lutherforschung nachhaltige Beeinflussung. - Mitglied der Akademien von Berlin, Paris, Prag, Göttingen, Wien.

Werke  
W-Verz. in: Revue d'histoire ecclésiast. 6, Löwen 1905, S. 665-76; und Angelicum 17, 1940, S. 249 f.

Literatur  
J. P. Kirsch, D., Notice biogr. et bibliogr., in: Rev. d'histoire ecclésiastique 6, 1905, S. 665 bis 676; H. Grauert, D., Ein Wort z. Gedächtnis u. zum Frieden, in: HJb. 26, 1905, S. 959-1018; M. Grabmann, P. H. D. OP, e. Würdigung s. Forschungsarbeit, 1905; ders., H. D. OP u. Kardinal F. Ehrle SJ, in: Philos. Jb. 56, 1946, S. 9-26; G. Fischer, Gesch. d. Entdeckung d. dt. Meister Eckhart, Tauler u. Seuse, Freiburg/Schweiz 1931; A. Walz, Studi storiografici, Rom 1940; ders., Annalecta Denifleana, Erinnerung an e. Bahnbrecher d. Gesch.F, ebd. 1955; A. Redigonda, Il P. Enrico Denifle, Florenz 1953; S. Merkle, in: BJ XVIII, S. 299-306 (L).

Autor  
Michael Schmaus
Empfohlene Zitierweise  

Schmaus, Michael, „Denifle, Heinrich Suso“, in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 595-597 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd119161699.html

Quelle/Vorlage: 
NDB 3 (1957), S. 595-597

PND: 119161699
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Index

Denifle, Heinrich

Name: Denifle, Heinrich
Namensvariante: Denifle, Heinrich Suso
Namensvariante: Denifle, Josef Anton
Lebensdaten: 1846 bis 1905
Sterbeort: München
Beruf/Lebensstellung: Dominikaner; Kirchenhistoriker
Konfession: katholisch
Autor NDB: Schmaus, Michael
PND: 119161699

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Denifle, Heinrich

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