<< Pino von Friedenthal, Felix Maria Freiherr
Pinsk, Johannes >>
Pinschewer, Julius
Filmproduzent,
* 15.9.1883 Hohensalza bei Posen,
† 16.4.1961 Bern. (jüdisch)
Genealogie
| Leben
| Werke
| Literatur
| Autor
| Zitierweise
Genealogie ↑
V N N., Gutsverw., Großhändler;
M N N.;
⚭ 1930 Charlotte Wohlgemuth (1902–81); 1
S Michael
|(
* 1934), 1
T Henriette Bonhöffer-
P. (
* 1931,
⚭ Thomas Bonhöffer,
* 1931).
Leben ↑
P. absolvierte das Humanistische Gymnasium, eine Lehre im Bankfach und das Studium der Staatswissenschaften, besonders der Nationalökonomie in Würzburg und Philosophie in Berlin. 1910 meldete er seine Idee der „lebenden Plakate“ zum Patent an, seit 1911 produzierte er in Berlin erste Werbefilme. „Die Suppe“ (1911), entstanden für Maggi-Würze, brachte den Filmtrick in den Werbefilm. In seinen zunächst 20-30 m kurzen Werbeproduktionen bemühte sich
P. durch die Verwendung interessanter Sujets und prägnanter Darsteller um die Vereinigung kaufmännischer und künstlerischer Erfordernisse. Im 1. Weltkrieg wurde
P. Sachverständiger für Werbung im Beirat der Deutschen Reichsbank und gründete zur Propagierung der Kriegsanleihen den „Vaterländischen Filmvertrieb“.
Seit 1920/21 produzierte
P. verstärkt neue Filmformen. Dabei unterstützten ihn namhafte Filmavantgardisten, etwa Walther Ruttmann und Lotte Reiniger, Karikatur- und Humorzeichner wie Hermann Abeking und Harry Jaeger, Spezialisten für Zeichen- und Legetrickfilme wie Hans Fischer(-Kösen) und Wolfgang Kaskeline sowie die Puppenspielerinnen Gerda und Hedwig Otto. Konzentriert auf fotografische Techniken, vor allem auf die Fotomontage, entstand 1925 in enger Kooperation mit dem Kameramann Guido Seeber „Film“, der Werbefilm zum Besuch der Großen Kino- und Photo-Ausstellung in Berlin. 1926 war
P.s Expansionshöhepunkt überschritten, seine patriarchalische Firmenführung galt als unmodern, die zwischenzeitliche Spezialisierung auf Filmlängen von 40-100 m hatte zur Verteuerung der Produktion geführt. Als erster erkannte
P. die Möglichkeiten des Tonfilms für die Filmwerbung mit dem knapp neunminütigen Tonwerbefilm „Die
chines. Nachtigall“ (1928/29). Nach einem altjüd. Sinngedicht entstand 1930 mit „Chad Gadjo, Ein Lämmchen“
P.s erster Film ohne Werbeabsicht und Auftrag.
1933 emigrierte
P. über England und Holland in die Schweiz, wo er 1934 in Bern das „Pinschewer Film-Atelier“ gründete. Sein Privat- und Firmenbesitz in Deutschland wurde „arisiert“. Unter schwierigen Arbeitsbedingungen produzierte
P., der nach der Rückgabe seines deutschen Passes erst 1948 Schweizer Staatsbürger wurde, fortan mit unterschiedlichem Erfolg. Ein Versuch, über den Agenten Paul Kohner in Hollywood Interesse für seine farbigen Tricktonfilme zu wecken. scheiterte. Neben Produktionen für Schweizer Behörden entstanden kurze Werbefilme für die Schweizer Landesausstellung 1939 sowie für die Durchsetzung des Rundfunks. Nach dem 2. Weltkrieg gelang
P. über eine Londoner Filiale die Produktion des Films „King Coal“ (1948) für das
engl. National Coal Board sowie
u. a. Kurzfilme für das
brit. Sparprogramm und das Rote Kreuz. Seine internationale Reputation verstärkte sich (
u. a. nach d. Ankaufseiner Filme durch d.
Mus. of Modern Art, New York), während sein Betrieb zunehmend die ökonomische Basis verlor. Auf neue Formen des Werbefilms vermochte sich
P. nicht mehr einzustellen. Nach seinem Tod in Armut erlosch seine Firma 1963. Von seinen etwa 700 Filmen liegen heute etwa 200 Titel in einer Video-Edition vor.
Werke ↑
Weitere Filme Die Flasche, 1912;
Ein Wort Hindenburgs
üb. d. Kriegsanleihe, 1916;
Dt. Helden, 1916/17;
Aegir, Ein Film-Festspiel, 1918;
Die neue Salome, 1921;
Marionetten, 1921/22;
Vom König, d. gern Klöße aß, 1922;
Das Wunder, Ein Film in Farben, 1922;
Eine staubige
Gesch., 1924;
Dresden ist d. Ursprungsstätte d. bekannten Chlorodont-Zahnpaste, 1925;
Die Handelsstadt Kiel, 1925;
Spiel d. Wellen, 1926;
Dort, wo d. Rhein. …, 1927;
Küchen-Rebellen, 1928;
Grünberg in Schlesien, Die Weinbau-Oase im
östl. Dtld., 1929;
Kirmes in Hollywood, Ein Puppenspiel, 1930;
Was koche ich heute?, Ein schmackhafter Tonfilm mit Käte Haack, 1932;
Schweizer „Sinfonie“, 1939;
Cent ans de Chemins de fer Suisses, 1947;
Willie Does His Stuff, 1949;
Fondue, 1951/52;
Ein Schweizer Bauernkünstler, Jean-Jacques Hauswirth 1808-1871, 1952;
50 J. Pinschewer-Film (1910–60), 1960.
Literatur ↑
Ein Pinschewer-Trickfilm. e. guter Schweizer Trickfilm, in;
Schweizer Radio-
Ztg., 15.-21.10.1941;
-ör-, Der Vater d. Werbetrickfilmes, in: Der Bund, Bern, 12.7.1950;
F. Kempe, Er warb – indem er amüsierte, Der Werbespot d. Fernsehens geht auf J.
P.s Werbefilm zurück, in: Die Zeit
v. 23.10.1964;
ders.,
Dok. z. Gesch. d. Werbefilms, 1962;
B. Edera,
Hist. du Cinéma suisse d'animation, in: Travelling,
Nr. 51/52, 1978;
F. Buache,
ebd.,
Nr. 55, 1979;
M. Horn (
Hg.), The World
Enc. of Cartoons, 1980;
I. Westbrock, Der Werbefilm, 1983;
R. Cosandey, J.
P. (1883-1961), Pionnier du cinéma d'animation européen, Eléments pour une filmographie. in:
ders., Langages et imaginaire dans le cinéma suisse d'animation, Groupement suisse du film d'animation, 1988;
ders., J.
P., Cinquante ans de cinéma d'animation, Essai de filmographie, Festival Internat, du Cinéma d'Animation Annecy 1989;
ders., in: Positif,
Nr. 346,
Dez. 1989;
G. Agde, „Die hiesige Technik ist eine ganz andere“, Paul Kohner u. d. Werbefilm, in: FilmExil,
Nr. 1, 1992;
ders., Flimmernde Versprechen,
Gesch. d.
dt. Werbefilms im Kino seit 1897, 1998;
J. Goergen, J. P, Künstler u. Kaufmann, Pionier d. Werbefilms, in: epd Film,
Nr. 3, März 1992;
ders., in:
CineGraph,
Lfg. 25
v. 15.4.1995
(W-Verz.);
A. Amsler, „Wer d. Werbefilm verfällt,
|ist verloren für d. Welt“, Das Werk
v. J.
P. 1883-1961, Texte u. Tabellen, 1997
(W-Verz., P).
Autor ↑
Rolf AurichEmpfohlene Zitierweise ↑
Aurich, Rolf, „Pinschewer, Julius“,
in: Neue Deutsche Biographie
20
(2001), S.
456-458
[Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd119438666.html