<< Andreae, Jakob
Andreae. >>
Andreae, Johann Valentin
* 17.8.1586 Herrenberg (Württemberg),
† 27.6.1654 Stuttgart.
Genealogie
| Leben
| Werke
| Literatur
| Portraits
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V Johann Andreae (1554–1601), lutherischer Theologe, seit 1591 Abt von Königsbronn;
M Maria (1550–1631),
T des Vogtes Valentin Moser in Herrenberg;
Gvv Ja
|cob Andreae (s. 1);
⚭ Poppenweiler 2.8.1614 Agnes Elisabeth Grüninger (1592–1659); 9
K.
Leben ↑
Andreae studierte in Tübingen, wurde 1603 Baccalaureus, 1605 Magister, verließ 1607 die Universität eines Exzesses wegen; ein Wanderleben führend kam er nach Straßburg, in die Schweiz, wo ihn die calvinistische Kirchenverfassung und Kirchenzucht in Genf beeindruckten, nach Frankreich, Österreich und Italien. 1614 wurde er Diakon in Vaihingen, 1620 Superintendent in Calw, 1634 verlor er bei der Plünderung der Stadt durch Johann von Werth Haus und Bibliothek, 1639 wurde er Hofprediger und Konsistorialrat in Stuttgart, 1641
Dr. theol., 1650 Generalsuperintendent und Abt von Bebenhausen, 1654 Abt von Adelberg. 1646 wurde er unter dem Namen „der Mürbe" in die Fruchtbringende Gesellschaft aufgenommen. - Andreae war eine unruhige Natur, die über das Wissen zum Leben drängte und die eigenen Erkenntnisse stets pädagogisch auszubauen strebte. Im Sinne Johann Arndts trat er für ein verinnerlichtes praktisches Christentum ein und suchte es im Rahmen eines wahrhaft christlichen Gesellschaftsverbandes zu verwirklichen. Das Ideal, das ihm in Erinnerung an die französische und vor allem die Genfer Kirchenzucht vorschwebte, war ein evangelischer christlicher Musterstaat, den er in der Arndt gewidmeten „Rei publicae Christianopolitanae descriptio“ (Straßburg 1619) und in „Christenburg, Das ist: Ein schön geistlich Gedicht“ (Freiburg 1626) nach dem Vorbild von Thomas Campanellas Sonnenstaat beschrieb. Die Gemeinschaff der Gesinnung, die hier vorausgesetzt ist, sollte in Bünden herangezogen werden. Andreae, der in dem
z. T. selbstbiographischen Faustdrama „Turbo" seine dichterische Ader zeigte, hatte diesem Gedanken wohl schon seit 1602 eine phantastische Einkleidung in der Gestalt des Christian Rosenkreutz, Gründers einer Bruderschaft zur Wiederherstellung des urchristlichen Ideals in Kirche und Gesellschaft im 14. Jahrhundert gegeben. Hinter Christian Rosenkreutz verbirgt sich wohl Andreae selbst, dessen Wappen ein Andreaskreuz, umgeben von vier Rosen, zeigt. Von den phantastischen Mißverständnissen, zu denen diese Mystifikation führte, rückte er selbst ab, indem er sie auf ihren Kern, den Aufruf zur Verwirklichung einer „fraternitas Christi“ (1617), einer „Christiana societas“ (1620) zur Pflege der Religion, Hebung der Sitten und Wiederherstellung der Liturgie zurückführte. Das Ideal einer christlichen Gesellschaft wird auch sonst in erbaulichen und satirischen Schriften der Zeit vorgehalten. Die Versuche zur Herstellung der Kirchenzucht stießen auf den Widerstand der weltlichen Verwaltung (Apap proditus, 1631); die württembergische Kirchenordnung, die
sog. Cynosura, ging auf ihn zurück.
Werke ↑
Weitere W Fama fraternitatis Roseae Crucis
od. d. Bruderschaft d. Ordens d. Rosenkreuzer, Kassel 1614
u. ö.; Confessio
od. Bekenntnis d. Societät u. Bruderschaft Rosenkreuz, ebenda 1615; Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz anno 1459, Straßburg 1616, neuhochdt.
v. W. Weber, 1942
(alle Rosenkreuzer-Schriften sind anonym erschienen); Die Christenburg, Allegor.-epische Dichtung …, Nach einer gleichzeitigen
Hs. hrsg. v. C. Grüneisen, 1836, u. in:
Ztschr. f.
hist. Theol. 6, 1836, S. 232-312; Turbo, sive moleste et frustra per cuncta divagans ingenium, ebenda 1616,
dt. v. W. Süß unter d. Titel: Irrender Ritter vom Geist, 1907; Invitatio fraternitatis Christi ad sacri amoris candidatos, ebenda 1617 bis 1618; Menippus sive dialogorum satyricorum centuria, inanitatum nostratium speculum, Straßburg 1617; Vita ab ipso conscripta cum icone (
Ms.), 1642,
hrsg. v. F. H. Rheinwald, 1849,
dt. v. D. E. Seybold, in: Selbstbiogrr. berühmter Männer II, Winterthur 1799; Theophilus sive de christiana religione sanctius colenda, vita temperantius instituenda et literatura rationabilius docenda concilium, Stuttgart 1649,
dt. v. V. F. Oehler, 1878;
s. a. M. Ph. Burk, Vollst.
Verz. aller in Druck gekommenen
lat. u.
dt. Schrr. d. J. V.
A., Tübingen 1793.
Literatur ↑
ADB I;
W. Hossbach, J. V.
A. u. sein Zeitalter, 1819;
C. Hüllemann, J. V.
A. als Pädagog,
Diss. Leipzig 1884, u. 2. T.,
Progr. Leipzig 1893;
J. Ph. Glöckler, J. V.
A., Ein Lebensbild …, 1886;
Goedeke II, 1886, S. 146, III, 1887, S. 29;
f. Brügel, J. V.
A., in: K.
A. Schmid,
Gesch. d. Erziehung III. 2, 1892, S. 147-88;
F. J. Schneider, Die Freimaurerei u. ihr Einfluß auf d. geistige Kultur, in:
Dtld. am Ende d. 18. Jh.s, Prag 1909;
R. Kienast, J. V.
A. u. d. vier echten Rosenkreuzer-
Schrr., 1926;
P. Joachimsen. J. V.
A. u. d.
ev. Utopie, in: Zeitwende 2, 1926, S. 485-503, 623-42;
F. Fritz, V.
A.s Wirken im Dienste d.
württ. Kirche, in:
Bll. f.
württ. Kirchengesch.,
NF 32, 1928, S. 37-126;
W. Moog,
Gesch. d. Pädagogik II, 1928, S. 247-53;
W.-E. Peuckert, Die Rosenkreutzer, 1928;
J. Keuler, J. V.
A. als Pädagoge,
Diss. Tübingen 1934;
Frels, 1934;
Ernst Müller, Stiftsköpfe,
schwäb. Ahnen d.
dt. Geistes aus d. Tübinger Stift, 1938;
G. Schwarz, Die ewige Spur, Dichterprofile eines
dt. Stammes. 1946;
F. Seebass, Christentum u.
dt. Geist, 1947, S. 7-17;
P. Schattermann, D. J. V.
A. u. seine Beziehungen zu Bayern, in: Festgabe f. K. Schornbaum, 1950, S. 101-11.
Portraits ↑
Kupf. v. unbek. Künstler (Veste Koburg);
v. W. Kilian. 1648;
v. Heyde (München,
Graph. Slg.).
Autor ↑
Otto SchottenloherLiteratur ↑
zum Gesamtartikel:
A. Dietz,
Gesch. d. Familie
A., Frankfurter Zweig, 1923;
K. Kiefer, Stammtafel
z. Gesch. d. Familie
A., 1923.
Empfohlene Zitierweise ↑
Schottenloher, Otto, „Andreae, Johann Valentin“,
in: Neue Deutsche Biographie
1
(1953), S.
277-278
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118502883.html
<< Andreä, Jakob
Andreä, Johann Gerhard Reinhard >>
Andreä, Johann Valentin
Leben
| Autor
| Literatur
| Zitierweise
Leben ↑
Andreä: Johann Valentin
A.
, lutherischer Theolog, geb. zu Herrenberg in Würtemberg 17. August 1586, † zu Stuttgart 27. Juni 1654. Sein Vater Johann
A.
, geb. 1554, war das siebente
der 18 Kinder des Kanzlers Jakob
A.
, und war seit 1591 bis zu seinem Tode im J. 1601 Abt
von Königsbronn; seiner Mutter, Maria Moser, geb. 1550, †
1632, hat der
Sohn, der sie mit der Monica vergleicht, 1633 eine eigene
Denkschrift gewidmet. Schon als Kind zart und reizbar, aber wegen
seines lebendigen Geistes überall gern gesehen (ingenio sagaci et festivo, sagt er selbst,
ut propinquis et amicis voluptati essem)
wurde er durch sehr verschiedene Menschen, wie durch zwei junge
Aerzte seines Vaters, für vielerlei Dinge früh interessirt, auch
für Mathematik, Mechanik, Malerei und Musik, daneben in den
Sprachen gut unterrichtet. Nach dem Tode des Vaters zog die Mutter
mit ihm und ihren 6 andern Kindern 1601 nach Tübingen, und hier
breitete er seine Studien sechs Jahre hindurch immer weiter aus;
Mästlin, der Lehrer Kepler's, wurde auch sein Lehrer in der
Mathematik; mit Heißhunger verschlang er alte und neue lateinische
Historiker, Dichter und Redner, welche ihm in Chr. Besold's
Bibliothek zugänglich waren, von neueren Erasmus, Frischlin,
Lipsius, Scaliger, Heinsius, de Thou u. a.; er theilte, wie er
sagt, seine Zeit so, daß er die Wissenschaften den Tag hindurch
und die Schriftsteller dergestalt in die Nacht hinein trieb, daß
Augenleiden und Schlaflosigkeit, er meint auch Schwächung seines
Gedächtnisses, davon die Folge waren. Daneben konnte er einen
ausgebreiteten Verkehr mit vielen und vielerlei Freunden nicht
entbehren, und wenn auch die alten Anhänger und Schüler seines
Großvaters es ihm an Stipendien nicht fehlen ließen, so mußte er
auch schon zur Unterstützung der Mutter Mitschüler unterrichten,
welche er, wenn auch nicht "disciplinarum
peritia, doch rerum cognitione" übertraf; 1603 wurde er
Baccalaureus und 1605 Magister; schon 1602 und 1603, also
sechzehnjährig, schrieb er zwei Komödien, "Esther" und "Hyazinth"
nach englischen Vorbildern, und um dieselbe Zeit auch schon die
erst 1616 gedruckte "chymische Hochzeit Christiani Rosencreuz anno 1459," ein abenteuerliches
Phantasiestück, welches Leser zum Aufsuchen tiefen Sinnes reizen
und, da dieser nicht dahinter war, wenn sie dennoch suchten,
dadurch verspotten sollte.
Schon hatte er auch seine theologischen Studien angefangen und
selbst mehrmals gepredigt: aber ein Exceß, in welchen er im J.
1607 mit österreichischen Commilitonen, "qui in
Veneres illius temporis petulantius luderent", mitverwickelt
wurde, und welchen er selbst nicht vertheidigen will, unterbrach
jetzt seine Laufbahn im Vaterlande. Er verlor seine Beneficien und
zunächst wol auch die Aussicht auf eine geistliche Anstellung, und
so hielt er für nöthig, für die nächste Zeit Würtemberg zu
verlassen. Dadurch verlängerten sich seine Lehrjahre noch bis 1614
um sieben andere, welche dadurch, daß sie unruhige
|Wanderjahre wurden, viel bildender für ihn wirkten, als
wenn er den Weg eines Tübinger Magisters in der gewöhnlichen Weise
in der Heimath weiter derfolgt hätte. Das war ja wol unmöglich,
daß der Enkel Jakob Andreä's jemals in der Lehre vom strengen
Lutherthum hätte abfallen können; aber was gerade einem solchen
vor andern an schwäbischer Selbstseligkeit hätte gefährlich werden
können, das wurde
A.
gründlich abgestreift durch die Welterfahrung und den
erweiterten Ueberblick, welche er durch diese Reisen gewann; und
durch das, was er an vielseitiger Bildung und an idealer Erhebung
über das kleinstädtische seiner nächsten Umgebung schon dazu
mitbrachte, vertiefte sich bei ihm noch die Unterscheidung, welche
nachher einen Grundzug seines ganzen Wesens ausmachen sollte,
zwischen der in den damaligen Zuständen kleiner lutherischer
Länder sehr unvollkommenen Wirklichkeit, welche ihn reizte, sie
satirisch oder reformatorisch zu beleuchten, und dem was er
vollkommneres und christlicheres und darum als Gottes Wille an
deren Stelle wünschte.
Auch als er von Straßburg, wohin er sich zunächst wegbegab,
noch einmal nach Tübingen zurück kam, wurde ihm auch unter der
neuen Regierung Johann Friedrichs 1608 wieder abgeschlagen, was
ihm unter der vorigen, Friedrichs und Enzlins, versagt war und was
er jetzt auch durch mehrere Schriften zu erreichen suchte, ein
geistliches Amt im Inlande, und so glaubte er nun das theologische
Studium aufgeben und eine andere Stellung suchen zu müssen. In
Lauingen, wo er einen Auftrag als Erzieher annahm, kam er wieder
in Gesellschaft solcher, deren Sitten den seinigen schaden
konnten; auch mit den Jesuiten in Dillingen machte er
Bekanntschaft. Dann wieder in Tübingen auf zwei Jahre
unterrichtete er zwei Brüder Truchseß, schrieb pädagogische
Schriften, lernte Laute und Zither spielen, verkehrte mit
Uhrmachern und anderen Handwerkern, ohne doch seine theologischen
Studien völlig aufzugeben, bei welchen ihn auch die Freunde seines
Vaters und Großvaters immer noch festhielten. Entscheidend aber
für sein ganzes Leben wirkte dann im J. 1610 ein Aufenthalt in der
Schweiz. In Genf, wo er einige Jahre nach Beza's Tode ankam, sah
er zum ersten Male, was ihm dem Lutheraner noch ganz neu war, die
Kirchenverfassung und Kirchenzucht Calvins und die daneben
bestehende fromme und strenge Sitte, und wurde ganz, davon
hingerissen, auch überrascht dadurch, daß die hervorragenden
Theologen dort für die deutschen Streitfragen wenig Interesse
hatten und ihm so freundlich entgegenkamen. "Wenn mich nicht religionis dissonantia. zurückgehalten hätte",
sagt er, "so hätte mich dort die consonantia
morum für immer gefesselt, und ich habe mich seitdem mit
jeder Anstrengung bemüht, etwas derart für unsere Kirchen zu
erreichen." Man sieht, was ihm hier durch das reformirte Ausland
hinzugebracht wurde zu seinem deutschen Lutherthum, dem es vor
lauter Scholastik und Polemik abhanden gekommen war, die
Aufforderung im wirklichen Leben der Gegenwart mit dem
Christenthum Ernst zu machen, das bestimmte seine besondere
Lebensausgabe; er sagt wörtlich in seiner vita:
"id omnium primum et unum me coxit, si qua ratione juvari res
christiana et morum innocentia doctrinae puritati conjungi
possit" und setzt hinzu, daß ihn dazu die reformirte Kirche
von Frankreich und vorzüglich die von Genf angetrieben hätte; er
sagte in der Vorrede zum Menippus: praeter
vitae doctrinaeqne cousensum, praesentis praeteritique junctam
odservationem nihil quicquam quaerimus; er nennt das in einem
Briefe an Jos. Schmidt in Straßburg "causam
Christi serio agi et doctrinae vitaeque Christianae connubium
insolubile servatum volo;" unter den lutherischen Theologen
meint er darin nur an Johann Arndt einen Vorgänger und ein Vorbild
zu haben. Auch in Frankreich also, wohin er weiter reiste, in
Lyon, in Paris wurde er darin bestärkt, gewann auch an Verständniß
der französischen Litteratur, woran Besold's Bibliothek reich war;
in Zürich und
|Basel auch an Bekanntschaft mit Werken
der Kunst. Wieder nach Tübingen zurückgekehrt, wurde er von
Hafenreffer zu theologischen Arbeiten herangezogen, aber durch
Besold auch schon im Italienischen geübt, wußte er noch eine Reise
durch Oesterreich nach Italien durchzusetzen und drang über
Venedig, dessen mancherlei Kunstfleiß ihn besonders anzog, noch
bis nach Rom vor. Hier aber scheint sich ihm noch vollends der
Unterschied zwischen dem, was sein sollte in der Kirche und dem
mancherlei als kirchlich Bestehenden aufgedrängt und auch dies ihn
ernster erregt und stärker zur Theologie zurückgerufen zu haben.
In Schwaben wurde er jetzt freundlicher wieder aufgenommen, selbst
vom Herzoge Johann Friedrich, der ihm freilich noch lieber ein
weltliches als ein geistliches Amt übertragen wollte; man schaffte
ihm im Stift einen Tisch mit den Repetenten; er arbeitete aus
Hafenreffer's Dogmatik eine kürzere "Summa
doctrinae christianae", welche 1614 erschien; schon früher
die Schrift "De Christiani Cosmoxeni
genitura", baneben "Collectanea
mathematica" 1614 erfuhr wol noch fort, allerlei sonstigen
Unterricht zu ertheilen, z. B. im Voltigiren, wie er es in Padua
gesehen, aber gerade in solchem Verkehr schloß er Freundschaften
für das ganze Leben, wie mit einem jungen Lüneburger v. Wense, der
ihn nachher mit Herzog August in Verbindung brachte. Endlich nach
so langem Harren und so vielseitiger Vorbereitung dazu erhielt er
sein erstes geistliches Amt; im Frühjahr 1614 wurde er als
Diaconus in Vaihingen angestellt und verheirathete sich noch in
demselben Jahre.
In den sechs Jahren, welche er hier bis 1620 zubrachte, Jahren
der Einkehr und des Flüchtens aus den Zerstreuungen in die
Gedankenwelt seiner Studien und seiner Ideale, gelangen ihm seine
meisten und besten Schriften. Die lateinischen unter diesen
übertreffen die deutschen weit durch die Fülle und Eleganz der
bilder- und antithesenreichen und doch so präcisen und sein
nüancirten Sprache; aber wie anziehend ist in beiden, ähnlich wie
unter den Zeitgenossen, etwa bei Schuppius oder ein Jahrhundert
später, bei Matth. Claudius, die Mischung der geistreichen
Heiterkeit, die sich in ihrem eigenen Ueberfluß spielend ergeht,
mit dem tiefen christlichen Ernst, welcher sich, als wäre er
schamhaft, hinter Scherz und Witz, Fabeln und Allegorien verbirgt
und diese als Vehikel für seine höheren Interessen verwendet!
Klein sind alle Schriften Andreä's, aber wer nur geben mag, was
voll Geist und Leben und künstlerisch in der Form ist, kann keine
Quartanten liefern. In das J. 1615 gehören seine "Kämpfe des
christlichen Hercules," eine ethische Schilderung der Gefahren und
Versuchungen, welche den Christen jederzeit bedrängen,
allegonsirend angeknüpft an die Gestalten der Ungeheuer, welche
der alte Heros eins nach dem andern zu überwinden hatte. In
dasselbe J. 1615 wird auch die erst 1836 wieder bekannt gewordene
"Christenburg" gehören, ein deutsches Lehrgedicht, die Geschicke
der Kirche und der Christen in der Welt als Geschichte einer
belagerten Stadt und ihrer Vertheidigungsmittel darstellend. Im J.
1616 richtete er in der Komödie "Turbo"
eine Satire gegen das ganze damalige gelehrte Treiben und eine
noch schärfere 1618 gegen verbreitete Fehler aller Stände in
seinem "Menippus inanitatum nostratium
speculum", hundert Dialogen in der anziehendsten Leichtigkeit
und Kürze seines Erasmischen Lateins geschrieben; ebenso 1619 in
seiner "Mythologia Christiana sive virtutum et
vitiorum vitae humanae imagines". "Peregrini errores" 1618
schildern das Sichverlieren des Menschen in der Welt, der "Civis christianus" 1619 dagegen seine Einkehr
und Rückkehr in sich selbst. Schon im J. 1617 erschien auch seine
"Invitatio fraternitatis Christi ad sacri
amoris candidatos", welche zu einer engeren Verbindung von
Freunden auffordert, die mit vereinten Kräften für Verwirklichung
eines christlicheren Lebens mit Rückkehr zum Einfachen und zur
Einkehr in sich selbst, mit Entlastung von Luxus und
|Zerstreuung, mit mehr Bruderliebe und mehr Gebet an
einander arbeiten sollen Aus dem J. 1619 ist dann die "Christianopolis", ideale Beschreibung eines
christlichen Musterstaats, auch mit Hinweisung auf Thomas Morus'
Utopia, Joh. Arndt zugeeignet, als das beste, was
A.
hat und nur von ihm hat, eine Colonie des Jerusalems,
welches Arndt der Welt gezeigt hat, detaillirter als die
Christenburg schildernd, wie es in einer Gottesstadt anders
aussehen und hergehen müsse als in der Gegenwart, deren Schäden
dadurch zugleich in 100 kleinen Abschnitten charakterisirt werden;
das schließt denn auch hier die Aufforderung ein, zum
Zusammentreten einer Gesellschaft, welche jenen Zielen näher
bringen will. Dieselbe Tendenz wird auch noch zwei kleinen
Schriften, der "Christianae societatis
idea" und "Christiani amoris dextera
porrecta", beide vom J. 1620 eigen gewesen sein. Daß
A.
auch schon an die Ausführung gedacht hatte, beweist
eine von seiner Hand noch vorhandene Liste von 24 Namen der
würdigsten Männer, welche dazu eingeladen werden sollten, Arndt,
Joh. Gerhard, J. Saubert u. a. Ebenso ist durch seine 1619
herausgegebene Schrift "Turris Babel sive
iudiciorum de fraternitate Rosaceae crucis chaos" außer
Zweifel, wie
A.
die Schriften von Andern beurtheilt wissen wollte,
durch welche im J. 1614 diese Bewegung angeregt war, die "Fama fraternitatis" des Ordens des
Rosenkreuzes und die "Confessio"
derselben, sammt der der erstern vorangeschickten aus Trajan
Boccalini übersetzten "Allgemeinen und General-Reformation der
ganzen weiten Welt". In der Turris Babel
nämlich, nachdem hier zuerst in 24 Dialogen alle bis 1619 über die
Rosenkreuzerei etwa vorgebrachten Ansichten und Vermuthungen
durchgesprochen sind, verkündigt die Fama
zuletzt, die Sache sei nun erschöpft und zu Ende, und der letzte
Beurtheiler, Resipiscenz genannt, erklärt sich ebenso wie
A.
selbst in der Zueignung, daß man also nun das
Zweifelhafte und Zweideutige an der Sache fallen lassen und sich
nur auf das dabei beschränken müsse, was allein sicher und was
dort auch mitempfohlen sei, nämlich daß man sich an Christus
halten und allein in dessen Gehorsam begeben müsse. Wäre nun
A.
selbst der Urheber der Fama
und der Confessio, also der ganzen
Mischung aus Wahrheit und Dichtung gewesen, welche er darin
anerkennt, so müßte man annehmen, daß er, was Fiction darin war,
die Geschichte vom Vater Rosenkreuz und seinen Geheimnissen, nur
als Vehikel hinzugethan habe zu größerer Ausbreitung dessen, um
was es ihm allein zu thun war, zur Empfehlung des Gedankens einer
engern Verbindung eifrigerer Christen und daß er erwartet habe,
die erdichtete Zuthat werde, nachdem sie ausgedient, von selbst in
ihrer Nichtigkeit erkannt werden. Aber da
A.
sich nicht nur niemals zu der Fama und der Confessio
bekannt, wol aber sie oft als verwerfliche ludibria bezeichnet hat, so ist doch noch
wahrscheinlicher, daß er in der ganzen Mystification, von deren
Entstehungsart etwa im Tübinger Stift er immerhin Mitwissenschaft
gehabt haben kann, bloß das, was er darin billigen konnte, die
Einladung zu einer christlichen Gesellschaft, von der Fiction
dabei unterschieden habe, aber nicht selbst der Urheber des Ganzen
gewesen sei.
Im J. 1620 wurde
A.
als Specialsuperintendent nach
Calw versetzt, und in
dem größern kirchlichen Wirkungskreise, welchen er hier erhielt,
konnte er besonders in den ersten ruhigeren Jahren bereits manches
unternehmen für Verwirklichung seiner Wünsche. Einen Verein, das
"Färbergestift", und reiche Mittel dafür brachte er zusammen zur
Unterstützung von Handwerkern und Studirenden, Armen und Kranken;
bei dem allem half "die Mutter der Stadt". Andreä's Mutter (Gust.
Schwab in Piper's Jahrbuch 1851, 220 ff.); auch für Kirchenzucht
und Kirchengesang und für mehr Zusammenwirken der Christlichen
seines Kreises that er was möglich war; in drei Dialogen
"Theophilus", welche er aber erst 1649 herausgab, faßte er damals
kurz nach Arndt's Tode seine
|besten Wünsche im Sinne
Arndt's zusammen. Die christliche Gesellschaft, wie er sie
ursprünglich gewollt, kam zwar wegen des Krieges nicht zu Stande,
aber wenigstens einen großen Kreis von Freunden und Anhängern
erweckten ihm seine Schriften in ganz Deutschland, am meisten
unter den gebildeten Laien, während ihm dieser Beifall Anfeindung
lutherischer Theologen zuzog, wie sie aus gleichen Gründen auch
schon Arndt hatte erfahren müssen. Schon fand aber auch sein Eifer
für Herstellung von Kirchenzucht bei weltlichen Beamten des
Inlandes Widerstand, und mit einer nicht gefahrlosen
Freimüthigkeit stritt er gegen deren zunehmendes Uebergewicht als
gegen eine schlimme Wirkung der Reformation; seine Schrift Apap proditus vom J. 1631 ist nicht, wie sie
oft mißverstanden ist, gegen den wirklichen Papst gerichtet,
sondern gegen den umgekehrten und verkehrten Papa, gegen den Cäsareopapatus und sicher auch
gegen das, was davon in Würtemberg bestand und noch im Zunehmen
war. Schwerer wurde Andreä's Lage in Calv in den letzten Jahren
seines Dortseins. Wie nach der Schlacht von Nördlingen 1634 durch
die siegreichen kaiserlichen Heere das ganze Land in eine Wüste
verwandelt wurde wie kaum ein anderes — statt einer halben Million
Einwohner zählte man 1641 nur noch 48,000 — so wurde die Stadt
Calv fast am schwersten getroffen; im September 1634 traf Johann
v. Werth auf schwedische Truppenmassen, die sich hier gesammelt
hatten, und bei diesem Zusammenstoß wurde die Stadt geplündert und
großentheils niedergebrannt. Auch Andreä's Haus verbrannte, darin
alle seine Habe, seine Bibliothek, seine Kunstsammlungen, seine
Dürer und Holbein; aber die noch größere Noth, welche ihn nun
umgab, ließ ihn die seinige vergessen; er wußte große Summen für
die Kranken und Verarmten herbeizuschaffen; er sammelte selbst für
den schwachen Herzog Eberhard III.,
welcher sich schon 1634 nach Straßburg aus dem Lande geflüchtet
und dieses dadurch vollends preisgegeben hatte, um seine
Aussöhnung mit dem Kaiser dadurch zu befördern. Seine Feder, sagt
er, ruhete in dieser Zeit der Noth; er betrachtete diese als eine
göttliche Strafe für die in Polemik ausgeartete Theologie und für
den Despotismus des Apap gegen die Kirche. Im J. 1638 wurde Calv
noch einmal verwüstet und diesmal auch
A.
zur Flucht genöthigt; schon suchten die Freunde in
Nürnberg, J. Saubert u. a., ihm dort eine Stätte zu bereiten, aber
er ließ sich von seinem Fürsten bewegen, auch ferner alles im
Vaterlande mit zu ertragen, und so glaubte im J. 1639 Herzog
Eberhard nichts besseres für die Herstellung seines Kirchenwesens
thun zu können, als daß er auf Melch. Nicolai's Rath
A.
in seine Nähe zog und ihn zu seinem Hofprediger und
Consistorialrathe machte.
Doch auch in diesem Amte, in welchem er von 1639 bis 1650 blieb
und in welches er ungern und voll Besorgniß eingetreten war, hatte
er mehr Schmerzen und Fehlschlagungen zu beklagen, als sich über
Erfolge für seine Ideale zu freuen. Wol war seine Thätigkeit
unermüdet; durch ihn kam die Cynosura zu
Stande, eine Kirchenordnung, welche über die Pflichten der
Geistlichen, Katechismuspredigten, Kirchenzucht in
reformatorischer Weise u. s. f. sehr specielle Vorschriften gab
und nachher öffentliche Geltung in Würtemberg erhielt; in den 10
Jahren in Stuttgart hielt
A.
über 1000 Predigten, darunter in fünf Jahren 205 blos
über den ersten Brief an die Korinther; es gelang ihm manches zur
Wiederherstellung und Erweiterung des Tübinger Stifts und des
Gymnasiums zu Stuttgart, er kämpfte gegen das, was ihm Simonie und
Kirchenraub schien, gegen Habsucht und Schwelgerei, und hatte sich
dabei der Zustimmung auswärtiger Freunde und Beschützer zu
erfreuen, wie ihm in der Nähe die Anhänglichkeit der drei
Schwestern des Herzogs, welche er die drei Grazien nennt, eine
besondere Erquickung war; Herzog August voll Braunschweig übernahm
auch die kosten seiner Promotion zum Doctor der Theologie im J.
1641. Aber sonst
|hatte er hier immer bitterer über
den Widerstand zu klagen, welcher ihm nicht vom Herzoge Eberhard
selbst, aber von den geistlichen und weltlichen Machthabern neben
ihm bei seinen Bemühungen zur endlichen Verwirklichung eines
christlichen Lebens und darum zur Herstellung einer Kirchenzucht
und der nöthigen Unabhängigkeit dafür von weltlichen Einflüssen
entgegengesetzt wurden er versichert wörtlich, in der ganzen Zeit
seiner Amtsführung in Stuttgart habe er durch seinen Einfluß eben
so wenig einen verdienten Mann in den Dienst der Kirche bringen,
als einen verbrecherischen durch Anzeige seiner Vergehen daraus
entfernen können (Vita 245). So bat er
denn schon 1646 den Herzog um seinen Abschied und erhielt auch
einige Erleichterung, Befreiung von den Sitzungen, wenn sein
Befinden es fordere; im J. 1650 aber wurde er in Stuttgart
entlassen und zum Abt von Bebenhausen ernannt.
Auch hier warteten seiner neue Lasten und Schmerzen, da er die
Generalsuperintendenz dort übernehmen mußte, und alte und neue
Gegner sich dabei gegen ihn als gegen einen Schwärmer erhoben.
Schon war es auch im Munde der ächten Lutheraner ein Vorwurf wie
Häresie, Calixtus beizustimmen, und mit diesem war
A.
allerdings durch den Herzog August in Verbindung und
wenn auch nicht in allen einzelnen Lehren, doch darin einig, daß
die Lehre allein es nicht thut und daß noch gewisser die heftige
Streittheologie vom Uebel ist;
A.
mußte sich wirklich auf eine Anklage deshalb beim
Consistorium in Stuttgart verantworten. Die Zöglinge, welche in
seinem Kloster aufwachsen, geben ihm wohl Hoffnungen für die
Zukunft, aber sonst sieht er diese immer schwärzer, ebenso wie die
Gegenwart; "durch die offenen Thore dieses eisernen Zeitalters
dringen drei Dämonen ein, Atheismus, Barbarei und Sklaverei"; die
lutherische Religion ist in der Lehre die reinste, in der Praxis
die beschmutzteste, "praeceptis non alia
rectior, usu distortior, institutis innocentior, delictis
culpatior" "Der Mürbe", den Namen wählte er selbst für sich
in der fruchtbringenden Gesellschaft, welche ihn 1646 aufgenommen
aber wenig befriedigt hatte, wurde immer muthloser. In dieser
kalten Luft seiner Heimath, so bezeichnet er es selbst, war Herzog
August von Braunschweig seine Sonne, wie er es schon seit 1640
gewesen war, er, den
A.
sich einst zum Haupte seiner christlichen Gesellschaft
gewünscht hatte, überhäufte ihn so freigebig mit Titeln und
Geschenken, mit hohem Gehalt, Bezahlen seiner Schulden und selbst
Zuschüssen zu seinen Wohlthätigkeitsanstalten in Würtemberg, daß
man damit und mit der Noth wie mit der Liebebedürftigkeit Andreä's
wol auch, was zu überschwänglich ist in den jahrelang jede Woche
fortgeführten Ausdrücken seiner Dankbarkeit und Verehrung gegen
seinen Wohlthäter und dessen Kinder, wird erklären und
entschuldigen dürfen. Noch im Sommer 1653 wollte ihn der Herzog,
der ihn niemals gesehen hatte, nach Wolfenbüttel zu sich holen
lassen, schickte ihm dazu eine Sänfte durch einen Kammerboten und
zwei Reiter und noch sechs Pferde mit drei Knechten dazu, aber
schon zu kränklich, wagte
A.
sich nicht mehr auf eine so weite Reise. Auch in
Würtemberg erhielt er 1654 noch die Erleichterung, daß er von
Bebenhausen auf die Prälatur von Adelberg versetzt wurde, und weil
dies Kloster verbrannt war, in Stuttgart in dem Hause wohnen
konnte, welches Herzog August ihm dort geschenkt und ausgestattet
hatte, und welches
A.
nach ihm sein Selenianum nannte; aber er konnte sich
an diesem refrigerium, wie er es im
Gegensatz gegen das purgatorium in
Bebenhausen nennt, nicht mehr lange erfreuen; fast sein letztes
Wort war ein Brief, welchen er an seinem Todestage an den Herzog
dictirte, aber nur noch mit zitternder Hand die zwei ersten
Buchstaben seines Namens selbst darunter zu setzen vermochte.
Literatur ↑
Jo. Val. Andreae vita ab ipso conscripta, ex
autographo primum ed F. H. Rheinwald, Berlin 1849, in
deutscher Uebers. mit Anm. schon früher
|herausg. von
Dav. Ch. Seybold. 1799. Ein Verzeichniß der Schriften Val.
Andreä's ist herausg. von M. PH. Burk, Tüb. 1793; handschriftliche
Nachträge dazu von Meusebach auf der k. Bibl. zu Berlin; ein
ziemlich vollst. Verzeichniß auch bei Adelung; ein von Andreä
selbst gegebenes steht in seiner Schrift Domus
Selenianae juventutis exemplum, Ulm 1654 S. 350 f. Die
Autographa seiner Briefe an Herzog August und dessen Antworten auf
der H. Bibl. zu Wolfenbüttel. Biographien von Petersen, Würtemb.
Rep. der Litt. 1782 St. 2 und von W. Hoßbach, Berl. 1819.
Biographische Skizzen von C. Gl. Sonntag in Andreä's Dichtungen
mit Vorr. v. Herder, Leipz. 1786 und von Herder selbst in dessen
zerstreuten Blättern Th. 5 (1793), von Tholuck in dessen
Lebenszeugen der luth. Kirche (Berl. 1859) S. 314—339 und in
Herzog's theol. Encykl. 19, 60 ff., von C. Grüneisen vor seiner
Ausg. von Andreä's Christenburg (Zeitschr. f. hist. Theol. 1836 S.
230 ff.) und in Piper's evang. Jahrb. f. 1851, S. 220—30; eine
Darstellung seiner Theologie in Gaß' Gesch. d. prot. Dogm. 2.
54—66. Mittheilungen aus Andreä's Briefen in Mosers patriot.
Archive Th. 6, S. 285—360 und in der Deutschen Zeitschrift für
chr. W. 1852, S. 260—354.
Autor ↑
Henke.
Empfohlene Zitierweise ↑
Henke, Ernst, „Andreä, Johann Valentin“,
in: Allgemeine Deutsche Biographie
1
(1875), S.
441-447 unter Andreä
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118502883.html?anchor=adb